23. Sep, 2022

Heinrich Steinfest: Der betrunkene Berg, Piper

Katharina hat den Mann, den sie vor dem Erfrieren am eisigen Berg gerettet hat, „Robert“ genannt. Nun will sie testen, ob „dieser wie aus dem Himmel gefallene Mann“ sich als Vorleser eignet. Ausgesucht zum gegenseitigen Vorlesen hat sie ein Buch, das 1905 erschienen ist. Der Titel: „Selbstporträt eines lächelnden Mannes auf der Spitze des Berges“. Passender könnte die Auswahl nicht sein, in dieser außergewöhnlichen Umgebung. Katharinas Buchhandlung, der „Bücherberg“ befindet sich auf 1.765 Metern Höhe, neben einer Schutzhütte, Zielort für Bergwanderer im Salzkammergut, die sich in Katharinas speziellem Buchladen mit Wanderkarten und Büchern eindecken, die ausschließlich mit der Welt der Berge zu tun haben. Bücher von fanatischen Alpinisten und begnadeten Naturbeobachtern.

Jetzt im November sind Schutzhütte und „Bücherberg“ geschlossen. Kätharina wähnte sich allein auf dem Berg, als sie sich zum Gipfelkreuz aufmachte. Bis sie auf einem Schneefeld einen fast erfrorenen Mann findet, der wehleidig erklärt: „ Ich will sterben“. Später, als er sich aufgerappelt hat, gibt er an, sich an nichts, auch nicht an seinen Namen erinnern zu können.

 Das also ist „Robert“. Katharina nimmt ihn auf, man liest sich gegenseitig vor, Robert kocht für Katharina und werkelt im Laden. Sie erzählt ihm, wie ihr vor Jahrzehnten auf einem Fährschiff ein junger Grieche das Leben gerettet hat. Sie fühle sich schuldig, der Matrose habe es nicht aufs Oberdeck geschafft. Manchmal träume sie von ihm...

Schuld ist das große Thema, das Heinrich Steinfest in seinem neuen Roman verfolgt – auf überraschenden Wegen nachspürt, mit zufällig wirkenden Begegnungen verstärkt und die verdrängenden Eigenschaften enthüllt, die bemüht werden, um der Wahrheit nicht ins Auge blicken zu müssen. Auch Robert ist voller Schuld, die sich nach und nach wieder in sein Gedächtnis drängt. Früher kommt die Erinnerung an den Bildhauer, den Künstler zurück, der er ist. Seine Schneeskulpturen vor dem Bücherberg bezeugen das. Als er im Morgennebel nach oben auf den Berg schaut, strahlt der von der aufgehenden Sonne in orangefarbenes Licht getauchte Gipfel durch den milchigen Dampf. „Es sah so aus, als sei der Gipfel völlig losgelöst von seinem Untergrund. Frei schwebend. Frei schwebend und ... etwas schwankend. Der betrunkene Berg.“

 Und der Berg ist tatsächlich in Bewegung. Linda, eine Lawinenspezialistin, ist gekommen, um die Gefahr zu bannen. Die drei klettern bei schönstem Wetter zur Spitze des Berges, zum Gipfelkreuz, schauen fasziniert auf die Bergwelt ringsum und finden sich ganz plötzlich in einer dunklen, schweren Wolke wieder, die sie völlig umschließt. Zitat: „Alle drei blieben sie stehen, verharrten in dem sie umgebenden Nebel, der sie wie ein kleines Weltall einhüllte, das kein Oben und Unten und kein Rechts und Links kannte. Die Seile an ihren Körpern hingen lasch durch, verzweifelte Hängebrücken. Dazu Stille. Nur ein minimales Rauschen: gedämpfter Wind. Ein jeder von den dreien war jetzt ganz für sich...“ Und alle drei fallen gedanklich zurück in ihre Vergangenehit, „in die Dunkelheit ihres Lebens.“ Linda ist zurück in der Todesangst ihrer Kindheit, Katharina und Robert „befinden sich in der Erkenntnis größter Schuld und fatalen Scheiterns.“ Und alle drei spüren in einer spontanen Umarmung ihre große Verbundenheit.

 Steinfest, bekannt als hintergründiger, fesselnder Erzähler, verknüpft auf eigenwillige Art Reales und Irreales miteinander, und er scheut auch beim Aufspüren von menschlichen Schicksalswegen mit ihren guten und schlechten Wendungen vor kleinen und großen Wundern nicht zurück. Robert, der Gerettete, bekommt die Chance, ebenfalls zum Retter zu werden. „Eine Sühneleistung“ wie er erkennt und ein Glücksfall im Gefüge der scheinbaren Zufälle, die hier am Berg passieren. „Der betrunkene Berg“ ist wahrlich ein Berg-Abenteuer und zudem ein Lese-Vergnügen, naturverbunden begleitet von den „Zirrr-Zirrr“-Rufen einer Alpendohle. Auch sie ein gerettetes Leben.