• Robert Seethaler: Das Feld, Hanser

    „Auf der Bank unter der krummen Birke saß der Mann bis die Sonne hinter der Friedhofsmauer unterging. Er breitete die Arme aus, als wollte er den Flecken Erde vor sich abmessen, dann ließ er sie sinken. Er sog noch einmal die Luft ein. Sie roch nach feuchter Erde und Holunderblüten. Dann stand er auf und ging.“
    Robert Seethalers neuer Roman schildert das Drama von Leben, Liebe, Sehnsucht, Enttäuschung und Tod in einer Kleinstadt. Paulstadt, heißt sie. 29 Bewohner von Paulstadt skizzieren post mortem ein Porträt dieser Stadt, erzählen nach ihrem Tod von ihrem Leben in Paulstadt, manchmal einen kuzen Abschnitt, manchmal eine spektakuläre Begebenheit, und machmal sprechen sie über das Ende, wie sie dem Tod begegnet sind. Sie alle liegen begraben auf dem „Feld“, dem alten Teil des Paulstädter Friedhofs, früher die Brache eines Viehbauern, übersät mit Steinen und Butterblumen.
    Der alte Mann, der fast täglich auf der Bank unter der Birke sitzt, führt uns an diesen stillen Ort. Hier denkt er über die Toten nach, von denen er viele noch gekannt hat. Und er meint sie reden zu hören, so deutlich wie Vogelgezwitscher. Auch glaubt er zu wissen, worüber sie sprechen. Über ihr Leben. Er denkt, dass der Mensch vielleicht erst dann endgültig über sein Leben urteilen kann, wenn er es hinter sich gebracht hat. So wie die drei Menschen, die das Paulstädter Freizeitzentrum, ein ambitioniertes Vorhaben der Stadt, unter seinen Trümmern begräbt, als es zusammen kracht. So wie der Pfarrer, der den Brand in seiner Kirche selbst gelegt hat und der im Feuer umkommt. So wie Karl, ein Bauer, der sich an dem Sumpfland, „das nichts taugte“ abrackerte, nach dem Verkauf an die Stadt keinen Schlaf mehr findet und schließlich auseinander bricht wie „ein Klumpen trockener Erde.“
    29 Monologe, Erinnerungen, Enttäuschungen, Bilanzen, Beichten – eine Frau beschreibt ihre offenbar bitteren Erfahrungen unter den Paulstädtern mit einem Wort: „Idioten“.
    Die posthume Sicht auf eine Menschenexistenz, eingebettet in eine Friedhofs-Rahmenhandlung, beschrieben auf lakonische Weise, mal distanzierter, mal intimer, immer das Bedeutsame, das Essentielle herausarbeitend – so werden Seethalers Monologe der Toten zu Botschaften für die Lebenden.




  • Adriana Altaras: Die jüdische Souffleuse, KIepenheuer& Witsch

    „Hinter der Bühne herrscht die reinste Panik. Die Regieassistentin ist hellgrün im Gesicht. Man habe Susanne aus dem Souffleurkasten geholt, sie habe, als es besonders still war, zu schluchzen angefangen, immer lauter, schließlich habe sie gar nicht mehr souffliert, sondern nur noch geschluchzt... „
    Adriana, die Regisseurin und Ich-Erzählerin, muss einspringen, sie ist die einzige (außer der Souffleuse), die die Mozart-Oper „Entführung aus dem Serail“ auswendig kennt, auch weil sie immer mitsingt. Adriana Altaras, die an Opern – und Schauspielhäusern inszeniert und mehrere Bücher geschrieben hat (2017: „Das Meer und ich waren im besten Alter“), gewährt einen Blick hinter die Kulissen eines Provinztheater und erzählt zugleich eine ergreifende Geschichte, die völlig absurd klingt. Adriana trifft bei der Inszenierung der Mozart-Oper auf Susanne, genannt Sissele. Das heißt, Sissele, eine Frau um die 60, mit blond-grauen Locken verfolgt sie, sie hat Adrianas Bücher gelesen und ist überzeugt davon, dass nur sie ihr helfen kann, ihre Verwandten aufzuspüren, die nach Krieg und Nazi-Verfolgung, irgendwo in der Welt verstreut , vielleicht noch leben. „Ich weiß, dass sie Jüdin sind, Sie werden mich verstehen“ sagt sie.
    Adriana Altaras liebt es zu inszenieren. Sie schreibt von den Momenten des Glücks, den kurzen und unberschreiblichen. „Wenn man auf der Bühne etwas erschaffen hat, was es so noch nicht gegeben hat und „einen Abend zu fliegen glaubt, weil plötzlich alles stimmt.“ Aber sie erzählt auch von den Abgründen, die man erlebt, und den Opfern, die ihr abverlangt werden. „Wenn das Ensemble zerstritten ist, die Intendantin Alkoholikerin, der ehrgeizige Dirrigent nicht anwesend, der Diva zur Premiere die Stimme wegbricht, die Zusschauer einschlafen und der Kritiker die Premiere verreißt. Davon kann man sich wochenlang nicht erholen...“ Das alles schildert sie mit großem Witz und viel Wärme, und ihr mitreißendes Buch wird zu einer tragikomischen Opern-Inzenierung in mehreren Akten, niedergeschrieben auf 200 Seiten. Denn als die hartnäckige Sissele Adriana so weit hat, dass beide zu einer längeren Autofahrt aufbrechen und auf Spurensuche gehen, setzen sich die Absurditäten fort. „Sissele ist mit Abstand die erstaunlichste Person, die ich je getroffen habe und von ihrer Lebensgeschichte werde ich mich lange nicht erholen können“, begreift Adriana. Die beiden haben auf ihrer abenteuerlichen Reise keine neue Spur gefunden. Sissele hat fast aufgegeben, Adriana inszeniert inzwischen „Anna Karenina“. Sie telefoniert mit ihrem guten Freund Robbi, der in Israel lebt. Und plötzlich geschieht etwas Unglaubliches, eine Familienzusammenführung, die nach Dichtung klingt, aber Wahrheit ist. Eine unvergessliche, tröstliche Geschichte, Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart.

