• William Trevor: Letzte Erzählungen, Hoffmann und Campe

    William Trevors „Letzte Erzählungen„ sind Abschiedsgeschenk und Vermächtnis des herausragenden irischen Literaten. Trevor starb 2016, 88jährig, im englischen Devon. Hoffmann und Campe hat die letzten Erzählungen in diesem Frühjahr (übersetzt von Hans-Christian Oeser) herausgebracht.
    Wie in allen seinen 23 tiefgründigen und feinsinnigen Romanen und 11 Bänden mit Erzählungen beschäftigte sich Trevor literarisch mit milden Exzentrikern und melancholischen Einzelgängern, mit Außenseitern der Gesellschaft, die an den ihnen auferlegten Begrenzungen leiden. Er beleuchtete die Spannungen ihres oft unscheinbaren Alltags, schilderte ihre Sicht der Welt und setzte ein Licht auf die Momente ihres Lebens, die für sie existentiell waren. Den Durchbruch in Deutschland schaffte Trevor mit dem Psycho-Thriller “Felicias Reise“ (1995).

    Trevor wurde mit vielen Literaturpreisen geehrt, war auch immer für den Nobelpreis im Gespräch, geadelt wurde er 1977 von Königin Elisabeth II, die ihn zum Ehrenritter ernannte. Trevors Erzählungen waren regelmäßig im US-Magazin „New Yorker“ zu lesen.

    Trevor beherrschte die Kunst, dem Nichtgesagten, dem Auslassen eine bedeutende Rolle zuzuweisen. Damit beflügelt er nicht nur die Phantasie, sondern schafft eine magische Sogwirkung, außerdem schilderte er seine Figuren mit großem Einfühlungsvermögen,verständnisvoll, liebevoll. Das alles gilt auch für Trevors letztes Buch: 10 Erzählungen vom vorübergehenden Glück und zufälligen Begegnungen, die das Leben kurzzeitig verändern. Wie bei Elizabeth, der Klavierlehrerin, deren neuer Schüler ein Ausnahmetalent ist. Wie bei Olivia, die bei einem Vorstellungsgespräch einem Mr. Vinnicombe begegnet. Eine Bekanntschaft mit weitreichenden Folgen...
    An einem Sonntagnachmittag klingelt es bei Olivia. Eine Frau fragt in die Gegensprechanlage „“Ist mein Mann da?“ Sie klingt verzweifelt und stellt sich als Mrs. Vinnicombe vor. „Natürlich hat er mir von Ihnen erzählt“, sagt sie, als sie in Olivias Wohnzimmer Platz genommen hat, und “Ich will ihn zurückholen...“
    Olivia hat Mr. Vinnicombe kennen gelernt, als er ihr nach einem Sturz auf der Straße aufgeholfen hat. Später installierte er in ihrer Wohnung eine Dunstabzugshaube und stellte sich als Erfinder vor. Olivia hatte dabei spontan an die Genies aus der Vergangenheit gedacht, erfuhr dann aber, dass es sich bei Vinnicombes Tüfteleien um zusammenklappbare Kleiderbügel und Tabletts für Fernseh-Mahlzeiten handelte. Später hatte sie der Mann mit seinen Liebesbeteuerungen bedrängt, die er stets mit einem Blick begleitete, der an das Flehen eines Kindes erinnerte. Nun muss sie von der Ehefrau erfahren, das sich Vinnicombe in diese unglückliche, unerfüllte Liebe zu ihr so hinein gesteigert hat, dass man das Schlimmste befürchten muss...

    Elizabeth Nightingale, die Klavierlehrerin, Anfang fünfzig, „mit sanfter Stimme und von einer ruhigen Schönheit“, meint, dass sie sich glücklich schätzen darf. Sie besitzt ein Haus, mag ihre Tätigkeit als Klavierlehrerin und erinnert sich, dass sie „die Leidenschaft der Liebe kennengelernt hat“. Sie fragt ihren neuen Klavierschüler, dessen scheue und beflissene Art ihr sehr gefällt: „Wollen wir uns durch den Brahms kämpfen?“ Und Sekunden später, als die ersten Töne erklungen sind, weiß Miss Nightingale, dass sie sich in der „Gegenwart eines Genies„ befindet. Aber sie bemerkt natürlich auch, dass dieser begnadete Junge ein Dieb ist. Nach jeder Klavierstunde fehlt etwas: eine Schnupftabakdose, ein Schal, ein Porzellanschwan...Miss Nigtingale schweigt dazu, denn jede Klavierstunde mit dem Jungen beschert ihr einen „glückseligen Nachmittag“ ...

