• Zsuzsa Bánk: Sterben im Sommer, S. Fischer

    „Mein Vater hat die Familie zusammengehalten, um ihn haben wir uns gerankt, Äste an einem Stamm, Blätter an einem Zweig. Er hat uns geerdet, aber uns auch davon flattern lassen. Er hat die Länder und Kontinente für uns zusammengehalten, die Brücken für uns gebaut, die Sprachen für uns gesprochen, wenn wir nicht weiterkamen. Das Leben ohne ihn müssen wir noch erfinden“...
    Zsuzsa Bánks Vater László starb im September 2018, die Schriftstellerin („Der Schwimmer“; „Die hellen Tage“), die mit ihrer Familie in Frankfurt lebt, erzählt in einer berührenden Liebeserklärung an ihren verstorbenen Vater von dessen Krankheit, von ihrem gemeinsamen letzten Sommer, von seinem Sterben und der Zeit danach. „Sterben im Sommer“ ist ein literarisches Abschiedsbuch, ein Trauertagebuch, ein Trostbuch, eine großartige Leseerfahrung – und das bisher persönlichste Buch dieser wunderbaren Autorin. Sie lässt uns teilhaben an ihrem Schmerz, an ihrem Weinen, an ihrer Verzweiflung, an ihrem Hadern, an ihren aufrichtigen großen Gefühlen, und sie tröstet damit. Wir wissen es ja, dass Tod und Sterben unausweichlich sind, dass das Ableben eines Menschen, der einem nahe ist, uns mit aller Wucht treffen kann. Und Tochter und Vater Bánk sind sich sehr nahe. Auch über den Tod hinaus.

    Das Buch ist ein Jahr nach der letzten gemeinsamen Reise an den Balaton in Ungarn entstanden. Die Autorin: „Ich wollte wissen: Was geschieht mit uns im Jahr des Abschieds, was macht das Sterben mit uns, mit der Familie, mit dem Sterbenden, mit mir insbesondere?“

    Sommerurlaub in der alten Heimat war Familientradition bei den Bánks. Die Eltern waren im Jahr des Ungarischen Aufstandes 1956 nach Deutschland geflüchtet. Für die Tochter, neun Jahre nach der Migration der Eltern, in Frankfurt am Main geboren und aufgewachsen, ist Ungarn „Vaters Land“, das Sommerbesuchsland. So auch in dem letzten gemeinsamen Sommer. In einem kleinen Dorf, vor dem Haus von Tante und Cousine sitzen sie auf der Bank, umgeben von Oleander und Kirschbäumen, mit Blick auf die Weinberge. Sie sind zurück im „Paradiesgarten“ und am Balaton, dem blauen See, der „gutes Schwimmen“ weit hinaus im „schimmernd glatten Wasser„ verspricht. „Einen großen Sommer wollten wir, vielleicht den letzten. Tage, die sorgenfrei, vielleicht sogar schmerzfrei wären. Tage, an denen der Krebs ruht. Schläft, nicht aufwacht.“

    Doch der Zustand des Vaters verschlechtert sich. Mit dem Helikopter muss er ins Krankenhaus gebracht werden. „Ich lege meine Hände zusammen und schicke meine Gebete über den blauen See.“ Die Tochter weiß, in diesen letzten Sommertagen geht etwas zuende. „Der Tod schneidet schon durch unser Leben“. Und sie wird auch das Sommerhaus der Eltern loslassen müssen. „In dieser sich weiterdrehenden Welt müssen wir etwas hergeben.“

    Der Vater ist zurück in Frankfurt im Krankenhaus, die Tochter sitzt an seinem Bett, es gibt keine Hoffnung mehr auf Heilung. Entscheidungen müssen getroffen werden: Hospiz oder noch eine Chemo? Die Tochter kämpft um jede Stunde Gemeinsamkeit, rettet sich in Erinnerungen. Sie ist dankbar, der Vater hatte so ein großartiges Talent: Er konnte Glück empfinden, Glück ausstrahlen. „Glück konnte man von ihm lernen, einfaches Glück, ohne Aufwand, ohne Tand... sein glückliches Gesicht werde ich vermissen, sonnenverbrannt, lachfaltenreich...“. Der Vater stirbt in der Nacht.

