Hoffnung, Heimat, eine Handvoll Glück

1. Mai, 2020

Micah Mortimer ist kein Traummann, keiner, dem die Frauen hinterher laufen... Und dennoch, die Jugendliebe Lorna hat ihn nie vergessen, diesen soliden, ein wenig schüchternen, unaufgeregten Micah, und Freundin Cass, eine Lehrerin, erwartet insgheim, dass sie bei ihm einziehen kann, falls sie – was gerade ansteht – ihre Wohnung verlieren sollte. Sie stört es nicht, dass er Selbstgepräche führt und im Haushalt sehr sehr pingelig sein kann (Freitags ist Staubsaugertag!).

Micah ist ein Mann (groß, knochig, Mitte 40, schlechte Haltung), der zuverlässig da ist, wenn was defekt ist, das er dann wieder richtet. Sein Computer-Service, der „Tech-Eremit“ und sein Hausmeister-Job in der Wohnanlage (inklusive Dienstwohung) ernähren ihn, aber nichts an seinem Leben ist spektakulär oder gar glamourös. Micah ist mit diesem einfachen Leben zufrieden, er hat alles unter Kontrolle, und mehr erwartet er nicht. Morgens läuft er pünktlich um 7:15 Uhr seine Jogging-Runde, ist er zurück, hat sicherlich schon eine der älteren Damen auf den AB gesprochen und von ihrem Computer-Chaos berichtet. Micah fährt los, um zu helfen, vielleicht muss nachmittags noch die Küche mit dem Wischmopp gefeudelt werden, und abends sitzt er neben Cass auf dem Sofa... Heiraten will er nicht, er hat erfahren, dass es „unschön wird, wenn man Tag und Nacht mit einer Frau zusammen lebt.“

Die Frage, was im Kopf eines solchen Mannes vor sich geht, ob er „jemals in sich geht, über sein Leben und den Sinn des Ganzen nachdenkt“, stellt sich. Bedrückt es ihn nicht, dass wohl die nächsten Jahrzehnte weiter so ablaufen könnten? Braucht Micah keine neue Herausforderung, kein bisschen Abenteuer?Erst als ein junger Mann auftaucht, der seinen leiblichen Vater sucht und sich Cass von Micah trennt (und ihn „gefühlskalt“ nennt), kommt Tempo und Bewegung in Micahs Lebenspiel.


Die amerikanische Schriftstellerin Anne Tyler (22 Romane) zeigt uns Micah als Alltagshelden einer Gesellschaft, sie schildert ihn mit all seinen Schwächen und Stärken, schreibt über die Belanglosigkeiten und die Normalität seines Alltags und formt dabei seinen „Sinn des Ganzen“. „Wozu lebt man denn, wenn man die Wirklichkeit nicht zu verbessern versucht?“ sagt Micah und wehrt sich dabei innerlich gegen „Es ist, wie es ist“....

Anne Tylers Blick darauf, wie sich ein Mensch mit seinem Leben arrangiert, wie er seine Sehnsüchte und Ängste entdeckt oder auch unterdrückt, seine Identität sucht oder verteidigt, ist dabei immer warmherzig, symphatisch. Und sie schlägt leise, nachdenkliche Töne an. In der Presse liest sich das so: „ Als Erzählerin schafft es Anne Tyler, dem Unspektakulären eine Größe abzugewinnen“ (Salzburger Nachrichten).

Auch Tylers Held Micah hat nach 230 Seiten über sein Leben etwas länger nachgedacht. „Ich habe alles falsch gemacht“, sagt er zu Cass, als er spontan in ihre Schule fährt, um sich mit ihr auszusprechen. Alles wird doch noch gut. Zitat: „Sie gehen so dicht beisammen, dass der eine über die Füße des anderen stolpert, und Micah beginnt sich glücklich zu fühlen.“







10. Apr, 2020

In einem mecklenburgischen Kaff mit Namen Bräsenfelde geschieht Unerhörtes. Zwei umtriebige Jugendliche, immer auf der Jagd nach coolen Ideen für ihre selbstgedrehten Youtube-Videos, stoßen zufällig im Internet auf die Anleitung, wie sich ein Mensch in einen Waschbären verwandeln kann. Was sie nicht ahnen: dass diesen Unsinn – 1. Beeren essen, 2. durch die Auto-Waschanlage laufen und sich durchwässern lassen – ein drittklassiger Komiker verzapft hat. Und was Phoebe (Fibi) und Aram erstmal überhaupt nicht interessiert: wie denn eigentlich die Rückverwandlung erfolgen soll... Wahrscheinlich haben sie doch nicht dran geglaubt. Kann man ja auch nicht, ist wohl eher eine Lachnummer...

