• Svenja Leiber: Kazimira, Suhrkamp

    „Kazimira hat sich das Kind auf den Rücken geschnürt und ist ans Meer gegangen. Ake schläft und quiekt im Traum... An einem einzigen Vormittag sammelt sie einen halben Sack voll Bernstein... Kazimira kennt die Wirkung der Steine, nicht ihre Geschichte. Sie kennt den Strand, die gefräßige Riesendüne, das Meer, ein paar Dörfer... Mehr braucht sie nicht.“

    Kazimira ist eine einfache Frau. Und eine ungewöhnliche Frau: eigenwillig, freiheitsliebend, widerständig. Eigentlich wollte sie kein Kind. Aber nun, da Ake geboren ist, würde sie ihren Sohn vor jedem verteidigen. Ihr größter Wunsch wäre es aber gewesen, Bernsteindreher zu werden. So wie Antas, ihr talentierter Mann. Ein unmögliches Ansinnen in damaliger Zeit, 1871 in Ostschlesien.

    Svenja Leiber erzählt in ihrem neuen Roman vom Bernsteinabbau am Baltischen Meer und folgt dabei über vier Generationen einer Familie – Kazimiras Familie – vebindet ihr Schicksal mit den Frauenfiguren, die ihren Weg kreuzen und schildert ihre bewegenden, schmerzlichen Geschichten vor dem Hintergrund schwieriger Zeiten in Ostpreußen, vom Beginn des Kaiserreichs bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs. Dabei unterbricht sie immer wieder ihren historischen Erzählstrang, um ernüchternd die Jetztzeit um ihre Hauptfigur Nadja einzublenden.

    Da ist Kazimiras Werdegang, ihr Streben nach Selbstbestimmung, um vieles aufregender. Denn Kazimira erlebt nicht nur den wagemutigen Aufbau der „Annagrube“, des ersten Untertagebaus von Bernstein, ihr widerfährt auch Ausgrenzung, als sie sich ihre schönen roten Haare abschneidet, sich Hosen schneidert und ihre Liebe zu einer Frau entdeckt wird: Jadwiga. Eine aussichtslose Liebe. Erst, als das nächste Kapitel im Generationenroman aufgeschlagen wird, findet man zueinander, wenn auch auf traditionelle Weise: Kazimiras Sohn heiratet Jadwigas Tochter.

    Kazimira überdauert auch noch die nächste Generation, lebt am Weststrand in ihrem Häuschen in der Arbeitersiedlung am Bernsteinwerk und erlebt den immer lauter werdenden Nationalismus und Antisemitismus. Henriette Hirschberg, die Ehefrau des jüdischen Besitzers der „Annagrube“, ist ihr Unterstützerin und Freundin. Henriette plant, nach dem Tod ihres Mannes in die „Neue Welt“ zu ihrem Sohn nach New York aufzubrechen. 1907 ist das, es wäre an der Zeit, denkt sie. Ja, es wäre rechtzeitig, um der nachfolgenden deutschen Geschichte zu entgehen.

    Die kleine Jela dagegen, Kazimiras Urenkelin, hat keine Chance. „Minderwertiges Erbgut, unwertes Leben“ steht im Meldebogen für den Reichsausschuss von 1940. Jela wird abgeholt in eine Heilanstalt. Den Eltern wird als Todesursache“ Blinddarmdurchbruch“ genannt.

    Svenja Leiber bindet auch die Gräueltaten des Naziregimes, ein Massaker, das sich tatsächlich ereignet hat, in die Ereignisse um Kazimira ein. Zitat:
    „Und sie treiben sie in die Nacht. Frauen, Mädchen, die sie bis jetzt gequält haben, sie treiben sie in den Frost. Mittreiben tut der hechelnde Frauen- und Judenhass, mittreiben tut der Nationalismus und der uralte und neue Antisemitismus... er treibt hier halb nackte Frauen und Mädchen durch die Nacht, treibt sie zum Meer und zur Annagrube, zu HIrschbergs altem Schacht.“

    Die alte Kazimira, dem Tode nahe, hört sie: „Ein Scharren, ein Schieben und Keuchen. Etwas bewegt sich draußen. Eine Dorfstraße voller Laute“... Und auch Nadja, die alleinerziehende Mutter aus der heutigen Kazimira-Generation, die im Jantarnyj von 2012 in einem Pavillon einfache Ketten und Armbänder aus dem Bernsteinwerk verkauft, hört immer noch Stimmen, wenn sie an der ehemaligen Annagrube vorbei geht. Stimmen, die ihr Angst machen „Darum werde ich vielleicht verrückt“, denkt sie.

