• Mathias Enard: Das Jahresbankett der Totengräber, Hanser Berlin

    "Laut Rathaus gibt es in La Pierre-Saint-Christophe nach der letzten Volkszählung 649 Einwohner. 284 Herdfeuer, wie die Alten sagen würden." Das Dorf mit den 284 Herdfeuern ist die neue Wahlheimat von David Mazon, einem jungen Anthropologen aus Paris, der hier in dem ländlich geprägten französischen Departement Material für seine Doktorarbeit sammeln will. Feldforschung über die Lebensbedingungen auf dem Lande. 100 Interviews mit der Landbevölkerung will er als erstes führen. Genial findet er seine Idee, er platzt vor Energie, hat sich im Bauernhaus von Madame Mathilde einquartiert, nennt seine bescheidenen Räume „Das wilde Denken“, ein klappriges Mofa verschafft ihm Mobilität. Das Zentrum des Dorfes, das Angler-Café hat er bereits kennengelernt, auch Bürgermeister Martial wurde begrüßt. Der ist zugleich Bestattungsunternehmer, seine Familie stellt seit Generationen die Totengräber.

    David findet alles um ihn herum so exotisch, so phantastisch, so geheimnisvoll, als sei er auf einem anderen Planeten gelandet und müsse nun als großer Wissenschaftler die tumben Eingeborenen neu vermessen und ihre Gewohnheiten sorgfältigst notieren. Er hat Großes vor in La Pierre-Saint-Christophe … Immer seltener skypt er mit seiner Pariser Freundin Lara oder liest in den mitgebrachten Büchern: Rabelais, Victor Hugo, Malinowski, das ethnographische Tagebuch.

    Mathias Enard, der in Barcelona und Niort lebt, kennt die Gegend, in der er seinen großen Roman angesiedelt hat, sehr genau. Der Schriftsteller ist in Niort geboren, einer Kleinstadt zwischen La Rochelle und Poitiers. Die Erlebnisse des jungen Doktoranden, die er mit Empathie und feinem Spott schildert, hat er nur in die Rahmenhandlung gepackt, sie stehen für die Jetztzeit. Für seinen epischen Roman hat er Historisches, existentielle, philosophische Fragen und die Banalitäten des zeitgenösssischen Alltags miteinander vermischt. Er holt weit aus und geht weit in die Geschichte zurück, um vom ländlichen Leben seiner Region zu erzählen: Historisches und volkstümliche Geschichten über Traditionen, Mythen, die Entwicklung von Kultur und Literatur. Die Balladen des Francois Villon und der Roman von Francois Rabelais über die Riesen „Gargantua und Pantagruel“ gehören dazu, aber auch die buddhistische Lehre vom Rad des Lebens. Diese Erzählungen gestalten und verkörpern den Mittelpunkt des Buches, sie stehen für das Fundament, den inneren Kern der Region, sie sind ihr Herzblut. Kapitelweise erzählt Enard davon, lebendig, geistvoll und humorvoll, wobei sich manches allerdings recht schwer erschließt.
    Die überschwenglich-barocke Beschreibung des „Jahresbanketts der Totengräber“ ist eines dieser Kapitel, eines der sinnenfreudigsten und bildgewaltigsten. „Lasst uns fröhlich sein, Brüder der Traurigkeit...“ 99 Totengräber sind zum Schlemmermahl gekommen, eine unendliche Folge feinster Speisen und großer Genüsse: Flusskrebspastete, panierte Krebsscheren, Spanferkel mit Schokolade glasiert, 99 verschiedene französische Käsesorten. Bei der drei Tage währenden Orgie fließt der beste Wein in Strömen... „Lasst uns anstoßen. Auf Gevatterin Tod, unsere einzige Geliebte!“ Und zwischen den Gängen gibt es Geschichten von Liebe und Begehren, von Ruhm und Elend – und nach dem Dessert ein letztes Ritual: Die Totengräber nennen reihum „einen der Namen des Todes, einen Ausdruck, der Sterben bedeutet. Wie zum Beispiel: vom kühlen Rasen bedeckt werden.

