• Kathrin Gerlof: Nenn mich November, Aufbau

    „Marthe sieht, wie die Sterne verschwinden. Der Morgen graut.
    Mir graut vor dem Tag. Bald ist November. Mein Monat. Unser erster Winter im Dorf. Wir leben noch. Aber entscheidend wird sein, ob das im nächsten Frühling auch noch seine Richtigkeit hat...“ Marthe (die sich „November“ nennt) und David sind in ein ostdeutsches Dorf gezogen, in ein kleines, schmuckloses Haus, das ihnen die Tante vererbt hat. Das Dorf mit 75 Einwohnern und zehn Straßenlaternen, Biogasanlagen und Maisfeldern stirbt langsam vor sich hin. „Seine Menschen haben vergessen wie man lebt“, erfährt Marthe bereits in den ersten Wochen, als sie mit dem letzten knappen Geld die Holzböden herrichten und ein neue Dusche einbauen. Marthe und David sind am Rande der Gesellschaft angekommen, haben ein neues Kapitel ihres Lebens aufgeschlagen. In der Großstadt ist das Paar an seinen ambitionierten Lebensentwürfen gescheitert. Sie konnten und werden die Welt nicht retten können, weder mit der Verbreitung aller Infos, die die allmähliche Zerstörung des Planeten belegen noch mit ihrem persönlichen Engagement. Mit ihrer Geschäftsidee „kompostierbares Geschirr“ sind sie gescheitert. Niemand wollte es kaufen. Angespartes Kapital und der Geschäftskredit sind dabei drauf gegangen, die Insolvenz, in Aktenordnern ordentlich dokumentiert, ist beantragt, das mittelständische Leben aufgegeben, die Luxusküche verkauft.
    Kathrin Gerlof, Berliner Autorin, beschreibt dieses Scheitern und den Neuanfang im Dorf eindringlich, intensiv und in allen Facetten. Es ist ein Beispiel für den sozialen Abstieg des Mittelstandes, gesellschaftspolitisch aktuell und in Marthe und Davids Fall sehr berührend. Sie haben ihre Träume und Illusionen eingebüßt, nun müssen sie sich selber retten. Dabei ist es nicht so schlimm, dass der Zugang zum Internet am besten auf dem nächstgelegenen Hügel klappt, aber dass Martin stundenlang im Wald unterwegs ist und immer mehr verstummt, das macht Angst. Und auch, dass Marthe Lindenblatt neuerdings ihren Arm als Fremdkörper wahrnimmt, als Körperteil, der nicht zu ihr gehört, ein falscher Arm, den sie verstecken muss.
    Ein „großartiges Zeitstück“ nannte die Kritik (Sächsische Zeitung) Kathrin Gerlofs neuen Roman. Und die Autorin „überrasche aufs Feinste mit der Intensität ihres Tons“. Es sind leise Töne, die die Stimmung der Menschen präzise treffen und ein Text, der detailscharf und wahrhaftig die Lage im Dorf beschreibt. Nicht nur die von Marthe und David Lindenblatt. Die Dorfleute, die Geschichten und Gerüchte werden eingebunden, formieren sich zu einem Panorama der menschlichen Befindlichkeiten, zeigen ein ungeschöntes komplexes Bild des Dorfes. Die beiden Großbauern, die das Geschehen vor Ort bestimmen und heftig miteinander konkurrieren, Robin, der Akne-geplagte Junge, der von Ausbruch träumt, aber seine alkoholkranke Mutter nicht verlassen wird. Der Wilderer, der manchmal stundenlang in den Maisfeldern auf Jagdbeute lauert, der „Hundemann“, der erst seine Frau, dann seinen Hund verliert. Die Dorf-Frauen, die einmal in der Woche einen Laden betreiben und da in ihren Glitzerpullovern und Schürzen herumstehen, reden und sich verbünden. Betritt Marthe den Laden, schweigen sie. Dann kommen Flüchtlinge, die außerhalb des Dorfes untergebracht werden. Noch mehr Fremde, wo sich doch fast jeder im Dorf schon von sich selbst entfremdet hat. Das Fremdsein, das sich Entfremden ist ein großes Thema in diesem Dorf, in diesem Buch.
    Wie tröstlich, dass es am Schluss ein wenig versöhnlich klingt. Krüger, einer der Großbauern, hat den alten Landgasthof wieder zu neuem Leben erweckt. Das Dorf ist zu Buffet und Tanz geladen. Auch ein paar von den jungen, geflüchteten Männern stehen am Tresen und trinken Tee. Sie bleiben nur kurz. Man fühlt sich nicht wohl miteinander. Marthe hat die Fremden begrüßt. Sie wird ihnen Deutschunterricht geben.
    Ein Zitat aus der Süddeutschen Zeitung zum Schluss:
    »Gerlof ….wechselt zwischen den Halbsätzen die Perspektiven, sodass man Leute und Häuser und Verhältnisse von innen und außen gleichzeitig zu sehen meint, - das wird ein literarisches Bild des Herbstes 2018 sein, das bleibt.«

