25. Jan, 2021

Olive Schreiner: Die Geschichte einer afrikanischen Farm, Manesse

Es hat ein Unwetter gegeben. So weit das Auge reicht, ist der Boden mit Hagelkorn übersät, die Wolken haben sich verzogen, und über uns tut sich ein tiefblauer Himmel auf. In weiter Ferne ruht ein gigantischer Regenbogen auf der weißen Erde. Wir stehen am Fenster und sehen hinaus, und während ein kühler, unsagbar süßer Wind hereinweht, überkommt uns mit einem Mal eine Sehnsucht, eine unbeschreibliche Sehnsucht – wonach, das wissen wir selbst nicht. Wir sind noch so klein...“ Eine Szene aus der „frühen Kindheit“ von Em, Lyndall und Waldo in der südafrikanischen „Karoo“, einer flachen, wüstenartigen Landschaft, die überwältigende Naturerlebnisse hervorbringt. Hier leben sie bei der dicken, selbstgerechten holländischen Tant' Sannie im Farmhaus: Em, die fügsame, bescheidene Stieftochter, Lyndall, die intelligente, eigensinnige, freiheitsliebende Nichte und der verträumte Waldo, den die Frage nach dem rechten Glauben quält.

Die südafrikanische Autorin Olive Schreiner veröffentlichte ihren autobiographisch geprägten Bestseller, einen der bedeutendsten Romane des südlichen Afrika, im Jahr 1883. In ihrem Heimatland ist die frühe Feministin berühmt, bei uns kann sie jetzt wiederent­deckt werden: Manesse hat anlässlich des 100. Todestages von Olive Schreiner (1855-1920) die „Geschichte einer afrikanischen Farm“ in neuer Übersetzung herausgebracht. Diese eindrucksvolle, psychologisch einfühlsame, sehr poetische Geschichte über weibliche Emanzipation und koloniales Farmleben ist ein bewegender Roman und gleichzeitig Zeitzeugnis über Sprache und Denken des kolonialen Südafrikas: Vorurteile, Bigotterie, Rassismus gehörten damals zum Alltag. Die schwarzen Menschen auf Tant' Sannies Farm spielten keine Rolle, sie blieben namen- und seelenlos. In der weißen Gesellschaft waren Gewalt und Unterdrückung gegen schwarze Menschen noch Normalität.

 Schreiner, eine der einflussreichsten Stimmen des südlichen Afrika, eine Autorin, die sich lebenslang für die Rechte Benachteiligter einsetzte, gilt als Vorläuferin berühmter Schriftstellerinnen wie Tania Blixen und Doris Lessing. So schrieb Lessing auch 1968 ein Nachwort zu einer Neuauflage, das im neuen Manesse-Band noch einmal nachzulesen ist. Über die beiden Hauptfiguren sagt sie zum Beispiel: „Lyndall ist Schönheit, Feuer und Intelligenz pur“ und über Lyndall und Waldo: „ In diesen beiden steckt viel von Schreiner selbst. Sie teilen sich eine Seele...“ Die beiden außergewöhnlichen Helden des Buches haben immer noch Strahlkraft. Lyndall, die keine Angst vor der Welt hat und überzeugt ist, dass sie eines Tages das findet, wonach sie immer gesucht hat, „etwas das hehrer und stärker ist als ich. Sie will Bildung und Freiheit, gleiche Rechte und Pflichten wie ein Mann. Und auch als sie schwanger wird, entscheidet sie sich gegen eine Bindung, gegen einen Ehemann.

Waldo, der talentierte junge Mann, der gedemütigt wird und der sich als winziger Mensch im Griff gigantischer Mächte fühlt. Beide verbindet ein rastloses Streben, eine tiefes Verlangen nach Wachstum und menschlicher Verständigung: „Zwei junge Menschen blicken auf den Himmel, wo ihre Nichtigkeit geschrieben steht, stellen Fragen, finden keine Antworten – und leiden darunter fürchterlich.“ So Doris Lessing in ihrem Nachwort.

 In der Nacht, in der Lyndall stirbt, hat Waldo einen wunderschönen Traum: „In seinem Traum erhoben sich rechts von ihm hohe Berge: die Gipfel mit Schnee bekrönt, die Flanken mit Busch bekleidet und alles in Sonnenlicht getaucht. Am Fuß dieser Berge lag das Meer: blau und brausend...Lyndall hatte ihre Hand in seine gelegt, und sie schritten gemeinsam über den glitzernden Strand und die rosa Muscheln, hörten die Blätter tuscheln...und hörten das Meer vor sich hin singen, singen, singen... Ohne etwas zu sagen, legte Lyndall ihm sachte eine Hand auf die Stirn und die andere auf sein Herz.“

Eine Seelenverwandtschaft für  die Ewigkeit.