• Gusel Jachina: Wolgakinder, Aufbau

    Jakob Bach, Schulmeister in dem kleinen Dorf Gnadental am Unterlauf der Wolga, hat seine letzte Pflicht erfüllt und am Abend die Schulglocke geläutet, er wärmt die kalten Füße in einer Schüssel mit einem Thymianbad, trinkt heißes Wasser und schlüpft mit einem Buch ins Bett. Ein uraltes Buch, in Pappe gebunden, eine Chronik der Übersiedlung deutscher Bauern nach Russland. Seit dem 18. Jahrhundert siedeln Deutsche am Unterlauf der Wolga. Gnadental ist ein deutsches Dorf.

    Der Schulmeister liebt dieses Buch. Immer wieder liest er nach, wie auf Einladung der Zarin Katharina die ersten Siedler per Schiff eintreffen: „Die Monarchin erschien persönlich am Kai, um ihre mutigen Landsleute willkommen zu heißen. ' Meine Kinder!' rief sie schallend und paradierte zu Pferde vor den durchgefrorenen Siedlern. 'Ihr neuen Söhne und Töchter Russlands! Freudig nehmen wir euch in unsere sichere Obhut...'“ Als Schulmeister Bach sich mit dieser historischen Begebenheit in den Schlaf liest, zählt man das Jahr 1916, Bachs Leben fließt ruhig dahin, „voller kleiner Freuden und geringfügiger Aufregungen“. Schulmeister Bach, der in seinem Dorf bis zu 70 Kinder unterrichtet, ist zufrieden.

    Alles ändert sich, als ein Brief eintrifft. Ein Mann mit Namen Udo Grimm bittet ihn um ein Gespräch. Grimm lebt auf der anderen Seite der Wolga. Einer Seite, die keiner aus Gnadental kennt. Dort erheben sich mächtige Berge, die senkrecht, wie mit einem Messer abgeschnitten, in den Fluss stürzen. Die Gnadentaler Seite ist flach und gelb: „Getreide - und Melonenfelder bis zum Horizont, farbenprächtig wie eine baschkirische Bettdecke. Am Ufer klebten die Dörfer...“ Dahinter beginnt die Steppe, der heiße, würzige Wind, der hier weht, riecht nach den Wüsten Turkmeniens und dem Salz des Kaspischen Meeres.

    Auf Bach wartet ein Abenteuer: er soll Klara, der 17jährigen Tochter des reichen Bauern Grimm, Lesen und Schreiben beibringen. Zur letzten Schulstunde hat der sanftmütige, geduldige Lehrer Goethe-Gedichte mit gebracht. Seine Schülerin Klara hat er bisher nicht gesehen, auf Wunsch des Vaters ist sie beim Unterricht durch einen Wandschirm verdeckt, aber Bach weiß längst, dass er einem Wesen begegnet ist, das noch scheuer und verletzlicher ist als er.

    Gusel Jachina, russische Autorin tatarischer Abstammung, hat die
    verzauberte, zärtliche Liebe zwischen Klara und Jakob Bach in den Mittelpunkt ihres Buches gestellt, die Geschichte der Wolgadeutschen, ihre Treue zur Tradition, ihre Vorrechte bis zur Stalin-Zeit und die folgenden dramatischen Jahre des Umbruchs und der politischen Umwälzungen sind an den Rand geschoben. Der Leser erfährt davon nur aus den Erlebnissen Bachs. Und der ist meist stiller Beobachter, dann aber plötzlich zutiefst Betroffener, als eine Horde Marodierender das Grimm'sche Gehöft überfällt. Bach kann Klara nicht schützen, sie stirbt Monate später bei der Geburt der kleinen Anna. Bach wird später noch einen „Sohn„ auf dem Hof großziehen: Wassja, einen verwahrlosten, rabiaten Jungen, dessen wacher Geist lange Zeit verborgen bleibt. Bach macht es sich zur Aufgabe, die beiden heranwachsenden Kinder auf das Leben in unruhigen Zeiten vorzubereiten. Er tut das mit anrührender Fürsorge. In allen schwierigen Lebenslagen hilft ihm sein Wissen und seine Kreativität. Im Tausch gegen Lebensmittel für Annchen hat er schon für die neue kommunistische Instanz im Dorf, Parteisekretär Hoffmann, phantastische Märchen aufgeschrieben. Hoffmann setzt auf Brauchtum, um die Menschen in Gnadental auf die neuen Zeiten einzustimmen. Bach liefert und erfährt, dass das, was er an dramatischen und wundersamen Geschichten aufgeschrieben hat, plötzlich Realität wird... Was hervorragend zum Handlungsmuster Gusel Jachinas passt und den Roman mit weiteren fantastischen Wendungen vorantreibt, er wächst wie ein stark farbiges, fein verästeltes Gebilde und verströmt eine besondere Magie. „Je weiter wir lesen, desto größer wird unser Staunen“, schreibt die russische Übersetzerin Jelena Kostjukowitsch in ihrem Nachwort. Genauso ist es, man ist schon nach ein paar Seiten (von 590) gefesselt, vom Thema, von Gusel Jachinas Figuren, vor allem ihrer Hauptfigur Jakob Bach und von ihrer eigenwillig kraftvollen Sprache, die lebendige, farbige Bilder zaubert und Dramatisches und Zärtliches feinsinnig auszudrücken vermag.




