10. Apr, 2020

Thomas Brussig: Die Verwandelten, Wallstein

In einem mecklenburgischen Kaff mit Namen Bräsenfelde geschieht Unerhörtes. Zwei umtriebige Jugendliche, immer auf der Jagd nach coolen Ideen für ihre selbstgedrehten Youtube-Videos, stoßen zufällig im Internet auf die Anleitung, wie sich ein Mensch in einen Waschbären verwandeln kann. Was sie nicht ahnen: dass diesen Unsinn – 1. Beeren essen, 2. durch die Auto-Waschanlage laufen und sich durchwässern lassen – ein drittklassiger Komiker verzapft hat. Und was Phoebe (Fibi) und Aram erstmal überhaupt nicht interessiert: wie denn eigentlich die Rückverwandlung erfolgen soll... Wahrscheinlich haben sie doch nicht dran geglaubt. Kann man ja auch nicht, ist wohl eher eine Lachnummer...

Die Überwachungskamera in der Waschanlage konfrontiert dann schwarz auf weiß mit einer neuen Realität: Am Sonntag, 13. August um 16:59 Uhr nach dem letzten Waschgang sitzen da, wo eben noch zwei klatschnasse Jugendliche standen, zwei possierliche Waschbären. Wahnsinn! Fibi spricht noch wie ein Mensch, Aram versteht noch, spricht aber nicht. Doch sonst sind die beiden waschechte Waschbären. Fibi sollte die nächste Apfelkönigin von Bräsenfelde werden, und Aram, der talentierte Fußballer, freute sich auf ein Probetraining. Waschbären haben da keine Chance. Sind wir in Absurdistan gelandet?

Im Interview erklärt Thomas Brussig ("Helden wie wir" und "Am kürzeren Ende der Sonnenallee"), „Die Verwandelten“ seien einerseits ein fantastischer Roman, weil das Fantastische, das Unerklärliche in den Alltag einbreche. Anderseits sei der Roman auch realistisch, weil wir viel mit heutigen Menschen, mit Zeitgenossen zu tun haben.“ Ziemlich schräge Typen aber auch ganz normale hat Brussig, der amüsante, oft hochkomische Erzähler, dafür aufgefahren. Wie er deren Seelenleben auffächert, wie er deren Geschichten beschreibt und ihre Reaktionen auf den unglaublichen Vorfall einordnet, das ist hintersinnig und feinsinnig und macht richtig Spaß. Und immer mehr beteiligen sich an dem Spektakel, die Gesellschafts- und Mediensatire gerät richtig in Schwung, nachdem Fibis Vater, dem Bürgermeister von Bräsenfelde, klar geworden ist, dass man mit Waschbär-Tochter Fibi eine Weltsensation im Haus hat. Das ist doch eine gute Story, das kann doch vermarktet werden! Das bringt doch sehr, sehr viel Geld. Fibis Mutter hat ganz andere Ahnungen: „Jetzt schlägt die Natur zurück, mit neuen Methoden“.

Natürlich werden wissenschaftliche Untersuchungen gemacht (... Fibi ist von der Identität, vom Selbstverständnis her ein Mensch, wird aber unter bestimmten Voraussetzungen seelisch-mental zu einem Waschbären…), natürlich bekommt Fibi eine eigene Fernsehsendung, auch mit Popstar Ed Sheeran ist sie unterwegs, Bräsenfelde wird Tourismus-Magnet, ein Amphitheater ist im Bau...

Dann stirbt Aram. Fernsehuntauglich hat er nach der Verwandlung im Abseits gestanden. In einer Sommernacht, als er auf dem noch sonnenwarmen Asphalt der Landstraße liegt, wird Aram, der Waschbär, von einem Auto überfahren. Aber – weshalb sollte nicht noch etwas Unbegreifliches geschehen? Vielleicht kommt Aram zurück nach Bräsenfelde? Als das Fußball-Talent, dem eine große Zukunft bevorsteht?