• Gabriele Tergit: Vom Frühling und von der Einsamkeit, Schöffling

    Gabriele Tergit (1894-1982) wurde berühmt durch ihre Gerichtsreportagen, sie stehen am Anfang ihrer literarischen Karriere und sind gleichzeitig ein Herzstück ihrer Arbeit. Drei Bücher hat die Berliner Journalistin und Schriftstellerin veröffentlicht, darunter „Effingers“, ein Roman über drei jüdische Familien und das Berlin zwischen den Weltkriegen – ein sensationelles Familienepos, inzwischen wiederentdeckt und in diesem Jahr auch als Taschenbuch herausgebracht.

    Die Gerichtsreportagen, die Gabriele Tergit zwischen 1924 und 1933 für Berliner Zeitungen schrieb, machten sie zu einer der bekanntesten Journalistinnen der Weimarer Republik, dem Schöffling-Verlag ist es verdanken, dass wir diese sehr besonderen, berührenden, zutiefst menschlichen (oft auch komischen) und politisch klarsichtigen Berichte aus den Gerichtssälen Berlins jetzt nachlesen können.
    Die Auswahl der Reportagen hat Herausgeberin Nicole Henneberg unter dem Titel „Vom Frühling und von der Einsamkeit“ zusammengefasst. In ihrem Nachwort skizziert sie, warum Gerichtsreportagen in dieser Zeit die Menschen besonders faszinierten. Einerseits unterhielten und infomierten sie über die Situation der Menschen im Lande, aber sie boten auch Orientierung in schwierigen Zeiten, halfen, sich eine Meinung zu bilden in der Diskussion über eine anstehende Reform des Straf-und Zivilrechtes. Besonders das Scheidungsrecht und der § 218 standen dabei im Fokus. Henneberg: „ Die meisten Richter standen solchen Debatten ablehnend gegenüber, wie sie die junge Republik insgesamt ablehnten. Sie waren zumeist in der Kaiserzeit ausgebildet und politisch geprägt worden, sie trauerten dem Monarchen als obersten Dienstherrn nach...„ Die literarische Sprache der damaligen Gerichtsberichte (so wie Tergit und Schlesinger ihre Texte verfassten), die feuilletonistische Gerichtsreportage, bot zudem ausreichend Anlass, Partei zu ergreifen und Anteil zu nehmen, sich zu empören und zu ereifern. Denn die Leser waren sich – bei allen Unterschieden – in einem einig: Machtverhältnisse und soziale Missstände zeigen sich nirgends so ungeschönt und nackt wie vor Gericht.
    Tergits Berichte sind oft kleine Novellen, immer geht es ihr um den entscheidenen Kern, den entlarvenden Satz, der im Gerichtssaal fällt – und auch um die gesamte Atmosphäre im Saal. Man muss dabei auch vor Augen haben, dass sich Tergit zu Beginn ihrer „Gerichts-Karriere“
    eher schüchtern und unauffällig im Gerichtsaal verhielt. Bei Gericht gab es zu ihrer Zeit (von Angeklagten, Zeuginnen, Zuhörerinnen und Putzfrauen abgesehen) keine Frauen, die hier ihrer Arbeit nachgingen. Die Justiz war eine Männerwelt, in der Tergit als Ausnahme-Talent auffiel. Ihre Texte sind atmosphärisch, sehr lebendig und offenbaren Sprachwitz. Bemerkenswert, dass der legendäre Chefredakteur Theodor Wolff ihr für neun Gerichts-Reportagen im liberalen „Berliner Tageblatt“ 500 Mark Honorar im Monat zusagte. Tergit schrieb später in ihren Erinnerungen, das seien (1925 bis 1933) die „sieben fetten Jahre ihres Lebens“ gewesen.