  • Monika Helfer: Die Bagage, Hanser

    „Das Mädchen war meine Mutter, Margarete, eine Scheue, die jedes Mal, wenn sie auf ihren Vater traf, sich duckte und nach dem Rock der Mutter schaute... Der Vater verabscheute dieses Kind, weil er dachte, dass es nicht sein Kind sei... Er ekelte sich vor Grete, als würde sie nach dem Zudringling riechen.“ Josef Moosbrugger schaute Grete nie an, und er sprach nicht mit ihr. Ein Leben lang.
    Auf 160 Seiten, mit einfachen, ungeschönten Worten schreibt Monika Helfer über ihre Familie, “die Bagage“. Ihre Spurensuche beginnnt zur Zeit des 1. Weltkrieges in einem österreichischen Bergdorf und reicht bis in die Gegenwart. Und sie stellt sich Fragen: Wieso sind Maria und Josef Moosbrugger nicht ausgebrochen aus ihrem „randständigen“, ärmlichen Leben? Warum haben sich meine Leute immer absichtlich abgesondert?

    Das Dorf behandelte sie abschätzig: Josef, ein unzugänglicher Mann, der ständig in „Geschäftchen“ verwickelt ist, Maria, eine traumschöne Frau, begehrt von den Männern, eifersüchtig und mißtrauisch beäugt von den Frauen. Die Kinder: Hermann, Lorenz, Kathi, Walter. Zwei Kühe und eine Ziege hat die Familie, das kleine Haus am Rande des Dorfes ist blitzsauber, Maria wäscht, als der Postbote den Einberufungsbefehl für Josef bringt. Maria möchte, dass die Familie sauber ist, sie tragen oft Weiß. Die Seife ist so knapp wie Mehl, Zucker und Speck in diesem Haus. Bevor Josef in den Krieg zieht, nimmt er dem Bürgermeister das Versprechen ab, dass er auf Maria aufpasst, nach ihr schaut. Doch irgendwann meint auch der Gottlieb, von Maria belohnt werden zu müssen, wenn er einen gut gefüllten Sack mit Lebensmitteln ins Haus bringt. Gelten im Krieg nicht andere Gesetze?

    Maria wird schwanger, das Dorf rätselt. Kann das Kind von Josef sein, der zwischendurch auf Heimaturlaub war? Ist es vom Bürgermeister? Ist es von dem Fremden, der eines Tages im Dorf aufgetaucht war und die Maria besucht hat. Georg hieß er und kam von weit her...? Der Dorfpfarrer nennt Maria Moosbrugger eine Sünderin und montiert das Kreuz neben der Haustür ab.

