10. Okt, 2022

Sigrid Nunez: Eine Feder auf dem Atem Gottes, aufbau

Sie ist auf der Suche nach dem Sinn ihres Lebens und ihrem Platz auf der Welt: Bestseller-Autorin Sigrid Nunez konfrontiert sich und uns in ihrem neuen Roman mit ihren autobiographischen Erinnerungen und Erlebnissen. Sie tut das aufrichtig und ungeschönt, reflektierend, fragend, suchend, mit klarer Sprache und scharfem Blick auf sich und ihre Welt: Wo kommt sie eigentlich her, was hat sie geprägt in dieser schwierigen Familienkonstellation mit einer deutschen Mutter und einem chinesisch-panamaischen Vater? Eltern, die sich im Nachkriegsdeutschland begegnen, zusammen nach New York auswandern, wo ihre beiden Töchter aufwachsen. Die fühlen sich zunehmend fremd in der eigenen Familie, dem schweigsam-sprachlosen Vater und der lebensenttäuschten Mutter, deren Jammern in dem Ausruf gipfelt: "Ich hätte Rudolf heiraten sollen" (einen Nachbarsjungen aus der Heimat). Man schämt sich in dieser Familie. Die Töchter träumen davon, der ärmlichen Gegenwart in die Sozialbausiedlung und dem ständigen Streit der Eltern zu entkommen. Zitat: "Ich bin sechs, sieben Jahre alt, ein Schulmädchen mit erbärmlicher Haltung und aufgeprungenen Lippen, wundgescheuert in den puppenhaften Alte-Welt-Kleidern, die meine Mutter selbst näht; ein rechthaberisches, quengeliges, duchtriebenes, feiges KInd, das zu Wut- und Heulanfällen neigt."

 Sehr viel später, als die Autorin in ihrer College-Zeit Erzählungen von Tschechow und Gogol liest, begreift sie, dass sie und ihre ältere Schwester ihrem Vater "so fremd erschienen sein müssen wie er uns."  Und auch, dass sein Verhalten auch so gedeutet werden könnte: "Vielleicht war mein Vater nicht jemand, der nicht sprach, sondern jemand, dem niemand zuhörte."

Ganz anders Christa, die Mutter. Sie redet ständig, eine gute Geschichtenerzählerin, sie liest Shakespeare und Heinrich Heine, ihr Englisch ist perfekt. Manchmal weint sie - tagelang oder summt ein Nazi-Lied aus der Heimat. Sie fühlt sich vom Leben betrogen, sie hat Heimweh und fragt sich:"Wie in Gottes Namen bin ich hierhergekommen?" Für die Tochter ist die blonde Mutter " ein Zeichen der Schönheit, des Leidens, des Verlusts."

 Es geht in Nunez' Buch auch immer um Verloren - und Ausgeliefertsein, um den Neuanfang in einem fremden Land, die Sehnsucht nach der alten Heimat, den steinigen Weg, sich Respekt und Zugehörigkeit zu verschaffen. 

 Das Kind ist fast zwölf, als es in einem Magazin Fotos von Ballett-Tänzerinnnen sieht. Ein Traum beginnt. Ordnung, Disziplin, Perfektion, das Kind, das jetzt rosa Ballettschuhe trägt, befindet sich ab sofort in einer anderen Welt. Dafür quält es sich, fühlt sich erwachsen, respektiert, wichtig, schwebt wie auf Wolken: "leicht wie eine Feder, leicht wie eine Seele – eine Feder auf dem Atem Gottes" (nach Hildegard von Bingen). Der Traum endet, als das junge Mädchen gewiss ist, keine Zukunft als Tänzerin zu haben. "Ich tanzte schlecht, nervös, vorsichtig, immer mit der Angst zu stürzen." Dennoch blickt die Autorin zurück auf eine glückliche Zeit, auf strahlende Momente: "Als Tänzerin war es mir für kurze Zeit möglich zu glauben, dass die Welt ein einfacher Ort war, offen und klar wie Geometrie, Balance, Symmetrie, Bewegung, Form, Reinheit des Herzens... Der Anspruch: Arbeite so hart wie du kannst. Mach es schön..."

 Jahre später als erwachsene Frau – Schriftstellerin, Übersetzerin, Lehrerin – träumt sie einen anderen Traum. Von männlicher Liebe: liebevoll, zärtlich, "und er wird stark, wild und brutal genug sein, um mich vor der Welt zu beschützen." Vadim, der russische Taxifahrer, gefällt ihr. Bei ihm fühlt sie sich sicher, und bei ihm findet ihr Verlangen, "männliches Verlangen zu provozieren" Erfüllung. "Seine Furchtlosigkeit ist ein Teil des Zaubers, der mich an ihn bindet." Das antwortet sie, wenn ihre Freundinnen sie fragen "warum siehst du ihn noch"? Sie weiß doch, dass er kein guter Mensch ist. Sie weiss doch, dass sie sich von ihm trennen muss. 

Das wird sie auch, sie wird nach China gehen, in Shanghai Englisch unterrichten. Sie wird die Heimat ihres Vaters Chang kennen lernen, einen Blick in seine Vergangenheit werfen: eine weitere Spurensuche – auf dem Weg zu sich selbst.