• Nino Haratischwili: Die Katze und der General, Frankfurter Verlagsanstalt

    „Wenn sie nicht fortginge, wenn sie nicht diesen Bergen, diesem Fluss entkäme, dieser Natur, die so trügerisch schön war... würde auch sie eines Tages wie die alten Frauen auf dem Marktplatz enden, mit einem Wolltuch um den Kopf, mit auf dem Schoß zusammen gefalteten Händen, mit gelben, klebrigen Augen, und mit galligen Worten, die den Mund giftig machten..“. Statt dessen träumt das Mädchen Nura davon, berühmt zu werden wie ein Telenovela-Star, sie „will die Sonne ihres eigenen Planetensystems werden“. Nura ist 17, als 1994 im ersten Tschetschenien-Krieg eine russische Einheit in das einsame Tal im Kaukasus verlegt wird. Befehligt wird sie von dem ewig betrunkenen Oberst Schujew. Nuras Tragödie beginnt, als sie an einen russischen Soldaten Hühner und Eier verkauft.
    Nino Haratischwili, gebürtige Georgierin mit Wohnsitz in Hamburg, erzählt in vielen Vor- und Rückblenden und aus wechselnden Perspektiven ihrer Figuren eine hochspannende, thrillerartige Geschichte von Gewalt, Krieg, Schuld und Sühne und der Sehnsucht nach Frieden und Erlösung. Es ist ein opulentes Buch, ein überbordendes Buch mit seinen 764 Seiten – aber man sollte sich darauf einlassen, auf den General, die Katze und die Krähe.
    Alexander Orlow gehört zu denen, die Nuras Tod in dem tschetschenischen Dorf miterlebt haben. Damals war er ein weichherziger junger Mann, ein Schöngeist, vernarrt in Bücher. Nur auf Drängen seiner Mutter hat er sich auf eine Ausbildung an der Militärakademie eingelassen. Sein Vater war ein Kriegsheld, sein Erbe verpflichte, hat ihm diese strenge Frau eingehämmert.
    Alexander hat nach dem Krieg ein neues Leben begonnen, stieg auf im Immobiliengeschäft, inzwischen ist er ein russischer Oligarch, von allen wird er „der General“ genannt. Doch die Erinnerungen an das grausame Erlebnis im Krieg lassen ihn nicht los. Als seine geliebte Tochter an ihm zweifelt, fasst er den Plan für ein tödliches Spiel: Er will die Männer von damals ausfindig machen und ein Urteil über sie fällen. Zitat: „Nun war er mächtig genug, brauchte keine Gerichte und keine Staatsanwälte, keine Richter und keine Zeugen mehr, er war jetzt sein eigenes Gericht. All das, was damals versäumt wurde, hatte er nun selbst in der Hand. Aus jetziger Sicht erschien es ihm nahezu kindlich naiv, dass er sich einmal an die Illusion von Gerechtigkeit geklammert hatte.“
    Um seinen Plan durchzuführen und die Verbrecher von damals zu schocken, braucht der General „die Katze“, eine junge Frau, die dem Mädchen Nura verblüffend ähnlich sieht. Die Katze, so genannt, weil sie als Kind geschickt Wände hoch klettern konnte, ist vor dem Tschetschenien-Krieg mit ihrer Familie nach Deutschland gekommen. Inzwischen Schauspielerin, hofft die Katze auf die große Rolle. Sie zögert zuerst, das Angebot des „Generals“ anzunehmen, doch das Geld, das er ihr bietet, kann ihre Familie vor dem Ruin retten. Später dann macht Katze, die selbst vom Krieg in Georgien traumatisiert ist, den Racheplan zu ihrer eigenen Sache und nimmt dabei immer mehr die Identität der jungen Frau an, deren Rolle sie spielen soll. Zitat: „Nura würde wissen, was zu tun war. Es durften keine Falschen mehr sterben. Aber wer waren denn die Richtigen für den Tod?“
    Die Krähe, der große, unheilbringende schwarze Vogel taucht schon in den Geschichten der alten Tschetschenen auf. Wohl deshalb ist „Krähe“ der Spitzname der dritten Hauptperson. Es ist der deutsche investigative Journalist Onno Bender. Er will die Geschichte des „Generals“ schreiben, bisher war er erfolglos, doch als er dessen Tochter Ada kennen lernt, nutzt er die neue Chance.
    Soviel zu Schuld, Sühne und Racheplan. Interessiert hat die Autorin beim Schreiben vor allem eins: „Was passiert, wenn man Menschen in rechtsfreie Räume schickt? Was ist da möglich? Was sind das für Mechanismen? Sind alle Menschen gleich? Kann jeder potenziell zu einem Mörder werden? Kann jeder all das tun, was sie da in Tschetschenien getan haben? Darüber hinaus nimmt Nino Haratischwili uns mit in ein nahezu unbekanntes Land, und sie zeigt die große Orientierungslosigkeit nach dem Zerfall der Sowjetunion und benennt die schwierige Lebenswelt der Menschen. Die schildert sie mit allen Details, macht Entscheidungen nachvollziehbar, lässt uns eintauchen in den Alltag und die seelischen Befindlichkeiten. Sowohl in den tschetschenischen Bergen wie auch in Deutschland, wo viele postsowjetische Aussiedler ein neues Leben beginnen. Und auch das macht den Roman lesenswert.

