25. Aug, 2018

Karin Nohr: Stummer Wechsel, Grössenwahn Verlag

„Stummer Wechsel", so erklärt die Autorin, "nennt man eine Technik beim Klavierspielen: Um eine weiter entfernte Taste zu erreichen, tauschen zwei Finger unhörbar auf einer Taste ihren Platz.“ In Karin Nohrs Buch tauschen die Protagonisten Kapitel um Kapitel ihren Platz und werden zum Erzähler, schildern ihre Sichtweisen und Emotionen und bringen die Handlung ein Stück weiter voran. So entwickelt sich ein facettenreiches Gesamtbild, das von großer Empathie und tiefer Menschenkenntnis geprägt ist.

Dass die Autorin lange Jahre als Psychoanalytikerin gearbeitet hat, bevor sie sich ganz dem Schreiben widmete, ist ein „Eigenkapital“, das ihre Figuren überzeugend macht. Es sind Melissa Dreyer, die sehr engagierte Direktorin eines Berliner Gymnasiums, der charismatische Chorleiter Herbert Michaelis, dessen Leben von einem Kindheitstrauma überschattet ist, außerdem die toughe Schulsekretärin Anja Miljes, ein liebeslustiger Schulrat und Marie, Tochter aus gutem Hause, die am Günderrode- Gymnasium ihr Referendariat absolviert und Bewegung ins Spiel bringt. Immerhin hat der umschwärmte Chorleiter sich für die 15 Jahre jüngere Frau entschieden und sich von seiner Seelenfreundin Melissa entfernt. Melissa verläßt den Chor und wird einige Zeit später Opfer einer Messerattacke...

Verwicklungen und Verstrickungen genug, um ein fein gewirktes Wechselspiel zu inzsenieren. Karin Nohr gelingt das mit klugen Worten, Gedanken, Kommentaren und klarem Stil. Ein Zitat:„ Sie hatte stumm aufgenommen, was Anja über Herbert ausbreitete. Ein Schaf war sie gewesen. Ein Huhn. Anja Miljes eine Spinne, die jeden so lange einkreiste, bis er im Netz zappelte. Bis sie ihm sein Geheimnis aussaugte, das sie dann vor anderen ausspuckte. Schau her, was ich weiß, schau her, wer ich bin. Eines Tages wäre Melissa dran gewesen. Auch davor hatte sie der Messerstecher bewahrt.

Samira, Manfred, Jürgen. So weit so gut. Soweit die dünnen Seelenfäden eben reichten...“