• Patrick Hofmann: Nagel im Himmel, Penguin

    Oliver ist 14, als die todkranke Großmutter ihm erzählt, „was sie nicht mit ins Grab nehmen will.“ Wie das war damals war, als seine 18jährige Mutter Oliver zur Adoption frei geben wollte und wie dann in der Familie entschieden wurde, dass das Kind bei den Eltern seines Vaters aufwachsen sollte. „Geschrien hasde“ sagt die alte Frau, die ihn in der Kleinstadt südlich Leipzig aufgezogen hat, in breitestem Sächsisch.

    Bis zu diesem Gepräch hat Oliver kaum etwas von all dem gewusst. Über seine Mutter war nie geredet worden. Dem Vater ist er gleichgültig; Stiefmutter und Stiefschwester, die ganze kleinbürgerliche Familie, die ständig irgendetwas feiert, zu viel trinkt und oft dumm daher redet, ist nicht seine. Sie verstehen ihn nicht, er ist der Außenseiter. Bei Oma Lisbeths Beerdigung taucht eine unbekannte Frau auf. Oliver weiß sofort, das ist sie, seine leibliche Mutter. Sie heißt Kathrin.

    Oliver ist ein Mathematik- Genie, ein Einzelgänger, der nirgendwo hin gehört. Die Zahlen aber, vor allem die Primzahlen, helfen ihm. Sie sind immer da, sie geben Halt. „Er liebte die Mathematik nicht nur ihrer Präzision und Kälte wegen, mehr noch wegen ihrer rätselhaften Tiefe.“ Die Begabung für die Mathematik ist für diesen besonderen Jungen das Überlebenselixier. Später entdeckt er noch die Tröstungen der Bach'schen Musik: die Kunst der Fuge, die Brandenburgischen Konzerte, die Goldberg-Variationen. Die zweite Entdeckung ist das Biertrinken. „Bach und Bier machten Olivers Welt heller. Damit schwebte er über der Bodenlosigkeit seines Lebens.“

    Er ist 17, als er bei der Mathematik-Olympiade in Montreal das beste Ergebnis erzielt. Die Welt staunt, sie nennt ihn das „deutsche Jahrhundert-Talent“. Die Familie sieht es mit Argwohn.
    Das Geheimnis der Primzahlen, die Frage, in welchem Verhältnis die Primzahlen zueinander stehen, bestimmen Olivers Denken und Forschen – unterbrochen immer wieder durch seine Ausfälle, die Zeiten, in denen er sich selbst und sein Talent so sehr hasst. Kann seine Sehnsucht nach Liebe, Anerkennung und Zugehörigkeit wegen seines Andersseins nicht erfüllt werden?
    Gut, dass ihn Ina anspricht. Mit ihrer Hilfe wird er nicht nur überleben, sondern endlich leben können. Ina ist Physikerin, als Vorhut schickt sie Oliver ihre Katze ins Haus. Sie soll ihm gut tun. Es dauert, bis Oliver merkt, dass er Katzen liebt. „Eine Katze war immer da. Wie die Zahlen.“ Auch Ina wird bei ihm bleiben. In den guten Zeiten an seiner Seite sein, als Oliver das große mathematische Rätsel um die Primzahlen löst: „Er schlägt einen Nagel in den Himmel der Mathematik, der hielt.“ Und sie ist auch an seiner Seite, als ihn der Rettungswagen in die Uniklinik Leipzig fährt. Ein simples happy end hätte zu dieser „modernen Heldengeschichte“ (Klappentext) nicht gepasst.
    Patrick Hofmanns zweiter Roman (für sein Debüt „Die letzte Sau“ wurde er mit dem Robert-Walser-Preis ausgezeichnet) lebt von der Spannung seiner krass gegensätzlichen Welten und der Sensibilität, mit der er die seelischen Wunden und die Ausgrenzung eines Ausnahmetalents schildert. Ein hochinteressanter Roman, der einen schnell in Bann schlägt.
    Selbst Leser mit eher geringem mathematischen Durchblick.

