23. Dez, 2017

Juli Zeh: Leere Herzen, Luchterhand

Juli Zeh beschreibt in ihrem neuen Roman eine sehr düstere Vision in naher Zukunft, im Deutschland von 2025. Die BBB, Bewegung Besorgter Bürger, bestimmt die Politik und ist dabei, die Demokratie auszuhöhlen und Schritt für Schritt abzuschaffen. Was aber keinen besonders interessiert, die Zeiten, als Wahlkreuze aus Überzeugung oder sogar mit Leidenschaft gemacht wurden, sind vorbei. Sinnleere und Orientierungslosigkeit haben sich breit gemacht. „Politik“, sagt Britta, die Hauptfigur in "Leere Herzen", ist "wie das Wetter": "Sie findet statt, ganz egal, ob man zusieht oder nicht, und nur Idioten beschweren sich darüber."

Britta, Ende 30, verheiratet und Mutter einer Tochter, hat zusammen mit Babak, einem früheren Patienten in ihrer Psychotherapie, "Die Brücke" gegründet, offiziell eine Praxis für "Selbstmordprävention", inoffiziell eine Firma, die Kandidaten für Selbstmordattentate vermittelt.

Das Geschäft mit dem Tod boomt, denn Selbstmord gehört inzwischen zum Alltag, die Zahlen steigen dramatisch. Britta und Babak übernehmen für ihre Patienten die komplette Suizid-Logistik - Regelung persönlicher Angelegenheiten, Planung und Durchführung mit hundertprozentiger Erfolgsgarantie und eröffnen ihnen außerdem die Möglichkeit, ihr Lebensende in den Dienst einer höheren Sache zu stellen. Die Kandidaten weinen vor Glück bei diesen Aussichten, und Britta und Babak sind mit diesem Geschäftsmodell reich geworden.

Ihre Kunden: Radikale Umweltorganisationen und IS-Kämpfer, die sich freuen, dass ein Mensch bereit ist, sein Leben für ihre Ziele einzusetzen. „Die Brücke" ist Marktführer. Gewissensbisse? Keine Spur. "Wenn es uns nicht gäbe, dann wäre das eben so chaotisch wie es noch vor 15 Jahren war, wo irgendwelche Verrückten in Menschenmengen rein gerast sind, wir machen das jetzt ganz ordentlich", sagt Britta. Sie hat längst den Glauben an eine bessere Zukunft verloren, Politik ist für sie eine zynische Angelegenheit, für Engagement oder wie sie sagt „Gutmenschentum“ hat sie nur Verachtung übrig. Ihre Einstellung ändert sich erst, als „Die Brücke“ plötzlich Konkurrenz bekommt...

Juli Zehs Gesellschaftsvision ist als Warnung zu verstehen: vor leeren Herzen, die Menschen ohne Überzeugungen und Glauben in einem sinnlosen Leben zurück lässt. Und sie ist ein Aufruf: die Gefährdungen der Demokratie ernst zu nehmen, Position zu beziehen, die Demokratie zu schützen. Zu begreifen, wie zerbrechlich unser Leben in Frieden und Wohlstand ist. Provozierender Stoff zum Nachdenken ist das allemal, temporeich und packend aufbereitet ebenfalls. Aber, manches bleibt ohne Tiefenschärfe, ein wenig holzschnittartig und wirkt konstruiert.