    Nach dem Bankett der Totengräber erfährt auch die Wiedergeburt ihre Würdigung. „Im früheren Leben sind wir alle Erde, Steine, Tau, Wasser und Feuer gewesen. Wir waren Moos, Gras , Bäume, Insekten, Fische, Schildkröten, Vögel und Säugetiere“ wird das buddhistische Lebensrad beschrieben. Sehr unterhaltsam liest sich die Seelenwanderung des örtlichen Abbés. Als der trinkfreudige Pater Largeau stirbt, verwandelt er sich in einen Frischling, der zum Eber heranwächst und zu Tode kommt, als er vom Wirt des Angler-Cafés überfahren wird. Mit einem gelben Renault-Kastenwagen, den der Wirt später an David, den Anthropologen, weitergeben wird – hartnäckig anhaftender Verwesungsgeruch eingeschlossen.
    Der junge Doktorand leidet inzwischen an seiner Doktorarbeit. Er steckt fest und muss feststellen: „Seit ich auf dem Land bin, habe ich mich verändert, ich nehme die wichtigen Dinge deutlicher wahr, den Planeten, das Klima, die Natur, das Leben, den Tod... Um die Herausforderungen der Zeit anzunehmen brauchen wir mehr engagierte Landwirte als Salondiplomaten...“
    Da wundert es nicht, dass David inzwischen Lucie, der Gemüsebäuerin im Dorf lieber bei der Feldarbeit hilft als sich seiner wissenschaftlichen Feldforschung zu widmen.

    Sein neues Leben mit Lucie an seiner Seite, zwei Katzen und einem alten Hund beginnt auf dem eigenen Bauernhof „Zu den guten Wilden“. Die eigene Apfelplantage soll „ein paar Tonnen CO2 aus der Atmosphäre saugen“. Wie bisher ist Davids Anspruch hoch und sein Selbstvewußtsein unerschütterlich. Er will nun den Planeten retten.“Denn unglücklickerweise schützt kein Gargantua den Planeten... und die Menschen vor irrwitzigen Entscheidungen.“





  • Uwe Wittstock: Februar 33. Der Winter der Literatur, C. H. Beck

    „Es ging rasend schnell. Zwischen dem Regierungsantritt Hitlers und der 'Notverordnung zum Schutz von Volk und Staat', die alle wesentlichen Bürgerrrechte außer Kraft, setzte, vergingen vier Wochen und zwei Tage. Nur diesen Monat brauchte es, um einen Rechtsstaat in eine Gewaltherrschaft ohne Skrupel zu verwandeln...“ schreibt der Autor und Journalist Uwe Wittstock in seinem Vorwort. Wittstock nimmt in seiner täglichen Chronik des „Februar 33“ die Schriftsteller und Künstler in den Blick, für die sich in diesem Monat das Leben brutal veränderte und von denen sich viele täglich die Frage stellten: Sollen wir aus Deutschland fliehen, oder sollen wir erst einmal abwarten? Müssen wir um unser Leben fürchten?
    Das Schicksal der Literaten und Künstler erzählt Wittstock stellvertretend für alle, für die das Leben plötzlich bedrohlich geworden war und die eine existentielle Entscheidung fällen mussten. Manchmal innerhalb von Stunden – nach einem warnenden Anruf sofort einen kleinen Koffer mit den wichtigsten Dokumenten packen, Geld besorgen und unauffällig die Wohnung verlassen, als fahre man ins Wochenende, dann mehrmals umsteigen, um über die Grenze zu kommen. Nach Westen oder Osten.

    Alfred Kerr, der berühmte Theaterkritiker und Schiftsteller, ist krank, als ihn ein Polizeibeamter am 14. Februar 1933 in seinem Berliner Zuhause anruft und warnt: Schon am nächsten Tag soll ihm von den Behörden der Pass entzogen werden. Er würde dann das Land nicht mehr verlassen können. Kerr ist Sohn jüdischer Kaufleute, und seine Bücher und Publikationen stehen auf einer Autoren-Liste der Nazis, „deren Werke für das deutsche Ansehen als schädigend erachtet werden.“
    Kerr zögert keine Minute. Trotz Krankheit und Fieber packt er einen Rucksack mit dem Nötigsten, fährt zum Anhalter Bahnhof. Dreieinhalb Stunden später ist er in Prag. Ohne Geld, ohne Arbeit, ohne seine Frau und die beiden Kinder. Er flieht weiter nach Lugano in die Schweiz. Dort trifft am 4. März 1933 auch seine Familie ein. Kerr wird Deutschland erst vierzehn Jahre später wiedersehen.

