Hoffnung, Heimat, eine Handvoll Glück

2. Dez, 2021

 

Letty hat geträumt. Von einem Mann, der wie Stephen ausah oder ihm entfernt ähnelte. Mit diesem Mann lag sie im hohen Gras, es war ein heißer Sommer, sie waren jung. Stephen lag ganz nahe bei ihr, doch es geschah nichts...

Als Letty in ihrem möblierten Zimmer aufwacht, erinnert sie sich, dass sie gar nicht weiß, was aus Stephen geworden ist. Ihr Traum hat sie um Jahrzehnte zurückversetzt. Doch was ist seitdem eigentlich geschehen? Nichts Spektakuläres auf jeden Fall. Letty gerät ins Grübeln: „Wie seltsam das Leben doch war, dass es einem so zwischen den Fingern zerrann. “ Als junge Frau hatte sie sich darauf eingesellt zu lieben, sie hatte darin die ihr zugedachte Rolle gesehen, aber die Liebe war ausgeblieben.“

Inzwischen ist sie im Rentenalter, legt Wert auf ihre solide, gepflegte Erscheinung und liest Bücher, die sie in der Bibliothek ausleiht. Ihr Leben ist ziemlich eintönig, vor allem als ihr Plan scheitert, im Ruhestand zu ihrer Freundin aufs Land zu ziehen. Ihre Arbeit im Büro wird sie nur noch ein paar Monate haben. Nicht, dass diese Arbeit sie sonderlich beschäftigt, aber immerhin trifft sie dort täglich ihre Kollegen: Marcia, Edwin und Norman, alle drei – so wie sie –alleinlebend, distanziert und ein wenig schrullig.

Barbara Pym (1913-1980) hat für ihren 1977 erschienenen Roman vier eher passive, unauffällige Menschen ins Scheinwerferlicht gerückt und ihnen im London der 70er Jahre die Hauptrollen zugewiesen. Begegnet man ihnen jetzt zum erstenmal in der Neuübersetzung von Sabine Roth für Dumont, wirken sie in diesen eigensüchtigen Selbstdarstellungs-Zeiten tatsächlich wie aus der Zeit gefallen ...



Barbara Pyms feine Beobachtungsgabe und ihre große Empathie für ihr „Quartett der Einsamen“ verströmt Mitgefühl und Sympathie, das sich schnell auf den Leser überträgt. Der leicht spöttische Unterton, mit dem manch skurrile Situation geschildert wird, bleibt immer liebenswürdig und voller Verständnis für eigenbrötlerisches Verhalten. Marcia sortiert in ihrer von der Mutter geerbten Doppelhaushälfte Tüten nach Größe und hortet leere Milchflaschen; der Assistent der Direktion versteht nicht, was die vier in ihrem Büro eigentlich arbeiten (der Leser auch nicht), aber sie trinken zwischen dem Papierkram und irgendwelchen Akten Tee und Pulverkaffee miteinander und teilen ihre kleinen Alltagssorgen.

Von Marcia weiß man, dass sie eine schwere OP bewältigt hat und seitdem von ihrem behandelnden Arzt schwärmt. Edwin kennt sich aus in Kirchengeschichte und im Kirchenjahr, besucht reihum Gottesdienste und Andachten und tauscht sich – bei einem guten Glas – mit Father G. über kirchliche Ereignisse aus. Der etwas nörgelige Norman wird Weihnachten mit seinem Schwager Truthahn essen, obwohl er ihn eigentlich gar nicht mag. Familienpflichten.



Also, es passiert nichts Außergewöhnliches, und die Vier werden auch nicht beste Freunde, aber sie denken aneinander und sorgen sich manchmal um den anderen. Vor allem um Marcia, die ein wenig wirr zu werden scheint und nicht genug isst. Plötzlich kommt es ihnen nicht mehr „anmaßend“ vor, nach ihr zu sehen, nachdem man in all den Jahren zuvor private Kontakte über den Büroalltag hinaus vermieden hatte. Manchmnal kommt jetzt auch das Gefühl auf, vielleicht im Leben das eine oder andere verpasst zu haben. Und so ist es stimmigt, dass zum Schluss etwas aufflackert, dass einen möglichen Neuanfang, eine neue Entscheidungsfreiheit aufzeigt. Letty ist überrascht und glücklich, zu sehen, „welch endlose Möglichkeiten zur Veränderung das Leben auch jetzt noch bereithielt.“

Es tut gut, diesen englischen Klassiker, einen von Barbara Pyms dreizehn Romanen, wieder oder neu für sich zu entdecken.