    Literaturkritikerin Henneberg beschreibt in ihrem Begleittext, dass Tergit den Gerichtssaal als offene Bühne verstand, auf der sich bei jeder Verhandlung ein neues Stück abspielte: „Sie (Tergit) machte keinen Hehl aus ihrer Meinung und beachtete besonders die sozialen und psychologischen Details der Fälle, ebenso würdigte sie die Weisheit der Richter, wenn es denn eine solche gab...“ Hennebergs Fazit: „Tergits Gerichtsreportagen standen mitten in den Diskursen der Zeit, sie lassen sich als politische Chronik und Sozialgeschichte jener Jahre lesen... Immer deutlicher treten ab 1927 auch in den Gerichtsberichten die bedrohliche Atmosphäre und das Klima der Gewalt hervor. Die Kämpfe zwischen rechten paramilitärischen Verbänden, den Sturm-Trupps, und linken Schlägertruppen, KPD-Wehren und Hausschutzstaffeln lehnte Tergit entschieden ab... Sie glaubte leidenschaftlich an eine liberale Gesellschaft.
    Tergits Berichte handeln von fast allem, was Menschen sich gegenseitig antun. Heiratsschwindel, Betrug, Meineid, üble Nachrede, rohe Gewalt, Mord... nachfolgend drei Themen-Beispiele (gekürzte Fassung).
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    Die Sittlichkeit auf der Leiter.
    Verhandlung vor dem Mieteinigungsamt. Die Damen G. , Mittvierzigerinnen, wollen ihren Untermieter loswerden und bezichtigen ihn, „Damenbesuche zu erhalten, im Wesentlichen von Fräulein St., die seit fünf Jahren als seine Braut gilt. Fräulein St. gibt an, nie über Nacht geblieben zu sein, sie hat darauf einen Eid geschworen. Eine der Damen G. bezeugt das Gegenteil. Sie gibt an, um Mitternacht auf eine Leiter geklettert zu sein, um durch das Oberlicht der Tür in das Zimmer des Untermieters schauen zu können. Die Nachttischlampe brannte... So sah sie den Untermieter mit seiner Braut im Bett liegen. Urteil: sechs Monate Gefängnis wegen Meineid.
    Tergit findet folgende Schlussworte: „Die beiden Fräulein G. gehen, überzeugt von ihrer Tugend, erhobenen Hauptes davon. Wo aber steht in dieser Weibergeschichte das Erlebnis, das die Fräulein G. zu dem machte, was sie sind, das sie aufstehen hieß, die dürren Verwelkten, gegen das Leben?„ (BBC, 1924)

    Nach dem Urteil.
    „Eine der scheußlichsten Taten, die je in Moabit zur Verhandlung standen, war die Jagd der Nationalsozialisten auf Heimbürger. Dieser sehr jüdisch aussehende Zeitungshändler wurde erst erstochen, und totwund, noch einmal erschlagen. Der Stecher hat sich seiner Tat gerühmt. Die Sache war organisiert...“ Tergit listet in ihrem Bericht die Versäumnisse des Gerichts auf, beklagt die „außerordentliche Milde “ bei der Urteilsfindung: Nur
    fünf Jahre Gefängnis für den brutalen Haupttäter. Sie schließt mit dem Satz: „So zart kann man das Faustrecht, das sich in Deutschland ausbreitet, nicht bekämpfen – und stellt herausfordernd die Frage: „Wie lange soll diese verwahrloste Jugend, angeführt von irgendwelchen Desperados, die Straßen unsicher machen?“ (BT, 1930)

    Paragraph 218: Ein Fall aus tausend Fällen.
    Tergit schildert den Fall einer 16jährigen, die von ihrem 19jährigen Bräutigam schwanger wird. Die Mutter des Mädchens ist seit der Geburt ihres ältesten Kindes, nämlich dieses Mädchens, schwer an Gelenkrheumatismus erkrankt und in ihrer Arbeit behindert. Sie plagt die Sorge, was nun werden soll, wenn eine Mitverdienerin ausfällt, wie soll die sechsköpfige Arbeiterfamilie durchkommen? Die Mutter bringt ihre Tochter zu einer Hebamme.
    Eine anonyme Anzeige aus der Nachbarschaft bringt Hebamme und Mutter vor Gericht. Gegen die 16jährige wird das Verfahren eingestellt. Das Urteil mit Bewährungsfrist (vier Wochen für die Hebamme, für die Mutter drei Tage) „ist eins, das gefällt erscheint, mehr um den Buchstaben des Gesetzes zu genügen, als aus Überzeugung von der Strafbarkeit dieser Handlung.“
    (BT, 1929)

    Am 28. Februar 1933 erscheint Tergits letzter Bericht in der „Weltbühne“ . Ein paar Tage später flieht sie von einem Tag auf den anderen aus Berlin, nachdem sie einer Verhaftung durch die Nazi-Sturmtruppe 33 in ihrer Wohnung nur knapp entkommen ist. Sie emigriert später nach Palästina, geht 1938 mit ihrem Mann nach London. Von 1957 arbeitet sie dort mehr als zwei Jahrzehnte lang für das PEN-Zentrum, der Schriftstellervereinigung: Poets, Essayists, Novelists und betreut deutschsprachige Autoren im Ausland.

