21. Sep, 2019

Margaret Atwood: Die Zeuginnen, Berlin Verlag

In Gilead, einem fiktiven totalitären Zukunftsland, von Margaret Atwood irgendwo im Osten der USA angesiedelt, haben die Frauen alles verloren, was ein glückliches Leben ausmacht: ihre Selbstbestimmung, ihre Freiheit, ihre Persönlichkeit. Beherrscht von einem patriarchalen Terrorstaat sind sie einem Erziehungsprogramm mit Zwangsheirat und anderen schrecklichen Ritualen ausgesetzt und eingeteilt in Ehefrauen, Marthas (für Küche und Haushalt zurständig) und Mägde.

 

Die Mägde sind die Gebärsklavinnen, die den Machthabern den Nachwuchs bringen sollen. Ein überlebenswichtiger Dienst in diesem Land, nachdem nach einer Umweltkatastrophe kaum noch Kinder geboren werden. Und dann gibt es noch die „Tanten“, die mächtigen Frauen, die das perfide und menschenverachtende Erziehnungsprogramm für Mädchen und Frauen im Alltag durchsetzen.

 

Eine der Heldinnen Gileads, die Magd Desfred, kennen wir bereits aus „Der Report der Magd“, Margaret Atwoods erstes Buch, das von Gilead erzählt. 1985 ist es erschienen und seitdem Kult. Nun liegt die Fortsetzung vor, eine spannungs- und temporeiche Gilead-Insider-Geschichte aus Frauensicht. Drei Heldinnen kommen abwechselnd zu Wort: Agnes, die erst 13 ist und nach dem Tod ihrer Mutter zur Zwangsheirat mit einem der alten Kommandanten ausgesucht wird. Sie widersetzt sich. Mit Hilfe von Tante Lydia, der brutalen Oberbefehlshaberin der Frauen-Knechtschaft im Land. Lydia ist die mächtigste Frau in Gilead. Skrupellos und intrigenreich verknüpft sie alle Fäden, die bei ihr zusammen laufen und lässt uns an ihrem Verrat teilnehmen. Heldin Nr. 3 ist Daisy, 16. Sie hat erfahren, dass ihre Eltern, die bei einem Attentat in Kanada starben, gar nicht ihre Eltern waren. Als Baby ist sie aus Gilead entführt worden. Daisy lässt sich vom Flüchtlingsnetzwerk überreden, als Agentin nach Gilead zurückzukehren.

 

Je enger und feiner Tante Lydia ihr Netz spinnt, umso mehr wird das Buch der kanadischen Schriftstellerin zum Thriller. Kapitel um Kapitel werden Geheimnisse gelüftet und neue Verbindungen hergestellt. Man kann sich dem Gilead-Sog nicht mehr entziehen...

 

Agnes, die inzwischen lesen und schreiben kann – bisher durfte sie nur sticken – begreift allmählich, welche Aufgaben „die Tanten“ haben, eine Zukunft, die sie noch vor sich hat. Zitat: „ Sie eigneten sich Wissen an. Sie schrieben auf, sie warteten. Sie nutzten ihr Wissen, um Ziele zu erreichen, die nur ihnen bekannt waren. Ihre Waffen waren wichtige aber kontaminierende Geheimnisse. Geheimnisse, Lügen, Täuschungen, Verrat. So viel Hass, so viel Macht...“

 

Wie tröstlich und hoffnungsvoll, dass der Befreiungsschlag der Frauen nicht mehr aufzuhalten ist. Sie haben ihr Schicksal selbst in die Hand genommen. Tante Lydia hat die Tür geöffnet.