  • Luise Berg-Ehlers: Theodor Fontanes Traumorte, Elisabeth Sandmann

    „Der europäische Wanderer soll dem märkischen Wanderer hier ausdrücklich den Vortritt lassen, wobei zu zeigen sein wird, wie sehr im Leben wie im Werk Fontanes ein für die damalige Zeit beachtliches Verständnis für andere Länder und andere Nationen zu konstatieren ist...“ Luise Berg-Ehlers geht es, so schreibt sie in ihrem Vorwort, um Theodor Fontane (1819-1898) als „frühen Europäer“. Das sei gerade in der heutigen Zeit von besonderer Bedeutung. Und das ist für alle, denen „Effi Briest“ , „Der Stechlin“ und natürlich die „ Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ durchaus vertraut sind und die das Fontane-Jahr zum willkommenen Anlass nehmen, sich mit dem bedeutenden Schriftsteller aufs neue zu beschäftigen, ein spezieller und bisher eher unbekannter Aspekt. „Eine besondere Zeitreise von England über Dänemark und Frankreich nach Italien“ lautet der Untertitel dieses schön ausgestatteten und bebilderten Buches. Luise Berg-Ehlers ist Fontane-Kennerin, Leben und Werk des Schriftstellers ist Thema ihrer Promotion, und sie ist Gründungsmitglied der Thedor-Fontane-Gesellschaft Potsdam.

    Thedor Fontane, 1819 in der brandenburgischen Garnisonsstadt Neuruppin geboren, schrieb Balladen und Gedichte, 16 Romane, Theaterkritiken, Kriegsbücher, und er arbeitete immer wieder als Journalist, auch um seine zeitlebens desolate wirtschaftliche Situation zu verbessern. So reiste er 1852 und 1856 im Auftrag der preußischen Regierung als Korrespondent nach England. Luise Berg-Ehlers nennt das England-Schottland-Kapitel im Buch „Das Land zwischen Themse und Tweed: Fontanes lebenslange Liebe“. Ein Fazit: „Das Leben in der Millionenstadt London ändert Fontanes Blick auf die Welt nachhaltig und bewirkt, dass er märkischer Provinzialität entwächst“. Und Fontanes noch nicht so ausgereiftes Englisch wird flüssiger auch durch den großzügig fließenden Sherry bei den Einladungen seiner neuen englischen Bekannten. Besonders liebt er es, mit dem Bus, auf dem Oberdeck sitzend, durch die Straßen Londons zu fahren. „Man kann ihn als eine Art „Bus-Flaneur“ bezeichnen. Auch liebt Fontane das Theater, widmet sich den Aufführungen der Shakespeare-Dramen. Auf der Straße erregt er Aufsehen. Er trägt einen bemerkenswerten Pelz, gilt als „foreigner with the fur“, ansonsten beklagt er, dass er sich als „miserabel bezahlter Untertan des preussischen Staates“ nicht in angemessener teurer und feiner Kleidung in der englischen Gesellschaft bewegen kann. Fontanes Schottlandreise wird eine Wallfahrt zu dem verehrten Romancier Walter Scott und eine historische Wanderung auf den Spuren Maria Stuarts. Die Schottland-Reise sei eine der schönsten in seinem Leben gewesen, schreibt Fontane später, auf alle Fälle die poetischste.
    Fontane reist im September 1870 nach Frankreich, sein Verleger hat ihn beauftragt, ein Kriegsbuch zu schreiben. Er reist ohne militärischen Schutz, und er wird verhaftet. Man hält ihn für einen Spion. Das Abenteuer endet mit einer zwei Monate dauernden Reise der besonderen Art – in unterschiedlichen französischen Gefängnissen und mit außergewöhnlichen Begegnungen. „Denn statt polemisch die alte Erbfeindschaft zu bemühen und das Leid des Eingesperrten zu beklagen, zeichnet Fontane das Bild vom kultivierten, sympathischen Franzosen, die ihm als Wärter, Soldaten oder Bürger sein Schicksal erleichtern“, kommentiert Berg-Ehlers. Erst auf seiner zweiten Frankreich-Reise – auf der er den Auftrag seines Verlegers nach einem „Kriegsbuch“ erfüllt – kann der Schriftsteller, der gutes und reichliches Essen liebte, auch die „Verpflegungsfrage“ für sich aufs beste lösen. In Dieppe genießt er Austern und einen trockenen Chablis aus Burgund. An Fontanes „Kriegsbüchern“ , so Berg-Ehlers, lasse sich ablesen „ wie weit der Weg war vom Europa der Schlachtfelder zum Europa des friedlichen Miteinanders. Zugleich werde deutlich, wie sehr Fontane seine Schriften aus der Perspektive einer für seine Zeit bemerkenswerten Versöhnlichkeit verfasste, die ihn zu einem Autor europäischer Perspektive mache. „Er war seiner Zeit voraus, ein Europäer, als man noch kaum europäisch dachte“. Es gibt viel zu entdecken in diesem Buch, und es macht Lust auf weitere Spurensuche. Und da empfiehlt sich (bis zum 30. Dezember 2019) auch die Fontane-Ausstellung im Museum Neuruppin. In Fontanes „Schreibwerkstatt“ sind unter anderem die 67 noch erhaltenen Notizbücher Fontanes ausgestellt.

