• Alexa Hennig von Lange: Die karierten Mädchen, Dumont

    „Plötzlich war Klara schwindlig. So als hätte sie versehentlich die mehrfach verriegelte Tür zu jenem Raum geöffnet, in dem sie einen Teil ihrer sehr weit zurückliegenden Vergangenheit eingesperrt hatte... mit einem Mal war sie wieder umgeben von all diesen schwer erklärlichen Ereignissen, die keinen Tag älter geworden zu sein schienen...“

    Klara, die ehemalige Erzieherin und Lehrerin, ist inzwischen 91 Jahre alt und erblindet. Sie wusste immer, dass dieser Moment des Erinnerns irgendwann übermächtig werden und sie innerlich erzittern lassen würde. Sie begreift, der Moment ist da – jetzt. Sie wird ihren erwachsenen Kindern endlich erzählen, wer ihre Mutter damals gewesen war, als junge Frau mit Anfang 20 in der Weimarer Republik und der nachfolgenden Nazizeit. Sie wird von den „karierten Mädchen“ berichten, für die sie damals verantwortlich war. Mädchen, gekleidet in niedliche rot-blau-grüne Karo-Dirndl mit Schürzen, die Haare geflochten zu einem festen Haarkranz.

    Alexa Hennig von Lange verknüpft die beiden Erzählstränge ihres Buches aus 1929 und 1999, um Vergangenheit und Gegenwart zu vereinen, mit dramaturgischem Geschick, ebenso wie sie Autobiographisches und Fiktionales zusammenbringt. Inspiriert hat sie ihre Familie. Die Großmutter hatte als alte Frau ihre Lebenserinnerungen auf Band aufgenommen und ihren Erben 130 Tonbandkassetten hinterlassen, auf denen sie ihr Leben in schweren Zeiten schildert: Kindheit in der Kaiserzeit, Heranwachsen in der Weimarer Republik, Erwachsensein in der Nazizeit, Zweiter Weltkrieg, bis zu den Jahren in Ostdeutschland und Flucht in den Westen, wo sie sich mit ihrem Mann und vier Kindern ein neues Leben aufgebaut hatte. In ihrem Nachwort schreibt die Autorin: „Diese Kassetten gehörten für mich genauso zu meiner Großmutter wie ihr Dutt im Nacken, ihre Strenge und ihre Unnahbarkeit“ … „ Die Romanfigur Klara hat noch immer viel mit meiner Großmutter gemein, sie ist aber nicht mehr meine Großmutter. Mein Buch ist das Ergebnis meiner Auseinandersetzung mit ihren Erinnerungen.... und der Versuch, mit meiner Oma über diese zutiefst verstörende Wahrheit in ein Gespräch zu kommen.“

    Im Buch kämpft sich Klara, nachdem sie ein erstes Erinnern zugelassen hat, erst einmal mühsam aus dem Jahr 1929 zurück ins Jahr 1999. Ihr Entschluss steht: Sie will nicht länger schweigen über die so lange verdrängte Vergangenheit. Ihre Erblindung lässt Aufschreiben nicht zu, also greift auch Klara zum Kassettenrekorder, Tochter Inge wird um immer mehr Kassetten gebeten. Denn Klara merkt sehr schnell, je mehr sie ins Mikrofon spricht, umso mehr erzählt ihre innere Stimme von den aufwühlenden, dramatischen Zeiten, die damals mit ihrer Ankunft in der Kinderheilstätte Oranienbaum im Freistaat Anhalt begannen.