    Das Schicksal Alfred Kerrs ist eines der vielen Beispiele, die Wittstock für seine Chronologie, für sein „Tatsachenmosaik“ ausgewählt hat. Der persönliche Blick auf die Künstler und Schriftsteller und die atmosphärisch dichte Schilderung ihrer Lebensumstände und ihres Lebenskampfes in dieser entsetzlichen Zeit wurden möglich, weil über Künstler und Schriftsteller mehr Persönliches aus ihren Tagebüchern, Briefen, Erinnerungen bekannt ist. Verknüpft mit Wittstocks chronologischen Schilderungen der täglichen politischen und gesellschaftlichen Geschehnisse - und das über sechs dramatische Wochen hinweg - machen dieses Buch so intensiv, beeindruckend und berührend. Er habe sich bewusst für eine erzählerische Herangehensweise entschieden, um die Ereignisse und die Schicksale dahinter so anschaulich und lebendig wie möglich zu beschreiben, sagt Wittstock. Und er bekennt auch seine eigene Ergriffenheit: „Weil manche Leute es einfach nicht wahrhaben wollten, wie sich ihr Leben jetzt änderte. Sie waren gezwungen zu reagieren … Und man möchte sie an die Hand nehmen und sagen: Du bist in großer Gefahr! Achte auf dich – du musst dieses Land jetzt schnell verlassen.“

    Die Chronik beginnt am 28. Januar 1933 mit dem Presseball in den Berliner Zoo-Sälen. Es wird getanzt und getrunken wie in den Jahren bevor. Nach Mitternacht wird spekuliert, Hitler werde wohl Reichskanzler werden. Nicht nur der Dramatiker Carl Zuckmayer hat das Gefühl, dass „etwas Unabsehbares auf uns alle zukommen wird.“ Auch Erich Maria Remarque ist gekommen. Sein Anti-Kriegs-Roman „Im Westen nichts Neues“ ist vor vier Jahren in der Vossischen Zeitung abgedruckt worden. Zuckmayer hat damals, 1929, eine Rezension geschrieben, die einem „Trommelwirbel“ glich: „Dieses Buch gehört in alle Schulstuben, in alle Zeitungen, in alle Lesehallen...“ . Schon nach wenigen Wochen hatte der Roman, bei Ullstein erschienen, eine Auflage von einer halben Million erreicht. Die Schrecken des Ersten Weltkrieges, geschildert aus der Sicht eines einfachen Soldaten, sind seitdem in 26. Sprachen übersetzt worden. Ein Welterfolg für Remarque. Für alle Nationalsozialisten und Deutschnationalen allerdings ist der Autor seitdem ein erklärter Feind, der ständig verunglimpft und mit Hetze verfolgt wird.
    Nach dem Presseball am frühen Morgen setzt sich Remarque in seinen Wagen und fährt durch das winterliche Deutschland Richtung Schweizer Grenze. Er wird erst knapp zwanzig Jahre später Deutschland wiedersehen...

    Noch nie haben so viele Schriftsteller und Künstler in so kurzer Zeit ihr Land verlassen. Denn ab Montag, den 30. Januar 1933, „regiert schon die Hölle“...

    Hermann Kesten, dessen Familie mit „Spanischer Grippe“ daniederliegt, muss die Flucht auf Anraten des Arztes verschieben, aber Kesten fährt noch am 30. Januar mit den Pässen zum französischen Konsulat, um Visa zu beantragen. Später sitzt er mit Erich Kästner in der Weinstube Schwanneke, einem Künstlertreffpunkt in Berlin.
    „Wir müssen Deutschland verlassen“, sagt er zu Kästner, “Hitler macht Diktatur, lässt Köpfe rollen, macht Krieg.“
    „Sie müssen abreisen, ich muss bleiben“, antwortet der: „Einer muss Zeuge sein...“. Kesten ist Jude, Kästner nicht.

    So berichtet Wittstock über Thomas, Heinrich, Klaus und Erika Mann, über Else Lasker-Schüler, Bertolt Brecht, Alfred Döblin, Ricarda Huch, Gottfried Benn – und viele andere.

