29. Aug, 2018

Alexander Münninghoff: Der Stammhalter, C.H. Beck

Eine Familiengeschichte über drei Generationen – vom geschäftstüchtigen, cleveren Großvater bis zum „Stammhalter“, an dem sich alle Hoffnungen und Wünsche festmachen. Der Stammhalter, 1944 zwischen Bombenangriffen in Posen geboren, ist der Enkel Alexander, in Kindertagen Bully genannt. Alexander Münninghoff, Journalist, Auslandskorrespondent, Kriegsberichterstatter, hat die Geschichte seiner eigenen Familie zwischen Riga und Den Haag aufgeschrieben, ein pralles Stück Leben voller Leidenschaften, Dramen, Fehlentscheidungen, Abenteuer. 100 Jahre über den Niedergang einer Familie im 20. Jahrhundert, angesiedelt im deutsch-baltischen Adel und in der niederländischen Hochfinanz.

Großvater Joannes macht Geschäfte im großen Stil, sehr geschickt und intelligent, immer vorausschauend, hat die richtigen Kontakte und wenig Skrupel und häuft so ein Vermögen an. Sein Sohn Frans verirrt sich zur Waffen-SS und kämpft an der Ostfront; der Vater setzt sich zwei Tage vor Kriegsbeginn mit seiner russischen Frau und vier Kindern nach Den Haag ab. Als Frans Frau, eine Deutsche, mit dem kleinen Alexander, „dem Stammhalter“ nach Deutschland flüchtet, beschließt der Großvater, das Kind zu entführen. Er willl das Beste für den Stammhalter, längst musste er einsehen, dass Sohn Frans nicht zum Erben taugt.

Die Entführung nach Holland verläuft unspektakulär. „Bist du der Bully,“? hatten der Mann und die Frau mit dem roten Auto den Kleinen gefragt. Alexander hatte sofort mit „Ja“, geantwortet. Zitat: „Völlig unbeschwert ging ich mit. Die Frau neben mir öffnete ihre Handtasche, um die Autoschlüssel herauszunehmen, die Schlüssel des roten VW-Käfers, in dem die mir versprochenen Schokoladentafeln liegen... Als ich aufwachte, fühlte ich, dass ich an einen anderen Ort gebracht worden war, ohne es gewollt zu haben.“

Alexander/ Bully ist zurück in der Villa des Großvaters. Für ihn liegen kurze, weiße Leinenhosen, ein blassblaues Hemd und ein paar glänzend braune Lederschuhe bereit. Unten im Garten um den festlich gedeckten Esstisch mit Champagnerflaschen in Eiskübeln sitzt eine Gesellschaft von Damen und Herren. Der Großvater begrüßt den Kleinen: „Da ist er ja endlich, trinken wir auf unseren Stammhalter.“ 18 Jahre später erst wird Alexander seine Mutter Wera wiedersehen.

Alexander Münninghoff hat mit dieser wahren Geschichte eine große Familiensaga geschrieben. Mit schonungsloser Offenheit, in sehr lebendigen Szenen, mit teilweise abenteuerlichen Verwicklungen und Verknüpfungen. Nachdem der Großvater, der„alte Herr“ tot ist, löst sich alles auf, nicht nur Besitz und Vermögen, sondern auch die alten Beziehungen, die mit Hoffnungen und Sehnsüchten erfüllt waren. Ein bewegender Roman.