31. Okt, 2017

Ulrich Woelk: Nacht ohne Engel, dtv

 Auf 223 Seiten, so war schon nachzulesen, umfasse dieser Roman „erstaunlich viel Inhalt“  und weise „viel Fantasie und Sinn für die Radikalität der Realität« auf. In der Tat – es geht hier um die Themen im Leben, die uns alle betreffen, darum, wie wir leben und wen und wie wir lieben. Und welche Freiheit wir haben, unsere Lebens-Entscheidungen zu treffen.

An einer Stelle, genau auf Seite 217, heißt es “Wir müssen alle irgendwann erkennen, dass wir uns mit unseren hochgegriffenen Theorien vom wahren Leben geirrt haben... Wir alle haben uns für die schlauesten und aufrichtigsten Kämpfer für das Gute und Gerechte gehalten, und was ist dabei herausgekommen?“

Es geht um die Lebensideale, um die persönlichen Lebensentwürfe, um die richtigen oder falschen Entscheidungen, die man glaubt zu treffen. Um Freiheit, die man verteidigt, um Zwänge, die man freiwillig eingeht, um das Wettrennen, um Sieger und Verlierer. Ist es wirklich unsere eigene Entscheidung, wie wir unser Leben gestalten? In Wahrheit trifft sie das Leben. 

Es geht auch um eine wunderbare, zärtliche Liebe eines Vater zu seiner Tochter, bei der er sich am Ende aber doch fragt, ob er nicht alles falsch gemacht hat, ob die Geschichte seiner Vaterschaft nicht doch ein Desaster geworden ist.

Und es geht um die Liebe, die man in der Jugend erlebt. Um Jule und Vincent, die sich nach 25 Jahren per Zufall wieder treffen und deren Leben nicht unterschiedlicher sein könnte. Im Interview meinte Ulrich Woelk, „eine Liebe, die man in der Jugend erlebt, ist eine ungeheuer intensive Erfahrung, und wenn sich das Leben später etwas beruhigt, kann es passieren, dass man sich nach der Intensität dieser Jahre zurücksehnt. Vielleicht sind Jugendlieben deswegen eine Art Mythos. Und die Illusion, man könnte noch einmal in die Vergangenheit zurückkehren, entwickelt eine gewaltige Kraft.“

Auch der Friedensengel auf der Berliner Siegessäule – so kann man es schon dem Buchcover entnehmen – hat eine tragende oder besser schwebende Rolle in diesem Roman. Die Siegessäule wird so etwas wie ein Schicksalsort für Vincent.