    Am Abend des 31. Januar 1933 stürmt ein SA- Kommando in Wilmersdorf Wohnung und Atelier des von den Nazis verhassten Malers George Grosz. Sie treffen nur noch leere Zimmer und kahle Wände an. Grosz ist zusammen mit seiner Frau am 12. Januar 1933 in Bremerhaven an Bord eines Überseeschiffes gegangen, Zielhafen: New York.
    Die versteckten Bilder in der Berliner Wohnung haben die Nazis nicht gefunden. Sie „überleben“.

    Die Dichterin Else Lasker Schüler bewohnt ein winziges Zimmer im „Hotel Sächsischer Hof“. Lange Jahre war sie „die Königin der Bohème in Berlin, nun sind zwei neue Bücher von ihr erschienen, und ihr Theaterstück „Arthur Aronymus und seine Väter“ soll am Schillertheater uraufgeführt werden. Die Nazis verdammen ihre expressive Lyrik, außerdem ist sie Jüdin und tritt auf wie eine Traumgestalt aus dem Morgenland. Schon mehrfach hat ein Schlägertrupp sie vor ihrem Hotel abgepasst, die 64jährige beschimpft und herumgeschubst. Einmal ist sie gestürzt, hat sich so tief in die Zunge gebissen, dass sie genäht werden musste. Ein paar Wochen später ist klar: Ihr „Arthur Aronymus“ wird nicht mehr uraufgeführt werden. Theater werden inzwischen öffentlich beschimpft, und Überfalle der SA bei missliebigen Aufführungen können nicht mehr ausgeschlossen werden. „Wir müssen eine Zeit abwarten, wo wir wieder von der dichterischen Qualität abhängig sind und nicht vom politischem Fanatismus“, schreibt ihr Theaterintendant Gustav Hartung aus Darmstadt. Lasker-Schüler rettet sich im April 1933 nach Zürich.

    Oskar Maria Graf und Mirjam Sachs sind kein furchtsames Paar. Aber jetzt, seit Hitler an der Macht ist, trauen sie sich in ihrem Münchner Schwabing kaum noch auf die Straße. Graf weiß, unter den Nazis wird er nie mehr etwas schreiben und veröffentlichen können. Die Rollkommandos der SA sind unterwegs, nach und nach sind immer mehr alte Freunde von SPD und KPD verschwunden. Am 17. Februar 1933 erreicht Graf ein Telegramm. Die Wiener Bildungszentrale lädt den Volksschriftsteller zu einer mehrwöchigen Lesereise ein.
    Graf muss dringend untertauchen, er als radikaler Pazifist und Anarchist, ist eine Provokation für die Nazis; Mirjam Sachs ist Jüdin. Am nächsten Morgen sitzt Graf im Frühzug nach Wien; Mirjam will unbedingt noch bei der Wahl am 5. März 1933 gegen Hitler abstimmen. Drei Wochen später ist auch sie in Wien, erschöpft und verängstigt. 1938 werden beide über die Niederlande nach New York emigrieren.

    Alfred Döblin versteht sich als „politisch denkender, sozial engagierter, die Gegenwart sorgfältig beobachtender Schriftsteller, in der Sektion Dichtkunst der Preußischen Akademie der Künste vertritt er eine linksbürgerliche Position. Der Schriftsteller (und Mediziner) hat 1929 mit „Berlin Alexanderplatz“, der Geschichte des einfachen Mannes Franz Biberkopf, einen großen Erfolg erzielt.
    Am 28. Februar 1933 schaltet er gegen 9 Uhr das Radio ein und hört vom Brand im Reichstag. An die Behauptung des Sprechers, es sei ein kommunistisches Attentat gewesen, glaubt er keine Sekunde. Das Telefon steht nicht still an diesem Morgen, Besucher sind an der Tür: seine Freunde bedrängen ihn, er, Jude und Sozialist, führender Intellektueller des linksbürgerlichen Spektrums, müsse sich sofort in Sicherheit bringen. Döblin zaudert noch, verlässt dann aber am Abend mit einem kleinen Koffer seine Wohnung am Kaiserdamm. Ein SA-Mann verfolgt ihn, er kann ihn abschütteln und springt im Gedränge des Bahnhofs in einen abfahrenden Zug: Schlafwagen nach Stuttgart. Dort bleibt er ein paar Stunden, fährt dann weiter zu einem Arztkollegen am Bodensee, Schweizer Seite. Seine Frau und die Kinder kommen Anfang März nach.

