9. Jun, 2021
  • Gabriele Tergit: Vom Frühling und von der Einsamkeit, Schöffling

    Gabriele Tergit (1894-1982) wurde berühmt durch ihre Gerichtsreportagen, sie stehen am Anfang ihrer literarischen Karriere und sind gleichzeitig ein Herzstück ihrer Arbeit. Drei Bücher hat die Berliner Journalistin und Schriftstellerin veröffentlicht, darunter „Effingers“, ein Roman über drei jüdische Familien und das Berlin zwischen den Weltkriegen – ein sensationelles Familienepos, inzwischen wiederentdeckt und in diesem Jahr auch als Taschenbuch herausgebracht.

    Die Gerichtsreportagen, die Gabriele Tergit zwischen 1924 und 1933 für Berliner Zeitungen schrieb, machten sie zu einer der bekanntesten Journalistinnen der Weimarer Republik, dem Schöffling-Verlag ist es verdanken, dass wir diese sehr besonderen, berührenden, zutiefst menschlichen (oft auch komischen) und politisch klarsichtigen Berichte aus den Gerichtssälen Berlins jetzt nachlesen können.
    Die Auswahl der Reportagen hat Herausgeberin Nicole Henneberg unter dem Titel „Vom Frühling und von der Einsamkeit“ zusammengefasst. In ihrem Nachwort skizziert sie, warum Gerichtsreportagen in dieser Zeit die Menschen besonders faszinierten. Einerseits unterhielten und infomierten sie über die Situation der Menschen im Lande, aber sie boten auch Orientierung in schwierigen Zeiten, halfen, sich eine Meinung zu bilden in der Diskussion über eine anstehende Reform des Straf-und Zivilrechtes. Besonders das Scheidungsrecht und der § 218 standen dabei im Fokus. Henneberg: „ Die meisten Richter standen solchen Debatten ablehnend gegenüber, wie sie die junge Republik insgesamt ablehnten. Sie waren zumeist in der Kaiserzeit ausgebildet und politisch geprägt worden, sie trauerten dem Monarchen als obersten Dienstherrn nach...„ Die literarische Sprache der damaligen Gerichtsberichte (so wie Tergit und Schlesinger ihre Texte verfassten), die feuilletonistische Gerichtsreportage, bot zudem ausreichend Anlass, Partei zu ergreifen und Anteil zu nehmen, sich zu empören und zu ereifern. Denn die Leser waren sich – bei allen Unterschieden – in einem einig: Machtverhältnisse und soziale Missstände zeigen sich nirgends so ungeschönt und nackt wie vor Gericht.
    Tergits Berichte sind oft kleine Novellen, immer geht es ihr um den entscheidenen Kern, den entlarvenden Satz, der im Gerichtssaal fällt – und auch um die gesamte Atmosphäre im Saal. Man muss dabei auch vor Augen haben, dass sich Tergit zu Beginn ihrer „Gerichts-Karriere“
    eher schüchtern und unauffällig im Gerichtsaal verhielt. Bei Gericht gab es zu ihrer Zeit (von Angeklagten, Zeuginnen, Zuhörerinnen und Putzfrauen abgesehen) keine Frauen, die hier ihrer Arbeit nachgingen. Die Justiz war eine Männerwelt, in der Tergit als Ausnahme-Talent auffiel. Ihre Texte sind atmosphärisch, sehr lebendig und offenbaren Sprachwitz. Bemerkenswert, dass der legendäre Chefredakteur Theodor Wolff ihr für neun Gerichts-Reportagen im liberalen „Berliner Tageblatt“ 500 Mark Honorar im Monat zusagte. Tergit schrieb später in ihren Erinnerungen, das seien (1925 bis 1933) die „sieben fetten Jahre ihres Lebens“ gewesen.

