• Alex Schulman: Verbrenn all meine Briefe, dtv

    Der kleine Alexander findet im Zimmer seiner Großmutter Karin ein Bündel vergilbter Briefe, zusammen gehalten mit einem rosa Band. Mit seinem Fundstück rennt er in die Küche: er möchte die Briefmarken haben...
    Was er nicht ahnt: er hält den Beweis einer großen Liebe in der Hand, einer Liebe ohne happy end und mit dramatischem Ausgang. Drei tief unglückliche Menschen gehören zu dieser Geschichte: seine Großmutter Karin Stolpe, der Großvater, ein berühmter Schriftsteller und Olof Lagercrantz, die große Liebe seiner Großmutter, ein nicht minder bekannter Schriftsteller. "Ich bitte dich Olof, verbrenn all meine Briefe... sonst finde ich keine Ruhe", hat die Großmutter in ihrem letzten Brief an ihn geschrieben. Das geschah vor fast 60 Jahren. 1932 hatte sich Karin in Olof verliebt, der Großvater Sven Stolpe rächte sich aufs grausamste. Ein Leben lang hat er seine Ehefrau erpresst und in Angst gehalten. Einen seiner Mordversuche hat sie überlebt.
    Das alles weiß der kleine Alexander noch nicht, aber er kann sich erinnern, wie die Großmutter damals in der eskalierenden Situation reagiert hat. "Diese Briefe sind das Land, das nicht ist"... sagte sie, zitierte diese Gedichtzeile und erklärte: "Das Land, das nicht ist, ist die andere Seite der Wirklichkeit, es ist ein Ort für Träume, und für mich ist dieses Land, das keines ist, oft ein schönerer Ort gewesen als die Wirklichkeit".
    Alex Schulman, der schwedische Autor dieses Buches, ist Karins Enkel: ebenfalls ein renommierter Schriftsteller (Bestseller: "Die überlebenden"), verheiratet, Vater dreier Kinder. Er entdeckt das dunkle Geheimnis seiner Familie, als er beginnt, sein eigenes auffälliges Verhalten zu hinterfragen: Warum haben seine Kinder eigentlich Angst vor ihm, warum wird das Verhältnis zu seiner Frau immer schwieriger? Was für eine unterschwellige Wut trägt er in sich? Zitat: "Ich bin auf der Jagd nach meiner Wut... und ich glaube, dass mein Großvater Sven Stolpe der Schlüssel dazu ist. Mit ihm hat alles angefangen." Schon als Kind hat er ihn als die "bedrohliche Gestalt im Nebenzimmer" wahrgenommen. Schulman ist sicher: Dieses Gift, diese Wut des Großvaters wirkte über Generationen. "Wir lernten alle, einander und die Welt zu hassen."

    So beginnt Schulmans aufwühlende, leidenschaftliche Recherche. Seine Erkenntnisse verpackt er auf sehr raffinierte, fesselnde Art. Mosaikartig setzt sich sein Puzzle zusammen, wechselt zwischen Gegenwart und Erinnerungen an die Großeltern um 1988 und wählt für die Geschehnisse, die sich 1932 wohl zugetragen haben, romanhafte Passagen, die zusammen mit Tagebucheintragungen und Briefzitaten eine fast unglaublich Liebesgeschichte zum Leben erwecken und zum Leuchten bringen. Man liest sie – und wird sie nicht vergessen.

    Im Jahr 1932 muss etwas Entscheidendes passiert sein. In den Memoiren des Großvaters findet sich der schicksalsschwere Satz "Das Leben erlosch"... "so brutal, so sinnesverwirrend hatte das Raubtiergrinsen des Lebens mir ins Gesicht geblickt, dass ich seitdem
    nichts anderes mehr vor mir sehen kann."

