• Kawai Strong Washburn: Haie in Zeiten von Erlösern, Luchterhand

    Ein lebenspraller, außergewöhnlicher Roman, der Mitte der 90erJahre auf Hawaii angesiedelt ist und ohne Spuren von Südsee-Romantik daher kommt. Kawai Strong Washburn verknüpft den Überlebenskampf einer indigenen Familie mit der Mythenwelt der Insel – mit der Magie der Natur und der Mystik der alten Geister. Können die hawaiianischen Götter tatsächlich helfen, Menschen und Land wieder zu gesunden? Die Eltern der drei Kinder sind nach ihrem Erlebnis auf dem Ausflugsboot überzeugt davon. Der siebenjährige Nainoa ist ins Wasser gefallen, wird von Haien umkreist. Dann nimmt ihn eines der großen Tiere sanft ins Maul und trägt ihn unbeschadet ans Boot zurück. Das muss doch ein Beweis für das Wirken der alten Götter sein. Die Eltern haben schon einmal erlebt, dass die Seelengeister noch unter ihnen sind. Sollte ihr Sohn eine außergewöhnliche Gabe haben? Kann er vielleicht sogar das Schicksal der Familie zum Guten wenden?

    Erst einmal wird alles schwieriger. Als die Zuckerrohr-Industrie zusammenbricht, beginnen die finanziellen Probleme. Dennoch gehen alle drei Kinder aufs College - mit
    besten Ergebnissen. Dean als künftiger Basketball-Star, Nainoa, das geniale Wunderkind, Tochter Kaui, die lange Zeit im Schatten steht, am Ende aber den Sieg einholt. Die drei Heranwachsenden erzählen im Wechsel von Kindheit, Jugend, Erwachsenwerden, kapitelweise treiben sie die Handlung fesselnd und temporeich voran. Nainoa erlebt, dass er eine zerschmetterte Hand durch seine Berührung wieder heilen und den Tod eine Tieres wieder zurück drängen kann. Ist er wirklich ein "kahuna", ein Weiser, Zauberer, Heiler? Er zweifelt, als er seine Grenzen erfährt und hinterfragt die Sinnhaftigkeit seines Lebens. Überhaupt stolpern die drei mehr durch ihr Leben als sie es gestalten, sie sind Suchende. Nainoa macht sich auf zu den heiligen Stätten seiner Ahnen, geht auf den Trail in die Valleys. "Hier bin ich", ruft er den Göttern zu. Dean verliert die Kraft für eine echte Sportlerkarriere; Kaui schmeisst ihr Studium kurz vor dem Abschluss. Alle kämpfen, alle leiden. Die Geschwisterbeziehung ist geprägt von dem übermächtigen Bruder, den die Eltern immer bevorzugt haben. Washburn schildert das ungeschönt, wechselt in der Sprache zwischen deftig-derb und sanft-poetisch.

    Die Mutter, Malia, hat es immer gewusst. "Hier auf Hawaii ist etwas, das größer und wichtiger ist als alles andere..." Zuerst ist es die Sehnsucht, die die Kinder vom amerikanischen Festland wieder auf die Insel zurück führt, dann vollbringt Tochter Kaui ein kleines Wunder: Auf einer Farm hat sie einen nachhaltigen Kreislauf konstruiert. "Es ist alles gleichzeitig, das ganze System erhält sich selbst, ohne Eingriff von außen. Das wird die ganze Landwirtschaft auf der Insel verändern."

    Washburns intensiver, kraftvoller Roman endet tröstlich und verheißungsvoll: "Die Natur , die Götter, sprechen eine neue Sprache von Gerechtigkeit und den Zyklen von Geben und Nehmen... von der Wiederbelebung eines alten Systems, als alles miteinander im Austausch stand."