    Literaturkritikerin Henneberg beschreibt in ihrem Begleittext, dass Tergit den Gerichtssaal als offene Bühne verstand, auf der sich bei jeder Verhandlung ein neues Stück abspielte: „Sie (Tergit) machte keinen Hehl aus ihrer Meinung und beachtete besonders die sozialen und psychologischen Details der Fälle, ebenso würdigte sie die Weisheit der Richter, wenn es denn eine solche gab...“ Hennebergs Fazit: „Tergits Gerichtsreportagen standen mitten in den Diskursen der Zeit, sie lassen sich als politische Chronik und Sozialgeschichte jener Jahre lesen... Immer deutlicher treten ab 1927 auch in den Gerichtsberichten die bedrohliche Atmosphäre und das Klima der Gewalt hervor. Die Kämpfe zwischen rechten paramilitärischen Verbänden, den Sturm-Trupps, und linken Schlägertruppen, KPD-Wehren und Hausschutzstaffeln lehnte Tergit entschieden ab... Sie glaubte leidenschaftlich an eine liberale Gesellschaft.
    Tergits Berichte handeln von fast allem, was Menschen sich gegenseitig antun. Heiratsschwindel, Betrug, Meineid, üble Nachrede, rohe Gewalt, Mord... nachfolgend drei Themen-Beispiele (gekürzte Fassung).
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    Die Sittlichkeit auf der Leiter.
    Verhandlung vor dem Mieteinigungsamt. Die Damen G. , Mittvierzigerinnen, wollen ihren Untermieter loswerden und bezichtigen ihn, „Damenbesuche zu erhalten, im Wesentlichen von Fräulein St., die seit fünf Jahren als seine Braut gilt. Fräulein St. gibt an, nie über Nacht geblieben zu sein, sie hat darauf einen Eid geschworen. Eine der Damen G. bezeugt das Gegenteil. Sie gibt an, um Mitternacht auf eine Leiter geklettert zu sein, um durch das Oberlicht der Tür in das Zimmer des Untermieters schauen zu können. Die Nachttischlampe brannte... So sah sie den Untermieter mit seiner Braut im Bett liegen. Urteil: sechs Monate Gefängnis wegen Meineid.
    Tergit findet folgende Schlussworte: „Die beiden Fräulein G. gehen, überzeugt von ihrer Tugend, erhobenen Hauptes davon. Wo aber steht in dieser Weibergeschichte das Erlebnis, das die Fräulein G. zu dem machte, was sie sind, das sie aufstehen hieß, die dürren Verwelkten, gegen das Leben?„ (BBC, 1924)

    Nach dem Urteil.
    „Eine der scheußlichsten Taten, die je in Moabit zur Verhandlung standen, war die Jagd der Nationalsozialisten auf Heimbürger. Dieser sehr jüdisch aussehende Zeitungshändler wurde erst erstochen, und totwund, noch einmal erschlagen. Der Stecher hat sich seiner Tat gerühmt. Die Sache war organisiert...“ Tergit listet in ihrem Bericht die Versäumnisse des Gerichts auf, beklagt die „außerordentliche Milde “ bei der Urteilsfindung: Nur
    fünf Jahre Gefängnis für den brutalen Haupttäter. Sie schließt mit dem Satz: „So zart kann man das Faustrecht, das sich in Deutschland ausbreitet, nicht bekämpfen – und stellt herausfordernd die Frage: „Wie lange soll diese verwahrloste Jugend, angeführt von irgendwelchen Desperados, die Straßen unsicher machen?“ (BT, 1930)

    Paragraph 218: Ein Fall aus tausend Fällen.
    Tergit schildert den Fall einer 16jährigen, die von ihrem 19jährigen Bräutigam schwanger wird. Die Mutter des Mädchens ist seit der Geburt ihres ältesten Kindes, nämlich dieses Mädchens, schwer an Gelenkrheumatismus erkrankt und in ihrer Arbeit behindert. Sie plagt die Sorge, was nun werden soll, wenn eine Mitverdienerin ausfällt, wie soll die sechsköpfige Arbeiterfamilie durchkommen? Die Mutter bringt ihre Tochter zu einer Hebamme.
    Eine anonyme Anzeige aus der Nachbarschaft bringt Hebamme und Mutter vor Gericht. Gegen die 16jährige wird das Verfahren eingestellt. Das Urteil mit Bewährungsfrist (vier Wochen für die Hebamme, für die Mutter drei Tage) „ist eins, das gefällt erscheint, mehr um den Buchstaben des Gesetzes zu genügen, als aus Überzeugung von der Strafbarkeit dieser Handlung.“
    (BT, 1929)

    Am 28. Februar 1933 erscheint Tergits letzter Bericht in der „Weltbühne“ . Ein paar Tage später flieht sie von einem Tag auf den anderen aus Berlin, nachdem sie einer Verhaftung durch die Nazi-Sturmtruppe 33 in ihrer Wohnung nur knapp entkommen ist. Sie emigriert später nach Palästina, geht 1938 mit ihrem Mann nach London. Von 1957 arbeitet sie dort mehr als zwei Jahrzehnte lang für das PEN-Zentrum, der Schriftstellervereinigung: Poets, Essayists, Novelists und betreut deutschsprachige Autoren im Ausland.

