• Mareike Fallwickl: Das Licht ist hier viel heller, Frankfurter Verlagsanstalt

    Maximilian Wenger war mal ein Großer in der Buchbranche, einer, der Erfolg garantierte, einer, der seine Leser begeisterte. Inzwischen sind die Auflagen abgesackt,
    seine Frau lebt mit einem jungen Fitnesstrainer zusammen, und Wenger hat sich in eine kleine Wohnung verkrochen, fühlt sich miserabel, vernachlässigt sich, vergleicht sich mit einem „gealterten Raubtier, mit kahlen Stellen im Pelz, das nicht mehr richtig fressen kann, weil ihm die Zähne ausgefallen sind, das vom Rudel verstoßen wurde, damit es sich bitte einen Platz zum Sterben sucht... „

    Nur sein übergroßes Selbstmitleid hält ihn am Leben und die Briefe, die die Post bringt. Die sind zwar nicht für ihn bestimmt, sondern für den Vormieter Albert Trattner. Wenger liest sie dennoch, geradezu begierig: „Erinnerst du dich, dass Worte scharf sein können wie Messer?“..., lautet der erste Satz, zwei Seiten auf weißem Briefpapier sind mit gleichmäßiger Schrift, leicht nach rechts geneigt, beschrieben. Der letzte Satz lautet „Bis zu meinen Zähnen ist mein Mund angefüllt mit Wut“ . Keine Unterschrift.

    Wenger ist elektrisiert von der Wut in diesen Zeilen. Er fühlt sich verwirrt, eine diffuse Angst kommt hoch, und er ist erregt. Er wartet täglich, er lauert auf den nächsten Brief.
    Auch Wengers 18jährige Tochter Zoey wird diese verstörenden Briefe lesen, sie findet sich wieder in den wütenden Worten der Frau mit Namen Marlena, auch ihr ist etwas geschehen, das sie nicht verschmerzen kann. „Ich hätte dich gebraucht“, wirft sie irgendwann ihrem Vater vor,“ aber du hast meinen Hilferuf auf dem handy weggedrückt.“ Später, als sie sich ihrem Bruder offenbart, sagt sie wehmütig: „Wir wollten doch keine kaputten Menschen sein...“

    Mareike Fallwickls Roman über all das, was „Männer und Frauen sich aneinander antun“ (Klappentext) ist klug konzipiert. Vater und Tochter wechseln sich als Ich-Erzähler ab, wobei die Tochter alle Symphatien auf ihrer Seite hat.
    Man ahnt es schon, Wenger wird die Briefe nutzen, um einen neuen Roman zu schreiben, seine Tochter wird ihm vorwerfen, dass er alles, was die begeisterte Kritik als „Poesie des Schmerzes, die so noch nicht erklungen ist“, benennt, abgeschrieben hat. „Du bist ein Betrüger“ , schreit sie ihn an. Das Feuilleton spricht von d e m Roman des Jahres, Wenger ist wieder oben. Sein 15. Roman „Ruf“, der Fall einer Vergewaltigung, wird zur Punktlandung. Wengers Fazit: „Für einen wie ihn... hat das Leben doch immer irgendwo ein bisschen was, das glänzt".

    Man kann diesen Wenger schlimm finden, sogar abscheulich in seiner Arroganz und Eitelkeit und seinem Macho-Gehabe, aber Mareike Fallwickls spannungsreiche Geschichte vom Niedergang einer Karriere und einer Familie, vom Scheitern der
    Hoffnungen und der Sehnsucht nach Liebe, hat Sogwirkung.
    Und ihre Figuren beschreibt Fallwickl mit großer Empathie, Marlena und Zoey berühren und gehen unter die Haut. Zudem zeigt sie ein feines Gespür für seelische Verletzlichkeiten und unterhält und amüsiert, wann immer sie die Blähungen des Literaturbetriebes, die Absurditäten digitaler Scheinwelten und sinnentleerte Lebensentwürfe in ihre Handlung einbezieht.

