• Tove Ditlevsen: Kindheit /Kopenhagen-Trilogie), Aufbau

    „Wenn mich die hellen Wogen von Wörtern durchströmten, wusste ich , dass meine Mutter mir nichts mehr anhaben konnte, denn in diesem Moment hörte sie auf, für mich von Bedeutung zu sein. Meine Mutter wusste es auch, und ihre Augen wurden von einer kalten Feindseligkeit erfüllt...“ Das Mädchen Tove erzählt von ihrer Kindheit in den 20er Jahren in einem Kopenhagener Arbeiterviertel, Zwei-Zimmer-Wohnung im Hinterhaus. Der Vater ist Heizer, ein stolzer Mann mit politischen Überzeugungen, die Mutter eine unnahbare, unberechenbare Frau, von der Tove oft meint, sie sei gar nicht ihre Mutter, könne es gar nicht sein, man habe sie wohl als Säugling vertauscht. So fremd ist ihr diese Frau.

    Die Kopenhagen-Trilogie („Kindheit“, „Jugend“, „Abhängigkeit“) der dänischen Schriftstellerin Tove Ditlevsen (1917-1976), liegt jetzt erstmals vollständig übersetzt vor und erscheint derzeit in 16 Ländern. Ditlevsen gilt als eine der großen literarischen Stimmen Dänemarks, ihre Bücher haben Generationen von Frauen geprägt, ihre Leserinnen liebten sie für ihre Offenheit, ihren Mut und für die Leidenschaft, mit der sie ihr Leben lebte. Sie war ihrer Zeit weit voraus.

    „Kindheit“ , der erste Band der Trilogie, entstand 1967, ein autofiktionales Erinnerungsbuch, geschaffen – wie die Schriftstellerin es nannte – aus ihrer reichen „Seelenbibliothek“.
    Tove ist sieben, als sie ihrem Vater sagt: „Ich will Dichter werden“. Vom Vater bekommt sie als Kind ihre Bücher. „Zum fünften Geburtstag schenkte er mir eine wunderschöne Ausgabe von Grimms Märchen, ohne die meine Kindheit traurig, grau und armselig gewesen wäre.“
    Doch die Antwort des Vaters, die ihrem Bekenntnis folgt, ist vernichtend: „Ein Mädchen kann nicht Dichter werden.“

    Tove spricht seitdem nicht mehr über ihren Traum, sie stellt sich sogar ein wenig dumm, obwohl sie schon vor ihrer Einschulung lesen und schreiben kann. Die Bibliothek wird zum zweiten Zuhause, die ersten eigenen Gedichte versteckt sie in ihrem Poesiealbum. Die Wörter, der Schatz der Sprache, kommt aus ihrem Inneren, drängt hervor. “Ich hatte das Gefühl, meine Gedichte würden die wunden Stellen meiner Kindheit überziehen wie die feine neue Haut, die sich unter Schorf bildet, ehe er ganz abfällt...“ manchmal träumt sie davon, „einen geheimnisvollen Menschen zu treffen, der mir zuhört und mich versteht. Ich weiß aus Büchern, dass es solche Menschen gibt, aber kein einziger davon lebt in der Straße meiner Kindheit.“
    Tove ist begabt, die Lehrer empfehlen sie fürs Gymnasium. Doch stattdessen redet die Mutter von einer Stelle als Haushaltshilfe. Nach der Konfirmation soll für Tove dieses neue Leben beginnen. Unvorstellbar für sie, Tove weiß: „ich muss schreiben, ich will Schriftstellerin werden.“ Die Zukunft erscheint ihr als „ein monströser, übermächtiger Koloss, der bald auf mich herabstürzen und mich zertrümmern wird.“ So beginnt Toves „Jugend“, der zweite Band der Trilogie. Darin beschreibt sie ihre Suche nach einem Weg, einen Zugang zu finden, zu „jener Welt, die von Gedichten bewegt wird“.
    All das schildert sie knapp und klar, oft sehr poetisch, manchmal aber auch brutal.

    Tove Ditlevsen schreibt ihre Trilogie aus der Erinnerung, als sie bereits 50 ist und sich ihr Kindheits-Wunsch längst erfüllt hat. Sie ist eine anerkannte, eine beliebte Schriftstellerin geworden. Sie hat zu diesem Zeitpunkt mehrere Ehen hinter sich, kämpft mit Drogensucht („Abhängigkeit“ heißt ihr 3. Band) und Depressionen. Beim Schreiben beutet sie sich rücksichtslos und hemmungslos aus: literarisch beeindruckend und mit einem durchdringenden Blick auf das Verhältnis zwischen Männern und Frauen. Als Tove Ditlevsen 1976 ihr Leben beendet – in ihrer letzten, auch autofiktionalen Geschichte „Wilhelms Zimmer“, hat sie ihren Selbstmord bereits vorweg genommen und angekündigt– folgen dem Trauerzug durch Kopenhagen tausende Menschen, vor allem Frauen: Abschied von einer der radikalsten Schriftstellerinnen Dänemarks.

