• Dave Eggers: Die Parade, Kiepenheuer& Witsch

    Die Geschichte von „Vier“ und „Neun“ ist auf Eskalation angelegt. Die beiden Straßenbauer sind von ihrem europäischen Arbeitgeber in ein fiktives, subtropisches Entwicklungsland geschickt worden, das nach Jahrzehnten Bürgerkrieg endlich befriedet ist. Die beiden sollen dort eine Trasse asphaltieren, die den armen Süden mit dem reichen Norden verbinden wird. Zwölf Tage haben sie Zeit, mit einer neuen, leistungsfähigen Maschine 230 Kilometer Straße herzurichten. Alles ist straff durchgeplant, alles unterliegt festen Regeln, nichts darf schief gehen. Die Anweisung lautet: sich nicht um Land und Leute kümmern, keine Kontakte pflegen, sich nur auf die Maschine, die Arbeit und die Straße konzentrieren. Vier wird die Maschine bewegen; Neun soll als Vorhut überprüfen, ob die Trasse frei ist oder von Hindernissen geräumt werden muss. Der Präsident des Landes will die Fertigstellung der Straße, ein neues Symbol für Wohlstand, Frieden und Versöhnung mit einer Militärparade feiern...

    Der erfahrene Vier (7.500 Kilometer Straßen-Asphaltierung auf vier Kontinenten) hat sofort erkannt, dass er Kollege Neun besser nicht aus den Augen lassen sollte. „Vier kannte diese Sorte Mann, ein Mann, der alles amüsant fand, vor allem sich selbst. Für ihn war ein solcher Job ein Abenteuer, ein Spaß... Dieser Mann war ein Risiko.“
    Neun spricht die Landessprache, und er schert sich nicht um die Anweisungen in seinem Vertrag. Er redet mit den Einheimischen, isst mit ihnen, verschwindet in der Nacht, schwärmt von dem Aufbruch des Landes, den er überall verspürt. „ ...Ich fühle mich hier richtig erfüllt. Der Optimismus der Leute ist wie die Geburt eines Sterns. Er strahlt. Mir geht das Herz über“...

    Während Vier seinen abendlichen Arbeitsbericht schreibt und die teure Straßenmaschine bewacht, trinkt sich Neun einen Rausch an, hat Sex mit einer Einheimischen und erfährt, was die Menschen im Land hoffen und denken. Vier will das alles nicht wissen, ihn interessiert nur der Zeitplan. Und so bringt jeder Asphalt-Kilometer Richtung Norden den Männern neue Konflikte und Unsicherheiten. Nicht nur, dass die beiden vom Charakter her völlig unterschiedlich sind, auch ihre Einstellung und Haltung zu den Menschen und dem Land, in dem sie ihre Entwicklungsarbeit tun, ist völlig konträr.

    Der sozial engagierte und provokante Dave Eggers ( Autor des Bestsellers „Der Circle“ ) hat seine beiden Hauptfiguren so gegensätzlich angelegt, um auch die Frage zuzuspitzen, um die es bei dieser Parabel geht: Wer macht es eigentlich richtig? Wie ist mit einer solchen Situation umzugehen, und kann sie die westliche Welt überhaupt begreifen?
    Neun jedenfalls bringt sich mit seiner vorbehaltlosen Anteilnahme in größte Gefahr, er ist dem Tod nahe. Vier erlebt, dass er Vorurteile überwinden und Regeln überschreiten muss, wenn es um Menschenleben geht – und dass er in einem Land unterwegs ist, in dem selbst manche Helfer ihre Mitmenschlichkeit gegen Zynismus getauscht haben.