 

 

 

20. Okt, 2021

 

Constanze Neumann hat ihrer Familie ein literarisches Denkmal gesetzt. Hat ihre wechselvolle Geschichte mit Leben erfüllt, hat Daten und Zahlen zusammengetragen und den Menschen ihrer Familie eine Stimme gegeben. 150 Jahre ging sie zurück, bis 1864, recherchierte, sprach mit Historikern, mischte die Fakten mit Fiktion und füllte die emotionalen Lücken. „Dieses Buch – so schreibt sie in ihrem Nachwort – ist ein Roman, dem reale Figuren und Ereignisse zugrunde liegen... viele Fakten und Zahlen stammen aus einer Familienchronik, ein Auftragswerk, geschrieben 1936, bestimmt für den engsten Kreis der Familie, die sich zu zerstreuen begann.“

 Die Chronik berichtet von Fabriken in Schlesien und England, von Stoffhandlungen in Leipzig und Berlin, von Kaufleuten, Politikern und Kunstsammlern. Aber es gab keine Geschichten über die Menschen, nichts über die Schicksale, die sich hinter den Fakten verbargen? Wie verlief ihr Leben, was prägte sie, was spornte sie an, was ließ sie scheitern?

Von ihrem Großvater weiß die Autorin, dass er aus einer großen Familie stammte und dass alle Onkel und Tanten, Cousinen und Cousins Deutschland während der Nazi-Zeit verlassen hatten. „Sie waren nicht zurückgekehrt. Ihr Leben ging anderswo weiter. Ihre Spuren hatten sich verloren.“

 Entlang der Fakten und Fundstücke hat die Autorin nun die Fäden verknüpft und ihrer Familie, der Familie Reichenheim, ein neues Leben, eine neue Familiengeschichte „erschrieben“. „Es könnte sich so zugetragen haben“, mutmaßt sie, „aber auch ganz anders ...“ Aber es liest sich so schlüssig und überzeugend, als sei es die Wahrheit, so viel Einfühlungsvermögen, so viel Nachdenklichkeit, so viel Recherche und berührende Szenarien hat Constanze Neumann in ihre Spurensuche fließen lassen.

 Zwei sehr gegensätzliche Frauenfiguren rückt sie in den Mittelpunkt ihres Buches: Anna und Marie Reichenheim. So mischen und ergänzen sich, spannungsreich, zwei Sichtweisen auf das familiäre Geschehen. Marie ist Annas Schwiegertochter, hätte sie sie jemals als solche anerkannt. Und Marie ist die Ehefrau von Heinrich Reichenheim, der sich nicht um die Konventionen seiner großbürgerlichen, jüdischen Familie scherte. Er heiratet Marie, ein einfaches Mädchen, Garderobiere im Berliner Varieté "Wintergarten". Die Familie ist entsetzt, es kommt zum Bruch. Anna wird nie wieder mit ihrem Sohn Heinrich sprechen. Heinrich Reichenheim war der Urgroßvater der Autorin. Er wird 1943 nach Auschwitz deportiert und im KZ ermordet.

 Der Aufstieg der Familie beginnt 1864 mit Annas Vater: Isidor Eisner, Stoffhändler. Er hat es aus dem jüdischen Schtetl in Oberschlesien nach Leipzig geschafft. Seine Geschäfte laufen gut, er knüpft Kontakte nach Berlin, zu dem Großindustriellen Louis Reichenheim. Tochter Anna liebt das Stoffkontor, die Lagerhalle mit den Tuchballen, die Farben, die Muster, die unterschiedlichen Qualitäten. Sie weiß, woher die Stoffe kommen und wohin sie gehen – und am liebsten erspürt sie die Stoffe mit den Händen. Eigentlich wäre sie die Richtige für den Stoffhandel gewesen, nicht ihre Brüder. Etwas, wovon eine Frau in dieser Zeit nur träumen kann. Für Anna ist eine andere Rolle vorgesehen. Sie heiratet in die Reichenheim-Familie, ein großer gesellschaftlicher Aufstieg. Zur Jahrhundertwende führt sie ein großbürgerliches Haus in Berlin und fühlt sich wohl in diesem gehobenen Leben. Nur Sohn Heinrich macht ihr Kummer: Er scheint ziellos, verantwortungslos, ein großer Junge, der nichts Ernst nimmt. Er hat die falschen Freunde und verspielt Unmengen an Geld. Schließlich wird ihm im Testament sogar der Pflichtteil entzogen – wegen seines unsittlichen Lebenswandels. Damit meint man Marie, das einfache Mädchen.