  • Louise Erdrich: der gott am ende der straße, Aufbau

    „ Hin und wieder überlebt eine Frau die Geburt ihres Kindes. Es sind auch einzelne entlassen worden, aber die meisten werden hier behalten... Aus diesem Gefängnis gibt es kein Entkommen. Ich weiß, dass meine Familie mich selbst mit all ihrem vereinten Erfindungsreichtum nicht wird retten können. Wenn meine Sehnsucht nach ihnen unerträglich ist, singe ich dir dein Lied, mein Kind...“ .
    Es ist der 12. Dezember, irgendwann in ferner Zukunft. Cedar Hawk Songmaker, 26, ist hochschwanger. Ihr Kind wird in zwei Wochen zur Welt kommen, hier in Minnesota in einem Hochsicherheitstrakt. Draußen ist es unerträglich heiß. Keiner weiß, ob es jemals wieder schneien wird... Cedar hat alles, was mit ihr in den letzten Monaten geschehen ist, in einer Tagebuchkladde aufgeschrieben. Damit ihr Kind, falls es überlebt, weiß, wie es war, als die Welt am Abgrund stand. Am Anfang hatte sie noch gelaubt, sie könne sich allem entziehen, sich einfach in ihrem Häuschen verbarrikadieren und von den gehamsterten Vorräten leben. An Informationen war damals nur durchgedrungen, dass die Forschung entdeckt hatte, die Evolution entwickele sich in schnellem Tempo zurück, die Kinder, die zur Welt kämen, schienen einer neuen primitiven Spezies anzugehören. Eine rätselhafte, apokalyptische Wende in der Menschenheitsgeschichte zeichnete sich ab, Panik machte sich breit, und eine neue Macht stellte neue Regeln auf: Seitdem werden Schwangere verfolgt und kaserniert, gebärfähige Frauen gelten als Gefahr.
    Cedar hatte erfahren, dass ihr Kind sich „normal“, so wie früher, entwickelte. Auch deshalb wurde sie wohl auf ihrer abenteuerlichen und gefährlichen Flucht von Versteck zu Versteck immer wieder verfolgt und verraten. Auf Schwangere, die sich der Kasernierung zeitweise entziehen konnten, war ein Kopfgeld ausgesetzt worden.
    Louise Erdrichs Zukunftsroman – in Tagebuch-Form an Cedars ungeborenen Sohn – setzt große Emotionen frei: Ängste, Anspannung, Mitleiden, aber auch Bewunderung für Cedar, die Erdrich mit Mut, Kühnheit und Weitsicht ausgestattet hat und die mit entschlossener Ruhe und Überlegenheit agiert und von ihrem positiven Glauben getragen wird. Tröstlich auch, und ein schöner Gegenentwurf inmitten des Irrsinns, dass die adoptierte Cedar ihre leibliche Mutter im Ojibwa-Reservat findet und alte und neue Familie sich in Liebe und Verantwortung wie ein schützender Kokon um Cedar schließen. Das geht über Monate gut, und man hofft so sehr, dass die junge Frau der Katastrophe doch noch entkommen kann. Doch dann wäre das Thema verfehlt. Erdrich, eine der erfolgreichsten amerikanischen Gegenwartsautorinnen („Die Rübenkönigin“, „Der Club der singenden Metzger“), will mit ihrer Botschaft aus der Zukunft aufrütteln und durchschütteln, und dafür hat sie spannungsreich und kunstvoll
    zwei große Themen miteinander verknüpft: Neun Monate Menschwerdung und Vorwärtsentwicklung und die gleichzeitige Rückwärtsentwicklung der Menschheit bis zum drohenden Untergang.