    Klara ist 21 Jahre alt, sie soll in der Heilstätte für tuberkulosekranke Kinder den gesamten Heimhaushalt organisieren und zudem 15 junge Mädchen in Hausarbeit, Gesundheits-und Ernährungslehre unterrichten. Klara hat diese Anstellung bitter nötig. Es ist 1929, Weltwirtschaftskreise, die Eltern und der jüngere Bruder sind auf ihre Unterstützung angewiesen. Sie fühlt sich wohl in ihrem neuen Zuhause und mit ihrer neuen Aufgabe. Sie hat sich vorgenommen, ihre Schülerinnen, die aus ärmlichen Verhältnissen stammen, zu selbstständigen, jungen Frauen auszubilden, die fähig sein sollen, auf eigenen Füßen zu stehen. „Und sie wollte ihnen zeigen, wieviel Schönes es in dieser Welt gab, jenseits von Armut, Mutterschaft und Perspektivlosigkeit.“

    Alles kommt anders, den Herausforderungen der Zeit begegnet die unpolitische Klara blauäugig und naiv, völlig blind ist sie für die Welt ringsum, die sich mit dem Erstarken der Nazis brutal verändert. Muss sie sich nicht fügen, um das Heim vor der drohenden Schließung zu retten? Muss sie nicht ständig Kompromisse eingehen, um das kleine jüdische Mädchen Tolla durchzubringen? Und so ist Klara plötzlich Teil des Nazi-Systems, sie leitet ein Frauenbildungsheim, über dem Eingang weht die große Hakenkreuzfahne, sie lächelt beipflichtend, wenn Nazi-Obere die Gleichberechtigung von Männern und Frauen als sogenannte „Fehlentwicklung“ diffamieren, und sie begrüßt in ihrem Heim regelmäßig Nazi-Prominenz, der zum Kontrollbesuch vorbei kommt. Reichsführer SS Heinrich Himmler bietet ihr sogar an, eines seiner Lebensborn-Heime zu leiten.

    Und dabei wollte Klara doch nur immer alles richtig machen...

    Zumindest haben jetzt Verschweigen und Sprachlosigkeit ein Ende, es kann über Schuld, Nichtschuld oder Mitschuld reflektiert werden, über „Was wäre gewesen, wenn“? oder „Wie hätte man sich selbst wohl in solchen Zeiten, unter politischem Druck und in schwieriger Situation verhalten“? Ein Buch, das Fragen aufwirft und auch anregt, die eigene Familiengeschichte mutig zu hinterfragen. Die Botschaft der „karierten Mädchen“ ist erst der Anfang, weitere Kapitel werden folgen. Alexa Hennig von Lange sieht Klaras Geschichte als Auftakt einer Romantrilogie, die bis in die 60er Jahre reichen soll.

  • Uwe Wittstock: Februar 33. Der Winter der Literatur, C. H. Beck

    „Es ging rasend schnell. Zwischen dem Regierungsantritt Hitlers und der 'Notverordnung zum Schutz von Volk und Staat', die alle wesentlichen Bürgerrrechte außer Kraft, setzte, vergingen vier Wochen und zwei Tage. Nur diesen Monat brauchte es, um einen Rechtsstaat in eine Gewaltherrschaft ohne Skrupel zu verwandeln...“ schreibt der Autor und Journalist Uwe Wittstock in seinem Vorwort. Wittstock nimmt in seiner täglichen Chronik des „Februar 33“ die Schriftsteller und Künstler in den Blick, für die sich in diesem Monat das Leben brutal veränderte und von denen sich viele täglich die Frage stellten: Sollen wir aus Deutschland fliehen, oder sollen wir erst einmal abwarten? Müssen wir um unser Leben fürchten?
    Das Schicksal der Literaten und Künstler erzählt Wittstock stellvertretend für alle, für die das Leben plötzlich bedrohlich geworden war und die eine existentielle Entscheidung fällen mussten. Manchmal innerhalb von Stunden – nach einem warnenden Anruf sofort einen kleinen Koffer mit den wichtigsten Dokumenten packen, Geld besorgen und unauffällig die Wohnung verlassen, als fahre man ins Wochenende, dann mehrmals umsteigen, um über die Grenze zu kommen. Nach Westen oder Osten.