Die Überwachungskamera in der Waschanlage konfrontiert dann schwarz auf weiß mit einer neuen Realität: Am Sonntag, 13. August um 16:59 Uhr nach dem letzten Waschgang sitzen da, wo eben noch zwei klatschnasse Jugendliche standen, zwei possierliche Waschbären. Wahnsinn! Fibi spricht noch wie ein Mensch, Aram versteht noch, spricht aber nicht. Doch sonst sind die beiden waschechte Waschbären. Fibi sollte die nächste Apfelkönigin von Bräsenfelde werden, und Aram, der talentierte Fußballer, freute sich auf ein Probetraining. Waschbären haben da keine Chance. Sind wir in Absurdistan gelandet?

Im Interview erklärt Thomas Brussig ("Helden wie wir" und "Am kürzeren Ende der Sonnenallee"), „Die Verwandelten“ seien einerseits ein fantastischer Roman, weil das Fantastische, das Unerklärliche in den Alltag einbreche. Anderseits sei der Roman auch realistisch, weil wir viel mit heutigen Menschen, mit Zeitgenossen zu tun haben.“ Ziemlich schräge Typen aber auch ganz normale hat Brussig, der amüsante, oft hochkomische Erzähler, dafür aufgefahren. Wie er deren Seelenleben auffächert, wie er deren Geschichten beschreibt und ihre Reaktionen auf den unglaublichen Vorfall einordnet, das ist hintersinnig und feinsinnig und macht richtig Spaß. Und immer mehr beteiligen sich an dem Spektakel, die Gesellschafts- und Mediensatire gerät richtig in Schwung, nachdem Fibis Vater, dem Bürgermeister von Bräsenfelde, klar geworden ist, dass man mit Waschbär-Tochter Fibi eine Weltsensation im Haus hat. Das ist doch eine gute Story, das kann doch vermarktet werden! Das bringt doch sehr, sehr viel Geld. Fibis Mutter hat ganz andere Ahnungen: „Jetzt schlägt die Natur zurück, mit neuen Methoden“.

Natürlich werden wissenschaftliche Untersuchungen gemacht (... Fibi ist von der Identität, vom Selbstverständnis her ein Mensch, wird aber unter bestimmten Voraussetzungen seelisch-mental zu einem Waschbären…), natürlich bekommt Fibi eine eigene Fernsehsendung, auch mit Popstar Ed Sheeran ist sie unterwegs, Bräsenfelde wird Tourismus-Magnet, ein Amphitheater ist im Bau...

Dann stirbt Aram. Fernsehuntauglich hat er nach der Verwandlung im Abseits gestanden. In einer Sommernacht, als er auf dem noch sonnenwarmen Asphalt der Landstraße liegt, wird Aram, der Waschbär, von einem Auto überfahren. Aber – weshalb sollte nicht noch etwas Unbegreifliches geschehen? Vielleicht kommt Aram zurück nach Bräsenfelde? Als das Fußball-Talent, dem eine große Zukunft bevorsteht?

 

 

 

27. Feb, 2020

Dominik Barta stellt seinen Debütroman mit den folgenden drei Sätzen vor: „Die rätselhafte Krankheit der Mutter bringt den Alltag einer Familie ins Wanken. Sämtliche Konflikte, die über dem österreichischen Dorf lasten – die ungewisse Zukunft der Landwirtschaft, der Abzug der jungen Leute, der Zuzug Fremder – schlagen sich innerhalb der Familie Weichselbaum nieder. Mit zunehmender Dringlichkeit wird deutlich, welche Rolle, Zuneigung, Vertrauen, Liebe selbst im profansten Alltag spielen.“ Der Zsolnay-Verlag spricht von einer „vielstimmigen Zeit- und Landdiagnose“ und ist überzeugt, dass die Dringlichkeit des Buches“ auch auf den Leser übergeht“. So geschieht es tatsächlich. Voller Empathie verfolgt man die wachsende Sorge des alten Bauern, der seine Frau Theresa nicht mehr versteht. „Wie konnte sie vier Tage neben dem Kamin liegen wie ein totes Tier? Wie hielt sie es aus, stundenlang aus dem Fenster zu starren, ohne auch nur den Kopf zu bewegen? „… Noch unheilvoller erschien ihm Theresas Stille. „Sie schlief nicht, doch sie sprach auch nicht. Sie brütete dahin...“

