22. Aug, 2017

Anja Goerz: Wenn ich dich hole, dtv

Spannende Unterhaltung auf 250 Seiten, ein Thriller, der die Ängste aller Eltern aufgreift, die in einer Ausnahmesituation um ihr Kind bangen. Was tun, wenn ein Neunjähriger anruft, der allein im Haus ist. Verwirrt, weil Mutter und Oma noch nicht vom Einkaufen zurück sind, seit Stunden wartet er auf sie. Ängstlich, weil draußen ein Schneesturm tobt. Und dann hat der Kleine – Lewe heißt er – plötzlich das Gefühl, dass er in dem abgelegenen Haus in der weiten Landschaft Nordfrieslands nicht allein ist. Er ruft den Vater an, der zurück von einer Dienstreise aus dem Ausland erwartet wird: „Papa, wann kommst du nach Hause...?“ Der erste Anruf erreicht den Vater in Heathrow. Er sitzt dort fest, sämtliche Flüge sind wegen einer Unwetterwarnung gestrichen. Bendix Steensen versucht, seine Frau auf dem handy zu erreichen, keine Verbindung, er mobilisiert die örtliche Polizei, ruft Freunde an – und gerät immer mehr in Panik. Es kann noch Stunden dauern, bis er in Niebüll bei seinem Sohn ist. „Papa, es ist jemand im Haus, ich bin ganz sicher...“ hat sein Sohn ganz leise beim letzten Anruf ins Telefon gehaucht. Ein kleiner Junge in großer Gefahr, eine Familie, die von den Schatten der Vergangenheit eingeholt wird. Geschickt verknüpft Autorin Anja Goerz die Erzählebenen. Wir erfahren, warum Mutter Insa und Oma Grete von ihrer Einkaufsfahrt nicht zurück kommen konnten, wir hören von Henrike, ihren Verletzungen, ihren Wahnvorstellungen. Man fiebert und leidet mit bis zum tröstlichen letzten Satz: „Ganz bestimmt würde alles gut werden.“