    Alfred Kerr, der berühmte Theaterkritiker und Schiftsteller, ist krank, als ihn ein Polizeibeamter am 14. Februar 1933 in seinem Berliner Zuhause anruft und warnt: Schon am nächsten Tag soll ihm von den Behörden der Pass entzogen werden. Er würde dann das Land nicht mehr verlassen können. Kerr ist Sohn jüdischer Kaufleute, und seine Bücher und Publikationen stehen auf einer Autoren-Liste der Nazis, „deren Werke für das deutsche Ansehen als schädigend erachtet werden.“
    Kerr zögert keine Minute. Trotz Krankheit und Fieber packt er einen Rucksack mit dem Nötigsten, fährt zum Anhalter Bahnhof. Dreieinhalb Stunden später ist er in Prag. Ohne Geld, ohne Arbeit, ohne seine Frau und die beiden Kinder. Er flieht weiter nach Lugano in die Schweiz. Dort trifft am 4. März 1933 auch seine Familie ein. Kerr wird Deutschland erst vierzehn Jahre später wiedersehen.

    Das Schicksal Alfred Kerrs ist eines der vielen Beispiele, die Wittstock für seine Chronologie, für sein „Tatsachenmosaik“ ausgewählt hat. Der persönliche Blick auf die Künstler und Schriftsteller und die atmosphärisch dichte Schilderung ihrer Lebensumstände und ihres Lebenskampfes in dieser entsetzlichen Zeit wurden möglich, weil über Künstler und Schriftsteller mehr Persönliches aus ihren Tagebüchern, Briefen, Erinnerungen bekannt ist. Verknüpft mit Wittstocks chronologischen Schilderungen der täglichen politischen und gesellschaftlichen Geschehnisse - und das über sechs dramatische Wochen hinweg - machen dieses Buch so intensiv, beeindruckend und berührend. Er habe sich bewusst für eine erzählerische Herangehensweise entschieden, um die Ereignisse und die Schicksale dahinter so anschaulich und lebendig wie möglich zu beschreiben, sagt Wittstock. Und er bekennt auch seine eigene Ergriffenheit: „Weil manche Leute es einfach nicht wahrhaben wollten, wie sich ihr Leben jetzt änderte. Sie waren gezwungen zu reagieren … Und man möchte sie an die Hand nehmen und sagen: Du bist in großer Gefahr! Achte auf dich – du musst dieses Land jetzt schnell verlassen.“

    Die Chronik beginnt am 28. Januar 1933 mit dem Presseball in den Berliner Zoo-Sälen. Es wird getanzt und getrunken wie in den Jahren bevor. Nach Mitternacht wird spekuliert, Hitler werde wohl Reichskanzler werden. Nicht nur der Dramatiker Carl Zuckmayer hat das Gefühl, dass „etwas Unabsehbares auf uns alle zukommen wird.“ Auch Erich Maria Remarque ist gekommen. Sein Anti-Kriegs-Roman „Im Westen nichts Neues“ ist vor vier Jahren in der Vossischen Zeitung abgedruckt worden. Zuckmayer hat damals, 1929, eine Rezension geschrieben, die einem „Trommelwirbel“ glich: „Dieses Buch gehört in alle Schulstuben, in alle Zeitungen, in alle Lesehallen...“ . Schon nach wenigen Wochen hatte der Roman, bei Ullstein erschienen, eine Auflage von einer halben Million erreicht. Die Schrecken des Ersten Weltkrieges, geschildert aus der Sicht eines einfachen Soldaten, sind seitdem in 26. Sprachen übersetzt worden. Ein Welterfolg für Remarque. Für alle Nationalsozialisten und Deutschnationalen allerdings ist der Autor seitdem ein erklärter Feind, der ständig verunglimpft und mit Hetze verfolgt wird.
    Nach dem Presseball am frühen Morgen setzt sich Remarque in seinen Wagen und fährt durch das winterliche Deutschland Richtung Schweizer Grenze. Er wird erst knapp zwanzig Jahre später Deutschland wiedersehen...

    Noch nie haben so viele Schriftsteller und Künstler in so kurzer Zeit ihr Land verlassen. Denn ab Montag, den 30. Januar 1933, „regiert schon die Hölle“...

