16. Jul, 2021

Neue Klassiker Edition von Penguin

 

Mit der Penguin Edition ist jetzt eine neue Klassikerreihe im Taschenbuchformat gestartet. Als Auftakt laden sechs Taschenbücher – eine internationale Auswahl – zum Entdecken und Wiederentdecken ein: Jane Austen: Northanger Abbey; Tania Blixen: Jenseits von Afrika; Gustave Flaubert: Madame Bovary; Leo Tolstoi: Kreutzersonate; Stefan Zweig: Schachnovelle und von F. Scott Fitzgerald „Die Schönen und Verdammten“, der Romanklassiker (1922 erschienen) aus dem New York des „Jazz-Age“, der aufregenden und aufgeregten Zeit zwischen 1920 und 1930 in den USA. Halbjährlich werden weitere populäre Klassiker der Weltliteratur erscheinen.

 Die Schönen und Verdammten“, der Roman eines rauschhaften, sinnlosen Lebens ist unglückliche Lebensstory, Verfallsgeschichte einer Ehe und Gesellschaftssatire zugleich. Auf Anhieb wurde das Buch zum Bestseller – und ein Wiederentdecken lohnt sich, denn auch damals in den „roaring twenties“, einem lauten und lärmenden Jahrzehnt, standen die Zeichen der Zeit auf Umbruch, auf Werte- und Strukturwandel, die beiden Romanfiguren Anthony und Gloria erleben es hautnah.

 Mit 16 ist Millionenerbe Anthony noch ein schüchterner Junge, der Briefmarken sammelt und seine Mitmenschen „mit höflicher Ratlosigkeit betrachtet.“Als junger Erwachsener entwickelt er sich mit seiner Sammlung von Krawatten, seidenen Pyjamas und Brokat-Hausmänteln zum Dandy, auf seinen Europa-Reisen entdeckt er die italienische Renaissance und findet Gefallen an der Geselligkeit und dem Müßiggang seiner Gesellschaftsschicht. Zurück in den USA, fordert der strenge Großvater Leistung ab, doch Anthony entspannt sich lieber in seinem luxuriösen Badezimmer... Er ahnt, dass er nur mittelmäßig ist, manchmal spürt er Angst und Einsamkeit und eine große Leere in sich. Zitat: „Ein anmaßender Narr war er, der einer Cocktailkarriere nachlief...“

 Dann lernt Anthony Gloria kennen, die Cousine eines Freundes. Anthony entdeckt, dass ihn diese Gloria, eine schöne junge Frau, tief bewegt. Sie bleiben zusammen, doch nach ein paar Jahren snobistischen Daseins, das einem Rausch ähnelt, haben sie nichts mehr, was ihnen lebenswert oder gar sinnvoll erscheint. Anthony denkt nur noch bis zum nächsten Drink, und Gloria „hat sich zu einem streitsüchtigen und unvernünftigen Frauenzimmer entwickelt.“ Auch das Geld ist knapp geworden, das 30-Millionen-Erbe ist noch nicht geflossen. An diesem Punkt hat das Paar „das gewaltige Panorama des Lebens fast völlig verloren.“

 Ein entlarvendes Buch, tieftraurig, amüsant, scharfsinnig: die Vorführung eines sinnlosen Lebens und Einblick in die luxuriöse Welt des amerikanischen Geldadels der 20er, 30er Jahre – eine Welt, die der Schriftsteller F. Scott Fitzgerald („Der große Gatsby“) so liebte. Auch er brauchte für sein Leben das schnelle Tempo, den immer wechselnden Reiz, den Rausch. Er wollte zwanghaft nach „oben“, reich und berühmt werden.

 Im Nachwort des Buches zeigt der Kulturwissenschaftler Tilman Höss im Leben der Fitzgeralds sogar Parallelsituationen zu dem „äußerst aufschlussreichen Zeitroman“ auf und meint: „Im Nachhinein wirkt 'Die Schönen und Verdammten' wie eine sich selbst erfüllende Prophezeiung der privaten Fitzgerald-Tragödie. Es musste Fitzgerald vorkommen, als hätte er das Unheil herbeigeschrieben. Die Fitzgeralds hatten als junges Paar die goldenen Zwanziger verkörpert, später symbolisieren sie deren Niedergang. Ursache ist nicht nur der legendäre Börsenkrach, der 24. Oktober 1929. Zelda Fitzgeralds Krankheit wird als Schizophrenie diagnostiziert, und aus dem Partytrinker F. Scott Fitzgerald ist ein Alkoholiker geworden. Sein einziger Trost sei es in den 30er Jahren gewesen, dass er die Katastrophe vorher geahnt habe, diese Wahrnehmung habe all seine Geschichten beherrscht. Tilman Höss: „Fitzgerald war nicht nur ein begnadeter Erzähler, sondern verstand es auch immer wieder, die widersprüchlichen persönlichen und gesellschaftlichen Erfahrungen zu deuten und auf den Punkt zu bringen.“