    Der Schmerz und die Angst, über das, was an diesem Ort geschehen ist, sitzen tief, werden weiter gegeben. Traumata von Generation zu Generation. Die schwere Last der Vergangenheit wird auch die Gegenwart weiter verdunkeln.

    Geschehen ist an diesem Ort ein grauenvolles Massaker, geplant und ausgeführt von der SS. Im Januar 1945 wurden in Palmnicken (heute Jantarnyj) etwa 3000 Menschen ins Eismeer getrieben, jüdische Gefangene, hauptsächlich Frauen, aus dem aufgelösten Außenlager des KZ Stutthof. Zuvor waren 2000 Menschen von der SS per Genickschuss an der Annagrube getötet worden. Der ursprüngliche Plan der SS, die Häftlinge in einem Stollen des Bernsteinbergwerkes Anna einzumauern, scheiterte am Widerstand zweier Werksdirektoren.

    Soviel zur Realität. Im Buch schließt sich der Kreis um Kazimira, der unangepassten Heldin des Romans, mit einem nachgelassenen Brief, der Nadja die wahre Herkunft ihres Vaters offenbart. Zitat: … „ An einem eisigen Tag im Januar 1945, als wir das Gebiet der Deutschen eingenommen hatten, wurdest du mein Sohn, mein geliebter Wowotschka. Ich hatte wenige Tage zuvor die grausamsten Dinge meines Lebens gesehen. An jenem Tag fuhren wir eine Allee entlang. Da standen einige Kinder am Rand der Fahrbahn, zwischen kahlen Bäumen. Unter ihnen du. Und als ich dich dort sah, ein so überraschend schönes und noch so kleines Kind, wollte ich nur eins: dieses Kind, dieses schönste aller Bilder der menschlichen Unschuld, retten... Mir war klar, dass du ein deutsches Kind warst...“

    Svenja Leiber hat in ihrem groß anglegten und bedeutsamen Generationen-Roman Jahrzehnte der Vergangenheit im Osten Deutschlands wieder lebendig werden lassen. Mehr noch. Sie krönt sie mit der literarischen Botschaft von Auflehnung und Aufbegehren: Gegen Enge, gegen Ausgrenzung, gegen Unmenschlichkeit, gegen Krieg und Gewalt. Und sie tut das mit atmosphärisch dichten Szenarien, in poetischer, kraftvoller Sprache und mit großem Einfühlungsvermögen in „ihre„ Menschen.




  • Alex Schulman: Die Überlebenden, dtv

    Endlich reden sie miteinander – nachdem sie sich halb tot und blutig geprügelt haben. Die drei Brüder, die zusammen an den Waldsee und das Sommerhaus ihrer Kindheit gereist sind. Jahrzehnte hatten sie sich so weit voneinander entfernt, dass ihnen ein Aufeinanderzugehen, ein erhellendes, versöhnliches Gespräch unmöglich erschienen war. Nun, nach dem Tod der Mutter, die in ihrem Testament den Wunsch geäußert hatte, dass die Söhne ihre Asche im See verstreuen mögen, finden sie zusammen. "Ich möchte, dass Ihr es Euretwegen tut“ hatte die Mutter geschrieben.
    Zögerlich treten die Brüder diese Reise an, die sie Schritt für Schritt in ihre Kindheit zurückversetzt und an den dramatischen Punkt bringt, der damals alles verändert hat. Der aber auch endlich erklären könnte, warum sich die drei so entfremdet haben. Und so geschieht es in dieser so idyllischen schwedischen Wald und Seen-Landschaft: Alte Traumata brechen auf, entladen sich, erst in Hass und Gewalt, dann in Tränen, dann in Verständnis.