    Hermann Kesten, dessen Familie mit „Spanischer Grippe“ daniederliegt, muss die Flucht auf Anraten des Arztes verschieben, aber Kesten fährt noch am 30. Januar mit den Pässen zum französischen Konsulat, um Visa zu beantragen. Später sitzt er mit Erich Kästner in der Weinstube Schwanneke, einem Künstlertreffpunkt in Berlin.
    „Wir müssen Deutschland verlassen“, sagt er zu Kästner, “Hitler macht Diktatur, lässt Köpfe rollen, macht Krieg.“
    „Sie müssen abreisen, ich muss bleiben“, antwortet der: „Einer muss Zeuge sein...“. Kesten ist Jude, Kästner nicht.

    So berichtet Wittstock über Thomas, Heinrich, Klaus und Erika Mann, über Else Lasker-Schüler, Bertolt Brecht, Alfred Döblin, Ricarda Huch, Gottfried Benn – und viele andere.

    Am Abend des 31. Januar 1933 stürmt ein SA- Kommando in Wilmersdorf Wohnung und Atelier des von den Nazis verhassten Malers George Grosz. Sie treffen nur noch leere Zimmer und kahle Wände an. Grosz ist zusammen mit seiner Frau am 12. Januar 1933 in Bremerhaven an Bord eines Überseeschiffes gegangen, Zielhafen: New York.
    Die versteckten Bilder in der Berliner Wohnung haben die Nazis nicht gefunden. Sie „überleben“.

    Die Dichterin Else Lasker Schüler bewohnt ein winziges Zimmer im „Hotel Sächsischer Hof“. Lange Jahre war sie „die Königin der Bohème in Berlin, nun sind zwei neue Bücher von ihr erschienen, und ihr Theaterstück „Arthur Aronymus und seine Väter“ soll am Schillertheater uraufgeführt werden. Die Nazis verdammen ihre expressive Lyrik, außerdem ist sie Jüdin und tritt auf wie eine Traumgestalt aus dem Morgenland. Schon mehrfach hat ein Schlägertrupp sie vor ihrem Hotel abgepasst, die 64jährige beschimpft und herumgeschubst. Einmal ist sie gestürzt, hat sich so tief in die Zunge gebissen, dass sie genäht werden musste. Ein paar Wochen später ist klar: Ihr „Arthur Aronymus“ wird nicht mehr uraufgeführt werden. Theater werden inzwischen öffentlich beschimpft, und Überfalle der SA bei missliebigen Aufführungen können nicht mehr ausgeschlossen werden. „Wir müssen eine Zeit abwarten, wo wir wieder von der dichterischen Qualität abhängig sind und nicht vom politischem Fanatismus“, schreibt ihr Theaterintendant Gustav Hartung aus Darmstadt. Lasker-Schüler rettet sich im April 1933 nach Zürich.

    Oskar Maria Graf und Mirjam Sachs sind kein furchtsames Paar. Aber jetzt, seit Hitler an der Macht ist, trauen sie sich in ihrem Münchner Schwabing kaum noch auf die Straße. Graf weiß, unter den Nazis wird er nie mehr etwas schreiben und veröffentlichen können. Die Rollkommandos der SA sind unterwegs, nach und nach sind immer mehr alte Freunde von SPD und KPD verschwunden. Am 17. Februar 1933 erreicht Graf ein Telegramm. Die Wiener Bildungszentrale lädt den Volksschriftsteller zu einer mehrwöchigen Lesereise ein.
    Graf muss dringend untertauchen, er als radikaler Pazifist und Anarchist, ist eine Provokation für die Nazis; Mirjam Sachs ist Jüdin. Am nächsten Morgen sitzt Graf im Frühzug nach Wien; Mirjam will unbedingt noch bei der Wahl am 5. März 1933 gegen Hitler abstimmen. Drei Wochen später ist auch sie in Wien, erschöpft und verängstigt. 1938 werden beide über die Niederlande nach New York emigrieren.