  • Kerstin Hensel: Regenbeins Farben, Luchterhand

    Es fasziniere sie, wie unterschiedlich Liebe und Beziehungen gelebt werden, antwortete die Berliner Schriftstellerin, als sie im TV- Interview auf dem blauen Sofa saß und zum Thema ihres neuen Buches „Regenbeins Farben“ befragt wurde. „ Ich stelle mir Fragen, die ich an meinen Figuren abarbeite“ berichtet sie über Entstehen und Entwicklung ihrer Romane. „Ich schreibe, um Klarheit zu bekommen“. Vor allem in den Machtstrukturen der privaten Beziehungen spiegele sich die Gesellschaft, alles werde hier erkennbar, Herkunft, Haltung, Liebesfähigkeit, seelische Wunden.
    In Kerstin Hensels neuem Roman geht es um eine Trauergemeinschaft, drei Witwen, ein Witwer, alle vier aus
    der Kunstszene, treffen sich regelmässig auf einem Friedhof, über
    den ständig die Flugzeuge des nahen Airports donnern und
    rauschen. Zwischen Grabpflege und Begrüßungsritualen nehmen
    herrlich-komische und tragische Verwicklungen ihren Lauf.
    Die drei Frauen könnten unterschiedlicher kaum sein. Lore Müller-Kilian, Witwe eines Industriellen und Kunstmäzenin, hat ihre Berufstätigkeit – eine Halbtagsstelle als Bürokraft im Tennisverein – aufgegeben, als sie Gattin wurde. Nun, nach dem Tod des Partners, lebt sie einsam in ihrer Villa, am Familiengrab lässt sie manchmal Champagnerkorken ploppen.

    „Man folgt ihren Sätzen mit Vergnügen“, schrieb die Presse (SZ) über Kerstin Hensels bisher vorgelegten klugen und virtuos geschriebenen Beziehungs-Geschichten. Durchdringend, ein wenig spöttisch, entlarvend und doch immer liebevoll und empathisch schildert sie ihre Figuren. Zum Beispiel Lore: „Auf hohen Schuhen schreitet die Witwe den Hauptweg entlang. Kurz vor dem Grab ihres Mannes tänzelt sie, als müsse sie der Verwesung, die sich unter ihr vollzieht, etwas entgegensetzen. All das Schöne, Graziöse unterstreicht Frau Müller-Kilians Zuversicht, den eigenen Alterungsprozess abwenden zu können.... Ich bestimme, wann ich siebzig werde, lässt sie wissen.“

    Karline Regenbein dagegen trägt Cordhosen, Pullover und Parka. Zitat: „Die kleine Frau Regenbein ist ausgestattet mit spitzbübischer Intelligenz, und sie hat sich mit ihrer körperlichen Geringfügigkeit arrangiert.... niemals würde sie mit Make-up, Rouge oder Lippenstift etwas Falsches an sich hervorkehren. Dabei ist Frau Regenbein Kennerin der Farben und hat sich als Malerin in der Stadt einen Namen gemacht.“
    Karline war verheiratet mit dem Fotografen Rüdiger Habich, eine Ehe, die sie immer mehr eingeengt hat, der schwierige Alltag mit einem eitlen Mann, der sich ganz groß wähnt. Schließlich bestimmt er sogar, was Karline malen soll. „Eine Ausstellung von Porträts, die ihn, den Ehemann der Künstlerin, präsentieren. In sämtlichen Stilrichtungen der Malerei...“ Karline hört noch auf dem Friedhof – während sie an Habichs Grab sinniert, ob nun Kriechmispel, Dickmännchen oder Gänsekresse der passende Bodendecker sein könnte – seine drohende Stimme: „Ich weiß, wo du bist...“

    Die dritte trauernde Witwe ist die Kunstprofessorin Ziva Schlott, inzwischen 80. Mit ihrem Mann Hartwig hat sie eine Ehe auf Augenhöhe geführt, eine intensive, erfüllte Beziehung. Sie vermisst ihn sehr. Eduard Wettengel, der Galerist, der seine Frau Odila verloren hat, war einmal ihr Student.

    Nun begegnet man sich auf dem Friedhof – täglich mit großen Erwartungen. Das Quartett treibt die Sehnsucht. Die Trauernden wollen den Verlust mit Leben füllen. Im Mittelpunkt steht vordergründig der Mann Eduard. Er lebte mit Odila eine nicht alltägliche Beziehung – eine weitere Facette im ewigen, rätselhaften Liebesspiel: Auf Kerstin Hensel warten noch mehr Fragen, die literarisch verarbeitet und geklärt werden wollen.