    Die herbeigerufene Polizei betrachtet die Szene ratlos: Zitat: „Drei Männer sitzen nebeneinander auf der Steintreppe vor der Haustür. Sie weinen, halten sich im Arm. Sie tragen Anzug und Krawatte. Neben ihnen im Gras steht eine Urne. Der Polzist nimmt Blickkontakt mit einem der Männer auf, der sich erhebt. Die beiden anderen bleiben sitzen, noch immer die Arme umeinander gelegt. Sie sind durchnässt und übel zugerichtet. Der Polizist versteht jetzt, warum sie auch einen Krankenwagen gerufen haben. Aber er kann nicht wissen, dass „das Gewicht all dessen, was in diesem Moment passiert ist, groß ist – und dass das meiste vor langer Zeit geschehen ist“...

    Schulmans Memoir, in Schweden 2017 zum Buch des Jahres gekürt, ist ein berührender, vielschichtiger Rückblick voller Wehmut und Trauer, in dem es auch um die Suche nach d e r Wahrheit geht. Und die überzeugend die Einsicht vermittelt: „Es gibt keine objektive Wahrheit, nur viele Versionen der Dinge, die geschehen sind." Ein Zitat von Schulman, der in diesem Roman auch seine eigene Familiengeschichte aufarbeitet und sich die Frage gestellt hat: Was ist in der Kindheit geschehen, und was hat es mit mir gemacht? '“Je länger ich lebe, desto dringender wollte ich darüber schreiben.“

    Einem der Brüder, Benjamin, hat Schulman die Rolle des Ich-Erzählers zugewiesen. Er berichtet in klarer Sprache und ohne Pathos, aber in einem melancholischen Grundton von dem Geschehen in zwei Handlungssträngen, die sich aufeinander zu bewegen, einer vorwärts, der die Kindheit aufarbeitet, einer rückwärts, der mit der gemeinsamen Reise der Brüder ins Sommerhaus beginnt. Das macht es spannungsreich, intensiv, wirft neue Rätsel auf und vertärkt so die Sogwirkung.

    Allmählich wird die Verdrängung brüchig, und die unterschiedlichen Wahrheiten prallen aufeinander. Im letzten Kapitel treffen die Handlungstränge zusammen, die Brüder sind sich Schritt für Schritt wieder näher gekommen. Sie senken nicht mehr den Blick, sondern sehen sich in die Augen.

    Aber was ist eigenlich damals im Sommer geschehen? Der Unfall von Benjamin in dem maroden Trafo-Häuschen, den er nur knapp überlebt hat. Molly ist gestorben, der kleine nervöse Hund, den er im Arm trug und den die Mutter abgöttisch geliebt hat.
    „Mein Leben lang habe ich mich allein schuldig gefühlt“, sagt Benjamin. „Ich denke immerzu an diesen Tag“, antwortet Nils. Danach ging damals alles bergab.

    Die Brüder erlebten eine Kindheit „in einem Oberklassenhaushalt unterhalb des Existenzminimums“. Die Familie verkommt, die Eltern trinken, Benjamin begreift, „dass nicht nur die Wohnung, sondern auch die Menschen, die darin lebten, schmutzig waren." Das abendliche Bild der sich betrinkenden Eltern, die mit Blick auf den See, Schulter an Schulter, nebeneinander sitzen, die Kühlbox mit dem Wodka griffbereit neben sich, hat sich ihnen fest eingeprägt, Auch Mamas Stimme „im Falsett“ mit ihren spitzen Aufschreien haben sie noch im Ohr.“
    An ihrem letzten Geburtstag vor Mamas Tod hat Benjamin seinen Schmerz endlich rausgeschrien „Uns hast du schon lange vergessen... hat er gebrüllt, „aber wir sind hier, ich und Nils und Pierre. Wir sind hier.“
    Die Mutter hatte darauf nicht geantwortet.