  • Christian Guay-Poliquin: Das Gewicht von Schnee, Hoffmann und Campe

    „Der Schnee beherrscht alles. Er dominiert die Landschaft, erdrückt die Berge. Die Bäume geben nach, krümmen das Rückgrat, neigen sich zu Boden...Von hier gibt es keinen Ausweg. Der Wald umzingelt uns von allen Seiten... Die Welt steht still..."
    Der kanadische Autor Guay- Poliquin beschreibt ein Endzeit-Szenario, landesweit ist der Strom ausgefallen, ununterbrochen schneit es, über dem kleinen, entlegenen Dorf, das allmählich im Schnee versinkt, liegt beklemmende Stille. Es ist von der Außenwelt abgeschnitten. Ein junger Mann, der Ich-Erzähler, ist heimgekehrt in diese kanadische Ödnis, nach einem schweren Autounfall hat man ihn mit zerquetschten Beinen unter seinem Auto gefunden, ein paar Männer im Dorf meinten ihn wiederzuerkennen: der Sohn des verstorbenen Automechanikers. Die Tierärztin schient seine gebrochenen Beine, man bringt ihn in ein morbides Haus am Rande des Dorfes, hier bei einem alten Mann soll er gesunden. Auch der alte Matthias ist ein Gestrandeter. So schnell als möglich will er in die Stadt zurück zu seiner kranken Frau. Die Männer im Dorf haben ihm ihr Wort gegeben: Wenn er den Kranken versorgt, bekommt er einen Platz im nächsten Fahrzeug, das in die Stadt fährt – sobald der Schnee nachlässt.
    Wir erleben ein düsteres, hoch spannendes Kammerspiel. Die beiden Männer organisieren das tägliche Überleben, der junge überwindet auch seine Sprachlosigkeit, doch die schweren Verletzungen heilen nur langsam. Zwischen den beiden schwelt das Mißtrauen, die Versorgung wird immer schwieriger, sie verfeuern Stühle, Treppengeländer und die Wandvertäfelung, im Dorf wird eine der letzten Kühe geschlachtet, und noch immer schneit es, das Terrassendach bricht unter der eisigen,weißen Last zusammen, drohendes Unheil liegt über allem... „Der Schneesturm heult. Als könnte er es kaum erwarten, mich zuzudecken, mich in die Arme zu schließen, mich zu verschlingen... Ich habe Angst. Ich will nicht so enden, zusammengekauert, mit dem Gesicht im Schnee...“
    Guay-Poliquin schildert den Ausnahmezustand von Natur, Land und Mensch in klarer, knapper, schnörkelloser Sprache, das Geschehen – bedrohlich wie ein Albtraum – nimmt schnell gefangen. Für „Das Gewicht von Schnee“ wurde der Autor mit etlichen Preisen ausgezeichnet.
    Wie wird es enden, gibt es ein Entrinnen? Hoffnung kommt erst auf, als der Schnee schmilzt „Ein warmer Wind streicht über den Wald ... alles tropft und fließt.“ Der Ich-Erzähler wagt ein neues Abenteuer. Irgendwo in den weiten Wäldern hat seine Familie eine Jagdhütte. Onkel und Tanten hatten sich schon vor dem großen Schnee dahin aufgemacht. Der junge Mann schaut auf die zerfledderte alte Landkarte, in der die Jagdhütte mit einem Kreuz markiert ist. Mit seinen schwachen Beinen wird er wohl zwei Wochen brauchen. Wenn alles gut geht...

  • Christian Kracht: Eurotrash, Kiepenheuer & Witsch

    „Also, ich musste wieder ein paar Tage nach Zürich. Meine Mutter wollte mich unbedingt und sofort sprechen...“ Der Sohn, die Ich-Figur des Romans, folgt dem dringlich geäußerten Wunsch der 80jährigen. Er reist nach Zürich wie er es seit einiger Zeit jeden zweiten Monat macht: „schreckliche Besuche, ganz und gar abscheulich, es war mehr als ich ertragen konnte“.
    Die Mutter ist psychotisch und dement, ihren 8o. Geburtstag musste sie in der geschlossenen Psychiatrie feiern. „Dort saß sie zusammengekauert im Gemeinschaftszimmer der Nervenklinik Winterthur, das Gesicht vom betrunkenen Hinfallen 
    zerschrammt und mit dunkelroten Blutkrusten überzogen, vor sich einen Blumenstrauß zu 800 Franken,“ erinnert sich der Sohn, der sich inzwischen entschlossen hatte, „das Elend einfach zu akzeptieren, in dem meine Mutter in ihrer Wohnung seit Jahrzehnten dahinlebte, umgeben von kullernden, leeren Wodkaflaschen und den knisternden Folien ihrer Schmerzmittelpackungen.“