    Schulman sitzt in der Königlichen Bibliothek und liest in den Büchern seines Großvaters. 94 Publikationen. Nach 1932 aber gibt es für Sven Stolpe nur noch ein Thema, das immer wieder variiert wird. Es geht - Roman um Roman – um "liederliche, treulose Ehefrauen". Schulman fragt sich: Ist das meine Großmutter Karin, über die er da schreibt?
    Schulman liest auch die Bücher und Gedichte von Olof Lagercrantz - und er findet dort in jedem Text Liebesbotschaften an seine Großmutter Karin. "Ich finde ihre Spuren sofort und überall. Mit steigender Spannung lese ich und bin ergriffen. Nachts überläuft mich ein Schauer nach dem anderen. Sein Leben lang besingt er sie, nennt aber nicht einmal ihren Namen, er gibt ihr die Gestalt einer Wildrose..."
    Olof und Karin – das war eine verbotene Liebe mit Ewigkeitsflamme, entstanden im Sommer 1932. Zwischen den beiden Männern herrschte von da an eine 70 Jahre währende, erbitterte Feindschaft - bis zum jeweiligen Tod.
    Denn bald geht es in dieser Dreiecksgeschichte um Leben und Tod. Karin Stolpe will sich1932 scheiden lassen, doch dann bleibt sie bei ihrem Ehemann, nachdem Stolpe gedroht hatte, Olof, sie und dann sich zu erschießen,
    falls sie ihn verlassen sollte. Der Revolver liegt griffbereit in seinem Schreibtisch.
    Karin Stolpe unterwirft sich: der Kontrolle, der Wut, der Eifersucht, den Demütigungen ihres Ehemannes.
    Eine kluge, freiheitsliebende, intellektuelle Frau wird zur Gefangenen. Das Leben von Karin und Sven Stolpe, nicht nur Ehepaar, sondern auch Elternpaar von vier Kindern, gerät zu einem antiken Drama. Stolpes Frauenhass gegen die "verdorbene Frau, die eine Familie zerbricht und sein Anspruch an die "Reinheit der Frauen" hinterlässt eine solche Zerstörung, die auch die nachfolgenden Generationen prägt.
    Schulman hat wahrlich ein giftig-gefährliches Familiengeheimnis gelüftet, und er weiß, dass auch er handeln muss. "Ich spüre, dass die ererbte Wut in mir Wurzeln geschlagen hat".

    Wiederholen wir es: Man wird diese Geschichte nicht so schnell vergessen können.

  • Leila Slimani: Der Duft der Blumen bei Nacht, Luchterhand

    Die französisch-marokkanische Autorin Leila Slimani verbringt eine ungewöhnliche Nacht in Venedig, allein im Museum Punta della Dogana, dem einstigen Zollgebäude der Serenissima. In einer Schreibkrise („Heute ist kein guter Tag. Ich sitze seit Stunden auf diesem Stuhl, und meine Figuren reden nicht mit mir...“) hatte sie sich von ihrer Lektorin zu diesem literarischen Abenteuer überreden lassen: Slimanis venezianische Nacht soll auf 150 Seiten verarbeitet werden – zu einem weiteren Band der Reihe „Eine Nacht im Museum“, die Slimanis Verlag herausgibt. Die Bestsellerautorin könne die Kunstsammlung eines französischen Multimillardärs auf sich wirken lassen und natürlich die einsame Nacht und das Gefühl des Eingeschlossenseins. Das passt zu Slimani, denn auch ihr normaler Schreib-Alltag braucht meist tägliche Isolation. Sobald ihre Kinder in der Schule sind, wechselt sie von der Privatwohnung in ihr Büro oben im Haus, das sie erst am Abend wieder verlässt. Slimani, die als eine der wichtigsten Stimmen Frankreichs gilt – ihr Roman „Dann schlaf auch du“ wurde mit dem Prix Concourt ausgezeichnet – arbeitet zu dieser Zeit am ersten Band ihrer autobiographischen Romantrilogie, einer Familiensaga.

    Slimani sagt nach Zögern „Ja“ zu der Museumsnacht, die zeitgenössische Kunst interessiert sie nur mäßig, aber die Vorstellung eingeschlossen zu sein, reizt sie sehr. „Dass niemand zu mir gelangen kann und das Draußen für mich unerreichbar ist“. Es ist der Traum von Rückzug, von Sehnsucht nach Stille, den sie mit vielen Literaten teilt.