    Neun gesundet, die Straße wird vollendet. „Wir haben hier wirklich was geschafft. Ich stell mir die Parade vor, und das macht mich stolz“, sagt Neun. Er hat Tränen in den Augen, schaut Vier an und nennt ihn “ Mein Retter“.
    Neun bleibt in der Stadt, er will die Parade auf dem neuen „Highway des Lebens“ auskosten. Vier sitzt bereits im Flieger und schaut von oben auf den Verlauf „seiner“ Straße, auf die makellose, gerade Linie, die er zwischen Norden und Süden gezogen hat. Da keucht die Frau, die vor ihm sitzt, plötzlich auf. „Um Gottes willen...“

    Dave Eggers beendet seine „Parade“ mit einem Paukenschlag. Verstörend und eindringlich. Der bulgarische Schriftsteller Georgi Gospodinow drückt es so aus ...“ am Ende wird alles auf den Kopf gestellt, und wir werden mitten ins Herz der Dunkelheit geführt.“ (Klappentext)


  • Monika Helfer: Die Bagage, Hanser

    „Das Mädchen war meine Mutter, Margarete, eine Scheue, die jedes Mal, wenn sie auf ihren Vater traf, sich duckte und nach dem Rock der Mutter schaute... Der Vater verabscheute dieses Kind, weil er dachte, dass es nicht sein Kind sei... Er ekelte sich vor Grete, als würde sie nach dem Zudringling riechen.“ Josef Moosbrugger schaute Grete nie an, und er sprach nicht mit ihr. Ein Leben lang.
    Auf 160 Seiten, mit einfachen, ungeschönten Worten schreibt Monika Helfer über ihre Familie, “die Bagage“. Ihre Spurensuche beginnnt zur Zeit des 1. Weltkrieges in einem österreichischen Bergdorf und reicht bis in die Gegenwart. Und sie stellt sich Fragen: Wieso sind Maria und Josef Moosbrugger nicht ausgebrochen aus ihrem „randständigen“, ärmlichen Leben? Warum haben sich meine Leute immer absichtlich abgesondert?

    Das Dorf behandelte sie abschätzig: Josef, ein unzugänglicher Mann, der ständig in „Geschäftchen“ verwickelt ist, Maria, eine traumschöne Frau, begehrt von den Männern, eifersüchtig und mißtrauisch beäugt von den Frauen. Die Kinder: Hermann, Lorenz, Kathi, Walter. Zwei Kühe und eine Ziege hat die Familie, das kleine Haus am Rande des Dorfes ist blitzsauber, Maria wäscht, als der Postbote den Einberufungsbefehl für Josef bringt. Maria möchte, dass die Familie sauber ist, sie tragen oft Weiß. Die Seife ist so knapp wie Mehl, Zucker und Speck in diesem Haus. Bevor Josef in den Krieg zieht, nimmt er dem Bürgermeister das Versprechen ab, dass er auf Maria aufpasst, nach ihr schaut. Doch irgendwann meint auch der Gottlieb, von Maria belohnt werden zu müssen, wenn er einen gut gefüllten Sack mit Lebensmitteln ins Haus bringt. Gelten im Krieg nicht andere Gesetze?

    Maria wird schwanger, das Dorf rätselt. Kann das Kind von Josef sein, der zwischendurch auf Heimaturlaub war? Ist es vom Bürgermeister? Ist es von dem Fremden, der eines Tages im Dorf aufgetaucht war und die Maria besucht hat. Georg hieß er und kam von weit her...? Der Dorfpfarrer nennt Maria Moosbrugger eine Sünderin und montiert das Kreuz neben der Haustür ab.