  • Christian Guay-Poliquin: Das Gewicht von Schnee, Hoffmann und Campe

    „Der Schnee beherrscht alles. Er dominiert die Landschaft, erdrückt die Berge. Die Bäume geben nach, krümmen das Rückgrat, neigen sich zu Boden...Von hier gibt es keinen Ausweg. Der Wald umzingelt uns von allen Seiten... Die Welt steht still..."
    Der kanadische Autor Guay- Poliquin beschreibt ein Endzeit-Szenario, landesweit ist der Strom ausgefallen, ununterbrochen schneit es, über dem kleinen, entlegenen Dorf, das allmählich im Schnee versinkt, liegt beklemmende Stille. Es ist von der Außenwelt abgeschnitten. Ein junger Mann, der Ich-Erzähler, ist heimgekehrt in diese kanadische Ödnis, nach einem schweren Autounfall hat man ihn mit zerquetschten Beinen unter seinem Auto gefunden, ein paar Männer im Dorf meinten ihn wiederzuerkennen: der Sohn des verstorbenen Automechanikers. Die Tierärztin schient seine gebrochenen Beine, man bringt ihn in ein morbides Haus am Rande des Dorfes, hier bei einem alten Mann soll er gesunden. Auch der alte Matthias ist ein Gestrandeter. So schnell als möglich will er in die Stadt zurück zu seiner kranken Frau. Die Männer im Dorf haben ihm ihr Wort gegeben: Wenn er den Kranken versorgt, bekommt er einen Platz im nächsten Fahrzeug, das in die Stadt fährt – sobald der Schnee nachlässt.
    Wir erleben ein düsteres, hoch spannendes Kammerspiel. Die beiden Männer organisieren das tägliche Überleben, der junge überwindet auch seine Sprachlosigkeit, doch die schweren Verletzungen heilen nur langsam. Zwischen den beiden schwelt das Mißtrauen, die Versorgung wird immer schwieriger, sie verfeuern Stühle, Treppengeländer und die Wandvertäfelung, im Dorf wird eine der letzten Kühe geschlachtet, und noch immer schneit es, das Terrassendach bricht unter der eisigen,weißen Last zusammen, drohendes Unheil liegt über allem... „Der Schneesturm heult. Als könnte er es kaum erwarten, mich zuzudecken, mich in die Arme zu schließen, mich zu verschlingen... Ich habe Angst. Ich will nicht so enden, zusammengekauert, mit dem Gesicht im Schnee...“
    Guay-Poliquin schildert den Ausnahmezustand von Natur, Land und Mensch in klarer, knapper, schnörkelloser Sprache, das Geschehen – bedrohlich wie ein Albtraum – nimmt schnell gefangen. Für „Das Gewicht von Schnee“ wurde der Autor mit etlichen Preisen ausgezeichnet.
    Wie wird es enden, gibt es ein Entrinnen? Hoffnung kommt erst auf, als der Schnee schmilzt „Ein warmer Wind streicht über den Wald ... alles tropft und fließt.“ Der Ich-Erzähler wagt ein neues Abenteuer. Irgendwo in den weiten Wäldern hat seine Familie eine Jagdhütte. Onkel und Tanten hatten sich schon vor dem großen Schnee dahin aufgemacht. Der junge Mann schaut auf die zerfledderte alte Landkarte, in der die Jagdhütte mit einem Kreuz markiert ist. Mit seinen schwachen Beinen wird er wohl zwei Wochen brauchen. Wenn alles gut geht...

