16. Okt, 2018

Michael Ondaatje: Kriegslicht, Hanser

„Im Jahr 1945 gingen unsere Eltern fort und ließen uns in der Obhut zweier Männer zurück, die möglicherweise Kriminelle waren.“ Was für ein erster Satz, was für ein Beginn für eine atmosphärisch dichte Nachkriegsgeschichte, die auf 320 Seiten immer wieder Fragen aufwirft, sie aber nicht beantwortet. Es gibt keine Gewissheiten und keine Sicherheiten und keine Wahrheiten in diesem Roman, vieles bleibt nebulös und verrätselt, verborgen hinter einer dicken Nebelwand.

Michael Ondaatje, der mit seinem Roman „Der Englische Patient“ weltberühmt wurde, hat hier eine raffinierte Dramaturgie gebaut. Man bleibt gefesselt,versucht, den Geheimnissen mit Spekulation und queren Gedanken auf die Spur zu kommen – und verhält sich schließlich wie Nathaniel, der Ich-Erzähler, der, als die Eltern angeblich für kurze Zeit nach Singapur aufbrechen müssen und ihn und seine ältere Schwester Rachel in London zurück lassen, auch nicht mehr hinterfragt, was da eigentlich im Leben der Familie geschehen ist.

Waren beide Eltern tatsächlich Spione, die für den englischen Geheimdienst arbeiteten? Die Mutter kommt irgendwann zurück, erkärt sich mit dem Satz „Meine Sünden sind vielfältig“ und wird später ermordet. Zwölf Jahre später versucht Nathaniel ein paar Dinge von dem aufzuspüren, was er als Heranwachsender nicht zu deuten wusste. Seine Schwester hat sich emotional zurückgezogen, verurteilt die Eltern und will auch von den wirren Nachkriegszeiten nichts mehr wissen. Die vermuteten Kriminellen, die die verwaisten Kinder in London betreuten, waren übrigens sehr kinderlieb. Zumindest das ist belegt.

Ein Zitat noch aus der Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung:

"Michael Ondaatje fühlt sich als Autor wohl im Dunkel, dort wo unter der Oberfläche des für alle Sichtbaren eine zweite Welt existiert, in der sich seine Figuren bewegen … Wir haben es mit Agenten zu tun. Mit Menschen, die verschlüsselte Botschaften senden. Wenn Ondaatje loserzählt, wachsen seinem Roman Flügel."