  • Markus Zusak: Nichts weniger als ein Wunder, Limes

    Sein Buch „Die Bücherdiebin“ , 2005 erschienen, wurde ein Weltbestseller.
    Nun nach mehr als einem Jahrzehnt endlich ein neuer, großer Roman auf Deutsch, die Geschichte der fünf Dunbar-Brüder, die erst ihre Mutter verlieren und dann verkraften müssen, dass ihr Vater sie im Stich lässt. „Mörder“ nennen sie ihn seitdem. Der unglückliche, gebrochene Mann flieht aus dem kleinen Haus unweit der Pferderennbahn, in der die Familie chaotisch aber glücklich gelebt hat. Jetzt haben die fünf raubeinigen, wilden Jungs nur noch sich und ihre Haustiere, die alle Namen antiker Helden tragen: die graue Katze heißt Hektor, der Goldfisch im Aquarium Agamemnon, die Taube Telemach, das Maultier Achilles, der Hund allerdings “nur“ Rosa.
    Und das Klavier aus Walsnussholz ist noch wichtig, um sich zu erinnern. An Penelope, Penny Dunbar, die in Osteuropa bei ihrem Vater aufgewachsen ist. Er liebte das Klavierspiel und Homers Epen Ilias und Odyssee. Penny ist die Mutter der Jungs, die sie so sehr geliebt und an den Krebs verloren haben. „Jungs, ich werde sterben“ hatte sie in der Küche zu Matthew, Rory, Henry, Clay und Thomas gesagt. Matthew, der Älteste, der Ich-Erzähler, erinnert sich: „Ich kann es immer noch hören. Ich sehe unseren Vater endgültig und irreparabel zerstört an der Spüle. Dann ging er für Penny in die Knie. Hände auf zitternden Schultern... und dann sehe ich Clay, zu Boden geworfen, wie er mit dem Gesicht zur Decke starrt. Ich sehe Jungen und verknotete Arme. Ich sehe unsere Mutter, die ummantelt...“ Clay kommt eine Schlüsselrolle in dieser Familiengeschichte zu, die sich nur langsam enträselt. Auf den ersten Buchseiten beschreibt Zusak – oft mit eigenwilligen Sprach-Kombinationen - wie Matthew auf die alte Schreibmaschine, den „Klapperkasten“ einhaut und formuliert: „Ich will dir von meinem Bruder erzählen. Von dem vierten Dunbar-Jungen namens Clay. Ihm ist alles widerfahren. Und er hat uns alle verändert.“
    Seit dem Tod der Mutter und dem plötzlichen Verschwinden des Vaters leben die fünf Jungs allein, nach ihren Regeln. Sie trauern, sie ringen miteinander, sie streiten, sie hoffen und sie suchen – nach einem Weg, mit ihrer Tragödie klarzukommen und ihren eigenen Lebensweg zu finden. Der Älteste ist 18, der Jüngste 11. Eines Abends kommt der Vater zurück und bittet um Hilfe: beim Wiederaufbau einer Brücke. Clay steht dem Vater zur Seite, die Bogen-Brücke gelingt – ein Wunder – und die fünf Brüder und ihr Vater finden sich wieder. Eine bewegende, am Ende tröstliche Geschichte.
    Markus Zusak wechselt dabei Rückblenden und gegenwärtige Situationen, bis sich alles zusammenfügt, die schmerzlichen Erinnerungen der Jungs wie die Vergangenheit ihrer Eltern. Wie Penelope aus dem Ostblock flüchtet, sich in ihrer neuen Heimat als ungelernte Hilfskraft durchkämpft, bis sie Englisch-Lehrerin ist. Wie sie in die Pepper Street zieht und ein Klavier kauft, das die Spedition ins falsche Haus liefert. Zu Michael Dunbar – ein Mann, der Michelangelo bewundert und ein Talent zum Malen hat. So beginnt alles.