29. Dez, 2019

Jackie Thomae: Brüder, Hanser Berlin

Die Autorin, 1972 geboren, in Leipzig aufgewachsen, wurde von ihrer Mutter in der DDR allein aufgezogen, ihren Vater, einen Aachener Zahnarzt aus Guinea, hat sie erst 2014 kennengelernt. Thomae erzählt in ihrem Roman – er war auf der short list zum deutschen Buchpreis 2019 - von zwei afrodeutschen Brüdern, die in verschiedenen Welten leben. Mick und sein Halbbruder Gabriel sollen die Frage beantworten, ob Herkunft und Hautfarbe alles bestimmen. Es ist die grundsätzliche Frage, die sich Thomae auch immer noch selber stellt.  Dabei behandelt sie die Frage schwarze Hautfarbe oder weiße Hautfarbe im Buch eher lässig, meist im Hintergrund, über längere Strecken auch gar nicht. Es geht also in Brüder um zwei gleich alte Männer, die denselben Vater haben. Den kennen sie aber nicht und einander kennen sie sich auch nicht. Dieser Vater hat um 1970 in der DDR Medizin studiert und ließ, als er nach Senegal zurückging, in Leipzig und Berlin je eine Frau mit einem kleinen Jungen zurück. So wachsen zwei Jungen als einziges Kind in ihrer Umgebung mit dunkler Hautfarbe auf, beide Mütter sind alleinerziehend und leben in der damaligen DDR.

 Die Brüder könnten als erwachsenen Männer unterschiedlicher nicht sein: Gabriel hat strebsam und kontrolliert eine Karriere in London als Stararchitekt gemacht. Bis er in einer Auseinandersetzung mit einer jungen schwarzen Frau ausrastet und einen shitstorm gegen sich auslöst. Plötzlich steht er als Aggressor und Rassist da – obwohl er doch selber eine dunkle Hautfarbe hat.

 Mick erlebt seine dunkle Hautfarbe als besonders attraktiv. Er ist Partygänger, ein Lebenskünstler. Er schert sich nicht um das Morgen. Er hat eine clevere Frau an seiner Seite, die für beider Wohlleben sorgt. Man erkennt, dass Hautfarbe, Identität, Herkunft nicht ein Thema ist, sondern viele, je nach Umgebung, Zeitstimmung und sozialem Kontext.

Die Pointe des Romans besteht eher im Kontrast zwischen den Lebensformen der Brüder, Thomae, die das Leben der Brüder zu unterschiedlichen Zeiten und in getrennten Abschnitten schildert, will auch keine direkten Vergleiche zwischen den beiden Brüdern ziehen. Aber natürlich setzen sich beim Lesen die Bilder zusammen und man fragt sich: Teilen Mick und Gabriel Erfahrungen, Strategien, hat sie die Kindheit ähnlich geprägt?

Thomae erzählt das alles eher beiläufig, ohne angestrengten literarischen Anspruch. Man gleitet in diesen Roman, wie in einen Wortwechsel, ein zufälliges Gespräch im Café oder im Zugabteil.

Am Ende taucht auch der Vater der Brüder auf: Idris. Mick trifft ihn in einer Bar im Flughafen Paris-Charles-de-Gaulles, einem Transitraum – da, wo die Menschen nur so vorbei rauschen. Ende offen, aber es könnte doch noch zum Familientreffen kommen...