    Alfred Döblin versteht sich als „politisch denkender, sozial engagierter, die Gegenwart sorgfältig beobachtender Schriftsteller, in der Sektion Dichtkunst der Preußischen Akademie der Künste vertritt er eine linksbürgerliche Position. Der Schriftsteller (und Mediziner) hat 1929 mit „Berlin Alexanderplatz“, der Geschichte des einfachen Mannes Franz Biberkopf, einen großen Erfolg erzielt.
    Am 28. Februar 1933 schaltet er gegen 9 Uhr das Radio ein und hört vom Brand im Reichstag. An die Behauptung des Sprechers, es sei ein kommunistisches Attentat gewesen, glaubt er keine Sekunde. Das Telefon steht nicht still an diesem Morgen, Besucher sind an der Tür: seine Freunde bedrängen ihn, er, Jude und Sozialist, führender Intellektueller des linksbürgerlichen Spektrums, müsse sich sofort in Sicherheit bringen. Döblin zaudert noch, verlässt dann aber am Abend mit einem kleinen Koffer seine Wohnung am Kaiserdamm. Ein SA-Mann verfolgt ihn, er kann ihn abschütteln und springt im Gedränge des Bahnhofs in einen abfahrenden Zug: Schlafwagen nach Stuttgart. Dort bleibt er ein paar Stunden, fährt dann weiter zu einem Arztkollegen am Bodensee, Schweizer Seite. Seine Frau und die Kinder kommen Anfang März nach.

    „Wenn Sie über den Pariser Platz kommen, mein Haus steht Ihnen offen...“ hatte der französische Botschafter ein paar Tage zuvor zu Heinrich Mann gesagt. Der Schriftsteller, der sich schon früh den Nationalsozialisten entgegengestellt hat und der umgehend nach Hitlers Machtergreifung von der Sektion Dichtkunst der Preußisches Akademie der Künste ausgeschlossen wird, ist in Gefahr. Es soll schwarze Listen geben, nach denen die Nazis verhaften und ermorden. Heinrich Manns Wohnung in der Fasanenstraße wird bereits überwacht, sein Pass – so wurde ihm zugetragen – soll eingezogen werden. Heinrich Mann berät sich mit seiner Lebensgefährtin Nelly Kröger: er wird fliehen, sie soll noch bleiben, einiges erledigen, zum Beispiel Geld von seinen Konten abheben und nach Frankreich transferieren. Die beiden gehen die Papiere durch und packen dann einen kleinen Handkoffer. Nach dem Frühstück am 21. Februar 1933 verlassen sie getrennt die Wohnung. Nelly mit dem Koffer in Richtung Anhalter Bahnhof. Heinrich Mann, wenig später ohne Gespäck, er kauft eine Fahrkarte nach Frankfurt am Main, ein unauffälliges Ziel. Nelly hat den Koffer im Gepäcknetz des zur Abfahrt bereiten Zuges abgelegt, in den letzten Warteminuten gehen die beiden am Bahnsteig auf und ab. Eine gute Tarnung. Heinrich Mann wird weiter reisen nach Kehl am Rhein. In Kehl flieht dann einer der höchstgeachteten Schriftsteller Deutschlands („Der Untertan“; „Professor Unrat“) zu Fuß mit Handkoffer und Schirm aus seinem Land, geht über die Rhein-Brücke, die nach Straßburg führt. Sein Frankreich-Visum gilt noch, er reist ungehindert weiter in den Süden, nach Sanary-sur-Mer.
    Keinen Tag zu früh. Die Wohnung in der Berliner Fasanenstraße wird noch am selben Tag von der SA durchsucht, Nelly Kröger auf einem Polizeirevier verhört. Sie braucht Monate, um über Umwegen nach Südfrankreich zu Heinrich Mann zu kommen.

    Ganz dicht bleibt Uwe Wittstock bei „seinen“ Schriftstellern und Künstlern in dieser lebensbedrohlichen Zeit. Dazu werden wir in seinem Buch tagtäglich neu konfrontiert mit dem ungeheuerlichen politischen Geschehen, mit einem menschenfeindlichen Regime, mit Terror, Vertreibung, Vernichtung, Mord. Und obwohl man schon so viel über diese Zeit zu wissen glaubte, erfahren und gelesen hat: „Februar 33“ ist ein außergewöhnliches, ein aufwühlendes Geschichtsbuch. Um Carl Zuckmayer zu bemühen: es gehört in Schulstuben, Bibliotheken, Lesekreise...