  • Ulrich Woelk: Der Sommer meiner Mutter, C.H. Beck

    „Im Sommer 1969, ein paar Wochen nach der ersten bemannten Mondlandung, nahm sich meine Mutter das Leben“... So lautet der erste Satz in Ulrich Woelks neuem Roman. Man weiß es also, bevor man sich auf den Text einlässt: „Der Sommer meiner Mutter“ endet nach 190 Seiten tragisch. Aber erst einmal klingt alles nach Aufbruch, neuen Perspektiven, einem veränderten Blick auf die Welt. Denn der Sommer 1969, am 20. Juli 2019 vor fünzig Jahren, war der Sommer, an dem erstmals ein Mensch die Oberfläche des Mondes betrat: ein grandiose Leistung, ein großer Schritt für die Menschheit. Der elfjährige Tobias, die erzählende Hauptfigur in Woelks Roman, ist fasziniert von den Vorgängen. Zusammen mit seinem Vater, einem Ingenieur, schaut er im Fernsehen alles an, was mit Raumfahrt zu tun hat, auf dem Tisch in seinem Zimmer steht das Modell einer Saturn-V-Rakete, siebzig Zentimeter hoch. Tobias erzählt in der Rückerinnerung davon. Und der Blick zurück auf diese Zeit lebt von den Kontrasten: hier der technische Fortschritt, da der Stillstand. Denn in der Gesellschaft, im Rollenverständnis zwischen Mann und Frau zum Beispiel, ist keine Spur von Bewegung. Tobias Mutter schreckt zurück, sich eine Jeans zu kaufen; Tobias Vater möchte nicht, dass die Mutter einen Beruf hat. Er verdient gut, die Familie lebt in einem kleinen Ort am Stadtrand von Köln in einem Einfamilienhaus: Panoramafensterfront zum Garten, Doppelgarage. Konfrontiert mit Studentenprotesten, Musik der Beatles, Hippiemode und sexuellen Freiheiten wird die konservativ lebende Familie erst, als Uschi, Wolf und die 13jährige Tochter Rosa ins Nachbarhaus einziehen. Er Uni-Dozent, sie Übersetzerin, beide freiheitsdenkend und politisch links einzuordnen, ihre Tochter Rosa haben sie nach Rosa Luxemburg genannt. Tobias Familie wird seitdem heftig aufgemischt. Man versteht sich, redet, diskutiert, findet sich sympathisch, auch die Kinder. Von Rosa lernt Tobi, dass Berührungen und Gefühle zwischen zwei Menschen ähnlich abenteuerlich sind wie das Apollo-Programm. Tobias Mutter trägt inzwischen Jeans, demonstriert mit ihrer Nachbarin gegen den Vietnamkrieg und arbeitet freiberuflich für einen Verlag. Ihr konservativer Mann hat eingelenkt. Doch dann kommt es zum Bruch, zum tragischen Ende. Tobi versteht es nicht, ist verwirrt: „ Das Einzige, was ich begriff, waren die Ereignisse im Weltraum... Ich fragte mich, warum die Dinge auf der Erde nicht ebenso klar und verständlich waren wie die auf dem Mond.“
    Erst als Erwachsener wird Tobi die Nachbarstochter Rosa wiedersehen. Er lebt inzwischen seinen Traum, ist Astrophysiker geworden (wie auch Ulrich Woelk, bevor er sich ausschließlich dem Schreiben widmete). Rosa ist Schriftstellerin. In jedem ihrer Romane spielt Sex eine große Rolle.
    Ulrich Woelk hat aus der Rückerinnerung an die 60er Jahre eine intensive und atmosphärisch dichte Geschichte entwickelt, geschickt inszeniert er Handlung und Beziehungen und vermittelt ein Bild der damaligen Befindlichkeiten und der unterschiedlichen Lebensentwürfe.