Heinrich wird später in die USA auswandern, Marie nachholen und sie heiraten. Zu Zeiten der Weimarer Republik kehren die beiden nach Deutschland zurück, führen ein einfaches Leben, sind aber eng miteinander verbunden und haben glückliche Momente. Auf dem Rummelplatz fahren sie „Wellenflug“, ein Fahrgeschäft aus Überssee, das sich nicht nur dreht, sondern auch schnelle Wellenbewegungen macht. Auf und Ab wie ihr Leben. Da denkt Marie noch, dass es wohl richtig gewesen sei, die USA zu verlassen.

Marie holt Heinrichs unehelichen Sohn in die Familie, zieht ihn als ihren Sohn auf. Sie hat sich immer Kinder gewünscht. Einmal versucht Marie, zu ihrer Schwiegermutter Anna Kontakt aufzunehmen. Sie zieht dem kleinen Heinz den feinen Matrosenanzug an, fährt zur Reichenheim-Villa und lässt sich melden, wartet lange und wird dann doch abgewiesen.

Der kleine Junge im Matrosenanzug ist Constanze Neumanns Großvater. Sie erinnert sich an ihn. „Das Leben geht weiter“, hatte er ihr gesagt. “ Am 26.März 1943 haben sie meinen Vater, deinen Urgroßvater, abgeholt. Und fast auf den Tag genau dreißig Jahre später bist du zur Welt gekommen. Das Leben geht weiter...“

Der Großvater hat ihr einiges aus der Familie erzählt, und als er starb, kamen „ein paar Dinge zu den Erinnerungen“. Eine Kopie der schon erwähnten Familienchronik zum Beispiel und das Foto eines Ölgemäldes von 1881, das eine junge Frau im weißen Ballkleid zeigt. Es ist ein Bild von Anna Reichenheim, der Großmutter, die ihren kleinen Enkelsohn nicht kennen lernen wollte.



 

 

16. Okt, 2021

Herr Schmidt kann weder Kaffee kochen, noch weiß er, wie man Pellkartoffeln macht. Auch das Auftauen der tiefgefrorenen Fleischklößchen-Suppe ist für ihn ein Problem. Und was der Schäferhund mit Namen „Helmut“ frißt – darum hat er sich nie gekümmert. Wieso soll er das Hackfleisch für das hungrige Tier eigentlich anbraten?

Der Rentner, seit 52 Jahren verheiratet, hat sich seit Jahrzehnten von seiner Frau Barbara in Haus und Küche bedienen lassen. Aber nun? Seine Frau ist im Badezimmer gestürzt und liegt halbseitig gelähmt im Schlafzimmer. Die Folge: „Er, Walter Schmidt musste jetzt Barbara sein, für sich selbst und für Barbara.“

 Bestsellerautorin Alina Bronsky lässt uns teilhaben an der Entwicklungsfähigkeit eines alten Macho-Mannes, der gezwungermaßen kochen lernt – was er im TV einem dicklichen Mann mit Schürze abschaut – und ganz nebenbei immer mehr über sich hinauswächst und sich eine langsam anwachsende Portion Menschlichkeit und Empathie gestattet. Bronsky („Der Zopf meiner Großmutter“) verbreitet da eine tröstliche Buch-Botschaft, unterhaltend verpackt und mit einem Klacks Ironie garniert: Es ist nie zu spät, Vorurteile und schlechte Gewohnheiten abzulegen oder falsche Entscheidungen zu korrigieren.

 Zuerst einmal holt Walter für seine Barbara einen ordentlichen Kaffee to go beim Bäcker.... Dann lernt er den Umgang mit Kaffeebohnen, Griesbrei kochen und Sandkuchen backen, schaut Koch-Videos, chattet mit dem Fernseh-Koch – und gewinnt bei allem Tun die späte Einsicht, dass seine Barbara eine „perfekte Frau“ ist. Kein Vergeich mit anderen Frauen...