    Das Kind, das geboren wird, heißt Margarete und wird Grete genannt. Es ist die Mutter der Erzählerin, das Kind, das von seinem Vater zeitlebens nicht beachtet werden wird. Was macht eine solche Missachtung mit einem Kind? Welchen emotionalen Ballast schleppt die Bagage mit sich herum? Monika Helfer: „Wir wollten nie etwas Besonderes sein. Auch meine Großmutter wollte das nicht. Aber wir waren etwas Besonderes. Ich habe mich gebogen vor Scham...“
    Nun hat Monika Helfer das Gepäck, die Bagage, den Ballast, der sich als Gefühlschaos und Existenzdrama angesammelt hat, aufgeschnürt – und damit auch ihrer schönen Großmutter, die mit 32 Jahren gestorben ist, ein Denkmal gesetzt. In ihrer Autofiktion, die Autbiographisches mit Fiktion mischt, setzt sie berührende Momente, die mal zu Widerspruch reizen, oft Zustimmung finden und immer Mitgefühl bereit halten. Und ihr Buch regt an. Die Gedanken an die eigene Familie stellen sich wie von selbst ein: Was wissen wir denn? Von den
    Höhen und Tiefen, den Dramen und den Geheimnissen unserer Familie?








  • Janet Lewis: Der Mann, der seinem Gewissen folgte, dtv

    Der Mann mit Gewissen heißt Sören Qvist, ein Pastor aus Jütland, der sich für ein Verbrechen verurteilen lässt, das er nicht begangen hat. „Eine wahre Begebenheit aus dem Jahr 1625, die leuchtend hell in unsere Gegenwart hinein strahlt“, vermerkt der Verlag, und Literaturwissenschaftler Rainer Moritz schreibt in seinem Nachwort: „ ...ein meisterhaftes Kabinettstück, das sich je nach Blickwinkel, als kriminalistische oder moralische Erzählung lesen lässt... Es zeigt uns in allen Facetten einen aufrechten Einzelnen, der zwischem seinem Glauben, den Erwartungen an sich selbst und der Liebe zu seinen Nächsten hin und her gerissen ist...“

    Die amerikanische Autorin Janet Lewis (1899-1998) hat für ihre Trilogie um strittige Justizfälle den bewegenden Fall des Sören Qvist aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648) gewählt, mit ihrem Auftaktbuch „Die Frau, die liebte“ (2018 bei dtv erschienen), griff sie einen der berühmtesten historischen Justizfälle Frankreichs auf, und die dritte Fallgeschichte von Janet Lewis „The ghost of Monsieur Scarron“ wartet auf ihre deutsche Übersetzung.

    Der Mann, der dem aufrechten Pastor zum Verhängnis wird, ist Niels Bruus, sein fauler, bösartiger, eingeschränkter Knecht. Immer wieder treibt er den Geistlichen in den Jähzorn. Dann ist Niels plötzlich verschwunden, sein Bruder Morten beschuldigt den Pastor, und im Garten wird eine Leiche gefunden.
    Erst 21 Jahre später wird klar, dass Sören Qvist zu Unrecht zum Tode verurteilt wurde: als der vermeintlich Tote aus dem Krieg nach Jütland zurückkehrt und das Erbe seines reichen Bruders Morten beansprucht. „Aber warum hat der Pastor erlaubt, dass sie ihn hinrichten? Er wusste doch, dass er mich nicht umgebracht hatte? fragt Niels den Richter, nachdem er seine Geschichte glaubhaft gemacht hat. Es ist Richter Tryg Thorwaldsen, der Mann, mit dem Anna, die Tochter des Pastors, verlobt war. Der Pastor hat sein Leben verloren, Anna und Tryg ihre Liebe. Janet Lewis schildert diesen fesselnden Fall eines Justizirrtums und das Geschehen um Land und Leute in ihrer Zeit mit Vorgriffen und Rückblenden, so fügt sich die wahre leidvolle Geschichte um Sören Qvist zusammen; informiert hat sich Lewis aus historischen Tagebüchern und Aufzeichnungen. Eine Geschichte mit Nachhall: Was kann einen Menschen dazu bewegen, seine moralische Integrität über sein Leben zu stellen? Warum ist der Pastor nicht aus dem Gefängnis geflohen? Alles war vorbereitet. Selbst der Wächter hätte weg geschaut.

    P.S. Die Besprechung von „Die Frau, die liebte“ finden Sie in der Rubrik mit der Überschrift: Deutsches Haus: