3. Sep, 2018

Alex Capus: Königskinder, Hanser

Soll ich Dir eine Geschichte erzählen?„ fragt Max. „Eine aus der Gegend hier?“ Max und Tina sitzen in ihrem Auto, eingeschneit auf einem Alpenpass. Keine Chance, weiter zu kommen. Inzwischen ist es dunkel geworden. Sie werden wohl die Nacht hier in dieser Bergeinsamkeit verbringen müssen...

 

Eine wahre Geschichte?“ fragt Tina nach. Selbstverständlich. Und so erzählt Max von Jakob Boschung, einem jungen Mann, der abgeschieden in seiner Melkhütte lebt, dort in den Bergen, wo sie jetzt eingeschneit stehen. Die Alm ist Jakob als einziges nach dem Tod der Eltern geblieben. Jakob versorgt 31 Milchkühe und 19 Kälber, er liebt seine Tiere. Es ist das Jahr 1779 ...

 

Alex Capus erzählt in seinem neuen Roman eine zauberhafte Liebesgeschichte. Jakob, der arme Knecht aus dem Greyerzer Land verliebt sich in Marie, die Tochter eines reichen Bauern. Es wird sehr sehr lange dauern, bis die beiden „Königskinder“ zusammen kommen. Erst als Jakob als Hirte für die Freiburger Milchkühe der Prinzessin Elisabeth nach Versailles beordert wird, darf auch Marie nachkommen. Am Hof Ludwigs XVI. ist man gerührt von dieser Liebesgeschichte...

 

Capus verknüpft die Liebe zwischen den Jahrhunderten. Die lange Nacht von Tina und Max, eingeschneit in den Bergen, mit der langen Zeit des Wartens, in der Jakob und Marie auf ihr Glück hoffen. „Ich wollte,“ sagt Alex Capus, „diese Geschichte auf eine ganz natürliche, intime Weise erzählen – leise und vertraulich ins Ohr flüstern wollte ich meinem Leser die Geschichte, möglichst direkt und intensiv, wie Scheherezade in Tausendundeiner Nacht um ihr Leben Geschichten erzählt. Auch in meinem Roman befindet sich das Heldenpaar in einer existentiellen Notlage und hilft sich mit einer Erzählung durch die Nacht.“

 

Jakob und Marie – es ist wirklich wahre Geschichte. Verbürgt durch Briefe, Tagebücher und Kirchenbücher. Und sie hat eine sehr positive Botschaft.

Capus: „ Die meisten Menschen ahnen heute, glaube ich, dass wir in einer Epoche der Zeitenwende leben. Große Veränderungen stehen uns bevor, das fühlen wir ganz sicher, aber wir wissen nicht, wie die Welt morgen aussehen wird. Ebenso ging es den Menschen am Vorabend der Französischen Revolution. Die Aufklärung hatte den Blick zu neuen Horizonten geöffnet, die alten Feudalregimes waren morsch, gewaltige Kriege und Umwälzungen standen bevor. Und dann war da in diesen Zeiten, in denen kein Stein auf dem anderen blieb, ein Paar wie Marie und Jakob, das gegen alle Widerstände, gegen alle pragmatische Vernunft und gegen jede Wahrscheinlichkeit beisammen blieb. So viel Vertrauen, Beharrlichkeit, Loyalität und Treue finde ich ungemein tröstlich in einer Zeit, in der Ehen schon online übers Internet mit ein paar Klicks geschieden werden können.“

 

Jakob und Marie – ein Liebesabenteuer vor dem Panorama der Weltgeschichte und eingebunden im Hier und Jetzt. Denn auch das streitlustige Paar der Gegenwart, Tina und Max, sieht einem happy end entgegen. Zitat: „Gut möglich, dass in diesem Moment ein einsamer alter Steinbock auf seinem Morgensparziergang oben am Jaunpass anlangte und und hinunter ins Tal schaute... Vielleicht konnte der Steinbock durch die Heckscheibe des Streifenwagens die Hinterköpfe von Tina und Max sehen, die nahe beisammen und einander zugeneigt waren. Na also, dachte er dann vielleicht. Geht doch.“