Beim Familientreffen der eilends einbestellten erwachsenen Kindern kommt es dann zum Eklat, und nach und nach werden alle seelischen Wunden offenbart. Der jüngere Sohn, der die Rolle des distanzierten Erzählers im Buch übernommen hat, spürt schon beim Eintritt ins Haus, wie ihm „die heimatlichen Wände jegliche Unabhängigkeit rauben“. Er fühlt sich in seinem Weggang bestätigt. Es war richtig, Eltern, Haus und Dorf zu verlassen: „Mir stand zu, Verhältnisse, die ich mir niemals ausgesucht und die mich ein Leben lang gequält hatten, hinter mir zu lassen.“ Max der Ältere toleriert es nicht, dass es Menschen gibt, die die Welt anders sehen als er. Er duldet keinen Widerspruch in seiner fremdenfeindlichen, aggressiven, rechtsradikalen Haltung. 20 junge Flüchtlinge leben im Dorf unter der Obhut von Pater Heinrich, dem Vorsteher des Klosters. Max sieht seitdem „sein Dorf von Islamisten geflutet“. Seine Schwester Fiona plagen Einfersucht und Familienstress. Ihr Mann Fridolin wird von der Familie nicht akzeptiert. Wir erleben also in dieser Oberflächen- Idylle Rassismus, Chauvinismus, Homophobie. Vielleicht ein bisschen zuviel von allem? Wundert es da noch, dass die alte Theresa so nicht mehr leben will und sich verweigert?

Der zwölfjährige Enkelsohn Daniel ist der einzige, der in dieser eskalierenden Welt, in der Wände beschmiert, Reifen zerstochen, Menschen bedroht und verprügelt werden, normal und menschlich bleibt. Er lernt Toti kennen, einen jungen Flüchtling, mit dem er im Wald ein Baumhaus baut. Eine Freundschaft entwickelt sich - ein Zeichen der Hoffnung, das bei all den Konflikten, die Barta in dieses 170-Seiten-Buch hineingepackt hat, aufatmen lässt. „Vom Land“, thematisch ein starkes Debüt, sprachlich nicht immer überzeugend, versöhnt mit einem tröstlichen Ausgang. Zitat: „Wird der Schmerz unerträglich, denke ich jetzt oft an diesen Moment: das Lächeln meiner traurigen Mutter, ihre warme Hand auf meiner Haut und die Sonne in ihrem wunderschönen Gesicht.“

 

29. Dez, 2019

Die Autorin, 1972 geboren, in Leipzig aufgewachsen, wurde von ihrer Mutter in der DDR allein aufgezogen, ihren Vater, einen Aachener Zahnarzt aus Guinea, hat sie erst 2014 kennengelernt. Thomae erzählt in ihrem Roman – er war auf der short list zum deutschen Buchpreis 2019 - von zwei afrodeutschen Brüdern, die in verschiedenen Welten leben. Mick und sein Halbbruder Gabriel sollen die Frage beantworten, ob Herkunft und Hautfarbe alles bestimmen. Es ist die grundsätzliche Frage, die sich Thomae auch immer noch selber stellt.  Dabei behandelt sie die Frage schwarze Hautfarbe oder weiße Hautfarbe im Buch eher lässig, meist im Hintergrund, über längere Strecken auch gar nicht. Es geht also in Brüder um zwei gleich alte Männer, die denselben Vater haben. Den kennen sie aber nicht und einander kennen sie sich auch nicht. Dieser Vater hat um 1970 in der DDR Medizin studiert und ließ, als er nach Senegal zurückging, in Leipzig und Berlin je eine Frau mit einem kleinen Jungen zurück. So wachsen zwei Jungen als einziges Kind in ihrer Umgebung mit dunkler Hautfarbe auf, beide Mütter sind alleinerziehend und leben in der damaligen DDR.

 Die Brüder könnten als erwachsenen Männer unterschiedlicher nicht sein: Gabriel hat strebsam und kontrolliert eine Karriere in London als Stararchitekt gemacht. Bis er in einer Auseinandersetzung mit einer jungen schwarzen Frau ausrastet und einen shitstorm gegen sich auslöst. Plötzlich steht er als Aggressor und Rassist da – obwohl er doch selber eine dunkle Hautfarbe hat.

 Mick erlebt seine dunkle Hautfarbe als besonders attraktiv. Er ist Partygänger, ein Lebenskünstler. Er schert sich nicht um das Morgen. Er hat eine clevere Frau an seiner Seite, die für beider Wohlleben sorgt. Man erkennt, dass Hautfarbe, Identität, Herkunft nicht ein Thema ist, sondern viele, je nach Umgebung, Zeitstimmung und sozialem Kontext.