  • Michael Christie: Das Flüstern der Bäume. Penguin

    Der Buchautor und Psychologe Michael Christie lebt mit seiner Familie in einem selbst gezimmerten Holzhaus auf einer mit Zedern und Douglastannen dicht bewaldeten Insel vor Vancouver. Als er auf seinem Grundstück einen Baum fällen musste und nachdenklich die Jahresringe des Baumstumpfes betrachtete, fühlte er sich inspiriert: „Schicht für Schicht erzählen die Jahresringe die Geschichte des Baumes. Genau so wollte ich die Geschichte der Familie Greenwood erzählen – Schicht für Schicht, Generation für Generation“.

    Vier Generationen beschreibt Christie in seiner 560 Seiten umfassenden, beeindruckenden und vielschichtigen Familiensaga. Alle sind schicksalhaft und untrennbar verbunden mit den riesigen alten Wäldern Kanadas: Ein Industrieller, den das Abholzen prächtiger Wälder zum schwerreichen Mann macht, eine Öko-Aktivistin, die fanatisch gegen den Waldfrevel kämpft, ein Wald-Einsiedler, der mit seinem Leben zufrieden ist, bis er zur Flucht gezwungen wird, ein Tischler, der glücklich ist, wenn er ein Möbel-Kunstwerk aus Altholz bauen kann, eine Natürführerin auf Greenwood-Island, die Besuchern ihren Wald erklärt: „Dies ist einer der letzten verbliebenen Primärwälder auf Erden.“ Jacindas Geschichte und ihren verzweifelten Kampf um jeden Baum auf der kleinen Insel, hat Christie in der nahen Zukunft angesiedelt – 2038 . Da hat das „Große Welken“ bereits vieles vernichtet. Die Bäume „flüstern“ nicht mehr. Pilzbefall, Insektenplagen, Feuer und Dürre hatte der Wald nichts mehr entgegen zu setzen. Ein Öko-Roman also über das Sterben der Bäume? „Ja“, sagt der Autor, “es wäre schwierig geworden, daraus keinen Öko-Roman zu machen“, und er bekennt: „Manchmal glaube ich, dass durch meine Adern grünes Blut fließt“. Christie möchte seinen Roman auch als Weckruf verstanden wissen: Die Zerstörung der Wälder muss verhindert werden! „Ich wollte dir etwas beibringen“, sagt die Öko-Aktivistin zu ihrem Sohn, einem Tischler. „Was denn“? „Die Natur mit Demut zu betrachten.“ „Ich versuche , alles mit Demut zu betrachten“, antwortet der Sohn.

    Dass sich aus dem Öko-Roman ein wirklich spannendes Buch, ein Page-Turner, entwickelt hat, liegt an der abenteuerlichen und atmosphärisch dicht geschilderten Familiengeschichte, in die Christie seine eindringliche Botschaft gepackt hat. Die Familie Greenwood verbindet seit Generationen ein Thema: Der Wald. Er ist Zuflucht, Geldquelle, Ort des Verbrechens. Schon nach wenigen Seiten lebt man mit Christies Figuren, bangt, leidet und hofft mit Jacinda, Liam, Willow und Everett. Was sie erleben, wie sie agieren, das reißt mit , das bewegt.

    Die Geschichte der Greenwoods beginnt, als bei einem schweren Zugunglück im April 1908 nur zwei neunjährige Jungen überleben. Die Jungen Harris und Everett bleiben zusammen, werden zu „Brüdern“ und richten sich in einer verfallenen Trapperhütte im Wald ein.
    Jahre später plant eine junge Frau, die gerade ein kleines Mädchen geboren hat, die Flucht aus dem Haus ihres Liebhabers. In ihr Tagebuch schreibt Euphemia: „Der Wald ist immer schon der beste Zufluchtsort gewesen, den es gibt“. Dieses Tagebuch wird eine entscheidende Rolle spielen, es wird fieberhaft gesucht werden, es wird Jahrzehnte verschollen bleiben. Als Jacinda es im Jahr 2038 endlich in Händen hält, begreift sie, dass auch sie zur Familie, zu den „Greenwoods“ gehört – und dass sie eine lebenswichtige Entscheidung treffen muss.


    „Das Flüstern der Bäume“ ist übrigens für den bedeutendsten kanadischen Literaturpreis nominiert.