17. Mai, 2022

Charlotte McConaghy: Wo die Wölfe sind, S. Fischer

Ich habe dieses Buch aus dem tiefen Schmerz heraus geschrieben, dass unsere Natur uns verloren geht. Ich wollte mir die mühevolle Renaturierung eines Landstrichs ausmalen, wie sie tapfere Naturschützer überall auf der Welt immer wieder in Angriff nehmen...“ Mit diesem Anspruch hat Charlotte McConaghy ihre neue Buchheldin Inti Flynn geschaffen, Inti ist Wolfsbiologin und verantwortlich für ein Projekt in Schottland. In den Highlands sollen Wölfe angesiedelt werden, „als einzige Rettung für eine zerstörte Landschaft.“

Ein mutiges Projekt, das bei den schottischen Farmern auf Skepsis, Angst und Abwehr stößt. Dabei war es der Autorin mit irisch-schottischen Wurzeln sehr wichtig, „die Komplexität des Themas mit Verständnis für beide Seiten anzugehen. Ich wollte, dass es in dem Buch darum geht, Dinge zusammenzubringen, nicht zu trennen. Beide Seiten sollten nuanciert, wahrhaftig und nachvollziehbar dargestellt werden.“

Bereits in ihrem literarischen Debüt „Zugvögel“ hat die Autorin Ursache und Wirkung ungeschönt benannt, hier nun geht es ebenfalls um Wirkung und Zusammenspiel in der Natur. „Die Wölfe sollen dafür sorgen, dass das Rehwild sich mehr bewegt, nicht die neuangepflanzten Baumschonungen immer wieder vernichtet, sondern durch die Wälder streift, weil der Wolf sie in Bewegung hält. Sie düngen dabei das Land, Jungbäume können wachsen, das Wild wird gesünder...“ So lautet auch die Erklärung, als im Dorf das Projekt vorgestellt wird. „Unsere Wolfpopulation ist nur klein, sie ist ein Experiment“.

Doch die Fronten sind schnell erhärtet. „Gefährlich sind nicht die Wölfe, sondern ist nur die ungerechtfertigte Verbreitung von Ängsten“, argumentiert die Wolfsbiologin. Intis beeindruckende klare, mutige Haltung vom ersten Moment an, führt zu Widerstand. Inti wird als „Störung, als Gefahr“ wahrgenommen. Dabei ist Intis Stärke sehr fragil. Keiner hat gesehen, dass ihre Hände gezittert haben, als sie geprochen hat. Keiner weiss, dass sie an einer „Mirror-Touch-Synästhesie““ leidet, dass sie Schmerz und Gefühle, die sie bei anderen Lebewesen, Menschen und auch Tieren miterlebt, ebenfalls körperlich nachempfindet. Als Kind hat sie das zum erstenmal erlebt. Als der Vater in ihrem Beisein einen Hasen gehäutet hat. Es war, als hätte das Messer auch ihr die Kehle geöffnet und die Haut bis zum Bauch ...

Keiner aus ihrem Team oder von den Dorfbewohnern ahnt auch, dass ihre traumatisierte Zwillingsschwester Aggie mit in die schottischen Highlands gekommen ist. Aggie hat sich im Haus verkrochen, Inti sorgt rührend für sie. Die Lage spitzt sich zu, als ein Farmer spurlos verschwindet. Sollte er tatsächlich von einem der neu angesiedelten Wölfe angefallen worden sein? Verdächtigungen kursieren, Mißtrauen breitet sich aus. Auf welcher Seite steht Duncan, Intis neuer Freund?

Nicht nur die Wechselwirkungen in der Natur, die durch das neue Projekt angestoßen werden, erstaunen – auch Schutz und Fürsorge, die die „Wolfsmenschen“ ihren Tieren, den Wölfen Nummer Eins bis Nummer Zehn entgegenbringen, faszinieren. Und mit ebenso großer Empathie sind die Menschen-Geschichten in das Naturprojekt eingebunden. Alles gehört zusammen, bedingt einander. Ein fesselndes Buch.

Man kann dem folgenden Zitat zustimmen: „McConaghy hat wieder eine Welt geschaffen, in der wir Menschlichkeit und Natur in Einklang bringen müssen...“ (Washington Independent Review of Books)