27. Feb, 2020

Dominik Barta: Vom Land, Zsolnay

Dominik Barta stellt seinen Debütroman mit den folgenden drei Sätzen vor: „Die rätselhafte Krankheit der Mutter bringt den Alltag einer Familie ins Wanken. Sämtliche Konflikte, die über dem österreichischen Dorf lasten – die ungewisse Zukunft der Landwirtschaft, der Abzug der jungen Leute, der Zuzug Fremder – schlagen sich innerhalb der Familie Weichselbaum nieder. Mit zunehmender Dringlichkeit wird deutlich, welche Rolle, Zuneigung, Vertrauen, Liebe selbst im profansten Alltag spielen.“ Der Zsolnay-Verlag spricht von einer „vielstimmigen Zeit- und Landdiagnose“ und ist überzeugt, dass die Dringlichkeit des Buches“ auch auf den Leser übergeht“. So geschieht es tatsächlich. Voller Empathie verfolgt man die wachsende Sorge des alten Bauern, der seine Frau Theresa nicht mehr versteht. „Wie konnte sie vier Tage neben dem Kamin liegen wie ein totes Tier? Wie hielt sie es aus, stundenlang aus dem Fenster zu starren, ohne auch nur den Kopf zu bewegen? „… Noch unheilvoller erschien ihm Theresas Stille. „Sie schlief nicht, doch sie sprach auch nicht. Sie brütete dahin...“

Beim Familientreffen der eilends einbestellten erwachsenen Kindern kommt es dann zum Eklat, und nach und nach werden alle seelischen Wunden offenbart. Der jüngere Sohn, der die Rolle des distanzierten Erzählers im Buch übernommen hat, spürt schon beim Eintritt ins Haus, wie ihm „die heimatlichen Wände jegliche Unabhängigkeit rauben“. Er fühlt sich in seinem Weggang bestätigt. Es war richtig, Eltern, Haus und Dorf zu verlassen: „Mir stand zu, Verhältnisse, die ich mir niemals ausgesucht und die mich ein Leben lang gequält hatten, hinter mir zu lassen.“ Max der Ältere toleriert es nicht, dass es Menschen gibt, die die Welt anders sehen als er. Er duldet keinen Widerspruch in seiner fremdenfeindlichen, aggressiven, rechtsradikalen Haltung. 20 junge Flüchtlinge leben im Dorf unter der Obhut von Pater Heinrich, dem Vorsteher des Klosters. Max sieht seitdem „sein Dorf von Islamisten geflutet“. Seine Schwester Fiona plagen Einfersucht und Familienstress. Ihr Mann Fridolin wird von der Familie nicht akzeptiert. Wir erleben also in dieser Oberflächen- Idylle Rassismus, Chauvinismus, Homophobie. Vielleicht ein bisschen zuviel von allem? Wundert es da noch, dass die alte Theresa so nicht mehr leben will und sich verweigert?

Der zwölfjährige Enkelsohn Daniel ist der einzige, der in dieser eskalierenden Welt, in der Wände beschmiert, Reifen zerstochen, Menschen bedroht und verprügelt werden, normal und menschlich bleibt. Er lernt Toti kennen, einen jungen Flüchtling, mit dem er im Wald ein Baumhaus baut. Eine Freundschaft entwickelt sich - ein Zeichen der Hoffnung, das bei all den Konflikten, die Barta in dieses 170-Seiten-Buch hineingepackt hat, aufatmen lässt. „Vom Land“, thematisch ein starkes Debüt, sprachlich nicht immer überzeugend, versöhnt mit einem tröstlichen Ausgang. Zitat: „Wird der Schmerz unerträglich, denke ich jetzt oft an diesen Moment: das Lächeln meiner traurigen Mutter, ihre warme Hand auf meiner Haut und die Sonne in ihrem wunderschönen Gesicht.“