• Georges Simenon: Das Haus am Kanal, neue Edition bei Atlantik

    „Georges Simenon ist ein Ausnahmeautor – darüber sind sich Autoren, Schauspieler, Regisseure und Journalisten dieses wie des vergangenen Jahrhunderts einig. Auch heutigen Lesern hat er mit seinen Botschaften, wie Toleranz für fremde Kulturen oder dem Sichtbarmachen gesellschaftlicher Missstände, und seiner Neugier auf Menschen viel zu sagen“ - so kündigt der Atlantik Verlag seine neue Taschenbuch-Edition an.

    Simenon zum Wiederentdecken, eine fabelhafte Idee: Die ersten acht Bände sind jetzt Anfang Juli erschienen, im August folgen zwei weitere Bände; bis Januar 2020 sollen es bereits 20 sein. Da der belgische Schriftsteller (1903 bis 1989) einer der erfolgreichsten und produktivsten des 20. Jahrhunderts war – er schrieb 75 Maigret-Romane und 117 weitere Romane, dazu mehr als 150 Erzählungen– und da tägliches Schreiben zu seinem Leben gehörte wie Essen und Atmen gibt es vieles neu zu entdecken. Vor allem Simenons Blick auf den Menschen, sein Bloßlegen der menschlichen Abgründe.

    Karl Heinz Ott, der das Nachwort zum ersten Band der neuen Edition „Das Haus am Kanal“ geschrieben hat, spricht vom „zoologischen Blick“ , mit dem Simenon Menschen beobachte. „Wie zusammengepferchte Tiere, die nicht davonlaufen können“.

    Im "Haus am Kanal“ ist es die Geschichte der 16jährigen Edmée, die nach dem Tod ihres Vaters zu ihren Verwandten in die flämische Provinz kommt. In ein Haus in einer Moorlandschaft, über dem etwas Krankes wie ein Verhängnis liegt. Als wäre das sich abzeichnende Unglück unentrinnbar. „Edmeé weicht ihrem Unglück nicht aus, sie will es vollenden und die anderen mit in den Abgrund reißen. Mit instinktiver Raffinesse... treibt sie die rivalisierenden Brüder in den Wahnsinn.“ (Karl-Heinz Ott). Cousin Jef stiehlt für sie die violetten Edelsteine aus dem Messweinkelch der Kirche, und Fred wird ihretwegen zum Mörder eines kleinen Jungen mit roter Strickmütze. Man ist aneinander ausgeliefert…
    „Ich erzähle eine Geschichte. Das ist alles“ hat Simenon über sein Schreiben gesagt. In Edmées Geschichte strebt alles voller Erregung dem Untergang zu, es ist ausweglos. Und das inmitten einer beklemmenden, endlos wirkenden Landschaft unter einem dramatischen Himmel, durch den die Wolken rasen.
    Der Leser ist fasziniert bis zum blutigen Ende.

  • Ursula März: Tante Martl, Piper

    „Wenn meine Tante mir am Telefon etwas erzählen wollte, das sie gerade sehr erregte, leitete sie ihren Bericht mit einem lang gezogenen Stöhnen ein, in dessen Tonlage sich ein leicht kindliches Jammern mit dem Jaulen einer Alarmsirene mischte. Bevor sie auch nur einen Satz gesagt hatte, konnte ich anhand der Intonation des Stöhnens schon erahnen, was ihr auf dem Herzen lag...“
    Auch wenn der Einstieg ins Leben von „Tante Martl“ tatsächlich etwas jammerig klingt, Ursula März hat Tante Martl mit ihrem Buch ein Denkmal gesetzt. Für eine auf den ersten Blick unscheinbare Frau, die in Wirklichkeit ein ganz besonderer Mensch war und die -1925 geboren- ihr Leben lang unabhängig und emanzipiert lebte.
    Tante Martl ist Volksschullehrerin, interessiert und gebildet, fährt schon in den Fünfzigerjahren ein eigenes Auto, hat immer ein eigenes Bankkonto und verreist leidenschftlich gern. Nur in einer Beziehung ist sie furchtbar altmodisch: Von ihrem Eltenhaus in der pfälzischen Kleinstadt mag sie sich nie lösen. Nach dem Tod der Eltern zieht sie vom Erdgeschoss ins Obergeschoss. Die einzige Veränderung.
    Tante Martl war die ungeliebte dritte Tochter eines Vaters, der nur Söhne wollte. Als sie geboren wird, gibt es bereits zwei Töchter in der Familie. Jetzt muss es einfach ein Junge sein... Der Vater meldet das Neugeborene beim Standesamt unter falschem Namen an: Martin statt Martina. Er widerspricht dem Standesbeamten nicht, als der fragt „Isch e Bub?“ Er nickt einfach. Es dauert ein paar Wochen, bis er den Irrtum aufgeklärt hat. Jahrzehnte später wird die pflichtbewußte „Tante Martl“ ihren Vater pflegen, ihre Schwestern sind außer Haus. Sie haben Familie.
    Mit großer Empathie schildert die Literaturkritikerin und Feuilletonistin Ursula März in ihrem Debütroman Tante Martls Leben und ihr Leiden – die Ungerechtigkeit des Vaters, die Bevorzugung ihrer Schwester Rosa, aber auch die oft fehlende Wertschätzung. Denn es war nie Tante Martls Begabung, sich zu präsentieren und ins rechte Licht zu rücken. Noch auf Tante Martls Beerdigung erlebt die Chronistin Verblüffendes. Ein Topmanager aus Paris steht am Grab und sagt der Trauernden: „Ich verdanke Ihrer Tante alles“. Der Kontakt sei nie abgerissen, auch noch, als Tante Martl bereits im Heim war, habe er des öfteren mit ihr telefoniert...
    Eine würdige, anrührende Hommage ist Ursula März gelungen. Und sie liest sich stellvertretend für alle Tante Martls dieser Welt. Jeder von uns kennt (mindestens) eine.