    Das Kind, das geboren wird, heißt Margarete und wird Grete genannt. Es ist die Mutter der Erzählerin, das Kind, das von seinem Vater zeitlebens nicht beachtet werden wird. Was macht eine solche Missachtung mit einem Kind? Welchen emotionalen Ballast schleppt die Bagage mit sich herum? Monika Helfer: „Wir wollten nie etwas Besonderes sein. Auch meine Großmutter wollte das nicht. Aber wir waren etwas Besonderes. Ich habe mich gebogen vor Scham...“
    Nun hat Monika Helfer das Gepäck, die Bagage, den Ballast, der sich als Gefühlschaos und Existenzdrama angesammelt hat, aufgeschnürt – und damit auch ihrer schönen Großmutter, die mit 32 Jahren gestorben ist, ein Denkmal gesetzt. In ihrer Autofiktion, die Autbiographisches mit Fiktion mischt, setzt sie berührende Momente, die mal zu Widerspruch reizen, oft Zustimmung finden und immer Mitgefühl bereit halten. Und ihr Buch regt an. Die Gedanken an die eigene Familie stellen sich wie von selbst ein: Was wissen wir denn? Von den
    Höhen und Tiefen, den Dramen und den Geheimnissen unserer Familie?








  • Janet Lewis: Der Mann, der seinem Gewissen folgte, dtv

    Der Mann mit Gewissen heißt Sören Qvist, ein Pastor aus Jütland, der sich für ein Verbrechen verurteilen lässt, das er nicht begangen hat. „Eine wahre Begebenheit aus dem Jahr 1625, die leuchtend hell in unsere Gegenwart hinein strahlt“, vermerkt der Verlag, und Literaturwissenschaftler Rainer Moritz schreibt in seinem Nachwort: „ ...ein meisterhaftes Kabinettstück, das sich je nach Blickwinkel, als kriminalistische oder moralische Erzählung lesen lässt... Es zeigt uns in allen Facetten einen aufrechten Einzelnen, der zwischem seinem Glauben, den Erwartungen an sich selbst und der Liebe zu seinen Nächsten hin und her gerissen ist...“

    Die amerikanische Autorin Janet Lewis (1899-1998) hat für ihre Trilogie um strittige Justizfälle den bewegenden Fall des Sören Qvist aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648) gewählt, mit ihrem Auftaktbuch „Die Frau, die liebte“ (2018 bei dtv erschienen), griff sie einen der berühmtesten historischen Justizfälle Frankreichs auf, und die dritte Fallgeschichte von Janet Lewis „The ghost of Monsieur Scarron“ wartet auf ihre deutsche Übersetzung.

    Der Mann, der dem aufrechten Pastor zum Verhängnis wird, ist Niels Bruus, sein fauler, bösartiger, eingeschränkter Knecht. Immer wieder treibt er den Geistlichen in den Jähzorn. Dann ist Niels plötzlich verschwunden, sein Bruder Morten beschuldigt den Pastor, und im Garten wird eine Leiche gefunden.
    Erst 21 Jahre später wird klar, dass Sören Qvist zu Unrecht zum Tode verurteilt wurde: als der vermeintlich Tote aus dem Krieg nach Jütland zurückkehrt und das Erbe seines reichen Bruders Morten beansprucht. „Aber warum hat der Pastor erlaubt, dass sie ihn hinrichten? Er wusste doch, dass er mich nicht umgebracht hatte? fragt Niels den Richter, nachdem er seine Geschichte glaubhaft gemacht hat. Es ist Richter Tryg Thorwaldsen, der Mann, mit dem Anna, die Tochter des Pastors, verlobt war. Der Pastor hat sein Leben verloren, Anna und Tryg ihre Liebe. Janet Lewis schildert diesen fesselnden Fall eines Justizirrtums und das Geschehen um Land und Leute in ihrer Zeit mit Vorgriffen und Rückblenden, so fügt sich die wahre leidvolle Geschichte um Sören Qvist zusammen; informiert hat sich Lewis aus historischen Tagebüchern und Aufzeichnungen. Eine Geschichte mit Nachhall: Was kann einen Menschen dazu bewegen, seine moralische Integrität über sein Leben zu stellen? Warum ist der Pastor nicht aus dem Gefängnis geflohen? Alles war vorbereitet. Selbst der Wächter hätte weg geschaut.

    P.S. Die Besprechung von „Die Frau, die liebte“ finden Sie in der Rubrik mit der Überschrift: Deutsches Haus: