• John Ironmonger: Der Wal und das Ende der Welt, S. Fischer

    Joe ist Analyst und Banker. Er hat das Programm „Cassie“ entwickelt, das seiner Bank durch die Verknüpfung politisch-ökonomischer und hochkomplexer Vorgänge weltweit Entwicklungen voraussagt. „Cassie“, die neue Kassandra, bringt der Londnoner Bank beste Erträge. Bis das Programm eine tödliche asiatische Grippe ankündigt und nur noch rote Zahlenreihen liefert. Joe verlässt, von Panik getrieben, seinen hochdotierten Arbeitsplatz, steigt in sein Auto und fährt Richtung Cornwall, er landet in einem idyllischen 308-Einwohner-Dorf an der Küste.
    „Jede Gesellschaft ist nur drei volle Mahlzeiten von der Anarchie entfernt“, hat sein Chef immer wieder zitiert. Daran denkt Joe, als er am Strand seine Kleider ablegt und ins Meer geht. Ist sein Programm “Cassie“ schuld, dass nun bald das Ende der Zivilisation bevor steht?
    Bewohner des kleinen Fischerdorfes finden Joe später wie tot am Strand liegen. Ein mächtiger Finnwal schwimmt am Meereshorizont davon... So beginnt Joes Geschichte in St. Piran, er wird beim pensioniertenTierarzt versorgt und untergebracht. Seine erste gute Tat besteht darin, dass er den Wal, der mal wieder viel zu nah an der Küste herum schwimmt und in St. Piran strandet, mit hundertfacher Hilfe seiner neuen Nachbarn zurück ins offene Meer schleppt. Die zweite gute Tat sorgt für die Menschen in St. Piran. „Cassie“ hat das Krisenszenario vorgezeichnet: Millionen Grippetote, Versorgungsengpässe, Stromausfälle, Ölknappheit, Hungersnöte. Joe setzt seine Ersparnisse ein und kauft Vorräte. Tausende Kartons mit Bohnen, Reis, Nudeln... lagern in der alten Kirche. Die Straße, die in St. Piran endet, wird hinter einem Wall versteckt. Der Ort macht sich unsichtbar, und in St. Piran halten die Menschen zusammen. Ein großartiges Beispiel für Solidarität, Hilfsbereitschaft, Humanität. So ist die Welt noch lange nicht verloren. Und der Wal? Der englische Autor John Ironmonger macht den Wal, dem Joe dreimal begegnet, zum Symbol der Menschlichkeit und zum Sinnbild der Gemeinschaft. Auf dem Höhepuntk der Geschichte liefert sein Leichnam sogar das Fleisch für ein Festmahl.
    Das ist schon fast zuviel des Guten, wirkt ein wenig verkitscht. Ein paar Stunden später geht auch wieder das Licht an im Dorf, die Krise ist überwunden, viele Dorfbewohner weinen. Aber dennoch: Diese apokalyptische Geschichte ist so wohltuend, tröstlich und seelenvoll. Man mag es sich so gerne vorstellen, dass Menschen in Krisenzeiten zusammen halten und sich gegenseitig helfen. 464 stärkende Seiten und eine hoffnungsvolle Botschaft: voller Glauben an das Gute im Menschen.
    Zweifeln können wir immer noch. Später.

  • Elif Shafak: Unerhörte Stimmen, Kein& Aber

    Elif Shafak, preisgekrönte türkische Autorin von 17 Büchern – sie schreibt auf türkisch und englisch – hat sich immer engagiert: für Gleichberechtigung und freiheitliche Werte. Zunächst in der Türkei, später in ganz Europa. Elif Shafak lebt seit zehn Jahren in London.
    In ihrem neuen Roman erzählt sie von Istanbul („eine betörende alte Stadt“) aus der Zeit um 1967 und von Leila und ihren Freunden. Es sind fiktive Figuren, aber „durch reale Menschen inspiriert, die ich in Istanbul kennen gelernt habe.“ Shafaks Blick gilt den Minderheiten, den Außenseitern, den Unerhörten, Unangepasssten, den Getriebenen – und der Roman liest sich wie ein Nachruf. Einer der aufrütteln soll. Zumal wir die Hauptfigur Leila auf den ersten Buchseiten bereits als Tote kennen lernen, ermordet von zwei kaltblütigen Männern. In Rückblenden erinnert sich Leila an ihr Leben. In den letzten acht Sekunden, bevor sie in ihrem goldfarbenen Kleid und lila High Heels stirbt, an selbstgebackene Erdbeertorte...“. Kurz auch sieht sie ihren Ehemann D/Ali und ihre dreistöckige Hochzeitstorte.
    Shafak ist eine große Geschichtenerzählerin („Ich nehme die Welt durch Geschichten wahr“), und ihre Hauptfigur Leila hat eine Geschichte, die gefangen nimmt. Als Leyla, Afifi, Kamile, die „Tugendhafte“, die „Rühmenswerte“ wurde sie geboren, sehnlichst erwartet von ihrer Mutter Binnaz und ihrem Vater Harun. Ihr Verhängnis beginnt in der Familie: Der Vater entscheidet, dass seine erste Frau Suzan das kleine Mädchen betreut; Binnaz, ihre Mutter, die Zweit-Frau, wird zu Leylas Tante. Später wird der Bruder des Vaters das heranwachsende Mädchen missbrauchen. Um die Schande zu vertuschen, soll Leyla den Cousin heiraten. Sie flieht aus ihrem Elternhaus nach Istanbul. Irgendwie werde sie in der Stadt schon zurecht kommen, glaubt sie. Stattdessen erfährt sie: „Istanbul war keine Stadt der Chancen, sondern der Narben. Es ging sofort und rapide bergab.“ Leila landet in Istanbul in der Straße der Bordelle, „Tequila Leila“ wird sie an ihrem Arbeitsplatz genannt. Als sie in ein Luxushotel gerufen wird – ihr Auftraggeber besteht auf einem goldfarbenen Pailletttenkleid – ist sie dem Tod schon nah. Ihre Haut wird sich bald grau färben... Aber sie ist sich sicher, ihre Freunde werden sich um sie kümmern: Jamila, Nalan, Zaynab 122, Humeyra und Sabotage-Sinan – eine kleinwüchsige Wahrsagerin, eine Nachtklubsängerin, eine Transsexuelle... Sinan, der treue Freund aus Kinderzeiten, wird sein Doppelleben opfern müssen. Elif Shafak ist sicher: Freundschaft und Zusammenstehen machen stark und halten ewig - auch über den Tod hinaus. Die Freunde werden für ein würdevolles Begräbnis sorgen und Rosen auf ihr Grab legen. Auf keinen Fall soll Leila auf dem Friedhof der Geächteten verscharrt werden.