  • Markus Zusak: Nichts weniger als ein Wunder, Limes

    Sein Buch „Die Bücherdiebin“ , 2005 erschienen, wurde ein Weltbestseller.
    Nun nach mehr als einem Jahrzehnt endlich ein neuer, großer Roman auf Deutsch, die Geschichte der fünf Dunbar-Brüder, die erst ihre Mutter verlieren und dann verkraften müssen, dass ihr Vater sie im Stich lässt. „Mörder“ nennen sie ihn seitdem. Der unglückliche, gebrochene Mann flieht aus dem kleinen Haus unweit der Pferderennbahn, in der die Familie chaotisch aber glücklich gelebt hat. Jetzt haben die fünf raubeinigen, wilden Jungs nur noch sich und ihre Haustiere, die alle Namen antiker Helden tragen: die graue Katze heißt Hektor, der Goldfisch im Aquarium Agamemnon, die Taube Telemach, das Maultier Achilles, der Hund allerdings “nur“ Rosa.
    Und das Klavier aus Walsnussholz ist noch wichtig, um sich zu erinnern. An Penelope, Penny Dunbar, die in Osteuropa bei ihrem Vater aufgewachsen ist. Er liebte das Klavierspiel und Homers Epen Ilias und Odyssee. Penny ist die Mutter der Jungs, die sie so sehr geliebt und an den Krebs verloren haben. „Jungs, ich werde sterben“ hatte sie in der Küche zu Matthew, Rory, Henry, Clay und Thomas gesagt. Matthew, der Älteste, der Ich-Erzähler, erinnert sich: „Ich kann es immer noch hören. Ich sehe unseren Vater endgültig und irreparabel zerstört an der Spüle. Dann ging er für Penny in die Knie. Hände auf zitternden Schultern... und dann sehe ich Clay, zu Boden geworfen, wie er mit dem Gesicht zur Decke starrt. Ich sehe Jungen und verknotete Arme. Ich sehe unsere Mutter, die ummantelt...“ Clay kommt eine Schlüsselrolle in dieser Familiengeschichte zu, die sich nur langsam enträselt. Auf den ersten Buchseiten beschreibt Zusak – oft mit eigenwilligen Sprach-Kombinationen - wie Matthew auf die alte Schreibmaschine, den „Klapperkasten“ einhaut und formuliert: „Ich will dir von meinem Bruder erzählen. Von dem vierten Dunbar-Jungen namens Clay. Ihm ist alles widerfahren. Und er hat uns alle verändert.“
    Seit dem Tod der Mutter und dem plötzlichen Verschwinden des Vaters leben die fünf Jungs allein, nach ihren Regeln. Sie trauern, sie ringen miteinander, sie streiten, sie hoffen und sie suchen – nach einem Weg, mit ihrer Tragödie klarzukommen und ihren eigenen Lebensweg zu finden. Der Älteste ist 18, der Jüngste 11. Eines Abends kommt der Vater zurück und bittet um Hilfe: beim Wiederaufbau einer Brücke. Clay steht dem Vater zur Seite, die Bogen-Brücke gelingt – ein Wunder – und die fünf Brüder und ihr Vater finden sich wieder. Eine bewegende, am Ende tröstliche Geschichte.
    Markus Zusak wechselt dabei Rückblenden und gegenwärtige Situationen, bis sich alles zusammenfügt, die schmerzlichen Erinnerungen der Jungs wie die Vergangenheit ihrer Eltern. Wie Penelope aus dem Ostblock flüchtet, sich in ihrer neuen Heimat als ungelernte Hilfskraft durchkämpft, bis sie Englisch-Lehrerin ist. Wie sie in die Pepper Street zieht und ein Klavier kauft, das die Spedition ins falsche Haus liefert. Zu Michael Dunbar – ein Mann, der Michelangelo bewundert und ein Talent zum Malen hat. So beginnt alles.