5. Dez, 2016

Mascha Kaléko: Das lyrische Stenogrammheft, dtv

Das lyrische Stenogrammheft war 1933 der erste große Erfolg der Lyrikerin Mascha Kaléko (1907-1975), die zu den großen deutschsprachigen Lyrikerinnen des 20. Jahrhunderts gehört. Neben Hilde Domin, Marie Luise Kaschnitz, Nelly Sachs, Else Lasker-Schüler. In ihren Großstadtgedichten setzt sie dem alten Berlin ein literarisches Denkmal, und diese Gedichte, die die alltäglichen, einfachen Dinge wie Schnupfen und Tarifgehälter aber natürlich auch die großen Gefühle wie Liebe und Verlorensein behandeln, haben auch fast 100 Jahre nach ihrem Entstehen nichts von ihrem Reiz eingebüßt:

Bei schönem Wetter reise ich ein Stück

Per Bleistift auf der bunten Länderkarte

- An stillen Regentagen aber warte

Ich manchmal auf das sogenannte Glück...

So lauten vier Zeilen aus dem „Interview mit mir selbst“, eingängig, aufrichtig und klar, gewitzt und melancholisch. Schön, dass es diese kleine, feine Neuausgabe gibt, die zum Lesen, Wiederentdecken und Sich daran Freuen einlädt.  Weitere Beispiele, die Lust auf Mehr machen: 

Der Tag hat seine Schuldigkeit getan:

Nur eine Handvoll Glück. Das ist zertreten.

Nun schleppt die Nacht mir die Gedanken an

Und müde Träume, die ich nie erbeten.

Oder:

Man lernt sich irgendwo ganz flüchtig kennen und gibt sich irgendwann ein Rendezvous. Ein Irgendwas, – ’s ist nicht genau zu nennen – Verführt dazu, sich gar nicht mehr zu trennen. Beim zweiten Himbeereis sagt man sich ›du‹.