31. Aug, 2021

Antonia Bontscheva: Die Schönheit von Baltschik ist keine heitere, Frankfurter Verlagsanstalt

Rettungen waren in gewisser Weise meine Spezialität. In der Pubertät hatte ich gelernt, mich in eine Phantasiewelt zu flüchten. Dort kreierte ich mir einen eigenen Retter: ein männliches Wesen mit weiblichen Charakterzügen. Eine Mischung aus väterlicher Kraft und mütterlicher Zärtlichkeit. Einer, der auf jede schwierige Frage eine Antwort wusste... Diesen Mann meiner Phantasien wollte ich heiraten.“ Und was macht die Ich-Erzählerin in Bontschevas Debütroman stattdessen? Sie heiratet Sergej, weil „in dessen Blick eine Mischung von Weltschmerz und Arroganz schimmerte“. Damals, als sie Sergej von Baltschik nach Ost-Berlin folgte, fand die bulgarische, stets emotional überreagierende Studentin diesen Blick unwiderstehlich... Aber sie liebt ihren Mann nicht.

Ein paar Jahre später lässt sie sich von ihrem russischen Liebhaber Michail die Finger küssen. Mit ihm werden ihre Träume für kurze Zeit wahr, doch dann stürzt sie wieder ab in die Realität: Michail liebt Wodka, bewundert (auch am Ende der 90erJahre) immer noch Stalin und hält beim Essen das Besteck falsch. Mit so einem kann es keine Zukunft geben...

Wahrscheinlich hatte Großmutter Denka, die ihre Lebensweisheiten großzügig an die Familie verteilt, recht, als sie ihrer Enkelin riet: „Von den Interessanten soll man die Finger lassen, man soll einen heiraten, der gut kochen kann...“

Das neue Leben in der Nachwende-Zeit in einem Mietshaus in Bremen mit dem Muttersöhnchen Sergej und der kleinen Tochter Sophie ist für die Einwanderin aus Bulgarien schwierig. Sie fühlt sich fremd, unverstanden, verliert den Halt. „Ich weinte, weil sich mein Leben wie eine zu heiß gewaschene Wollmütze anfühlte.“

Als ihr Vater, angesehener Arzt in der bulgarischen Hafenstadt Baltschik, stirbt, reist sie zurück in ihre Heimat. Über Baltschik am Schwarzen Meer erfahren wir: „Über allem lag ein hauchdünner Schmerz. Die Schönheit von Baltschik ist keine heitere. Die Schönheit von Baltschik ist weise und irgendwie dramatisch. Die Schönheit von Baltschik bricht einem das Herz.«

Die Ich-Erzählerin beschließt, ihr Leben zu ändern. Sie will endlich verstehen und verstanden werden. Deshalb taucht sie ein in die vielschichtige und dramatische Geschichte ihrer Familie – vor allem  in der Zeit des kommunistischen Bulgarien, setzt sich mit ihren Prägungen und Verletzungen in der Kindheit auseinander und richtet den Blick auf die starken Frauen ihrer Familie. Sie ist immer noch auf der Suche nach einem Lebensrezept gegen Kälte und Einsamheit, aber sie weiß jetzt – und lässt es auch zu – wie unentrinnbar sie eingebunden ist in ihre Familie. „Du bist zu weit weg, Kind. Deshalb musst du dich selbst suchen. Hier in Bulgarien wüsstest du, wer du bist...“ tröstet Großmutter Denka.

 Bontscheva, im bulgarischen Varna geboren, hat in Berlin Germanistik studiert, lebt heute mit ihrer Familie in Bremen. Für „Die Schönheit von Baltschik ist keine heitere“ hat sie einen „unverkrampften Zugriff auf die eigene Lebensgeschichte“ gewagt“ und dafür auch ein Autorenstipendium des Bremer Literaturkontors bekommen. „Identitätsfindung im Wechselspiel zwischen zwei Kulturen, die großen Themen wie Heimat, Migration und Selbstbehauptung als Einwanderin“ überzeugten die Jury, und man betont „die trotzige Frechheit der Darstellung“. Hinzuzufügen ist: die ungeschönte Aufrichtigkeit (die sich auch nicht um political correctness schert), die Wärme, der Humor und der menschenzugewandte Blick. Und auch der versöhnliche Schluss nach 400 Seiten Lesevergnügen klingt nach Aufbruch und Zukunft: „In meinem Inneren perlte und sprudelte es. Ich musste nicht länger das entsetzliche Gefühl bekämpfen, ungeliebt zu sein. Ohne Wert und ohne Bedeutung. Nicht liebenswert.“ Die Ich-Erzählerin hat sich selber gerettet, sie ist „angekommen“, sowohl in Baltschik wie in Bremen.