  • Angela Lehner: Vater Unser, Hanser Berlin

    Eva Gruber ist krank. Eine Wahnsinnige, die sich vor nichts fürchtet. In dem Wiener Spital, in das sie eingeliefert wird, weil sie behauptet, eine ungeheuerliche Tat begangen zu haben, gibt sie sich kämpferisch und aufmüpfig und quält das Personal mit ihren unverblümten Tiraden. Eine Rebellin, die das Spital eine „Irrenanstalt als Naherholungsgebiet“ bezeichnet. Ihr Ziel: sie will mit ihrem jüngeren Bruder Bernhard (wohl eine Referenz an Thomas Bernhard) sprechen, der schon lange magersüchtig ist und in diesem Spital lebt, nur in einem anderen Pavillon. Der Bruder verweigert sich, er fühlt sich bedroht durch die Gegenwart der Schwester.

    Eva erzählt dem leitenden Psychiater Dr. Korb von der katholischen Dorfidylle, in der sie und ihr Bruder aufgewachsen sind: „Unser Geschwür ist der Vater. Der Vater wuchert uns unter der Haut, er dringt uns aus den Poren.“ „Vater unser“ ist das Gebet, das man zu Hause auswendig lernen musste und das für Eva untrennbar mit ihrem Kindheitstrauma verbunden ist.
    Ausnahmsweise arbeitet die Patientin Gruber an diesem Therapie- Tag mal mit: “Heute bin ich in der Therapie so konstruktiv, dass ich es selbst kaum glauben kann: Ich bringe mich ein, nicke mir selbst zu, wenn ich Korb etwas erkläre – eigentlich sollte man mich den anderen Irren als Musterpatientin vorführen: So hat man verrückt zu sein, genau so und nicht anders...“ Eva Gruber erklärt dem Arzt auch, dass sie nicht genau weiß,. ….“liegt es an mir oder an allen anderen Menschen“?

    Die Frage 'Ist das die Wahrheit oder eine Lüge'? ist in diesem furiosen Debüt, mit dem Angela Lehner den Österreichischen Buchpreis 2019 gewann, nicht einfach zu beantworten. Manchmal bleibt beides einfach nebeneinander stehen. Genauso wie sich auf den 280 Buchseiten seelische Düsternis mit hochkomischen, ironischen Passagen mischen.

    Am Ende des Buches steht die Flucht der beiden Geschwister aus dem alten Spital in das Heimatdorf. Eva will den Bruder retten und Rache üben. Ihr Realitätsverlust wird immer deutlicher. Sie hat auch die ungeheuerliche Tat nicht begangen, so wie sie es behauptet hat. Es wurde keine Kindergartengruppe erschossen. Eva Gruber ist keine Mörderin, nur eine Verirrte, eine verzweifelte Rebellin - und eine Stimme, die man so schnell nicht vergisst. Ihr größenwahnsinniger, besserwisserischer Ton, der Verletzung und Verstörtsein kaum überdeckt, klingt lange nach. Joachim Meyerhoff, Schauspieler und Schriftsteller, sagt es so: „Was für ein Debüt. Immerzu möchte man diese Eva gleichzeitig würgen und küssen – sie geht mir nicht mehr aus dem Kopf.“