    Christian Kracht, der schon in seinem Roman „Faserland“ bewiesen hat, wie großartig er sich selbst in Szene setzen kann, bearbeitet nun die eigene Familiengeschichte, ungeschönt legt er Wunden bloß, blickt in Abgründe, setzt dramatische Bezüge und effektvolle Höhepunkte, um den Zerfall einer Familie zu schildern, die in die Hoffnungslosigkeit abgestürzt ist. Wobei er Realität und Fiktion gekonnt mischt und den bizarren, traurigen Zürich-Besuch bei der Mutter dramaturgisch geschickt anlegt. Natürlich fragt man sich immer wieder: Ist das nun wirklich wahr oder schriftstellerische Freiheit? Tatsache ist auf jeden Fall, dass sein Vater Christian Kracht Verlagsmanager bei Axel Springer war. Der Sohn eines Taxifahrers aus Hamburg brachte es zu einem der bestbezahlten Manager der damaligen Bundesrepublik und häufte ein Vermögen an.
    Und gut ist die Geschichte ebenfalls, eine Mischung aus einer Reise ins Ich und in die Familienvergangenheit mit allen Schrecknissen, schräg, abgründig, exaltiert und auch entblößend mutig. Dabei leicht und locker erzählt, es sei denn der Autor ist außer sich, gerät in einen provozierenden Redeschwall und muss sich erst mit einer Tirade abreagieren.

    Mutter und Sohn reisen also mit dem Taxi und einer prall gefüllten Plastiktüte voller Geld durch die Schweiz, zuerst zu einer Öko-Kommune, an deren Verkaufsstand der Sohn einen wollkratzigen braunen Pullover erstanden hatte, der bei ihm ein heimeliges Gefühl verursachte. Zum Frühstück essen sie Forelle in einem Gasthof, in dem sie vor Jahrzehnten des öfteren eingekehrt waren. Später fahren sie mit der Gondelbahn auf einen Berggipfel, um ein echtes Edelweiß zu suchen. Sie kommen sich wieder näher, reden miteinander. "Erzähl mir noch eine Geschichte, Christian, das kannst du so gut,“ bittet die Todkranke.
    Es geht immer um die wechselnde Befindlichkeit der Mutter, um ihr zerstörtes Leben und um die Liebe, die Verachtung und die Traurigkeit des Sohnes – und um dieses verdammte Geld, diese 600.000 Schweizer Franken in der Plastiktüte, aber auch um die Millionen, die noch in den Depots und Tresoren lagern, um den Überfluss, der zu Dekadenz führt. „Eurotrash“ meint das Obszöne am Geld und definiert es auch als trivialen Müll. Und so streut auch der Sohn (und Autor) seine Verachtung für Euro und Franken und ein durch Geld sinnlos gewordenes Leben immer wieder über 210 Buchseiten aus, ebenfalls seinen Hass auf die Schweiz, (ein „durch Geld verkommenes und verwahrlostes Land“). Eine Wahnsinns-Szene, als Mutter und Sohn oben auf dem Berg zwei indische Touristinnen aus der Plastiktüte mit Tausenden von Franken beschenken wollen. Eine Windbö wirbelt das Geld durcheinander und treibt es in die Tiefe, bevor die beiden verdutzten Frauen zugreifen können. Wie hatte die Mutter gesagt: „Wir werden dieses Geld verschenken, loswerden, verschleudern. An irgendwelche Menschen, ganz zufällig.“ Dann könnten beide vielleicht doch noch einmal nach Afrika fliegen.

    Dazu wird es nicht kommen, das Taxi wird nicht zum Land Rover und der Taxifahrer nicht zum Kenianer. Das Taxi hält am frühen Morgen in Winterthur vor der Nervenklinik Elfenstein. „Es war eine sehr schöne Reise mit Dir“, sagt die Mutter zum Abschied.