• Meg Wolitzer: Das weibliche Prinzip, Dumont

    Sie ist die Schlüsselfigur der Frauenbewegung, die charismatische Faith Frank, wunderbar schlagfertig, intelligent, furchtlos – zudem gut aussehend und mit einem Faible für feine Stiefel. Sie arbeitet für „Bloomer“, ein Magazin mit sinkender Auflage und hält Vorträge über Feminismus. Als die junge Greer Kadetsky ihr begegnet, ist sie eine mustergültige aber völlig unpolitische Studentin und sehr schüchtern. Dabei immer noch wütend auf ihre Eltern, die es verpatzt haben, sie für ein erstklassiges College anzumelden. Dann gab es in den ersten College-Wochen noch ein abscheuliches Erlebnis mit einem Typen namens Darren, es war ein agggressiver, sexueller Übergriff, der Greer total verwirrt hat. Aber sie wehrt sich. Zusammen mit anderen Betroffenen lassen sie T-Shirts mit Darrens Gesicht drucken. Darunter der Titel: „Unerwünscht“.

    Sie trägt dieses T-Shirt, als sie Faith Frank die Frage stellt: „Was meinen Sie, was können wir gegen diese allgemeine Frauenfeindlichkeit unternehmen?“ Am Ende das Abends hat Greer jede Menge über Solidarität, Schwesternschaft und Protest gehört, und Faith Frank hat ihr ihre Visitenkarte gegeben. Es ist, als sei sie aus einem Dämmerzustand erwacht. Sie hat nur noch einen Wunsch, mit und für Faith Frank zu arbeiten, von ihr zu lernen, von ihr anerkannt zu werden.

    Meg Wolitzer erzählt von einem halben Jahrhundert Feminismus, das so unterschiedliche Frauentypen wie eben Faith und Greer hervorgebracht hat. Wie geht zeitgemäßer Feminismus? Was macht die Stiftung, für die Faith und Greer arbeiten? Wie gehen Frauen miteinander um? Wie verhalten sie sich, wenn sie Rivalinnen werden? Es geht um Liebe und Loyalität, um Macht und um Femininismus. Das ist spannend und einfühlsam erzählt. Und auch mit der Figur Gory schildert die Autorin einen sehr besonderen Mann. Gory ist Greers langjähriger Freund, ein Vertrauter, ein Verbündeter. Die beiden sind ein Paar, aber dennoch in ihrem Streben nach Erfolg auch Konkurrenten. Wer wird es schaffen und wie schnell?

    Gory, der als Consulter in Manila viel Geld verdient, wirft alles hin, als seine Familie ihn braucht. Er kümmert sich um seine kranke Mutter und übernimmt sogar ihre ehemaligen Putzstellen. Er verbittert nicht, sondern arrangiert sich mit diesem neuen Leben und seinen Aufgaben. Greer, voll darauf konzentriert, ihre eigene Stimme zu finden, eine persönliche Botschaft zu haben und eine Aufgabe zu erfüllen, kann Gorys Entscheidung nicht verstehen. Das Paar trennt sich - vorerst.
    Alles endet versöhnlich. Greer macht Karriere. Ihr Buch „Außenstimmen“, ein lebhaftes, optimistisches Manifest, das die Frauen auffordert, den Mund aufzumachen, wenn ihnen etwas missfällt, steht seit einem Jahr auf der Bestsellerliste. Zitat: „Das Buch hatte Frauen ermutigt, standhaft und lautstark zu bleiben. Und das war zur Zeit dringend nötig.“

    Dem kannn man nur zustimmen Meg Wolitzers Buch kommt zur richtigen Zeit.

  • Gabriel Tallent: Mein Ein und Alles, Penguin

    Julia, 14, genannt Turtle, ist eine Heldin, die man so schnell nicht vergessen wird. Sie wächst weltabgeschieden in den nordkalifornischen Wäldern auf, streift durch die Natur, kennt sich aus mit Pflanzen und Tieren. Hier fühlt sie sich sicher und geborgen, Zuhause, das ist Gefängnis.

    Turtle lebt nach dem Tod der Mutter mit dem Vater in einem herunter gekommenen Haus. Zum Frühstück gibt es rohe Eier, dann bringt der Vater sie zum Schulbus. Doch bevor Turtle richtig lesen kann, weiß sie, wie man schießt und eine Waffe reinigt. Das übt sie täglich.

    Martin, ein Einzelgänger, philosophisch gebildet und belesen, zugleich brutal und psychisch schwer gestört, quält seine Tochter, schlägt und missbraucht sie, um ihr im nächsten Moment zu sagen, dass er sie über alles liebt. Turtle ist sein Besitz, mein „Ein und Alles“ wie er betont. Oder er nennt sie „Krümel“. Turtle kämpft ums Überleben, aber wehrt sich nie gegen den Vater. Sie ist so zerrissen, aber auch stark. Und trotz allem liebt sie ihren Vater.

    „ So kann man kein Kind aufziehen“, sagt Grandpa, der im Wohnwagen auf dem Grundstück lebt. Er streitet mit dem Vater, kippt vom Stuhl, stirbt nach einem Schlaganfall. Er wird Turtle nicht mehr helfen können.