Die Pointe des Romans besteht eher im Kontrast zwischen den Lebensformen der Brüder, Thomae, die das Leben der Brüder zu unterschiedlichen Zeiten und in getrennten Abschnitten schildert, will auch keine direkten Vergleiche zwischen den beiden Brüdern ziehen. Aber natürlich setzen sich beim Lesen die Bilder zusammen und man fragt sich: Teilen Mick und Gabriel Erfahrungen, Strategien, hat sie die Kindheit ähnlich geprägt?

Thomae erzählt das alles eher beiläufig, ohne angestrengten literarischen Anspruch. Man gleitet in diesen Roman, wie in einen Wortwechsel, ein zufälliges Gespräch im Café oder im Zugabteil.

Am Ende taucht auch der Vater der Brüder auf: Idris. Mick trifft ihn in einer Bar im Flughafen Paris-Charles-de-Gaulles, einem Transitraum – da, wo die Menschen nur so vorbei rauschen. Ende offen, aber es könnte doch noch zum Familientreffen kommen...

 

 



 

 

21. Sep, 2019

In Gilead, einem fiktiven totalitären Zukunftsland, von Margaret Atwood irgendwo im Osten der USA angesiedelt, haben die Frauen alles verloren, was ein glückliches Leben ausmacht: ihre Selbstbestimmung, ihre Freiheit, ihre Persönlichkeit. Beherrscht von einem patriarchalen Terrorstaat sind sie einem Erziehungsprogramm mit Zwangsheirat und anderen schrecklichen Ritualen ausgesetzt und eingeteilt in Ehefrauen, Marthas (für Küche und Haushalt zurständig) und Mägde.

 

Die Mägde sind die Gebärsklavinnen, die den Machthabern den Nachwuchs bringen sollen. Ein überlebenswichtiger Dienst in diesem Land, nachdem nach einer Umweltkatastrophe kaum noch Kinder geboren werden. Und dann gibt es noch die „Tanten“, die mächtigen Frauen, die das perfide und menschenverachtende Erziehnungsprogramm für Mädchen und Frauen im Alltag durchsetzen.

 

Eine der Heldinnen Gileads, die Magd Desfred, kennen wir bereits aus „Der Report der Magd“, Margaret Atwoods erstes Buch, das von Gilead erzählt. 1985 ist es erschienen und seitdem Kult. Nun liegt die Fortsetzung vor, eine spannungs- und temporeiche Gilead-Insider-Geschichte aus Frauensicht. Drei Heldinnen kommen abwechselnd zu Wort: Agnes, die erst 13 ist und nach dem Tod ihrer Mutter zur Zwangsheirat mit einem der alten Kommandanten ausgesucht wird. Sie widersetzt sich. Mit Hilfe von Tante Lydia, der brutalen Oberbefehlshaberin der Frauen-Knechtschaft im Land. Lydia ist die mächtigste Frau in Gilead. Skrupellos und intrigenreich verknüpft sie alle Fäden, die bei ihr zusammen laufen und lässt uns an ihrem Verrat teilnehmen. Heldin Nr. 3 ist Daisy, 16. Sie hat erfahren, dass ihre Eltern, die bei einem Attentat in Kanada starben, gar nicht ihre Eltern waren. Als Baby ist sie aus Gilead entführt worden. Daisy lässt sich vom Flüchtlingsnetzwerk überreden, als Agentin nach Gilead zurückzukehren.

 

Je enger und feiner Tante Lydia ihr Netz spinnt, umso mehr wird das Buch der kanadischen Schriftstellerin zum Thriller. Kapitel um Kapitel werden Geheimnisse gelüftet und neue Verbindungen hergestellt. Man kann sich dem Gilead-Sog nicht mehr entziehen...

 

Agnes, die inzwischen lesen und schreiben kann – bisher durfte sie nur sticken – begreift allmählich, welche Aufgaben „die Tanten“ haben, eine Zukunft, die sie noch vor sich hat. Zitat: „ Sie eigneten sich Wissen an. Sie schrieben auf, sie warteten. Sie nutzten ihr Wissen, um Ziele zu erreichen, die nur ihnen bekannt waren. Ihre Waffen waren wichtige aber kontaminierende Geheimnisse. Geheimnisse, Lügen, Täuschungen, Verrat. So viel Hass, so viel Macht...“

 

Wie tröstlich und hoffnungsvoll, dass der Befreiungsschlag der Frauen nicht mehr aufzuhalten ist. Sie haben ihr Schicksal selbst in die Hand genommen. Tante Lydia hat die Tür geöffnet.