    Wir können Tove Ditlefsen neu entdecken. Ursel Allenstein, die Übersetzerin ihrer Trilogie, beschließt ihr Nachwort mit dem Satz: „ Die Leidenschaft, mit der Tove Ditlevsen ihr Leben lebte und über es schrieb, bleibt jenseits aller literarischen Trends und Strömungen faszinierend und zeitlos“. Das Feuilleton spricht von „Meisterwerk“ (The Guardian) Und die Süddeutsche Zeitung befindet: „Tove Ditlevsens Kopenhagen-Trilogie ist eines der großen literarischen Ereignisse des Jahres".


  • Minka Pradelski: Es wird wieder Tag, Frankfurter Verlagsanstalt

    „Er sieht aus, als hätte er die Welt schon einmal gesehen“ , sagt der Arzt und betrachtet nachdenklich das Neugeborene. Ein kleiner Junge, der den Namen „Bärel“ tragen wird. Bärel hat tatsächlich einen allwissenden Blick auf die Welt und ist seiner Baby-Zeit immer um Längen voraus. Als Einjähriger versteht und spricht er polnisch, deutsch, jiddisch – und muss acht geben, dass seine Eltern Klara und Leon Bromberger nicht entdecken, dass er viel mehr ist als ein altkluges, bestens entwickeltes Baby. Bärel weiß bereits: „ In Deutschland gibt es Arbeit für mich zu Genüge. Ich muss Mutter beschützen und auf Vater achten. Euer Sohn ist ganz nahe bei Euch...“

    Minka Pradelski beginnt ihren Roman aus der Ezählperspektive eines Kindes, das wissend wie ein Erwachsener redet und frech und arrogant die Menschen um es herum betrachtet und bewertet. Als zweite Ich-Stimme im Roman redet Klara, Bärels Mutter, eine junge Jüdin, die den Holocaust nur knapp überlebt hat. Sie erzählt ihre Geschichte: ihr monatelanges Untertauchen in der polnischen Heimat, ihre Enttarnung, ihr Überleben im Zwangsarbeiterlager und wie sie nach Kriegsende in einem DP-Camp* auf Leon trifft. Auch er ist dem Grauen entkommen und nun dabei, mit Schmuggel die Basis für zukünftiges Wohlergehen zu schaffen. Leon ist die dritte Erzählstimme, die den Roman voran treibt. Pradelskis Schilderungen sind fiktiv, aber realistisch.

    Sehr bewußt hat die Autorin, die 1947 im DP-Camp Zeilsheim als Tochter überlebender jüdischer Eltern geboren wurde, diese Erzählform aus drei Perspektiven gewählt. Ihr ging es auch um etwas, das sie als große seelische Not erlebt hat: um das Unvermögen jüdischer Überlebender, ihren Kindern, ihrem Ehepartner, ihrer Familie von der Verfolgung und der geplanten Auslöschung des jüdischen Volkes und ihrem persönlichen Schicksal zu erzählen. Die Soziologin Pradelski arbeitete unter anderem im Sigmund-Freud-Institut an dem Projekt „Nachwirkungen massiver Traumatisierungen bei jüdischen Überlebenden der NS-Zeit.“ Dieses Unvermögen, über das erlebte Grauen zu sprechen, trifft im Roman auch Klara und Leon, die im Land der Täter den Neuanfang gewagt haben. Erst ein Schockerlebnis bringt Klara dazu, ihre Geschichte aufzuschreiben. Auf einem Spaziergang durch den Park begegnet sie ihrer ehemaligen KZ-Aufseherin, ihrer Peinigerin, die die Frauen im Lager damals „Liliput“ nannten. Liliput, eine zierliche Person, die eiskalt und grausam agierte. Klara hat sie im Park auch an ihren Stiefeln erkannt. Die Tochter eines Schuhmachers hat dafür einen geübten Blick. „Schau nicht hin!“, herrscht sie Bärel, der im Sportwagen sitzt, in einem ungewohnt scharfen Ton an. Da ist sie, die Teufelin!“

    Klara wird nach dieser Begegnung depressiv, vernachlässigt sich und den kleinen Bärel, will auch ihrem Mann von den furchtbaren Erlebnissen, die sie wieder verfolgen, nichts erzählen. Leon bedrängt sie, das Böse aufzuschreiben, um es aus ihrem Leben zu bannen: “Schreibe Klara, schreibe. Fessele das Böse mit deinen Worten!„
    Klara nimmt Bärel auf den Schoss und küsst ihn. Ab diesem Tag wird sie nachts am Küchentisch sitzen und ihre Geschichte aufschreiben, den Kleinen neben sich . „Ich schreibe für dich...mein Kind...“

    Aus Klaras und Leons Geschichte erfährt man auch sehr viel über die Jahre 1946/1947, die Nach-Holocaust-Zeit in Deutschland – die gebrochenen Lebensläufe, die auch die Erinnerungen von Zeitzeugen bergen, sind eingebettet in ein wichtiges Kapitel deutscher Geschichte. Minka Pradelski bleibt nah bei ihrer eigenen Geschichte und der ihrer Familie, sie hat sich ihr ganzes Leben mit diesem Thema auseinandergesetzt. So fließt all ihr Wissen in diesen vielschichtigen, tragischen und berührenden Roman, der tiefe Wunden aufzeichnet, menschliche Abgründe entlarvt, aber auch hilfreiche Gesten und Begebenheiten schildert.







