15. Jun, 2019

Mario Schlembach: Nebel, Otto Müller Verlag

Vater verstorben. Beerdigung in drei Tagen“ hat die Bestatterin auf den Anrufbeantworter gesprochen. Der junge Mann nimmt den Nachtzug in die Heimat, quartiert sich im verstaubten Elternhaus ein und erinnert sich, wie er seinem Vater, dem Totengräber des Dorfes, früher bei der Arbeit geholfen hat. Totenköpfe waren für ihn immer das faszinierendste, der Leichenwagen, die Aufbahrungshalle, die Totengräberkammer – für ihn ist das alles vertraut. Sein Leben hat er auf Friedhöfen zugebracht. „Die ersten Knochen, die ich auf dem Friedhof sehe, gleichen abgebrochenen Ästen und haben nichts Fürchterliches an sich.“ Auch für den Vater wird er jetzt den Aushub, das Grab, schaufeln, die Bestatterin hat Personalprobleme.

 

Was er denkt, was er tut und was er in der Nacht träumt, erleben wir mit, wissen längst, dass ihm der Tod näher ist als das Leben und dass ihn zwei Geheimnisse davon abhalten, sich in die lebendige Gegenwart fallen zu lassen. Wie Nebel wabern sie durch seine Erinnerungen. Was ist mit seiner Mutter? Was konnte der Vater ihm nicht sagen. Erst ein alter Mann, mit dem er im Wirtshaus trinkt, erzählt ihm von der Vergangenheit. Und plötzlich fragt er sich: „Warum habe ich mich für mein Leben nie interessiert? Stehe ich wirklich so blind vor meinem Leben? Jeden Tag klopft ein anderer Toter an meine Tür, und ich lasse ihn herein. Sie sitzen alle neben mir, und ich finde kaum noch Platz für mich.“ Er legt sich in die Wiese und sieht in den Sternen ein wildes Meer an Bildern. Kann es noch ein Leben für ihn geben?

Du versteckst dich unter einem Berg von Toten, aber hinter all dem, wo bist du?, fragt ihn die Frau, die er damals fluchtartig verlassen hat. Ist es ein Traum, dass sie nun lavendelduftend neben ihm liegt und er “ in ihrer Geborgenheit einschläft, die ihn wie ein längst vergessenens Gefühl ganz und gar umhüllt.“ Das Mädchen von damals, das seine erste Liebe war, hat ihn aufgeweckt. Der Nebel lichtet sich, er kann sagen, warum er vor Jahren ohne Abschied gegangen ist. Die Barrieren sind überwunden, die Geheimnisse gelöst. Der junge Mann verlässt den Friedhof...

 

Mario Schlembachs mitreißender Gedankenstrom über Trauer, Tod, Liebe und Leben endet auf der letzten Seite mit einem Zitat von Ingeborg Bachmann „Aber wie Orpheus weiß ich auf der Seite des Todes das Leben“. Starker Schlußpunkt für einen starken Text, jede Buchseite der Vergänglichkeit gewidmet und geprägt von der Sehnsucht nach Leben. Es lohnt sich das auszuhalten.

Vielleicht sollte man noch wissen: Mario Schlembach ist als Bauernsohn auf einem Aussiedlerhof groß geworden. Der Hof lag neben einem Friedhof. Er hat in Wien studiert u. a. Philosophie und Vergleichende Literaturwissenschaft und nebenbei auch als Bestattungshelfer und Totengräber gearbeitet.