15. Feb, 2022

Willi Achten: Rückkehr, Piper

„Für mich hatten das Haus meiner Eltern und das Dorf und alle, die mir dort nahe waren, in jenem Sommer im Jahr 1993 etwas Intaktes, und der Gedanke, diesen Ort eines Tages, warum auch immer, verlassen zu müssen, schmerzte mich...“ 20 Jahre später kehrt Jakob in sein Alpen-Dorf am Weißkogel zurück, das er im letzten Sommer seiner Jugend überstürzt verlassen musste. Und noch immer weiß er nicht, was damals „an jenem Abend auf Bolltners Fest“ tatsächlich passiert ist – und auch nicht, warum seine Mutter die Familie damals verlassen hat.

 Bolltner, der schwerrreiche, skrupellose Unternehmer hatte ein irrwitziges Projekt vorangetrieben, das den Skitourismus in ihrem Dorf und der gesamten Region beflügeln sollte: eine „Skischaukel“, sollte entstehen, die zwei Skigebiete zusammenlegen würde. Die Kuppe des Weißkogels müsse dafür weggesprengt werden... Mit Gegenwehr war im Dorf nicht zu rechnen. Nur Jakob und seine Freunde, vor allem Bruno, planten den Widerstand, und auch Jakobs Vater war strikt gegen Bolltners Pläne, mutmaßte aber: „Wir werden ziemlich allein dastehen.“

 So sind es die jungen Leute, die die Baumfäller, die eine riesige Schneise in den alten Wald am Weißkogel schlagen sollen, an ihrer Arbeit hindern. Dann schießen sie noch auf Bolltners parkenden Jaguar - ein Kreuz in die Fahrertür. Der Vater demonstriert seine Gegenwehr mit einer Baumpflanzaktion am Weißkogel. Er hatte eine große Parzelle Wald gekauft, unterhalb des Berges. Jakobs Vater ist Experte für Vogelabwehr an den großen Flughäfen des Landes, er kontrolliert neuartige Systeme auf ihre Wirksamkeit, und er kümmert sich um seine ornithologischen Studien, um Bartgeier, Zitronenzeisige und, und.

Jakob ist zu diesem Zeitpunkt heftig in Liv verliebt. Liv, die unberechenbare Freundin, die auch Bruno küsst.

Jetzt, nach seiner Rückkehr ins Dorf, ins Elternhaus nach Vaters Tod, liest Jakob in Vaters Aufzeichnungen. „Je länger ich lese, desto mehr frage ich mich, ob Vater nicht ein glückliches Leben hatte. Weil Vögel keine Menschen sind“...

 Jakob weiß, es ist noch nicht vorbei, er sucht weiter nach der Wahrheit. „Mein Herz ist seltsam treu, den Dingen wie den Menschen gegenüber. Ich komme nicht von ihnen los.“ Was war auf Bolltners Fest passiert? Wie kam es zur Eskalation? Wer hat das Feuer gelegt? Zwei Menschen sind gestorben. Und am nächsten Morgen hatte die Mutter das Dorf verlassen? „Schau ich zurück, und ich schaue ständig zurück, seit ich ins Dorf gekommen bin, begann in jener Sommernacht etwas, das unser aller Leben veränderte.“

 Willi Achten begleitet Jakobs Suche nach der Wahrheit mit einem melancholischen Grundton und verknüpft gelungen Jakobs lebensprägende Themen: seine traumatische Jugenderfahrung, seine unerfüllte Liebe zu Liv, seine ungeklärten Fragen an seine Eltern – und seine Unfähigkeit über all das  zu sprechen, es zu hinterfragen. Jakob ist ein Suchender und Zögernder, seine kleinen Glücksmomente offenbaren sich in seinen Gedanken und Wünschen – und in den Betrachtungen von Natur und Landschaft, die er intensiv und sinnlich erlebt. Willi Achten hat die Botschaft seines Buches in einem Interview so beschrieben: „Die Zugehörigkeit zu einer Gruppe, zu einer Landschaft, zu einer Weltanschauung und nicht zuletzt zu Menschen, die einen lieben, ist entscheidend für unser Leben... Das führt auch Jakob wieder ins Dorf er sucht dort diese Sicherheit, die er früher gespürt hat und die er am Ende seiner Jugend verloren hat. Bei seiner Rückkehr ins Dorf setzt er alles daran, dieses Grundvertrauen wiederzufinden.“

Wie tröstlich, dass Jakob am Ende nicht nur Antworten findet, sondern sich auch seiner Entscheidung sicher ist: „ Ich bleibe“ - schreibt er mit dem Finger in die Luft.