    * Jüdische, heimatlose Überlebende warteten nach dem Krieg in DP-Lagern, die von den Amerikanern für „displaced persons“ eingerichtet worden waren, bis sie aus Deutschland Richtung USA oder Palästina oder in eine neue Heimat ihrer Wahl ausreisen konnten.

  • Arno Camenisch: Goldene Jahre, Engeler

    „Da geht einem grad das Herz auf, wenn wir am Morgen die gelbe Leuchtreklame einschalten...denn da geht auch das Leben im Dorf an...“ Margrit und Rosa-Maria führen gemeinsam seit 51 Jahren einen Kisok mit Zapfsäule in einem Dorf in Graubünden. Seitdem die „Umfahrung“ da ist, die Umgehungsstraße, kommen nur noch Stammgäste vorbei zum Tanken, aber früher, da waren sie und ihr Kiosk, die Zapfsäule und die prächtige Leuchtreklame auf dem Dach der Mittelpunkt, der Nabel des Dorfes, ach was, der ganzen vorbeifahrenden Welt. Was haben die beiden nicht alles gesehen und erlebt!

    Arno Camenisch, der empathische Schweizer Chronist vergehender Welten, setzt in seinem neuen Buch den beiden alten Damen und ihrem Kiosk mit Zapfsäule ein Denkmal. So wie er in „Der letzte Schnee“ (siehe auch Besprechung auf www.marthasbuecher.de unter der Rubrik „Deutsches Haus“) die beiden alten Männer Georg und Paul und ihren ratternden Schlepplift unsterblich gemacht hat. So wie er überhaupt seit über zehn Jahren in elf Büchern über das schreibt, was langsam verschwindet. Und das in seinem typischen Stil, voller Wärme und Humor und Menschenfreundlichkeit. Typisch ist auch seine Sprache, ein Gemisch aus Hochdeutsch und Dialekt und Neuschöpfungen, garniert mit „li“- Endungen. Das liest sich so liebenswert, anrührend, weich und glatt.

    „Eine Epoche haben wir geprägt, mit unserem Kiosk mit Leuchtreklame“, sagt die Margrit und holt das Spray und einen Lumpen, um wie jeden Morgen die Glasscheibe des Kiosk zu putzen, der Korb mit den Zückerli wird noch gerichtet, dann stehen die beiden an der Zapfsäule, die bei Gebrauch schon ein wenig quietscht. Auch frischer Kaffee für die Kunden ist bereits gekocht. „Der Service ist top bei uns“, sagt die Margrit und fügt noch ein „sodali“ an.
    Keiner will heute bei ihnen tanken, also haben die beiden Zeit für ihre schönen Erinnerungen und Geschichten, den nostalgischen Blick zurück. Als in der 70er Jahren die Tour de Suisse vorbeirauschte und die beiden mit feinen Schuhe und rotem Lippenstift vor ihrem Kiosk standen, zusammen mit dem ganzen Dorf, das sogar Fahnen und Trompeten aufgefahren hatte. Heute „fliegen“ Frauen mit grauen Dauerwellen auf ihren Elektro-Bikes am Kiosk vorbei. Sie reden auch darüber, dass die Winter so zahm und Schnee eine seltene Sache geworden ist und die dicken, warm gefütterten Schuhe nicht mehr gebraucht werden. In den Neunzigern war es noch eisig kalt, „von November bis Ende März war das Dorf weiß gekleidet, wir standen vor dem eingeschneiten Kiosk mit Fellmützen wie zwei Bisonjägerinnen in Alaska... was für ein schönes Bild.“
    Unvergessen ist auch ihr Ausgang in ein feines Hotel mit köstlichem Essen und Champagner. Rosa-Maria trug eine hellblaue Federboa... Nur einmal in all den Jahren, sind die beiden Frauen auf eine Betrügerin reingefallen. Auf eine schick und teuer gekleidete Frau mit Handschuhen bis zu den Ellbogen. Erst am nächsten Tag auf der Bank war klar, dass der große Schein, mit dem sie bezahlt hatte, Falschgeld war. Seitdem machen sie Arbeitsteilung im Kiosk. Die eine handelt, die andere beobachtet...

    „Wenn man so in seinem Kiosk steht, bekommt man eigentlich alles mit...Weißt du noch, 89 war das“, sagt die Rosa-Maria, „wie sie die Mauer abgerissen haben, in „Tütschland“, nur ein paar Tage später fuhr einer dieser Trabbis hier vor, ein weisser war das...“
    Wunderbare Geschichten sind das, die sich die beiden Freundinnen erzählen, als Camenisch-Fan kann man nicht genug davon lesen. Leider sind wir schon auf der letzten Seite angekommen. Und auch die endet sehr schön: Ein Auto fährt vorbei. Die Reklame auf dem Kiosk leuchtet. Und die Margrit sagt: „Es warten noch viele Abenteuer auf uns“...