    Washburn ist auf Hawaii geboren und aufgewachsen, später studierte er in New York Makroökonomie, bevor er zur Literatur wechselte und Schriftsteller wurde. Sein erster Roman ist mit dem PEN/Hemingway Award ausgezeichnet worden. Das Schlusswort hat eine Pressestimme: "Von Zeit zu Zeit taucht ein Debütroman auf, der so unerwartet treffsicher und melodisch klingt, dass sich Lesen wie ein Wunder anfühlt." (Seattle Times)

  • Yasmina Reza: Serge, Hanser

    „Das Pflegebett, dies Monster mitten in ihrem Schlafzimmer, katapultierte sie in den Tod.“ Marta Popper starb am selben Abend, nachdem ihre beiden Söhne Serge und Jean ihren vom Krebs verwüsteten Körper umgebettet hatten. Es war ein „irre anstrengender Aufbau“ gewesen, das Bett so aufzustellen, dass ihre Mutter sowohl auf den Fernseher wie aus dem Fenster hätte schauen können. Auf dem Pariser Friedhof Pére-Lachaise wird Marta Popper zu den Klängen von Brahms, Ungarische Tänze, beigesetzt. Sohn Jean, der Erzähler, empfindet die Trauerzeremonie so: “...dann fuhr der Sarg auf dem Rolltisch ins Nichts, und Marta Popper verschwand....“ Enkelin Margot verabschiedet ihre Großmutter mit dem Satz: „Omi, unsere Familie, diese Kuddelmuddelkiste, die hast du geschaukelt... “

    Zurück bleiben die drei inzwischen erwachsenen Popper-Kinder. Serge, der Älteste, „der Anführer, der Wagemutige, der mit seinem 'Kotz-Egoismus'“, Schwester Nana, das Hätschelkind, die „Wunderblume“ und Jean das mittlere Kind. „Tief drinnen bin ich immer noch das mittlere Kind, der Mitläufer“, sagt Jean.“ Schon in der Kindheit sei er seinem großen Bruder Serge auf Schritt und Tritt gefolgt.

    Noch auf der Trauerfeier ergreift Serges Tochter Joséphine das Wort und verkündet , das nächste Familientreffen, ein Ausflug, müsse in Auschwitz stattfinden. Man solle Marta Poppers ungarischer Familie gedenken. Eine Idee, auf die ihre Großmutter nie gekommen wäre. Nie hatte sie den Holocaust thematisiert. Sie wolle sich nicht als Opfer fühlen, nannte sie als Grund. Serge ist dermaßen empört vom Ansinnen seiner Tochter, dass er nur losschreien kann: „Gerade habe ich ihr für ein Wahnsinnsgeld eine Augenbrauen-Fortbildung bezahlt...und jetzt will sie nach Auschwitz, was hat das Mädchen bloß...?“ Joséphine ist Maskenbildnerin.

    Schriftstellerin Yasmina Reza stammt selber aus einer kosmopolitischen jüdischen Familie, die Popper-Kinder aber fühlen sich nicht jüdisch, sind von ihrer Mutter ohne Bewußtsein und Hintergrund ihrer Herkunft erzogen worden. Eine verwegene Idee, dieser Familienausflug nach Auschwitz?

    Yasmina Reza beschert uns mit ihrer großen Sprachkunst und dem scharfen Blick auf die Popper-Familie die große Lebensbühne, eine tragikomische Geschichte, getragen von einem melancholischen Grundton. Es geht um Lebensbejahung, Verlustangst und Todesahnung, es geht um Scheitern, um das Altern, um Krankheit, um Tod – das sind die Themen die Serge, Jean, Nana und Cousin Maurice durchs Leben treiben. Ihre Kinder suchen, so wie Joséphine, auch nach den Spuren der Vergangenheit, um die eigene Identität zu finden. Das alles geschieht und wird
    beschrieben in einer Mischung aus Leichtigkeit und Lebensweisheit. Kuriose Geschehnisse laufen im temporeichen Wechsel ab: erzählt in verrückt-verwirrenden Dialogen, hervorbrechenden, hochemotionalen Gedanken und irrationalen, absurden Überlegungen, die mal durchgeknallt, mal süffisant, mal respektlos daher kommen. Eine furiose Mischung.

