• Julia Franck: Welten auseinander, S. Fischer

    In ihrem bekanntesten Roman „Die Mittagsfrau“, 2007 erschienen, erzählt Julia Franck von einem kleinen Jungen, Peter, sieben Jahre alt, der von seiner Mutter auf dem Bahnsteig in Pasewalk einfach zurück gelassen wird. Es ist 1945, alles ist verloren gegangen, zuletzt auch die Hoffnung.

    In ihrem neuen Roman geht es wieder um ein verlassenes, verlorenes, einsames Kind, diesmal heißt das Mädchen Julia wie die Autorin. „Ich kam aus dem Chaos, Ost, Nord, West, Nomadin, Flüchtling, Fast-Waise, ein Hippiekind, ein herrenloses Geschöpf...“

    Julia Franck hat die eigene Familiengeschichte und ihr Leben als Kind und Heranwachsende ausgeschöpft, mal literarisch verfremdet, mal wirklichkeitsnah geschildert, hat Erinnerungen mit neuen Erfahrungen und Sichtweisen vermischt und verarbeitet. Zitat: „ Oft liegen unsere Geschichten und unsere Sicht auf die Wirklichkeit Welten auseinander. Wir erinnern uns an Ereignisse und unsere nächsten Menschen vollkommen unterschiedlich – so unterschiedlich, wie wir für uns selbst und voneinander träumen“, schreibt Julia Franck in in ihrem kurzen Vorwort.

    Die ersten zwei Jahrzehnte der Julia sind ein Stoff, der mehrere Bücher füllen könnte – mit verstörender und schmerzlich- verletzender Wirkung. Wie überlebt man eine solche Kindheit? Wie sehr leidet man unter einer egozentrisch-verrückten Mutter? Wie unter dem Nichtvorhandensein eines Vaters? Wie unter den Kränkungen der Menschen in nächster Umgebung? Wie findet man seinen Platz in der Welt? Fragen, um deren Antworten gerungen wird.
    Und dabei geht es nicht nur um die eigene Biographie. Auch um die Geschichten der anderen, eigenwillige Familienmitglieder aus anderen Zeiten, an anderen Orten, angereichert und interpretiert durch eigenes Erleben, Wahrnehmung, Lernprozesse. Erinnern wir uns richtig? War es damals tatsächlich so? So eingebunden wird auch das eigene Leben greifbarer.

    Geboren wird Julia in Ostberlin als Zwillingskind, die Mutter ist Schauspielerin, die Großmutter Bildhauerin und Kommunistin mit jüdischen Wurzeln, die im Osten zur intellektuellen Elite gehörte. Anna, die Mutter ist 35 und hat vier Kinder von verschiedenen Männern, als sie einen Ausreiseantrag in den Westen stellt. Die Familie kommt in ein Dorf in Schleswig-Holstein, wird als Sozialfall aufgenommen. Julia ist da sieben Jahre alt.

    In dem maroden Bauernhaus arbeitet die Mutter vor sich hin, versorgt die Tiere, nicht aber ihre Kinder. Die sind auf sich gestellt, bitter arm, vernachlässigt. Mit ihrer Zwillingsschwester malt sich Julia manchmal aus, wie es wohl wäre, in einem Schlaraffenland zu leben. In ihrem Dorf sind sie Außenseiter, und sie schämen sich. Für das verwahrloste Haus, für all das, was sie von anderen Kindern trennt, für all das, was in ihrem Leben fehlt – und für diese Mutter. Julia Franck beschreibt diesen lieblosen, gnadenlosen Kindheits-Alltag lakonisch und spröde, um so eindringlicher wirkt er nach. Zitat: „Sich selbst leidtun war keine Option. Ich hatte die familiären Stimmen im Kopf 'Heulsuse. Du tust dir ja nur selber leid. Kitsch dich nicht ein.' Der Wunsch wegzugehen tauchte auf, immer wieder. Ich war zwölf Jahre alt und wollte verschwinden.“ Die Fremdheit innerhalb der eigenen Familie ist kaum auszuhalten.
    Als 13jährige kommt Julia nach Westberlin in eine Pflegefamilie, als 15jährige lernt sie endlich ihren Vater kennen, sie verlässt die Schule mit einem Einser-Abitur und beginnt ein Studium. Und sie hat Stephan kennengelernt, ihre große Liebe. „Unser Sprechen löste Liebe aus... wir wollten uns verstehen...Wir lieben uns mit Worten, im Sprechen, im Zuhören, im Schweigen“. Julias Blick ist jetzt auf „Gegenwart und Zukunft“ gerichtet. „Selten schaue ich zurück. Not und Scham der Kindheit sind in über 20 Tagebüchern abgelegt...“

  • Bonnie Garmus: Eine Frage der Chemie, Piper

    Elizabeth Zott, Chemikerin und alleinerziehende Mutter, packt am Morgen den Lunch für ihre kleine Tochter ein. Zusammen mit drei Zetteln, die sie in die Lunchbox steckt. Das Essen für Madeline deklariert sie als „Kraftstoff fürs Gehirn“; auf den zweiten Zettel schreibt sie: „ Treib in der Pause Sport, aber lass die Jungs nicht automatisch gewinnen“. Der dritte Zettel beschreibt eine ihrer Lebenserfahrungen: „Du bildest dir das nicht nur ein, die meisten Menschen sind einfach scheußlich.“ So gerüstet, entlässt Elizabeth ihre fünfjährige hochbegabte Tochter in die Schule.