    Monate später, an dem Tag, an dem die Tochter nach dem Tod des Vaters zum ersten Mal nicht geweint hat, steht sie mit ihrem Sohn auf der Terrasse und schaut hoch in den Novemberhimmel. Er ist blau- gelb- rosa gefärbt. Kein Fitzelchen Grau. „Sieh mal“, sagt sie, „Grüße von Opa“, und der Sohn winkt zum Himmel.
    Jetzt weiß die Tochter auch, dass sie weiter in „Vaters Land“ am Balaton „sommern“ will. Sie beschließt: “Ich komme zurück, wann immer mir danach ist, jederzeit kann ich wiederkommen.... und am blauen See werden die Kinder rufen: Hier hat Opa immer gesessen! “


  • Monika Helfer: Die Bagage, Hanser

    „Das Mädchen war meine Mutter, Margarete, eine Scheue, die jedes Mal, wenn sie auf ihren Vater traf, sich duckte und nach dem Rock der Mutter schaute... Der Vater verabscheute dieses Kind, weil er dachte, dass es nicht sein Kind sei... Er ekelte sich vor Grete, als würde sie nach dem Zudringling riechen.“ Josef Moosbrugger schaute Grete nie an, und er sprach nicht mit ihr. Ein Leben lang.
    Auf 160 Seiten, mit einfachen, ungeschönten Worten schreibt Monika Helfer über ihre Familie, “die Bagage“. Ihre Spurensuche beginnnt zur Zeit des 1. Weltkrieges in einem österreichischen Bergdorf und reicht bis in die Gegenwart. Und sie stellt sich Fragen: Wieso sind Maria und Josef Moosbrugger nicht ausgebrochen aus ihrem „randständigen“, ärmlichen Leben? Warum haben sich meine Leute immer absichtlich abgesondert?

    Das Dorf behandelte sie abschätzig: Josef, ein unzugänglicher Mann, der ständig in „Geschäftchen“ verwickelt ist, Maria, eine traumschöne Frau, begehrt von den Männern, eifersüchtig und mißtrauisch beäugt von den Frauen. Die Kinder: Hermann, Lorenz, Kathi, Walter. Zwei Kühe und eine Ziege hat die Familie, das kleine Haus am Rande des Dorfes ist blitzsauber, Maria wäscht, als der Postbote den Einberufungsbefehl für Josef bringt. Maria möchte, dass die Familie sauber ist, sie tragen oft Weiß. Die Seife ist so knapp wie Mehl, Zucker und Speck in diesem Haus. Bevor Josef in den Krieg zieht, nimmt er dem Bürgermeister das Versprechen ab, dass er auf Maria aufpasst, nach ihr schaut. Doch irgendwann meint auch der Gottlieb, von Maria belohnt werden zu müssen, wenn er einen gut gefüllten Sack mit Lebensmitteln ins Haus bringt. Gelten im Krieg nicht andere Gesetze?

    Maria wird schwanger, das Dorf rätselt. Kann das Kind von Josef sein, der zwischendurch auf Heimaturlaub war? Ist es vom Bürgermeister? Ist es von dem Fremden, der eines Tages im Dorf aufgetaucht war und die Maria besucht hat. Georg hieß er und kam von weit her...? Der Dorfpfarrer nennt Maria Moosbrugger eine Sünderin und montiert das Kreuz neben der Haustür ab.

    Das Kind, das geboren wird, heißt Margarete und wird Grete genannt. Es ist die Mutter der Erzählerin, das Kind, das von seinem Vater zeitlebens nicht beachtet werden wird. Was macht eine solche Missachtung mit einem Kind? Welchen emotionalen Ballast schleppt die Bagage mit sich herum? Monika Helfer: „Wir wollten nie etwas Besonderes sein. Auch meine Großmutter wollte das nicht. Aber wir waren etwas Besonderes. Ich habe mich gebogen vor Scham...“
    Nun hat Monika Helfer das Gepäck, die Bagage, den Ballast, der sich als Gefühlschaos und Existenzdrama angesammelt hat, aufgeschnürt – und damit auch ihrer schönen Großmutter, die mit 32 Jahren gestorben ist, ein Denkmal gesetzt. In ihrer Autofiktion, die Autbiographisches mit Fiktion mischt, setzt sie berührende Momente, die mal zu Widerspruch reizen, oft Zustimmung finden und immer Mitgefühl bereit halten. Und ihr Buch regt an. Die Gedanken an die eigene Familie stellen sich wie von selbst ein: Was wissen wir denn? Von den
    Höhen und Tiefen, den Dramen und den Geheimnissen unserer Familie?








