28. Mrz, 2018

Karolien Berkvens: Zimmermanns Stunde, Droemer Knaur

 

Der Junge, nicht älter als 17, hatte ihn gefragt, „Wissen Sie, wie spät es ist“? Zimmermann hatte den Jackenärmel hoch geschoben, auf die Uhr geblickt, die er von seinem Vater geerbt hatte, und geantwortet “Zehn vor halb elf“ . 

Sekunden später liegt Zimmermann bewußtlos auf dem Gehweg, zusammen geschlagen, die Uhr, die ihm so viel bedeutet, gestohlen. Zimmermann verkriecht sich in sein Haus, er fühlt sich weiter verfolgt, er ist sicher, der Junge wird noch einmal kommen. Der Übergriff hat seinen inneren Schutzwall zerstört, den er über Jahre aufgebaut hatte.

Am Tag des Überfalls war er aus dem Schuldienst verabschiedet worden, vier Jahrzehnte lang hatte er alle Stundenpläne seiner Schule koordiniert, ein Berufsleben im Fünfzig-Minuten-Takt. Nun nach dem Verlust des Zeitmessers und der bisherigen Aufgabe, die Zeit täglich sinnvoll zu strukturieren, bricht Zimmermanns Leben langsam auseinander. Erinnerungen kommen hoch, an seine früh verstorbene Frau Lucy, ihr alltägliches Glück mit dem Jungen. Doch noch mehr beherrscht ihn die Angst. Lauert der Junge, der ihn überfallen hat, nicht schon im Garten? Sein Sohn und auch die Polizei beruhigen, nehmen ihn aber nicht Ernst. Zimmermann taucht ab, er verbarrikadiert sich im Haus...

Das Draußen kennt er besser als ihm lieb ist. Aber jetzt hat er ja seinen Ausguck. Hier kann er bis in alle Ewigkeit stehen bleiben. Wie lange dauert es wohl, bis er umfällt? Fällt er dann durchs Fenster nach unten? Und ist er dann tot? Oder wird er wieder Glück haben? ...“

Karolien Berkvens Debütoman über einen älteren Mann, der nach einem großen Verlust eine neue Überlebensstrategie finden muss, benennt eindringlich ein gesellschaftliches Problem: die Einsamkeit, die Vereinzelung. Berkvens, Theaterwissenschaftlerin und Literaturbloggerin: „Um Einsamkeit erfolgreich zu bekämpfen, braucht es weitreichende gesellschaftliche Umbrüche.“