    Es sind die frühen sechziger Jahre, Elizabeth und Madeline leben in der südkalifornischen Kleinstadt Commons. Madeline liest die morgendlichen Botschaften ihrer Mutter, nimmt die Zettel aber nicht mit in die Schule, sondern versteckt sie in einem Schuhkarton. In der Schule gibt sie vor, noch gar nicht lesen zu können... Denn Madeline will dazugehören, das ist ihr das Wichtigste. Schließlich hat sie bereits erfahren: „Ihre Mutter hatte nie irgendwo dazugehört, und schau, wie es ihr ergangen war...“

    Mehr als ein Jahrzehnt ist es her, als Elizabeth, zehn Tage vor ihrem Masterabschluss, im Labor des Forschungsinstitutes Hastings über einem Testprotokoll grübelt. Das private Institut ist ein reiner Männer-Laden, in dem die Wissenschaftlerin Elizabeth argwöhnisch beobachtet, diskriminiert und gedemütigt wird. Täglich erfährt sie, dass Frauen als weniger intelligent, weniger fähig, weniger schöpferisch gesehen werden. An dem Abend im Labor schließt ihr Chef die Tür ab, aber redet nicht etwa über ihre Aufnahme ins Promotionsprogramm, sondern fällt über sie her, versucht sie zu vergewaltigen. Elizabeth wehrt sich und stößt einen angespitzten HB-Bleistift in Meyers Leiste. Der Officer, bei dem sie ihren Chef anzeigen will, fragt zuerst: „Was machen Sie so spät noch in einem Labor“... und dann „Möchten Sie eine Erklärung des Bedauerns abgeben? Schließlich haben Sie den Mann niedergestochen...“.
    Es kostet viel Kraft, Intel-
    ligenz und Durchhaltevermögen, sich in dieser Zeit nicht unterkriegen zu lassen. Elizabeth trägt jetzt ständig einen angepitzten HB-Bleistift, fest hinters Ohr geklemmt. Und sie lässt sich in keinem Fall unterkriegen. Und sie hat Glück. Sie lernt Calvin Evans kennen – ein Außenseiter, ein Seelenverwandter, ein brillanter Wissenschaftler. Die beiden leben zusammen, lieben sich. Calvin Evans ist Madelines Vater.

    Bonnie Garmus' erster Roman, ein kluger, entlarvender Text, sehr pointiert und voller Situationskomik ist Lesevergnügen bis zur letzten 462. Seite. Sie habe die Figur der Elizabeth Zott lange mit sich herum getragen, sagt die Autorin. Eine außergewöhnliche, fesselnde literarische Frauenfigur, die das Buch zu einem großen Erfolg macht. „Eine Frage der Chemie“ erscheint in 35 Ländern, in Deutschland steht das Buch weit oben auf der Spiegel-Bestsellerliste.

    Elizabeths Glück endet dramatisch, doch eine überraschende Wende gelingt, als sie Moderatorin für die beliebte Koch-Show „Essen um sechs“ wird und fünfmal in der Woche im Fernsehen zu sehen ist. Elizabeth Zott wird zum Star, eigenwillig und kompromisslos präsentiert sie ihr Programm und begeistert und ermutigt ihre Zuschauerinnen. Das Entstehen eines Spinatauflaufs begleitet sie mit den Worten: „Kochen ist Chemie. Und Chemie ist Leben. Ihre Fähigkeit, alles zu ändern – Sie selbst eingeschlossen –, beginnt hier.“ Oder: „Furchtlosigkeit in der Küche wird zu Furchtlosigkeit im Leben“. Wenn sie Walnüsse hackt, sagt sie „Walnüsse haben einen ungewöhnlich hohen Anteil an Vitamin E in Form von Gamma-Tocopherol. Es hat erwiesenermaßen eine beruhigende Wirkung auf das Herz...“ Oder sie nimmt eine Tomate und sagt: „Diese Tomate hat viel mit Ihnen gemein, denn sie ist zu 60 Prozent dasselbe, dieselbe DNA wie der Mensch, nämlich Wasser.“ Elizabeths traditionelles Schlusswort heißt: „ Kinder, deckt den Tisch. Eure Mutter braucht einen Moment für sich.“

    Die Sendung wird Kult. Immer mehr Frauen hören Elisabeth zu, denken über sich und ihr Leben nach, trauen sich was... „Chemie ist Veränderung. Und wir sind chemisch dazu angelegt, uns zu verändern.“ Elizabeths Botschaften
    hallen nach. Bis in die Gegenwart.