    „Wenn Sie über den Pariser Platz kommen, mein Haus steht Ihnen offen...“ hatte der französische Botschafter ein paar Tage zuvor zu Heinrich Mann gesagt. Der Schriftsteller, der sich schon früh den Nationalsozialisten entgegengestellt hat und der umgehend nach Hitlers Machtergreifung von der Sektion Dichtkunst der Preußisches Akademie der Künste ausgeschlossen wird, ist in Gefahr. Es soll schwarze Listen geben, nach denen die Nazis verhaften und ermorden. Heinrich Manns Wohnung in der Fasanenstraße wird bereits überwacht, sein Pass – so wurde ihm zugetragen – soll eingezogen werden. Heinrich Mann berät sich mit seiner Lebensgefährtin Nelly Kröger: er wird fliehen, sie soll noch bleiben, einiges erledigen, zum Beispiel Geld von seinen Konten abheben und nach Frankreich transferieren. Die beiden gehen die Papiere durch und packen dann einen kleinen Handkoffer. Nach dem Frühstück am 21. Februar 1933 verlassen sie getrennt die Wohnung. Nelly mit dem Koffer in Richtung Anhalter Bahnhof. Heinrich Mann, wenig später ohne Gespäck, er kauft eine Fahrkarte nach Frankfurt am Main, ein unauffälliges Ziel. Nelly hat den Koffer im Gepäcknetz des zur Abfahrt bereiten Zuges abgelegt, in den letzten Warteminuten gehen die beiden am Bahnsteig auf und ab. Eine gute Tarnung. Heinrich Mann wird weiter reisen nach Kehl am Rhein. In Kehl flieht dann einer der höchstgeachteten Schriftsteller Deutschlands („Der Untertan“; „Professor Unrat“) zu Fuß mit Handkoffer und Schirm aus seinem Land, geht über die Rhein-Brücke, die nach Straßburg führt. Sein Frankreich-Visum gilt noch, er reist ungehindert weiter in den Süden, nach Sanary-sur-Mer.
    Keinen Tag zu früh. Die Wohnung in der Berliner Fasanenstraße wird noch am selben Tag von der SA durchsucht, Nelly Kröger auf einem Polizeirevier verhört. Sie braucht Monate, um über Umwegen nach Südfrankreich zu Heinrich Mann zu kommen.

    Ganz dicht bleibt Uwe Wittstock bei „seinen“ Schriftstellern und Künstlern in dieser lebensbedrohlichen Zeit. Dazu werden wir in seinem Buch tagtäglich neu konfrontiert mit dem ungeheuerlichen politischen Geschehen, mit einem menschenfeindlichen Regime, mit Terror, Vertreibung, Vernichtung, Mord. Und obwohl man schon so viel über diese Zeit zu wissen glaubte, erfahren und gelesen hat: „Februar 33“ ist ein außergewöhnliches, ein aufwühlendes Geschichtsbuch. Um Carl Zuckmayer zu bemühen: es gehört in Schulstuben, Bibliotheken, Lesekreise...

  • Christian Kracht: Eurotrash, Kiepenheuer & Witsch

    „Also, ich musste wieder ein paar Tage nach Zürich. Meine Mutter wollte mich unbedingt und sofort sprechen...“ Der Sohn, die Ich-Figur des Romans, folgt dem dringlich geäußerten Wunsch der 80jährigen. Er reist nach Zürich wie er es seit einiger Zeit jeden zweiten Monat macht: „schreckliche Besuche, ganz und gar abscheulich, es war mehr als ich ertragen konnte“.
    Die Mutter ist psychotisch und dement, ihren 8o. Geburtstag musste sie in der geschlossenen Psychiatrie feiern. „Dort saß sie zusammengekauert im Gemeinschaftszimmer der Nervenklinik Winterthur, das Gesicht vom betrunkenen Hinfallen 
    zerschrammt und mit dunkelroten Blutkrusten überzogen, vor sich einen Blumenstrauß zu 800 Franken,“ erinnert sich der Sohn, der sich inzwischen entschlossen hatte, „das Elend einfach zu akzeptieren, in dem meine Mutter in ihrer Wohnung seit Jahrzehnten dahinlebte, umgeben von kullernden, leeren Wodkaflaschen und den knisternden Folien ihrer Schmerzmittelpackungen.“