  • Verena Keßler: Die Gespenster von Demmin, Hanser Berlin

    „Wenn ich die Sonne wäre, würde ich auch lieber woanders scheinen....“ Gemeint ist mit dieser Orts-Beschreibung die Kleinstadt Demmin in Mecklenburg Vorpommern, die Heimat von Larissa, genannt Larry. Larry ist 15, so schnell es geht, will sie raus aus Demmin und auf die Schlachtfelder dieser Welt. Kriegsreporterin, das ist ihr Traumberuf. Dafür survival-trainiert sie täglich. 37 Minuten, zum Beispiel, hält sie es aus, kopfüber vom Apfelbaum im Garten zu hängen.
    Der Tod ist vielen in dieser Stadt sehr vertraut. Der Massensuizid am Ende des Krieges, als die Rote Armee einrückte, hat sich unauslöschlich in Kopf und Herz der Menschen in Demmin eingebrannt. Als die Mütter ihre Kinder fest an ihren Leib banden und mit ihnen in das Wasser der Peene stiegen. Oder sich erschossen, erhängten, vergifteten. Bis zu tausend Selbstmorde sollen es gewesen sein. Wenn Larissas Nachbarin, die alte Frau Dohlberg, aus dem Fenster schaut und Larry im Apfelbaum hängen sieht, hat sie die Frau vor Augen, die sich damals in ihrem Vorgarten erhängt hat. Frau Dohlbergs Giftampulle versteckt sich noch immer in ihrem Nadelkissen. Ein alter Mann erzählt, wie er als Kind von einem jungen Russen in letzter Minute aus der Peene gerettet wurde. Zur Erinnerung heißt jeder seiner Kater nun „Igor“. Zur Zeit wartet Igor der Dritte zu Hause auf ihn.

    Auch Larry ist der Gedanke an den Tod sehr nahe. Nicht nur, wenn sie über ihren Berufswunsch nachdenkt. Sie mag den Friedhof, am Grab Nr. 46 hält sie Zwiesprache mit ihrem älteren Bruder Lenni, den sie nie kennen gelernt hat, weil er noch vor ihrer Geburt verunglückt ist. Larry übernimmt ordnende Friedhofs-Arbeiten wie Müll aufsammeln und Laub harken und redet mit Frau Ratzlow vom Friedhofsbüro. Sie liegt auch schon mal Probe in einem ausgehobenen Grab, und sie mag es, wenn Frau Ratzlow über ihren Friedhof wie ein Fünf-Sterne-Hotel redet. „Gute Lage, schöne Aussicht, komfortabel und ruhig...“ Sehr, sehr nahe kommt Larry dem Tod, als sie versucht, einen jungen Schwan aus dem Eis zu retten.
    Verena Keßlers (Studium Deutsches Literaturinstitut Leipzig; Stipendium Klagenfurter Literaturkurs) bemerkenswerter Debütroman verknüpft auf beeindruckende Weise das historische Traumata einer Stadt mit den persönlichen Erfahrungen einer Heranwachsenden, die Verlust und Trauer erlebt, sich auf ein Überleben in einer kriegerischen Welt vorbereitet und sich zu Hause von ihrer lebensfrohen Mutter ständig genervt und gestört fühlt. Denn die möchte nichts anderes als Verlust und Trauer überwinden. Nach der Trennung von Larissas Vater sehnt sie sich nach einem neuen Traum-Mann und einem kuscheligen Leben. Sie ist glücklich, als endlich Benno, der rosa Socken mit Bananen-Muster trägt, neben ihr auf der Couch sitzt. Über all das, was Demmin ausmacht, berichtet Larry auf nachdenkliche, sensible Weise eher cool, manchmal traurig, manchmal witzig. Sie ist einer 15jährigen weit voraus. Zitat: „Sonntage in Demmin fühlen sich an wie ein Bad in lauwarmen Wasser... oft wache ich sonntags schon mit diesem grauen Gefühl auf...“
    Gut, dass es Freundin Sarina gibt und Timo, den Jungen aus dem „Netto“, der in der Plattenbausiedlung wohnt, die alle „Bangladesch“ nennen. Und natürlich Vater, der sie in seinem Truck Richtung Polen mitnimmt. Mit ihrem Vater kann sie reden. Über die künftige Kriegsreporterin Larry, über den toten Bruder. Über das Leben an sich, über Herausforderungen und Unzumutbarkeiten, aber auch über die Sonnen- Seiten, die tröstlichen. Die gibt es auch in Demmin.
    Gut, dass sich Larry plötzlich daran erinnert, dass sie als Kind immer eine Zauberin werden wollte...