9. Mrz, 2021

Durian Sukegawa: Die Katzen von Shinjuku, Dumont

Ich fühlte mich wie ein ewiges Ei, dessen Inneres bereits verdorben war. Wieso war das aus mir geworden? War dies das Schicksal, das mir zugeteilt worden war? Die Fragen, die aus meinem Inneren heraufdrängten, setzten mir ziemlich zu. Ich vergeudete meine Tage damit, aus einer Sackgasse zum trüben Himmel hochzublicken, ohne zu wissen, wo ich hingehörte...“ Der schüchterne, ständig selbstzweifelnde Yama ist unglücklich. Er ist ein kreativer junger Mann, der sich für Theater, Kino und Fernsehen begeistert und davon träumt, Drehbücher zu schreiben. Stattdessen lässt er sich täglich von einem tyrannischen TV-Produzenten schikanieren und vergeudet sein Talent mit dem Ausdenken dummer Quizfragen.

Schauplatz des neuen Romans des japanischen Bestseller-Autors Durian Sukegawa („Kirschblüten und rote Bohnen“) sind die 80er Jahre in Tokio im Stadtviertel Shinjuku. Dort gerät Yama eines Abends in eine winzige Bar mit Namen „Karinka“, hinter der Theke steht die wortkarge, schielende Yume, die Gäste ringsum haben hohen Unterhaltungswert, einige schräge Vögel, viele liebenswerte Charaktere.

Yama ist fasziniert, von der Stimmung, von der Atmosphäre, von den Menschen und von den köstlichen Parikasschoten, die Yume auf dem Grill brät. Und auch von den Katzen, die sich gelegentlich außen am Oberlicht der Bar zeigen: Katzentheater. Die Besucher schließen Wetten darüber ab, welche Katze sich wohl als nächste zeigen wird. Am Kühlschrank hängt zur Unterscheidung ein von Yume gezeichneter Katzenplan.

Yama bemerkt, dass er friedlicher und zufriedener wird, sobald er am Abend die Glastür aufschiebt und die Karinka-Bar betritt. Yume spricht inzwischen mit ihm, lächelt ihm zu. Er traut sich, ihr einen Brief zu schreiben. Sehr behutsam geschieht diese Annäherung zweier Außenseiter: ein gemeinsames Essen in einem türkischen Restaurant, die Versorgung der Straßenkatzen von Shinjuku, die sich in der Ruine eines Bordells eingerichtet haben, die Gespäche über Gedichte und Yumes eindringlicher Appell, er möge doch das schreiben, was ihm am Herzen liege und sich vom mainstream verabschieden. Sie schenkt ihm einen knallblauen Füller. Es beginnt so schön und hoffnungsvoll – und endet abrupt und tragisch. Yume wird verhaftet.

Durian Sukegawa beschreibt diese ungewöhnliche Liebesgeschichte mit Feinsinnigkeit und Wärme, bettet „den poetischen Roman über zwei Außenseiter“ (Klappentext) ein in die alltäglichen, kleinen Begebenheiten und steuert ihn durch die großen Sinnfragen des Lebens. Das ist anrührend und fesselnd zugleich. Und es tröstet sehr, dass sich Jahrzehnte später Yume und Yama noch einmal sehen und miteinander reden. Versöhnlich und voller Verständnis – über „Die goldene Hortensie“ und andere Gedichte, über Katzen und über ihr Leben.