    Christian Kracht, der schon in seinem Roman „Faserland“ bewiesen hat, wie großartig er sich selbst in Szene setzen kann, bearbeitet nun die eigene Familiengeschichte, ungeschönt legt er Wunden bloß, blickt in Abgründe, setzt dramatische Bezüge und effektvolle Höhepunkte, um den Zerfall einer Familie zu schildern, die in die Hoffnungslosigkeit abgestürzt ist. Wobei er Realität und Fiktion gekonnt mischt und den bizarren, traurigen Zürich-Besuch bei der Mutter dramaturgisch geschickt anlegt. Natürlich fragt man sich immer wieder: Ist das nun wirklich wahr oder schriftstellerische Freiheit? Tatsache ist auf jeden Fall, dass sein Vater Christian Kracht Verlagsmanager bei Axel Springer war. Der Sohn eines Taxifahrers aus Hamburg brachte es zu einem der bestbezahlten Manager der damaligen Bundesrepublik und häufte ein Vermögen an.
    Und gut ist die Geschichte ebenfalls, eine Mischung aus einer Reise ins Ich und in die Familienvergangenheit mit allen Schrecknissen, schräg, abgründig, exaltiert und auch entblößend mutig. Dabei leicht und locker erzählt, es sei denn der Autor ist außer sich, gerät in einen provozierenden Redeschwall und muss sich erst mit einer Tirade abreagieren.

    Mutter und Sohn reisen also mit dem Taxi und einer prall gefüllten Plastiktüte voller Geld durch die Schweiz, zuerst zu einer Öko-Kommune, an deren Verkaufsstand der Sohn einen wollkratzigen braunen Pullover erstanden hatte, der bei ihm ein heimeliges Gefühl verursachte. Zum Frühstück essen sie Forelle in einem Gasthof, in dem sie vor Jahrzehnten des öfteren eingekehrt waren. Später fahren sie mit der Gondelbahn auf einen Berggipfel, um ein echtes Edelweiß zu suchen. Sie kommen sich wieder näher, reden miteinander. "Erzähl mir noch eine Geschichte, Christian, das kannst du so gut,“ bittet die Todkranke.
    Es geht immer um die wechselnde Befindlichkeit der Mutter, um ihr zerstörtes Leben und um die Liebe, die Verachtung und die Traurigkeit des Sohnes – und um dieses verdammte Geld, diese 600.000 Schweizer Franken in der Plastiktüte, aber auch um die Millionen, die noch in den Depots und Tresoren lagern, um den Überfluss, der zu Dekadenz führt. „Eurotrash“ meint das Obszöne am Geld und definiert es auch als trivialen Müll. Und so streut auch der Sohn (und Autor) seine Verachtung für Euro und Franken und ein durch Geld sinnlos gewordenes Leben immer wieder über 210 Buchseiten aus, ebenfalls seinen Hass auf die Schweiz, (ein „durch Geld verkommenes und verwahrlostes Land“). Eine Wahnsinns-Szene, als Mutter und Sohn oben auf dem Berg zwei indische Touristinnen aus der Plastiktüte mit Tausenden von Franken beschenken wollen. Eine Windbö wirbelt das Geld durcheinander und treibt es in die Tiefe, bevor die beiden verdutzten Frauen zugreifen können. Wie hatte die Mutter gesagt: „Wir werden dieses Geld verschenken, loswerden, verschleudern. An irgendwelche Menschen, ganz zufällig.“ Dann könnten beide vielleicht doch noch einmal nach Afrika fliegen.

    Dazu wird es nicht kommen, das Taxi wird nicht zum Land Rover und der Taxifahrer nicht zum Kenianer. Das Taxi hält am frühen Morgen in Winterthur vor der Nervenklinik Elfenstein. „Es war eine sehr schöne Reise mit Dir“, sagt die Mutter zum Abschied.