  • C Pam Zhang: Wie viel von diesen Hügeln ist Gold, S. Fischer

    Sie suchen nach einem Ort, der ihr Zuhause werden soll – die beiden chinesischen Waisenkinder Lucy und Samantha, genannt Sam. Unterwegs sind sie mit einem gestohlenen Pferd und der Leiche ihres Vaters „Ba“, eingepfercht in einer Holztruhe. Sie brauchen dringend zwei Silberdollar für das Begräbnisritual...

    Kein Kredit für „Schlitzaugen“ weist der Banker im Wilden Westen sie ab. Sam antwortet auf seine Art: zieht den Revolver des toten Vaters und feuert ab: Fehlzündung. Seitdem sind die Kinder, zwölf und elf Jahre alt, auf der Flucht durch die Weiten Kaliforniens. „Die Sonne dörrt sie aus... das Tal besteht aus nackter, staubiger Erde, durch die sich ein Creek schlängelt. Ringsherum die endlosen zu Gold verbrannten Hügel und versteckt im hohen Gras verstreute Lager von Goldgräbern und Indianern...“

    Wegen des Goldes war Ma übers Meer in dieses fremde Land gekommen, von Ba nahm sie an, dass er ihre Sehnsüchte erfüllen würde. Eine Illusion. Die Familie führte ein rastloses Leben. „Sieben Jahre lang lebten sie wie vom Wind getrieben, zogen von Stätte zu Stätte, wenn es hieß, dort sei Gold gefunden worden.“ Zuletzt wohnten sie in einem alten Hühnerstall, schufteten und schaufelten Kohle im Bergwerk, aber träumten immer noch von faustgroßen Goldnuggets.
    Zuerst war Ma fort, dann starb Ba. Was soll nun aus Lucy und Sam, dem Mädchen, das lieber ein Junge sein will, werden? Ohne Eltern, ohne Dach über dem Kopf.

    Zhang, die in Peking geboren, aber in den Vereinigten Staaten aufgewachsen ist und heute in San Francisco lebt, erzählt in ihrem außergewöhnlichen Roman – den der Observer „das kühnste Debüt des Jahres„ nennt – eine sensationelle Überlebensgeschichte. Sie ist geprägt von Verlust und Wehmut, dem Willlen frei zu leben, und sie nährt die Hoffnung, bittere Armut überwinden und den Sehnsuchtsort Heimat finden zu können. Es geht um Identität, Herkunft, Heimat, damals wie heute brisant aktuelle Themen. Und dabei öffnet Zhang ein fast vergessenes Kapitel, richtet den Blick auf die chinesischen Einwanderer und gibt ihnen eine Stimme: „Sie haben es verdient, ihre eigenen Geschichten voller Schönheit und Ehrfurcht erzählt zu bekommen.“ So wird „Wie viel von diesen Hügeln ist Gold“ zu einer Gegenerzählung des Wilden Westens, wie wir ihn bisher kennen – mit den Abenteuer-Geschichten der Menschen, die mit ihren voll gepackten Planwagen aufbrachen und dort ihr Glück suchten. All das schildert Zhang mit kraftvoller Sprache, mal berührend poetisch, mal mit ungeschönter Schroffheit, immer wieder streut sie Wörter und Wendungen in Mandarin, ihrer eigenen Muttersprache, ein, um die Stimmen der chinesischen Einwanderer hörbar zu machen. Die fremden Begriffe verstehen sich aus dem Kontext, „nu er“ bedeutet zum Beispiel Tochter. „Mit diesem Sprachmix bin ich aufgewachsen“, sagt die Autorin, „es ist für mich der Klang des realen Lebens. Womöglich gibt es aber auch Momente des Verstehens in diesem Buch, die nur für uns bestimmt sind, und das ist in Ordnung...“

    Lucy und Sam haben ihren Vater unter einem skelettierten Tigerschädel begraben. Seit Tagen sind sie auf der Flucht, haben das Ende der Berge erreicht. Unter ihnen liegt die Ebene. „Dichtes, niedriges, grünes Gras überall, als hätte jemand für Lucys schmerzende Füße guten Samt ausgelegt. In der Ferne windet sich das Band eines Flusses, dort muss der Ort Sweetwater sein. Lucy atmet diese neue Welt tief ein. Ihr Duft liegt feucht und schwer auf der Zunge. Sie macht einen Schritt nach vorn...“
    „Eine Erzählung,“ so schrieb die New York Times, „die an Steinbeck und Faulkner erinnert.“