    In Venedig, als sich die schwere Tür der Dogana hinter ihr schließt, der Museumswärter sie in den Museumsplan eingewiesen und ihr einen Raum mit orangefarbenem Feldbett zugewiesen hat, beginnt das Abenteuer. Eine existentielle Erfahrung? „Vielleicht werden die Dinge ja wie in Kindergeschichten lebendig, sobald die Nacht anbricht...“ Slimani wandert barfuß durch das Museum, die aktuelle Ausstellung heißt „Ort und Zeichen“, Werke von 36 Künstlern und Künstlerinnen erforschen die Beziehung des Menschen zur Natur. Eine Künstlerin ist besonders präsent: die libanesische Malerin und Dichterin Etel Adnan. „Wie ich, ist sie in einem arabischen Land aufgewachsen, in einer frankofonen Familie.“ Für Slimani wird es eine Nacht der Erlebnisse, der Bekenntnisse, der Erinnerungen. Sie sinniert über ihre Herkunft, den Verfall des Menschen, über den Tod als Erlöser, über das, was sie zum Schreiben treibt, über die Freiheit, über ihre verletzte Identität, über die Kraft der Literatur. Ihre Selbstgespräche, Gedanken und Assoziationen verknüpfen sich zu einem locker-leichten Erzählband, das viel Persönliches offenbart.

    Als sie die großen schwarzen Monolithe im Zentrum des Museums erreicht, erkennt sie jenseits der getönten Scheiben die Zweige und Blätter des Nachtjasmins, den man auch arabischer Moschus nennt. Er öffnet seine Blüten nur nachts und verströmt einen starken Duft. Plötzlich ist ihr die Kindheit in Rabat wieder ganz nah. „Ich brauche nur die Lider zu schließen, um mich an diesen betäubenden und süßen Duft zu erinnern. Tränen steigen mir in die Augen. Da sind sie, meine Gespenster. Da ist er, der verlorene, versunkene Duft meiner Kindheit...“ Slimani gibt ihre Gedanken frei: Wieso sie so wurde, wie sie ist, was sie bedrängt, was ihr angst macht. Ihre Offenheit berührt.

    Slimani denkt zurück an ihren Vater, an das Schicksal, das er und die ganze Familie erlitt, als er, der Direktor einer Bank, wegen falscher Vorwürfe in Rabat inhaftiert wird. Ein Jahr später, nach Rehabilitation und Entlassung aus dem Gefängnis, wird er krank und stirbt. „Indem er starb, zwang mein Vater mich, ihn zu rächen. Er verbot mir jegliche Trägheit, jegliche Halbherzigkeit... Durch meine Geschichten versuche ich, seine Freiheit zurückzugewinnen. Ich schreibe und ich rette ihn, ich biete ihm Ausflüchte, Landschaften, Figuren... ich biete ihm ein Leben...“

    Am nächsten Morgen erscheint Slimani die Nacht, die sie gerade erlebt hat, vollkommen irreal. Überstürzt und etwas verwirrt verlässt sie das Museum, in Venedig öffnen die ersten Cafés, sie braucht dringend einen heißen, schwarzen Espresso. Noch gefangen zwischen Traum und Tag meint sie ihren Vater zu hören, der ihr zuruft: „Geh die Welt erobern“...

  • Judith W. Taschler: Über Carl reden wir morgen, Zsolnay

    Anton Brugger, der Hofmüller, hadert mit Gott: „ Mein ganzes leben lang hast du mich nicht beachtet, und als es mir endlich gut ging, musstest du mir mein Glück zerstören! Warum?
    Antons Frau Alberta ist nach der Geburt des kleinen Albert im Kindbett gestorben. Anton ist verzweifelt, seine Töchter musste er bei Verwandten unterbringen. Er zögert und zaudert, schreibt aber endlich einen Brief an seine Schwester Rosa in der Stadt. Voller Hoffnung, dass Rosa nach Hause ins Mühlviertel zurückkehrt und ihm hilft, sein Leben wieder in Ordnung zu bringen...