    Olivia und Elizabeth, zwei Hauptfiguren aus den „Letzten Erzählungen „, ein Buch, das die „New York Times“ bei Erscheinen so beschrieb: „Niemand konnte Wendepunkte im Leben so einfangen wie der große irische Autor. Dieser Band ist sein letztes Geschenk an uns, seine pralle Handlung entspringt einzig menschlichem Gefühl. “








  • Minka Pradelski: Es wird wieder Tag, Frankfurter Verlagsanstalt

    „Er sieht aus, als hätte er die Welt schon einmal gesehen“ , sagt der Arzt und betrachtet nachdenklich das Neugeborene. Ein kleiner Junge, der den Namen „Bärel“ tragen wird. Bärel hat tatsächlich einen allwissenden Blick auf die Welt und ist seiner Baby-Zeit immer um Längen voraus. Als Einjähriger versteht und spricht er polnisch, deutsch, jiddisch – und muss acht geben, dass seine Eltern Klara und Leon Bromberger nicht entdecken, dass er viel mehr ist als ein altkluges, bestens entwickeltes Baby. Bärel weiß bereits: „ In Deutschland gibt es Arbeit für mich zu Genüge. Ich muss Mutter beschützen und auf Vater achten. Euer Sohn ist ganz nahe bei Euch...“

    Minka Pradelski beginnt ihren Roman aus der Ezählperspektive eines Kindes, das wissend wie ein Erwachsener redet und frech und arrogant die Menschen um es herum betrachtet und bewertet. Als zweite Ich-Stimme im Roman redet Klara, Bärels Mutter, eine junge Jüdin, die den Holocaust nur knapp überlebt hat. Sie erzählt ihre Geschichte: ihr monatelanges Untertauchen in der polnischen Heimat, ihre Enttarnung, ihr Überleben im Zwangsarbeiterlager und wie sie nach Kriegsende in einem DP-Camp* auf Leon trifft. Auch er ist dem Grauen entkommen und nun dabei, mit Schmuggel die Basis für zukünftiges Wohlergehen zu schaffen. Leon ist die dritte Erzählstimme, die den Roman voran treibt. Pradelskis Schilderungen sind fiktiv, aber realistisch.

    Sehr bewußt hat die Autorin, die 1947 im DP-Camp Zeilsheim als Tochter überlebender jüdischer Eltern geboren wurde, diese Erzählform aus drei Perspektiven gewählt. Ihr ging es auch um etwas, das sie als große seelische Not erlebt hat: um das Unvermögen jüdischer Überlebender, ihren Kindern, ihrem Ehepartner, ihrer Familie von der Verfolgung und der geplanten Auslöschung des jüdischen Volkes und ihrem persönlichen Schicksal zu erzählen. Die Soziologin Pradelski arbeitete unter anderem im Sigmund-Freud-Institut an dem Projekt „Nachwirkungen massiver Traumatisierungen bei jüdischen Überlebenden der NS-Zeit.“ Dieses Unvermögen, über das erlebte Grauen zu sprechen, trifft im Roman auch Klara und Leon, die im Land der Täter den Neuanfang gewagt haben. Erst ein Schockerlebnis bringt Klara dazu, ihre Geschichte aufzuschreiben. Auf einem Spaziergang durch den Park begegnet sie ihrer ehemaligen KZ-Aufseherin, ihrer Peinigerin, die die Frauen im Lager damals „Liliput“ nannten. Liliput, eine zierliche Person, die eiskalt und grausam agierte. Klara hat sie im Park auch an ihren Stiefeln erkannt. Die Tochter eines Schuhmachers hat dafür einen geübten Blick. „Schau nicht hin!“, herrscht sie Bärel, der im Sportwagen sitzt, in einem ungewohnt scharfen Ton an. Da ist sie, die Teufelin!“

    Klara wird nach dieser Begegnung depressiv, vernachlässigt sich und den kleinen Bärel, will auch ihrem Mann von den furchtbaren Erlebnissen, die sie wieder verfolgen, nichts erzählen. Leon bedrängt sie, das Böse aufzuschreiben, um es aus ihrem Leben zu bannen: “Schreibe Klara, schreibe. Fessele das Böse mit deinen Worten!„
    Klara nimmt Bärel auf den Schoss und küsst ihn. Ab diesem Tag wird sie nachts am Küchentisch sitzen und ihre Geschichte aufschreiben, den Kleinen neben sich . „Ich schreibe für dich...mein Kind...“

    Aus Klaras und Leons Geschichte erfährt man auch sehr viel über die Jahre 1946/1947, die Nach-Holocaust-Zeit in Deutschland – die gebrochenen Lebensläufe, die auch die Erinnerungen von Zeitzeugen bergen, sind eingebettet in ein wichtiges Kapitel deutscher Geschichte. Minka Pradelski bleibt nah bei ihrer eigenen Geschichte und der ihrer Familie, sie hat sich ihr ganzes Leben mit diesem Thema auseinandergesetzt. So fließt all ihr Wissen in diesen vielschichtigen, tragischen und berührenden Roman, der tiefe Wunden aufzeichnet, menschliche Abgründe entlarvt, aber auch hilfreiche Gesten und Begebenheiten schildert.







