16. Okt, 2021

Alina Bronsky: Barbara stirbt nicht, Kiepenheuer & Witsch

Herr Schmidt kann weder Kaffee kochen, noch weiß er, wie man Pellkartoffeln macht. Auch das Auftauen der tiefgefrorenen Fleischklößchen-Suppe ist für ihn ein Problem. Und was der Schäferhund mit Namen „Helmut“ frißt – darum hat er sich nie gekümmert. Wieso soll er das Hackfleisch für das hungrige Tier eigentlich anbraten?

Der Rentner, seit 52 Jahren verheiratet, hat sich seit Jahrzehnten von seiner Frau Barbara in Haus und Küche bedienen lassen. Aber nun? Seine Frau ist im Badezimmer gestürzt und liegt halbseitig gelähmt im Schlafzimmer. Die Folge: „Er, Walter Schmidt musste jetzt Barbara sein, für sich selbst und für Barbara.“

 Bestsellerautorin Alina Bronsky lässt uns teilhaben an der Entwicklungsfähigkeit eines alten Macho-Mannes, der gezwungermaßen kochen lernt – was er im TV einem dicklichen Mann mit Schürze abschaut – und ganz nebenbei immer mehr über sich hinauswächst und sich eine langsam anwachsende Portion Menschlichkeit und Empathie gestattet. Bronsky („Der Zopf meiner Großmutter“) verbreitet da eine tröstliche Buch-Botschaft, unterhaltend verpackt und mit einem Klacks Ironie garniert: Es ist nie zu spät, Vorurteile und schlechte Gewohnheiten abzulegen oder falsche Entscheidungen zu korrigieren.

 Zuerst einmal holt Walter für seine Barbara einen ordentlichen Kaffee to go beim Bäcker.... Dann lernt er den Umgang mit Kaffeebohnen, Griesbrei kochen und Sandkuchen backen, schaut Koch-Videos, chattet mit dem Fernseh-Koch – und gewinnt bei allem Tun die späte Einsicht, dass seine Barbara eine „perfekte Frau“ ist. Kein Vergeich mit anderen Frauen...

 Je mehr sich Walter kümmert und kocht, umso mehr staunen auch seine erwachsenen Kinder, der Bekanntenkreis, sein näheres Umfeld. Der alte Mann hat ja plötzlich Augen und Ohren für seine Mitmenschen – er zeigt Gefühle. Eine Entwicklung, die alle überrascht und erfreut. Seine Frau Barbara greift jetzt manchmal nach Walters Hand und behauptet, er könne inzwischen besser kochen als sie. Barbara isst kaum noch etwas, Walter backt Nusskuchen und Rüblikuchen, wegen der Vitamine.

Aber es bleibt noch mehr zu tun. Und endlich stellt sich Walter Schmidt auch der bittersten Entscheidung ihrer gemeinsamen Vergangenheit: „Ich weiß, dass du mich hasst“, sagt er Barbara, „aber was hätte ich damals anders machen sollen?“