 Je mehr sich Walter kümmert und kocht, umso mehr staunen auch seine erwachsenen Kinder, der Bekanntenkreis, sein näheres Umfeld. Der alte Mann hat ja plötzlich Augen und Ohren für seine Mitmenschen – er zeigt Gefühle. Eine Entwicklung, die alle überrascht und erfreut. Seine Frau Barbara greift jetzt manchmal nach Walters Hand und behauptet, er könne inzwischen besser kochen als sie. Barbara isst kaum noch etwas, Walter backt Nusskuchen und Rüblikuchen, wegen der Vitamine.

Aber es bleibt noch mehr zu tun. Und endlich stellt sich Walter Schmidt auch der bittersten Entscheidung ihrer gemeinsamen Vergangenheit: „Ich weiß, dass du mich hasst“, sagt er Barbara, „aber was hätte ich damals anders machen sollen?“

 

3. Sep, 2021

Jetzt weiß ich: Ich habe wirklich ein neues Leben geschenkt bekommen... und endlich bin ich mit dem richtigen Menschen zusammen und freue mich darauf, ihn kennenzulernen: mich selbst.“ 

Es dauert mehr als 400 Seiten und eine Albtraum-Story lang, bis Antonia (Toni) Petzold zu dieser klaren Erkenntnis kommt. Hinter ihr liegt eine bedrohliche Zeit, in der sich ständig Verwirrendes ereignete, sich Geheimnisse offenbarten und sie in labyrinthische Fallen stolperte. Sie war Opfer eines perfiden Spiels geworden – und wäre fast daran zugrunde gegangen.

 Alles beginnt mit einer Transplantation, nach der Toni, die bei einem Unfall ihr Augenlicht verloren hatte, wieder sehen kann. Beide Hornhäute sind ausgetauscht worden, binnen zehn Tagen war eine Spenderin gefunden worden – wie Toni später erfährt, war es eine junge, talentierte Malerin. Seit der OP fremdelt Toni mit sich. Schaut sie sich im Spiegel an, hat sie manchmal das Gefühl, eine Fremde blicke sie an. „Als schaue jemand zurück, der nicht sie war“. Leidet sie unter Schuldgefühlen? Sie wurde geheilt, ein anderer Mensch musste sterben. Sie schläft schlecht, hat Albträume, Panikattacken.

Sie haben vielleicht in ihrer Kindheit eine frühes Trauma erlebt, das fragmentiert abgespeichert wurde und nun stückchenweise hervorbricht. Wie falsch abgespeicherte Puzzleteile“, erkärt ihr Arzt. Doch davon will Toni erst mal nichts wissen.

 Sie hat inzwischen den Kontakt zu einer Clara Mertens in Frankfurt aufgenommen, der Mutter der toten jungen Frau, der sie ihre neue Sehkraft verdankt. Susanne hieß sie, Zsazsa genannt, und bald wird Toni in Zsazsas Leben eindringen als wäre es jetzt das ihre – und eigentlich ihr wahres Leben. Auch zu Clara, der Mutter der Toten, verspürt sie mehr Nähe als zu ihrer leiblichen Mutter, die sie Brigitte nennt. Die Beziehung ist eher kühl und distanziert.

Plötzlich stellt Toni mit Leidenschaft und Eindringlichkeit sich und ihrer Umgebung neue Fragen. (Oder sind es Zsazsas hartnäckige Fragen an ihre reiche Familie?) Dazu quält sie ein ständig wiederkehrender Albtraum. Und sie hat ein paar Ungereimtheiten in ihrer Kindheit ausgemacht, die weitere Fragen aufwerfen. Fragen, die ihre Eltern nicht beantworten wollen. Erst, als sie – auf Spurensuche – durch die Zimmer ihrer Kindheits-Wohnung streift, kommt die Erinnerung zurück. Tonis Trauma offenbart sich. Sie ist befreit.

 Die Berliner Schriftstellerin Dinah Marte Golch, als Drehbuchautorin (Tatort-Krimis) mit dem Adolf-Grimme-Preis ausgezeichnet, hat mehr als 50 Krimi-Drehbücher und einige Kriminalromane geschrieben. Sie weiß, wie man Spannung schürt und hält, seelische Falltüren öffnet und schließt, Themenstränge raffiniert miteinander verbindet und wie man temporeich die Puzzleteilchen zusammenfügt und die Lösung „eines schwierigen Falles“ präsentiert. Mit diesem Buch hat sie eine Akte mit sehr fesselndem Inhalt geschlossen!