  • J.M.G. Le Clézio: Bretonisches Lied, Kiepenheuer& Witsch

    Als Kind empfindet J.M.G. die Bretagne als „ein geheimnisumwittertes Land“ – er erinnert sich an die „Heftigkeit des Meeres, des Winds, des Regens und an manchen Tagen auch das Brennen der Sonne. Und er sieht sie wieder vor sich, „die einsamen, kleinen, mit riesigen Kieselsteinen überhäuften, von Grotten durchlöcherten Buchten, in denen sich die Wellen brachen“... Wenn seine Familie im Sommer in ihrem klapprigen Auto von Nizza aus in grüne Innere der Bretagne aufbrach, war „jeder dieser Sommer eine Rückkehr zum Ursprung“. Denn das Ziel war ein kleines Nest mit Name Le Cleuziou, das der Vater des französischen Nobelpreisträgers Jean-Marie Gustave Le Clézio „ohne jede Gewissheit als unseren Heimatort betrachtete.“ So beschreibt es Le Clézio in einem schmalen Band, in dem er mit zwei autobiografischen Erzählungen auf seine Kindheit zurückblickt und resümiert: „Die Bretagne ist das Land, das mir die meisten Emotionen und Erinnerungen gebracht hat.“

    In den 50er Jahren war die Bretagne für J.M. G. ein sehr vertrauter Ort, eine familiäre Bindung. „Begrüßt eure Vettern“, sagte der Vater, sobald man Le Cleuziou, eine Ansammlung von ein paar alten Bauernhöfen mit dem Aussehen von Befestigungsbauten, erreicht hatte. Am Eingang standen ein paar rotznasige, ärmlich gekleidete Jungs mit Holzpantinen und Topf-Frisur. Kein Zweifel herrschte in der Familie: „Wir waren gebürtige Bretonen“.

    Nun schaut J.M.G. zurück, voller Verbundenheit aber auch Wehmut, denn vieles, was den Jungen von damals entzückte und ihm wie ein großer Schatz vorkam, ist nach Jahrzehnten vergessen und verschwunden: die landwirtschaftlichen und handwerklichen Strukturen und Traditionen, die bretonische Sprache, die Bauwerke, das Brauchtum – und vor allem der alte magische Reiz der bretonischen Landschaft. Heute findet der Schriftsteller das, was ihm ans Herz geht, eher in den Gegenden, die der Tourismus lange ignoriert hat, und er freut sich, wenn etwas noch an das Damals erinnert. Denn sein bretonisches Lied, das er sinnlich-poetisch angestimmt hat, ist ein Liebeslied. Wenn er die Schönheit eines Weizenfeldes, das bis zum Meer reicht, schildert, „setzt er zwischen den Zeilen ein goldfarbenes Glitzern frei“. (Zitat aus Le Monde).

    Von diesen Schätzen aus vergangenen Zeiten erzählt er – von Orten, Menschen und den Gefühlen, die durch seine eigenen Erlebnissen wieder aufleben und uns anrühren. Auch von bretonischen Helden ist die Rede – Menschen wie Hervé, dem er immer noch gerne zuhört, wenn er über sein Land, die Natur, die Traditionen spricht. Für J.M. G. ist einer wie Hervé ein „bretonischer Held“.

    Die zweite Geschichte, die J.M.G. hier erzählt, ist chronologisch die erste, die sein Leben geprägt hat, sie schildert seine Erfahrungen im besetzten Süden Frankreichs, und sie könnte in Zeiten des Ukrainekrieges aktueller nicht sein. Sie trägt den Titel „Das Kind und der Krieg„.