    Dass es ein ganz anderes Leben für sie geben könnte, erfährt Turtle erst, als sie Jacob kennen lernt. Aber, wie soll sie sich von ihrem Vater, der sie zu zerstören droht, befreien?
    Gabriel Tallents explosiver und hoch spannender Debutroman schockiert, wühlt auf. Inständig hofft man, dass Turtle diesen Wahnsinn überleben und eine neue Chance fürs Leben bekommen wird.
    Zwei Zitate dazu: „Ein Buch wie ein Gewittersturm, so faszinierend wie gefährlich“, schrieb „The Minneapolis Star-Tribune“. Und Stephen King urteilte: „Der Begriff 'Meisterwerk' wird zu häufig benutzt, doch 'Mein Ein und Alles' ist ohne jeden Zweifel eines.“


  • Mechtild Borrmann: Grenzgänger, Droemer

    „Wenn nicht ein Wunder geschieht, werden sie Henni verurteilen“, sagt Elsa, die mit Henni in dem kleinen Eifeldorf Velda an der deutsch-belgischen Grenze aufgewachsen ist. Elsa sitzt an jedem Verhandlungstag im Gerichtssaal in Aachen. Auch sie versteht nicht, warum Henni zu den Vorwürfen, die gegen sie erhoben sind, schweigt. Sie soll Schwester Angelika vor den Zug gestoßen und ihr Elternhaus angezündet haben. Ihr Vater ist im Haus verbrannt. Zweifacher Mord lautet die Anklage. ..

    Mechtild Borrmann, vielfach ausgezeichnete Autorin, hat sich für ihren neuen Roman ein düsteres Kapitel deutscher Nachkriegsgeschichte ausgesucht.
    Es geht um die Männer, die versehrt an Körper und Seele aus dem Krieg zurück gekommen sind und für ein normales Leben oder gar Zusammenleben mit der Familie nicht mehr taugen. So wie Hennis Vater, einst ein geschickter Uhrmachermeister und sorgender Familienvater. 1945 ist Herbert Schöning ein „Kriegszitterer“, kann nicht mehr arbeiten, ist unfähig, Verantwortung zu übernehmen. Er war immer schon gottesfürchtig, aber nun wird zu er zum religiösen Eiferer. Nur in der Kirche findet er Ruhe.
    Als Hennis Mutter 1947 stirbt, sorgt die älteste Tochter für die drei jüngeren Geschwister, verhindert, dass der Vater Matthias, Fried und Johanna in ein katholisches Kinderheim gibt. Im Dorf wird in der Nachkriegszeit geschmuggelt. Kaffee aus Belgien. Henni schließt sich an, um die Familie durchzubringen. Sie kennt sich aus im Hohen Venn, einem gefährlichen Moorgebiet. Als sie in eine Patrouille gerät, geschieht ein Unglück, das alles verändert. Henni kommt in eine sogenannte Besserungsanstalt; die beiden Brüder in ein christliches Kinderheim.
    Und damit wird ein weiteres düsteres, beklemmendes Kapitel aufgeschlagen. Es geht um die katastrophalen Zustände und Erziehungsmethoden in einigen (oder vielen? ) Kinderheimen nach Kriegsende. Die katholischen Schwestern in Borrmanns Roman kennen kein Erbarmen. Menschlichkeit, Nächstenliebe, Einfühlsamkeit, Zuwendung – keine Spur davon. Ihr Erziehungskonzept ist seelische Grausamkeit und körperliche Mißhandlung, um die angeblich „Verderbten“ auf Linie zu bringen. Hennis Bruder Matthias überlebt das Heim nicht.

    Borrmann erzählt ihren bewegenden, eindringlichen Roman auf zwei Zeitebenen – ab 1945 und um 1970, zur Zeit der Prozesse – und sie verbindet drei Erzählstränge, ein dramaturgisch geschickter Wechsel. Und bei den beiden Prozessen, die sie schildert, geht es dann um ein weiteres empörendes Kapitel aus dieser Zeit. Um die Ignoranz und Arroganz von Richtern und Staatsanwälten.
    Henni hatte es durchgesetzt, dass die Umstände, die zum Tode ihres Bruders Matthias im Heim führten, untersucht werden. Der Richter entscheidet, dass eine Klage gegen das Kinderheim nicht gerechtfertigt sei. Mit einer kirchlichen Einrichtung will man sich nicht anlegen.
    Voller Verzweiflung und Zorn hatte Henni nach dem Urteil ihren Vater und Schwester Angelika, angeschrien: „ Glaubt nicht, dass ihr so leicht davon kommt. Ihr werdet eure gerechte Strafe bekommen.“ Unmittelbar danach sind beide tot. Henni wird sofort verdächtigt, nun steht sie vor dem Richter. Es sieht nicht gut aus für sie.
    In diesem Schlusskapitel geht es um die Wahrheit, um Gerechtigkeit und um die Würde eines Menschen mit Namen Henriette, genannt Henni. Henni ist einem nach 280 Seiten sehr nahe gekommen – manchmal ist man versucht zu glauben, Henni habe es tatsächlich gegeben, doch Borrmanns Figuren sind Fiktion wie sie betont, auch das beschriebene Kinderheim. Nicht aber die Zustände, die es in damaligen Heimen gegeben hat. “ Sie beruhen auf Archivmaterial, Dokumentationen und Aussagen von Zeitzeugen.“