    Anton und Rosa sind als Geschwisterpaar die ersten Familienmitglieder der Bruggers, deren Schicksal wir in Taschlers großem Roman über drei Generationen hinweg folgen. Von1828 bis 1922 schlägt uns diese Familie in ihren Bann. Taschler hat den größten Teil ihrer Geschichte in ihrer Heimat, dem österreichischen Mühlviertel, angesiedelt. Ihr lebendiger, temporeicher Erzählstil, die wechselnden Perspektiven, die jeder der empathischen Hauptfiguren eine Stimme geben und so das Geschehen voller unerwarteter Wendungen als facettenreiches Mosaik nachvollziehbar machen, treiben die Handlung voran und stellen immer wieder die entscheidende Frage des Lebens:
    "Warum ist das Glück derart zerbrechlich und ungerecht?" Wie ein roter Faden zieht sich die große Sehnsucht nach dem Glück – nach dem vergangenen Glück oder nach dem erhofften zukünftigen. Befragt nach ihren Lieblingsfiguren, antwortet Taschler: „Meine Lieblingsfiguren in diesem Buch sind definitiv die Frauen, vor allem Rosa und Anna. Sie haben kein leichtes Los und machen eine erstaunliche Entwicklung durch“...

    Anton hat das Glück, dass die willensstarke, mutige Rosa in die Hofmühle zurückkehrt. Als 18jährige war sie heimlich fortgegangen, wollte ein eigenständiges Leben führen und suchte ihr Glück in der Stadt. Als Dienstbotin einer adeligen Familie wird sie vom Sohn des Hauses geschwängert. Ihr kleiner Sohn Theodor kommt in eine Pflegefamilie.

    In der zweiten Generation erleben wir Albert und seine Ehefrau Anna. Albert hat mehr als ein Jahrzehnt in der k. und k. Marine gedient, als er in seinem Heimatdorf vom Vater die Hofmühle übernimmt und dazu ein Handelsgeschäft eröffnet. Er hat Erfolg, sein Unternehmen floriert, zu seinem privaten Glück fehlt nur die passende Ehefrau – eine aus der Stadt soll es sein, gebildet, repräsentativ, gute Umgangsformen. Er lernt Anna kennen, Tochter eines k.u. k. Hof-Tischlermeisters aus Wien. Als Albert mit Wilhelm Svoboda erste Geschäftsbeziehungen aufnimmt, wundert er sich zwar ein wenig, wie schnell er privat ins Haus der Svobodas eingeladen wird, aber Anna gefällt ihm sehr. Er kann nicht ahnen, dass sein Heiratsantrag für die Wiener Familie zum Rettungsanker wird. Anna hatte eine skandalträchtige Affäre mit einer kapriziösen Gräfin. 1881 eine Schande, vor allem,wenn man nackt auf dem Diwan erwischt wird... Für Anna ist die „Ehe-Flucht“ ins abgelegene Mühltal eine neue Lebenschance; Albert erfährt erst später von den Gerüchten und Hintergründen.

    In der dritten Generation stellt Taschler Carl und Eugen, die in der Kindheit unzertrennlichen Zwillingsbrüder, in den Mittelpunkt. Eugen sucht später sein Glück in Amerika, Carl erlebt und erleidet den Ersten Weltkrieg an der Südfront, nach einer Explosion gilt er als tot. Im Winter 1918 ist Eugen auf Heimatbesuch im Mühltal. Eugen, der schon als Kind ständig seinen Glücks-Spruch parat hatte: „Finden Sie Ihr Glück und behalten Sie es.“; Carl dagegen hatte sich immer gewünscht, „am Anfang des Lebens auf überschwängliches Glück verzichten zu wollen, wenn dafür später ein Rest davon übrigbleiben sollte.“ Wird sich sein Wunsch erfüllen?
    Wieder zu Hause, fragt Eugen den Vater: „Wie ist Carl gestorben“? Albert antwortet: „Über Carl reden wir morgen“, doch dann sagt er „Komm mit“... und lüftet eines der Geheimnisse im Brugger-Haus.
    Die Geheimnisse, die Irrungen, die Schicksalswendungen, die Verluste, die großen Gefühle nicht nur der Hauptfiguren in Taschlers Familienepos machen diese 460 Seiten so spannend und interessant –  es ist ein Einblick in das Leben einer Familie in einem vergangenen Jahrhundert, vielstimmig geschildert und immer ein wenig mehr entschlüsselt und erhellt, weil man den Familienmitgliedern der Bruggers sehr nahe kommt, ihnen fast über die Schulter schaut und ihnen zuhört und so „ihr“ Leben begreifbar wird. Ein echtes Lesevergnügen.