  • Anna Katharina Hahn: Aus und davon, Suhrkamp

    „Mit dem Reisestudio Geiger hatten sich Elisabeth und Hinz ihren Traum vom eigenen Geschäft erfüllt, mit dem Haus am Alosenweg und den beiden Töchtern ihre Vorstellung von Heim und Herd...“ Jahrzehnte später – Elisabeth ist inzwischen eine arthrosegepagte Seniorin – platzt der Lebenstraum. Der Ehemann ist Elisabeth nach einem Schlaganfall in der Reha abhanden gekommen. Er hat eine lebensfrohe Annemarie kennen gelernt, mit der er fortan leben will. Nicht länger mit ihr, dem „sauren Essigweib“, wie sie sich selber empfindet. Die Kindheit im pietistisch-frommen Elternhaus und die unerbittlichen Mahnungen zweier „gelbgesichtiger“ Diakonissen haben Elisabeth geprägt, begleiten sie schon ein Leben lang. Kein Wunder, dass sie für sinnliche Freuden und spontanen Glücks-Genuß kaum mehr empfänglich ist. Zu Sabine, der älteren Tochter, hat sie ein distanziertes Verhältnis, Cornelia, die Jüngere, ist seit Geburt an ihr Liebling.
    Nun steckt auch Cornelia in einer Krise und hat eine Auszeit genommen. Elisabeth ist eingesprungen, um den chaotischen Haushalt der alleinerziehenden Mutter und die Versorgung und Fürsorge für ihre Enkel Stella und Bruno zu übernehmen. Soviel zur aktuellen Situation, einem Ausnahmezustand.
    Anna Katharina Hahn („Das Kleid meiner Mutter“) hat ihren Familienroman breit angelegt, sie erzählt auch von der Generation davor, von Elisabeths Mutter Gertrud, die während der Weltwirtschaftskrise als Haushaltshilfe von Stuttgart in die USA geschickt wird, dort ihren pietistischen Ehemann kennen lernt und mit ihm in die Heimat zurück kehrt. Aus dem „Davor“ erfahren wir, warum die Figuren der Jetztzeit so geworden sind, wie sie sind. Die unterschiedlichen Erzählstränge, Perspektivwechsel, die auf die Erzähl-Figur jeweils abgestimmte tonality ergeben ein facettenreiches, spannendes Familienmosaik: emphatisch dargestellt, scharf beobachtet, psychologisch eingeordnet. Wechselnde Orte kommen hinzu. Denn die erschöpfte Tochter Cornelia ist in die USA gereist, schaut sich New York an und geht dann auf Spurensuche nach Pennsylvania, wo Großmutter Gertrud einst strandete.
    Elisabeth erzählt ihrem Enkel Bruno derweil in Stuttgart von der Puppe Linsenmaier, einziger Trost des Mädchens Gertrud in der Fremde. Denn der oft so ruppige Bruno braucht dringend ebenfalls Trost. Der stark übergewichtige Junge wird in der Schule gehänselt. Er streikt, schwänzt die Schule, kommt eines Tages nicht nach Hause. Elisabeth gerät in Panik. Sie fühlt sich überfordert und sie schämt sich so, weil ihr Hinz sie verlassen hat. Zudem fühlt sie sich in der Wohnung der Tochter nicht wohl. Die ganze Gegend ist ihr suspekt. Zitat: „Die Ostendstraße als neue Adresse ihrer Tochter bedeutete für Elisabeth eine Ohrfeige, genau wie die Scheidung ihrer Tochter. Sie kannte Stuttgart-Ost lediglich vom Wegschauen, als bemitleidenswerte Arbeitergegend, durch die ihre Straßenbahn fuhr...“
    Doch der Ausnahmezustand, den die Familie bewältigen muss, bringt auch neue Impulse, neue Energie, neue Einsichten. Am Ende haben sich alle ein bisschen verändert, sich neu gefunden. Mit mehr Verständnis füreinander. Cornelia kommt früher zurück aus ihrer Auszeit als geplant, Stella ringt noch mit ihrem ersten Liebeskummer, Bruno kümmert sich rührend um eine aufgelesene Katze und ihre Jungen, und er bittet Elisabeth „Bleibst du trotzdem noch ein bisschen bei uns“ und „ Eli-Omi, kannst du mir weiter vorlesen...“ Eli-Omi hat die Geschichte ihrer Mutter Gertrud und der Puppe Linsenmaier für ihren Enkel aufgeschrieben. So weiß man jetzt, wie es der armen Gertrud damals ergangen ist. Die Familien-Vergangenheit ist in der Gegenwart angekommen.