    Und jetzt sitzen die drei Brüder auf der Treppe des Sommerhauses eng zusammen und weinen miteinander. Mamas Brief hat sie gerettet. Sie haben ins Leben zurückgefunden. Sie sind die Überlebenden...




  • Véronique Ovaldé: Niemand hat Angst vor Leuten, die lächeln, Frankfurter Verlagsanstalt

    Glorias Mutter hat die Familie früh verlassen. Sie litt unter dem „Familienfluch“ der Schalck-Frauen: Sie bekommen Kinder, entwickeln dann aber keine Gefühle für sie, können ihre Mutterrolle nicht ausfüllen und spüren den emotionalen Mangel. Glorias Großmutter hatte es ähnlich erlebt. Ganz anders Gloria. Sie will dem Familienfluch entrinnen und kümmert sich wie eine Glucke um ihre Kinder, die 15jährigre Stella und die siebenjährige Loulou. Mit den beiden ist sie überstürzt aufgebrochen, hat ein paar Sachen gepackt, die Mädchen ins Auto manövriert und die sonnige Küste verlassen. „Pietro wird immer gefährlicher“, hat sie gemurmelt und außer den Stofftieren auch die Beretta ihres verstorbenen Mannes eingepackt.

    Die Großmutter hat der Familie ein Landhaus im Elsass hinterlassen, ein einsames Idyll zwischen Wäldern und See. Dorthin flieht die Familie. Doch wovor? Weshalb?
    Das Rätsel, gespeist aus der Vergangenheit, kann nur Gloria lösen, die es häppchenweise in Rückblenden ausstreut. Dafür unterbricht sie immer wieder den Erzählfluß der Gegenwart und gibt überraschende Wendungen und veräterrische Details preis. Das bringt Ovaldés Roman in ein rasantes Tempo und in eine knisternde Spannung. Gloria erzählt von ihrem Vater, von Onkel Gio, von dem undurchsichtigen, korsischen Anwalt der Familie, von ihrer großen Liebe Sam, dem Vater ihrer Kinder, der bei einem Brand umgekommen ist.
    Loulou möchte, dass am Abend von ihrem Vater erzählt wird. Er ist gestorben, bevor Loulou geboren wurde. Ovaldé beschreibt das so: „Von Samuel zu erzählen ist die vom Mondlicht versilberte Beichtstunde. Flüsterstunde, die Stunde der Gefühle; wir brauchen solche Momente in der Nacht, da wir so zarte Tiere sind, so voller Verzweiflung.“ Ovaldé ist eine der bekanntesten Autorinnen Frankreich, eine excellente Stilistin, mit vielen Preisen ausgezeichnet. Und Glorias Geschichte hat Sogwirkung, man möchte sie bis in alle seelischen Verletzungen aufspüren und begreifen.

    Schnell wird klar, die elsässische Idylle wirkt nur auf den ersten Blick wie ein Ruhekissen. Loulou streift durch die Natur, Stellas Aufmüpfigkeit ist ermüdet, auch Gloria ist ruhiger geworden. Loulou hat erzählt, dass ihr im Traum ein alte Frau mit orangefabenen Haaren begegnet sei. Es war Großmutter Antoinette. Ein schlechtes Omen?
    Als der korsische Anwalt Pietro mit dem Taxi vorfährt, setzt Gloria ein Lächeln auf und lädt zum Picknick am See. Lächeln ist ihr zur Maske geworden, hinter der ihre Panik lauert. Doch hinter einem Lächeln kann man sich geschickt verstecken. „Ein Lächeln genügt, und alle glauben, du bist harmlos.“ Und Gloria hat ihre Gründe, warum sie ständig lächelt. Sie legt weiter falsche Fährten. Ihre innere Wut hat sich fest einbetoniert. „Ihr Hass war grimmig, unvermittelt, ewig... Sie würde immer ein kleines Mädchen mit einer Axt bleiben.“
    Dazu ein Zitat aus Paris Match: „Ein großer Roman. Bis zum Schluss überrascht Véronique Ovaldé mit dem gekonnten Einsatz von Spannung, aber auch mit der Stärke der Gefühle.“