  • Mechtild Borrmann: Grenzgänger, Droemer

    „Wenn nicht ein Wunder geschieht, werden sie Henni verurteilen“, sagt Elsa, die mit Henni in dem kleinen Eifeldorf Velda an der deutsch-belgischen Grenze aufgewachsen ist. Elsa sitzt an jedem Verhandlungstag im Gerichtssaal in Aachen. Auch sie versteht nicht, warum Henni zu den Vorwürfen, die gegen sie erhoben sind, schweigt. Sie soll Schwester Angelika vor den Zug gestoßen und ihr Elternhaus angezündet haben. Ihr Vater ist im Haus verbrannt. Zweifacher Mord lautet die Anklage. ..

    Mechtild Borrmann, vielfach ausgezeichnete Autorin, hat sich für ihren neuen Roman ein düsteres Kapitel deutscher Nachkriegsgeschichte ausgesucht.
    Es geht um die Männer, die versehrt an Körper und Seele aus dem Krieg zurück gekommen sind und für ein normales Leben oder gar Zusammenleben mit der Familie nicht mehr taugen. So wie Hennis Vater, einst ein geschickter Uhrmachermeister und sorgender Familienvater. 1945 ist Herbert Schöning ein „Kriegszitterer“, kann nicht mehr arbeiten, ist unfähig, Verantwortung zu übernehmen. Er war immer schon gottesfürchtig, aber nun wird zu er zum religiösen Eiferer. Nur in der Kirche findet er Ruhe.
    Als Hennis Mutter 1947 stirbt, sorgt die älteste Tochter für die drei jüngeren Geschwister, verhindert, dass der Vater Matthias, Fried und Johanna in ein katholisches Kinderheim gibt. Im Dorf wird in der Nachkriegszeit geschmuggelt. Kaffee aus Belgien. Henni schließt sich an, um die Familie durchzubringen. Sie kennt sich aus im Hohen Venn, einem gefährlichen Moorgebiet. Als sie in eine Patrouille gerät, geschieht ein Unglück, das alles verändert. Henni kommt in eine sogenannte Besserungsanstalt; die beiden Brüder in ein christliches Kinderheim.
    Und damit wird ein weiteres düsteres, beklemmendes Kapitel aufgeschlagen. Es geht um die katastrophalen Zustände und Erziehungsmethoden in einigen (oder vielen? ) Kinderheimen nach Kriegsende. Die katholischen Schwestern in Borrmanns Roman kennen kein Erbarmen. Menschlichkeit, Nächstenliebe, Einfühlsamkeit, Zuwendung – keine Spur davon. Ihr Erziehungskonzept ist seelische Grausamkeit und körperliche Mißhandlung, um die angeblich „Verderbten“ auf Linie zu bringen. Hennis Bruder Matthias überlebt das Heim nicht.

    Borrmann erzählt ihren bewegenden, eindringlichen Roman auf zwei Zeitebenen – ab 1945 und um 1970, zur Zeit der Prozesse – und sie verbindet drei Erzählstränge, ein dramaturgisch geschickter Wechsel. Und bei den beiden Prozessen, die sie schildert, geht es dann um ein weiteres empörendes Kapitel aus dieser Zeit. Um die Ignoranz und Arroganz von Richtern und Staatsanwälten.
    Henni hatte es durchgesetzt, dass die Umstände, die zum Tode ihres Bruders Matthias im Heim führten, untersucht werden. Der Richter entscheidet, dass eine Klage gegen das Kinderheim nicht gerechtfertigt sei. Mit einer kirchlichen Einrichtung will man sich nicht anlegen.
    Voller Verzweiflung und Zorn hatte Henni nach dem Urteil ihren Vater und Schwester Angelika, angeschrien: „ Glaubt nicht, dass ihr so leicht davon kommt. Ihr werdet eure gerechte Strafe bekommen.“ Unmittelbar danach sind beide tot. Henni wird sofort verdächtigt, nun steht sie vor dem Richter. Es sieht nicht gut aus für sie.
    In diesem Schlusskapitel geht es um die Wahrheit, um Gerechtigkeit und um die Würde eines Menschen mit Namen Henriette, genannt Henni. Henni ist einem nach 280 Seiten sehr nahe gekommen – manchmal ist man versucht zu glauben, Henni habe es tatsächlich gegeben, doch Borrmanns Figuren sind Fiktion wie sie betont, auch das beschriebene Kinderheim. Nicht aber die Zustände, die es in damaligen Heimen gegeben hat. “ Sie beruhen auf Archivmaterial, Dokumentationen und Aussagen von Zeitzeugen.“