  • Alexander von Humboldt: Der Andere Kosmos, dtv

    „Die gefährlichste aller Weltanschauungen ist die Weltanschauung der Leute, welche die Welt nie angechaut haben“. Ein Zitat des großen Weltreisenden und Naturforschers Alexander von Humboldt (1769 bis 1859), dessen 250. Geburtstag am 14. September dieses Jahres gefeiert wird. Der Verlag dtv tut das mit einer Gesamtausgabe des publizistischen Werkes, die ab Mitte August in den Buchhandlungen sein wird.
    Das „Vorläufer“- Buch „Der Andere Kosmos“ präsentiert eine Auswahl: 70 Texte, veröffentlicht in 70 Orten weltweit, Einblicke in 70 Jahre Forschung. Es ist ein Bild der Welt in vielen kleinen Schriften, Fragmenten und Facetten. Humboldt war eine Meister der kleinen Form, er hat tausende Briefe und Essays verfasst und in alle Welt verschickt. Und seine Interessen waren breit gefächert.
    Und so lesen und staunen wir „Über die Chinawälder in Südamerika“ , 1808 in Mailand veröffentlicht: „ Der Zweck dieser Abhandlung ist den Fieberrindenbaum als einen Gegenstand der physikalischen Erdbeschreibung oder der Pflanzen-Geographie zu betrachten...“
    Oder 1821, publiziert in einem Liverpooler Magazin „Hemden und Mützen auf den Bäumen“: „Wir sahen am Abhange der Ernea Duida (in Süd-Amerika) Hemdenbäume von 50 Fuß Höhe. Die Indianer schälen … die rothe faserige Rinde ab.“ Man erfährt: Diese Rinde dient als Hemd ohne Naht. Wie eine starke Sackleinwand, die besonders in der Regenzeit schützt. „Dazu passen die Mützen recht gut, welche die Blüthen einer gewissen Palmenart bilden und die grober Strickerei täuschend ähnlich sehen...“
    Oder die Abhandlung von 1841 in „Der Hausfreund“ in Nördlingen erschienen, über „Das Kreuz des Südens“ : „Seit wir in die heiße Zone eingetreten waren, konnten wir jede Nacht die Schönheit des südlichen Himmels nicht genugsam bewundern, welcher in dem Maß, als wir nach Süden vorrückten, neue Sternbilder unseren Augen entfaltete...“
    Oder wir lesen: 1831 im Louisville Daily Journal „Der Sklavenhandel“ ….“Bey diesen empörenden Berechnungen von Menschenconsum ist noch keine Rücksicht genommen auf die Zahl jener unglücklichen Sclaven, die während der Überfahrt zu Grunde gingen oder die als verdorbene Waare in die See geworfen wurden.“
    Die Herausgeber von „Der andere Kosmos“, Oliver Lubrich und Thomas Nehrlich, präsentieren eine phantastische Sammlung: haben für jedes Jahr von Humboldts publizistischer Tätigkeit - von 1789 bis 1859 - ein Beispiel ausgewählt: 70 Texte, veröffentlicht weltweit an 70 verschiedenen Orten – von Havanna bis Hamburg, von Sydney bis San Salvador. Die meisten dieser Essays und Artikel waren in Vergessenheit geraten und kaum jemals wieder nachgedruckt worden.

    Der letzte Beitrag ist vom 15. März 1859, ein paar Wochen vor Humboldts Tod. Der berühmte Mann schickte einen Hilferuf in die Welt: „Ruf um Hülfe.“ … „Leidend unter dem Drucke einer immer noch zunehmenden Correspondenz, fast im Jahresmittel zwischen 1600 und 2000 Nummern, Briefe, Druckschriften, Manuskripte... Anerbietungen mich häuslich zu pflegen, zu zerstreuen und zu erheitern..., bat er um Ruhe und Musse für die eigene Arbeit. Und schloss den Appell mit den Worten: „Möge dies nicht lieblos gemissdeutet werden!“
    Der Weltreisende, dessen Gesamtwerk einen neuen Wissensstand von der Welt vermittelte , wurde weltweit gelesen. Und seinen internationalen Ruhm begründeten nicht nur seine Bücher und Reisebeschreibungen, sondern auch seine Veröffentlichungen in Zeitungen und Magazinen. Beginnend 1798 mit einem Abdruck über einen giftigen Baum in Indien, den Bohon-Upas, endend mit dem zitierten „Ruf zur Hülfe“. Das publizistische Werk zu entdecken ist ein wunderbares Geburtstagsgeschenk!

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