  • Annette Hess: Deutsches Haus, Ullstein

    Frankfurt 1963. Deutschland ist ein wirtschaftlich und politisch stabiler Staat. Die Nazi-Zeit, die Greuel der Hitler-Diktatur, der Mord an 6 Millionen Juden, darüber wird kaum noch gesprochen. Vergessen und Verdrängen ist angesagt. „Das waren andere Zeiten“ hören die, die nachfragen. Oder „Es muss doch mal gut sein mit der Vergangenheit...“ Ein Generalstaatsanwalt wie Fritz Bauer, mit dessen Namen sich die Frankfurter Auschwitz-Prozesse und die Entführung Adolf Eichmanns nach Israel, verbinden, hat zu dieser Zeit einen schweren Stand. Die meisten Deutschen wollen nichts mehr von ihrer jüngsten Vergangenheit hören, lieber in trutschiger Spießigkeit im Wirtschaftswunderland weitermachen und nach oben kommen. Sie haben ihr Gewissen und ihr Herz eingezäunt oder verstecken sich hinter einer redlichen Fassade.
    Zu dieser Zeit spielt der neue Roman von Eva Hess, die es schon mit ihren Fernsehserien „Kudamm 56“ und „Weissensee“ überzeugend geschafft hat, Zeitgeschichte authentisch erfahrbar zu machen.

    In Frankfurt führen die Wirtsleute Bruhns das „Deutsche Haus“. Der Vater hat für die Familie am 3. Advent eine Gans gebraten, er ist ein vorzüglicher Koch – deftige, schmackhafte Hausmannskost, dafür ist das„Deutsche Haus“ bekannt. Die Familie erwartet den künftigen Schwiegersohn. Eva, die Dolmetscherin, ist mit Jürgen Schoormann befreundet, der gerade von seinem Vater den Familienbetrieb, einen Versandhandel im Aufschwung, übernommen hat. Annegret, die ältere Tochter ist Kinderkrankenschwester, Stefan der kleine Bruder, lässt Spielzeug-Panzer über den Wohnzimmerteppich rollen.
    Ein Anruf unterbricht den Antrittsbesuch.
    Eva wird in eine Kanzlei bestellt, sie soll die Zeugenaussage eines polnischen Mannes übersetzen. Eva, die sonst Wirtschaftsfragen und Verträge übersetzt, fehlen die Vokabeln. Sie muss sich entschuldigen. Der polnische Zeuge schaut sie an, „als sei er innerlich ohnmächtig geworden“. Eva korrigiert sich und übersetzt dann „ Wir fanden die meisten der Häftlinge erstickt durch das Gas.“
    Eva wird in dem bevorstehenden Auschwitz-Prozess übersetzen. Gegen den Willen ihrer Eltern und ihres Verlobten. In den folgenden Wochen erfährt Eva Unsägliches. Sie leiht den Zeugen, ehemaligen KZ-Häftlingen, ihre Stimme, sie hört die Angeklagten, die sich als „nicht schuldig“ bezeichnen, sie taucht ein in eine Welt, von der sie nicht wusste, dass es sie gegeben hatte. Keine Kindheitserinnerungen? Erst, als sich im Verlauf der Verhandlung und beim Ortstermin die Bilder schärfen und wie ein Mosaik zusammen setzen, begreift sie, welchen Anteil, welche Rolle Vater und Mutter Ludwig und Edith damals gespielt haben. Es kommt zum Bruch mit den Eltern – die Verlobung ist übrigens längst gelöst. Der konservative Jürgen wollte eine demütige Frau, die sich ihm ohne Widerspruch unterordnet, natürlich sollte sie auch nicht berufstätig sein. Und schon gar nicht beschäftigt mit der jüngsten deutschen Vergangenheit.
    Eva hat die Herausforderung gegen alle Widerstände bestanden, sie ist eine mutige, erwachsene Frau geworden. Sie hat Zukunft.