    Das Kind ist er, 1940 in Nizza geboren. Drei Jahre ist J.M.G. alt, als im Vorgarten des Hauses, in dem die Großmutter wohnt, eine Fliegerbombe explodiert. Er erinnert sich: „ Als die Bombe explodierte, war ich noch ein Kind, das seine Gefühle nicht in Worte fassen konnte... ich erinnere mich nur an die Stoßwelle, die den Badezimmer-Boden erbeben ließ, nicht an den Schrei, der aus meiner Kehle dringt... Es ist ein schriller Schrei, von dem ich den Eindruck habe, dass er aus der ganzen mich umgebenden Welt dringt. Er verschmilzt mit dem Lärm der Detonation, der mir fast das Trommelfell zerreißt. Er bildet ein Ganzes mit meinem Körper. Mein Körper schreit, nicht meine Kehle. Ich habe diesen Schrei nicht gewollt. Ich habe diesen Augenblick nicht gewollt. Das bedeutet Krieg für ein Kind. Es hat nichts von alledem gewollt.“


    Natürlich denkt man bei diesem Todesangst-Erlebnis sofort an all die ukrainischen Kinder, an die getöteten, an die traumatisierten, an die verschleppten. „Krieg ist das Schlimmste, was einem Kind widerfahren kann“, weiß J. M. G. Und er meint das weltweit. Für alle Kriege. Für alle Kinder.

    „In einem Land, in dem Krieg herrscht, gehen die Kinder nicht nach draußen. Sie verbringen lange Tage im Hausinneren...“ Meine Mutter vollzog jeden Abend ein kleines Ritual, indem sie uns aufforderte, ein kleines Gebet für Papa zu sprechen.“ Ich kannte Papa gar nicht. Der Vater war zu dieser Zeit als Arzt in in Afrika tätig. „Ob er uns gefehlt hat? Wie soll ich das wissen? Kann man die Abwesenheit von jemandem bedauern, den man gar nicht kennt?„


    Nichts von all dem Schrecken habe er vergessen, schreibt J.M. G. „Diese Leere, die Kriegsjahre, die meinen Bauch und meinen Kopf ausgehöhlt haben, sind Teil meines Seins“... Wie soll ich all diese verlorenen Jahre wiederfinden, in denen wir eingeschlossen, ausgehungert, isoliert gelebt haben? Wie soll ich das graue Haus meiner frühen Kindheit mit Gegenständen einrichten, die Landschaft erfinden, die ich nicht durch das mit blauem Papier verklebte Fenster oder durch die zum Schutz von verirrten Kugeln verbarrikadierten Läden sehe? Und wie soll ich das hinnehmen?“... Er berichtet von der „blinden, grundlosen, gegenstandslosen Wut“, die ihn und seinen Bruder später oft erfasste. „Diese Gewalt empfinde ich noch immer, sowie Groll, das vage Gefühl, betrogen und getäuscht worden zu sein....“

    Erst als die Familie wieder vereint ist, Frankreich verlässt und im Juni 1947 nach Nigeria geht, begreifen die Kinder, „dass der Krieg wirklich zu Ende ist“. Da sind J.M.G. und sein Bruder „zwei bleiche, ungebildete Jungen, erfüllt von Wut und Ungehorsam...“ Ein Jahr später kehren sie wieder zurück nach Frankreich, ab 1948 fährt die Familie im Sommer in die Bretagne. Hier stimmt J.M.C. sein bretonisches Lied an, lässt es vielstimmig in Dur und in Moll erklingen. J. M. C. erinnert sich, was Hervé, „der bretonische Held“, ihm von einem großen singenden Felsen im Meer erzählt hat. Der Legende nach vibrierte der Stein auf eine ganz bestimmte Weise, sobald sich ein Schiffbruch ankündigte. Wenn der Felsen „sang“ , liefen alle Bewohner aus der Umgebung die Steilküste hinab, um zu sehen, was der Sturm ihnen beschert hatte “.

    Auch das zählt als Lied der Erinnerung an eine Kindheit zwischen Meer und Krieg – beeindruckende, bewegende 186 Seiten.