    * Jüdische, heimatlose Überlebende warteten nach dem Krieg in DP-Lagern, die von den Amerikanern für „displaced persons“ eingerichtet worden waren, bis sie aus Deutschland Richtung USA oder Palästina oder in eine neue Heimat ihrer Wahl ausreisen konnten.

  • Arno Camenisch: Goldene Jahre, Engeler

    „Da geht einem grad das Herz auf, wenn wir am Morgen die gelbe Leuchtreklame einschalten...denn da geht auch das Leben im Dorf an...“ Margrit und Rosa-Maria führen gemeinsam seit 51 Jahren einen Kisok mit Zapfsäule in einem Dorf in Graubünden. Seitdem die „Umfahrung“ da ist, die Umgehungsstraße, kommen nur noch Stammgäste vorbei zum Tanken, aber früher, da waren sie und ihr Kiosk, die Zapfsäule und die prächtige Leuchtreklame auf dem Dach der Mittelpunkt, der Nabel des Dorfes, ach was, der ganzen vorbeifahrenden Welt. Was haben die beiden nicht alles gesehen und erlebt!

    Arno Camenisch, der empathische Schweizer Chronist vergehender Welten, setzt in seinem neuen Buch den beiden alten Damen und ihrem Kiosk mit Zapfsäule ein Denkmal. So wie er in „Der letzte Schnee“ (siehe auch Besprechung auf www.marthasbuecher.de unter der Rubrik „Deutsches Haus“) die beiden alten Männer Georg und Paul und ihren ratternden Schlepplift unsterblich gemacht hat. So wie er überhaupt seit über zehn Jahren in elf Büchern über das schreibt, was langsam verschwindet. Und das in seinem typischen Stil, voller Wärme und Humor und Menschenfreundlichkeit. Typisch ist auch seine Sprache, ein Gemisch aus Hochdeutsch und Dialekt und Neuschöpfungen, garniert mit „li“- Endungen. Das liest sich so liebenswert, anrührend, weich und glatt.

    „Eine Epoche haben wir geprägt, mit unserem Kiosk mit Leuchtreklame“, sagt die Margrit und holt das Spray und einen Lumpen, um wie jeden Morgen die Glasscheibe des Kiosk zu putzen, der Korb mit den Zückerli wird noch gerichtet, dann stehen die beiden an der Zapfsäule, die bei Gebrauch schon ein wenig quietscht. Auch frischer Kaffee für die Kunden ist bereits gekocht. „Der Service ist top bei uns“, sagt die Margrit und fügt noch ein „sodali“ an.
    Keiner will heute bei ihnen tanken, also haben die beiden Zeit für ihre schönen Erinnerungen und Geschichten, den nostalgischen Blick zurück. Als in der 70er Jahren die Tour de Suisse vorbeirauschte und die beiden mit feinen Schuhe und rotem Lippenstift vor ihrem Kiosk standen, zusammen mit dem ganzen Dorf, das sogar Fahnen und Trompeten aufgefahren hatte. Heute „fliegen“ Frauen mit grauen Dauerwellen auf ihren Elektro-Bikes am Kiosk vorbei. Sie reden auch darüber, dass die Winter so zahm und Schnee eine seltene Sache geworden ist und die dicken, warm gefütterten Schuhe nicht mehr gebraucht werden. In den Neunzigern war es noch eisig kalt, „von November bis Ende März war das Dorf weiß gekleidet, wir standen vor dem eingeschneiten Kiosk mit Fellmützen wie zwei Bisonjägerinnen in Alaska... was für ein schönes Bild.“
    Unvergessen ist auch ihr Ausgang in ein feines Hotel mit köstlichem Essen und Champagner. Rosa-Maria trug eine hellblaue Federboa... Nur einmal in all den Jahren, sind die beiden Frauen auf eine Betrügerin reingefallen. Auf eine schick und teuer gekleidete Frau mit Handschuhen bis zu den Ellbogen. Erst am nächsten Tag auf der Bank war klar, dass der große Schein, mit dem sie bezahlt hatte, Falschgeld war. Seitdem machen sie Arbeitsteilung im Kiosk. Die eine handelt, die andere beobachtet...

    „Wenn man so in seinem Kiosk steht, bekommt man eigentlich alles mit...Weißt du noch, 89 war das“, sagt die Rosa-Maria, „wie sie die Mauer abgerissen haben, in „Tütschland“, nur ein paar Tage später fuhr einer dieser Trabbis hier vor, ein weisser war das...“
    Wunderbare Geschichten sind das, die sich die beiden Freundinnen erzählen, als Camenisch-Fan kann man nicht genug davon lesen. Leider sind wir schon auf der letzten Seite angekommen. Und auch die endet sehr schön: Ein Auto fährt vorbei. Die Reklame auf dem Kiosk leuchtet. Und die Margrit sagt: „Es warten noch viele Abenteuer auf uns“...