20. Okt, 2021

Constanze Neumann: Wellenflug, Ullstein

 

Constanze Neumann hat ihrer Familie ein literarisches Denkmal gesetzt. Hat ihre wechselvolle Geschichte mit Leben erfüllt, hat Daten und Zahlen zusammengetragen und den Menschen ihrer Familie eine Stimme gegeben. 150 Jahre ging sie zurück, bis 1864, recherchierte, sprach mit Historikern, mischte die Fakten mit Fiktion und füllte die emotionalen Lücken. „Dieses Buch – so schreibt sie in ihrem Nachwort – ist ein Roman, dem reale Figuren und Ereignisse zugrunde liegen... viele Fakten und Zahlen stammen aus einer Familienchronik, ein Auftragswerk, geschrieben 1936, bestimmt für den engsten Kreis der Familie, die sich zu zerstreuen begann.“

 Die Chronik berichtet von Fabriken in Schlesien und England, von Stoffhandlungen in Leipzig und Berlin, von Kaufleuten, Politikern und Kunstsammlern. Aber es gab keine Geschichten über die Menschen, nichts über die Schicksale, die sich hinter den Fakten verbargen? Wie verlief ihr Leben, was prägte sie, was spornte sie an, was ließ sie scheitern?

Von ihrem Großvater weiß die Autorin, dass er aus einer großen Familie stammte und dass alle Onkel und Tanten, Cousinen und Cousins Deutschland während der Nazi-Zeit verlassen hatten. „Sie waren nicht zurückgekehrt. Ihr Leben ging anderswo weiter. Ihre Spuren hatten sich verloren.“

 Entlang der Fakten und Fundstücke hat die Autorin nun die Fäden verknüpft und ihrer Familie, der Familie Reichenheim, ein neues Leben, eine neue Familiengeschichte „erschrieben“. „Es könnte sich so zugetragen haben“, mutmaßt sie, „aber auch ganz anders ...“ Aber es liest sich so schlüssig und überzeugend, als sei es die Wahrheit, so viel Einfühlungsvermögen, so viel Nachdenklichkeit, so viel Recherche und berührende Szenarien hat Constanze Neumann in ihre Spurensuche fließen lassen.

 Zwei sehr gegensätzliche Frauenfiguren rückt sie in den Mittelpunkt ihres Buches: Anna und Marie Reichenheim. So mischen und ergänzen sich, spannungsreich, zwei Sichtweisen auf das familiäre Geschehen. Marie ist Annas Schwiegertochter, hätte sie sie jemals als solche anerkannt. Und Marie ist die Ehefrau von Heinrich Reichenheim, der sich nicht um die Konventionen seiner großbürgerlichen, jüdischen Familie scherte. Er heiratet Marie, ein einfaches Mädchen, Garderobiere im Berliner Varieté "Wintergarten". Die Familie ist entsetzt, es kommt zum Bruch. Anna wird nie wieder mit ihrem Sohn Heinrich sprechen. Heinrich Reichenheim war der Urgroßvater der Autorin. Er wird 1943 nach Auschwitz deportiert und im KZ ermordet.

 Der Aufstieg der Familie beginnt 1864 mit Annas Vater: Isidor Eisner, Stoffhändler. Er hat es aus dem jüdischen Schtetl in Oberschlesien nach Leipzig geschafft. Seine Geschäfte laufen gut, er knüpft Kontakte nach Berlin, zu dem Großindustriellen Louis Reichenheim. Tochter Anna liebt das Stoffkontor, die Lagerhalle mit den Tuchballen, die Farben, die Muster, die unterschiedlichen Qualitäten. Sie weiß, woher die Stoffe kommen und wohin sie gehen – und am liebsten erspürt sie die Stoffe mit den Händen. Eigentlich wäre sie die Richtige für den Stoffhandel gewesen, nicht ihre Brüder. Etwas, wovon eine Frau in dieser Zeit nur träumen kann. Für Anna ist eine andere Rolle vorgesehen. Sie heiratet in die Reichenheim-Familie, ein großer gesellschaftlicher Aufstieg. Zur Jahrhundertwende führt sie ein großbürgerliches Haus in Berlin und fühlt sich wohl in diesem gehobenen Leben. Nur Sohn Heinrich macht ihr Kummer: Er scheint ziellos, verantwortungslos, ein großer Junge, der nichts Ernst nimmt. Er hat die falschen Freunde und verspielt Unmengen an Geld. Schließlich wird ihm im Testament sogar der Pflichtteil entzogen – wegen seines unsittlichen Lebenswandels. Damit meint man Marie, das einfache Mädchen.

Heinrich wird später in die USA auswandern, Marie nachholen und sie heiraten. Zu Zeiten der Weimarer Republik kehren die beiden nach Deutschland zurück, führen ein einfaches Leben, sind aber eng miteinander verbunden und haben glückliche Momente. Auf dem Rummelplatz fahren sie „Wellenflug“, ein Fahrgeschäft aus Überssee, das sich nicht nur dreht, sondern auch schnelle Wellenbewegungen macht. Auf und Ab wie ihr Leben. Da denkt Marie noch, dass es wohl richtig gewesen sei, die USA zu verlassen.

Marie holt Heinrichs unehelichen Sohn in die Familie, zieht ihn als ihren Sohn auf. Sie hat sich immer Kinder gewünscht. Einmal versucht Marie, zu ihrer Schwiegermutter Anna Kontakt aufzunehmen. Sie zieht dem kleinen Heinz den feinen Matrosenanzug an, fährt zur Reichenheim-Villa und lässt sich melden, wartet lange und wird dann doch abgewiesen.

Der kleine Junge im Matrosenanzug ist Constanze Neumanns Großvater. Sie erinnert sich an ihn. „Das Leben geht weiter“, hatte er ihr gesagt. “ Am 26.März 1943 haben sie meinen Vater, deinen Urgroßvater, abgeholt. Und fast auf den Tag genau dreißig Jahre später bist du zur Welt gekommen. Das Leben geht weiter...“

Der Großvater hat ihr einiges aus der Familie erzählt, und als er starb, kamen „ein paar Dinge zu den Erinnerungen“. Eine Kopie der schon erwähnten Familienchronik zum Beispiel und das Foto eines Ölgemäldes von 1881, das eine junge Frau im weißen Ballkleid zeigt. Es ist ein Bild von Anna Reichenheim, der Großmutter, die ihren kleinen Enkelsohn nicht kennen lernen wollte.