 

31. Aug, 2021

Rettungen waren in gewisser Weise meine Spezialität. In der Pubertät hatte ich gelernt, mich in eine Phantasiewelt zu flüchten. Dort kreierte ich mir einen eigenen Retter: ein männliches Wesen mit weiblichen Charakterzügen. Eine Mischung aus väterlicher Kraft und mütterlicher Zärtlichkeit. Einer, der auf jede schwierige Frage eine Antwort wusste... Diesen Mann meiner Phantasien wollte ich heiraten.“ Und was macht die Ich-Erzählerin in Bontschevas Debütroman stattdessen? Sie heiratet Sergej, weil „in dessen Blick eine Mischung von Weltschmerz und Arroganz schimmerte“. Damals, als sie Sergej von Baltschik nach Ost-Berlin folgte, fand die bulgarische, stets emotional überreagierende Studentin diesen Blick unwiderstehlich... Aber sie liebt ihren Mann nicht.

Ein paar Jahre später lässt sie sich von ihrem russischen Liebhaber Michail die Finger küssen. Mit ihm werden ihre Träume für kurze Zeit wahr, doch dann stürzt sie wieder ab in die Realität: Michail liebt Wodka, bewundert (auch am Ende der 90erJahre) immer noch Stalin und hält beim Essen das Besteck falsch. Mit so einem kann es keine Zukunft geben...

Wahrscheinlich hatte Großmutter Denka, die ihre Lebensweisheiten großzügig an die Familie verteilt, recht, als sie ihrer Enkelin riet: „Von den Interessanten soll man die Finger lassen, man soll einen heiraten, der gut kochen kann...“

Das neue Leben in der Nachwende-Zeit in einem Mietshaus in Bremen mit dem Muttersöhnchen Sergej und der kleinen Tochter Sophie ist für die Einwanderin aus Bulgarien schwierig. Sie fühlt sich fremd, unverstanden, verliert den Halt. „Ich weinte, weil sich mein Leben wie eine zu heiß gewaschene Wollmütze anfühlte.“

Als ihr Vater, angesehener Arzt in der bulgarischen Hafenstadt Baltschik, stirbt, reist sie zurück in ihre Heimat. Über Baltschik am Schwarzen Meer erfahren wir: „Über allem lag ein hauchdünner Schmerz. Die Schönheit von Baltschik ist keine heitere. Die Schönheit von Baltschik ist weise und irgendwie dramatisch. Die Schönheit von Baltschik bricht einem das Herz.«

Die Ich-Erzählerin beschließt, ihr Leben zu ändern. Sie will endlich verstehen und verstanden werden. Deshalb taucht sie ein in die vielschichtige und dramatische Geschichte ihrer Familie – vor allem  in der Zeit des kommunistischen Bulgarien, setzt sich mit ihren Prägungen und Verletzungen in der Kindheit auseinander und richtet den Blick auf die starken Frauen ihrer Familie. Sie ist immer noch auf der Suche nach einem Lebensrezept gegen Kälte und Einsamheit, aber sie weiß jetzt – und lässt es auch zu – wie unentrinnbar sie eingebunden ist in ihre Familie. „Du bist zu weit weg, Kind. Deshalb musst du dich selbst suchen. Hier in Bulgarien wüsstest du, wer du bist...“ tröstet Großmutter Denka.

 Bontscheva, im bulgarischen Varna geboren, hat in Berlin Germanistik studiert, lebt heute mit ihrer Familie in Bremen. Für „Die Schönheit von Baltschik ist keine heitere“ hat sie einen „unverkrampften Zugriff auf die eigene Lebensgeschichte“ gewagt“ und dafür auch ein Autorenstipendium des Bremer Literaturkontors bekommen. „Identitätsfindung im Wechselspiel zwischen zwei Kulturen, die großen Themen wie Heimat, Migration und Selbstbehauptung als Einwanderin“ überzeugten die Jury, und man betont „die trotzige Frechheit der Darstellung“. Hinzuzufügen ist: die ungeschönte Aufrichtigkeit (die sich auch nicht um political correctness schert), die Wärme, der Humor und der menschenzugewandte Blick. Und auch der versöhnliche Schluss nach 400 Seiten Lesevergnügen klingt nach Aufbruch und Zukunft: „In meinem Inneren perlte und sprudelte es. Ich musste nicht länger das entsetzliche Gefühl bekämpfen, ungeliebt zu sein. Ohne Wert und ohne Bedeutung. Nicht liebenswert.“ Die Ich-Erzählerin hat sich selber gerettet, sie ist „angekommen“, sowohl in Baltschik wie in Bremen.