28. Feb, 2021

Bénédicte Belpois: Hingabe, S. Fischer

„Ihre Hand lag in meiner, aber ihr ganzer Körper war dem Meer zugewandt... es war richtig gewesen, mit ihr ans Meer zu fahren, es brachte sie zum Singen. Der Zauber faszinierte auch mich. Ich konnte nicht genug bekommen von Suizas Freude...“ Tomás hat Suiza etwas erfüllt, wovon sie immer geträumt hat. Sie wollte einmal im Leben das Meer sehen, es riechen, es hören, es für sich entdecken. Diese Sehnsucht hat sie auch in Tomás spanisches Dorf gebracht: Suiza, eine kindhafte, zarte, junge Frau, die angeblich aus der Schweiz kommt. Tomás, der einzelgängerische, verlotterte Großbauer, ein rauher, wortkarger Macho-Kerl, hat sie gesehen und ist ihr sofort verfallen, ihrer Zartheit, ihrer Blondheit, ihrem Geruch, ihrer Jugend. In der Bar, in der Suiza kellnert, packt er sie am Handgelenk und zieht sie mit sich in die Sommernacht. Suiza folgt ihm wie willenlos. Sie wehrt sich nicht, sie lässt alles zu. Tomás nimmt die Frau, die ein wenig unbedarft wirkt, mit auf seinen Hof. Eine außergewöhnliche Liebesgeschichte beginnt.

 Bénédicte Belpois schert sich nicht um gesellschaftliche Normen oder aktuelle Mann-Frau-Diskussionen. Sie konfrontiert uns mit einer Vergewaltigung, mit Macho-Gehabe, mit respektlosen Übergriffen, mit männlichem Besitzdenken. Alles abscheulich und oft unerträglich – und dennoch: wie sich diese Leidenschaft und Liebe zwischen Tomás und Suiza entwickelt und wie sich dieser grobe, herrische Tomás wandelt und wie er – offen, schonungslos, radikal, oft derb in seiner Wortwahl – seine Gedanken preisgibt, das fesselt und liest sich wie eine Achterbahnfahrt durchs Gefühlswelten. Mal zauberhaft-zärtliche Intimität, mal übergriffige, in Besitz nehmende, enthemmte Lust. Eine explosive Intensität: „Meine riesigen Hände hielten ihr Gesicht, ich fesselte ihren Blick in meinem, ich wollte auch in ihren Kopf, sie daran hindern, selbst in Gedanken davonzulaufen, fort von mir.“ Das ist der Tomás, der in seinem Leben nie Liebe und Zärtlichkeit erfahren hat – auch nicht, dass er einer Frau Lust bereiten kann. Und endlich kann er auch reden. Über seine Einsamkeit, über sein Glück mit ihr zusammen zu sein. „Ich sagte ihr, sie müsse keine Angst mehr haben oder leiden, ich sei immer für sie da, sie könne sich immer auf mich verlassen... Schließlich sprach ich auch über den Krebs, der meine Lunge zerfraß, meine Angst zu sterben und meinen erbitterten Lebenswillen, schon allein ihretwegen.“

 Seiner alten Amme Agustina berichtet er, "Suiza", die jetzt seine Frau sei, „wäre wie ein kleines Gänseblümchen in einem Rosenfeld.“ Sie sei nicht etwa dumm, wie manche im Dorf glaubten, sondern sie sei “stehengeblieben, festgehalten in einem kindlichen Stadium, nicht erwachsen geworden. Zuerst hat mir das Angst gemacht. Jetzt füllt es die Leere in mir, dass ich mich um sie kümmere. Ihre Schwäche macht mich stark.“ Suiza wird Tomás' Lebenssinn und Lebensinhalt.

Nur so lässt sich verstehen, warum der Todkranke eine radikale Entscheidung trifft – und eine „unendliche Traurigkeit“ hinterlässt.

 Bénédicte Belpois, die französische Autorin dieses – sicherlich polarisierenden – Buches, ist eine Frau Mitte 50, von Beruf Hebamme. „Hingabe“ ist ihr erstes Buch. „Das Körperliche, der Schmerz, Naturgewalt, Tod und Glück, gehören zu ihrem Alltag“, kündigt sie ihr deutscher Verlag S. Fischer an und vermerkt: „Belpois wusste nicht, wohin sie ihr Manuskript schicken sollte. Ihre Töchter empfahlen ihr „Gallimard“, den einzigen Verlag, den sie namentlich kannten. Gallimard, einer der bedeutendsten Verlage Frankreichs, entschied sich sofort zur Publikation.“