19. Aug, 2019

Jan Christophersen: Ein anständiger Mensch, mare

Es ist eines der ewigen Themen zwischen Mann und Frau, das hier beschrieben wird, auch die Konstellation – zwei Paare in einem Ferienhaus auf einer abgelegenen Insel– ist alles andere als spektakulär. Dass man dennoch in einen Lese-Sog gerät, liegt daran, dass Christophersen weiß, wie man die Spannung hält und die Störungen und Erschütterungen unabwendbar zur Katastrophe verdichtet. Vor allem aber sind Hauptfigur Steen und das ganze Rundum-Szenario mit jenem süffisanten und ironischen Unterton geschildert, der alles aufs unterhaltsamste entlarvt.

 

Steen Friis ist studierter Philosoph und öffentlicher Intellektueller. Sobald die richtige – die anständige – Haltung zum aktuellen Weltgeschehen zur Debatte steht, wird er zitiert. In den Medien, aus seinen Büchern, oder er spricht als Experte in einer Talk Show. Er gilt als Anstandsonkel der Nation. Seine Bücher sind Bestseller, der Autor betont gern „Ich verdiene mein Geld damit, über und für andere Menschen zu schreiben und ihnen Ratschläge zu erteilen, wie man anständig leben kann.“ Um zu schreiben zieht sich Steen oft wochenlang in sein Haus auf einer dänischen Insel zurück. An dem Wochenende, das Steens Weltbild erschüttern wird, warten er und seine Frau auf Freunde, die die Insel mit dem Segelboot ansteuern. Zitat: „Das war er also, der Moment davor. In der Rückschau lässt sich das genau bestimmen. Was sich danach ereignete, war bereits Teil jener Geschichte, die sich zu entspinnen begann. Unserer Geschichte, meiner Geschichte. Keine zwei Minuten sollten noch verstreichen, bis sich das Schiff … hinter der Mole ins Bild schob, an Deck unsere beiden Freunde Ute und Gero, die uns für ein verlängertes Wochenende auf der Insel besuchen wollten.“

 Die vier beginnen ihr gemeinsames Wochenende mit einem Waldspaziergang. Dabei werden Pilze gesammelt. „Ich hab' da eine verrückte Idee“... sagt plötzlich Steens Frau, als sie auf einer Lichtung auf die anderen warten und erinnert ihren Ehemann an ein Versprechen, das sie sich zu Anfang ihrer Beziehung mal gegeben haben. Voller Großmut hatte Steen damals verkündet, dass sie sich beide unbedingt alle Freiheiten nehmen sollten, die sie für nötig erachteten. Das Leben sei kurz, warum sich einschränken, Freiraum für Experimente müsse selbstverständlich sein …

Mit Gero könnte sich an diesem Wochende etwas ergeben, meint Frauke. Und fügt hinzu: „Mit uns hat das nichts zu tun.“

Was bedeutet Anstand in der Liebe? Steen sagt nichts, aber er rast vor Eifersucht und Rache. An der Steilküste, über ihm kreist und kreischt ein Falke, fantasiert er, wie er Gero über die Klippen stößt.

Mit dem Abendessen, die gesammelten Pilze in Butter geschmort, und dem Sex danach zwischen Farnkräutern, beginnt der Horror.

 An diesem Abend wird sich alles ändern, die Lebensumstände, die Beziehungen, die Werteskala verrutscht, selbst der Ort des Geschehens, das schöne Haus auf der dänischen Insel, ist bald verloren. Der „Anstandsonkel der Nation“ fühlt sich schuldig. Wie hatte er doch immer formuliert: “ Wir alle müssen mit dem, was wir tun, leben können...“ Da kann es auch kein Trost sein, dass sich Steen innerlich schon länger von seinen ständigen Erklärmustern verabschiedet hatte. „Mir schien seit längerem alles, was ich öffentlich wie auch privat sagte, nichts als ein Wiederkäuen zu sein, ein ewiges Echo von mehrfach Gedachtem. Die Sache war erledigt, lange schon. Ausgelutscht. Verdaut.“