    Jean betrachtet seinen Bruder, der zusammen gesunken auf der Bettkante sitzt. Serge hat ihn um Hilfe gebeten, nachdem ihn seine Ehefrau Valentina aus der gemeinsamen Wohnung geworfen hat. Seine Affaire mit einer gewissen Peggy ist aufgeflogen. „Jeans Schultern sind nach vorn gesackt, die Brust ist eingesunken. Die Position hat etwas Ergreifendes. Irgendwie fühle ich mich verantwortlich. Ich habe ihn an Stärke überholt...“ Jean war immer nur der gute Junge, Serge derjenige, der alle überraschte, auch wenn er mal wieder beruflich gescheitert war. Serge ist abergläubisch, auf die für ihn vermeintlich richtigen Farben und Zahlen fixiert – und er spricht mit einer Topfpflanze, die schützende Kräfte gegen böse Mächte haben soll.
    Cousin Maurice ist inzwischen 99, bettlägerig. Jean besucht ihn. „Ich betrachte seine Hände auf der Bettdecke. Die abgemagerten, geäderten, alten getreuen Hände, tatenlos auf dem Stoff. Ich ergreife sie. Sie sind kalt. Ich bewege seine Finger unter meinen. Sacht knete ich das samtige Skelett.“

    Die Popper-Familie liebt einander, ist verbunden, auch wenn man sich ständig streitet. Wenn Jean Nana, seine Schwester anschaut, sucht er nach dem Mädchen, das sie einmal war: „ich suche die Spuren von Anne Popper, der Wunderblume.“ Jeans Blick ist dabei voller Mitleid, Trauer und Empathie: “Ihr Körper ist zusammengerutscht, ihre Seele ist zusammengerutscht“.

    Die Familie fährt tatsächlich nach Auschwitz. Gleich frühmorgens im Gedränge der Absperrbänder am Eingang, streiten sie sich schon wieder, ergehen sich in kleinlich-kläglichen Anwürfen, fühlen sich genervt von den Begleiterscheinungen des Auschwitz-Tourismus. „Was haben wir hier zu suchen... ich hasse das alles“, sagt Serge. Nana kontert: „Ich hasse euch alle“, und Serge giftet sie an: „In deinem Leben kannn ich absolut nichts Gelungenes erkennen...“ Joséphine, stark geschminkt mit Ananas-Frisur, liest aus dem Auschwitz-Prospekt vor. Sie irren umher, erleben “eine Parzelle der Vorhölle, neu arrangiert für Zeitgenossen.“ Auch der verständige, um Ausgleich bemühte Jean „schwankt zwischen Kälte und dem Bemühen, etwas zu empfinden, womit man nur sein Wohlverhalten unter Beweis stellen will...“
    Immerhin, Joséphine will jetzt einen Kurs in Judentum belegen, und den Geschwistern dämmert die Erkenntnis: „Was machen wir? Wir vergeuden unsere Zeit, indem wir uns gegenseitig zerfetzen!“ Die Angst vor Vergänglichkeit und Bedeutungslosigkeit wirft einen großen Schatten.

    Wieder Zuhause, sitzen die drei Popper-Kinder im Untergeschoss eines Hospitals, in der nuklear medizinischen Abteilung. Jean und Nana begleiten Serge zu einer Pet-CT-Untersuchung. „Ich war unbesiegbar,“ klagt Serge, „ jetzt ist alles hinüber...“ Nana schmiegt sich an ihn, streichelt seinen Handrücken und sagt: „Zum letzten Mal waren wir in Auschwitz zusammen, und jetzt zum PET-CT im Hospital. Wir könnten uns wirklich mal was Lustigeres vornehmen.“

  • Jens Liljestrand: Der Anfang von morgen, S. Fischer

    Über dem verdorrten Land liegt eine drückende Hitze, und das Feuer in den Wäldern, das die Bäume explodieren lässt, kommt immer näher. Die Polizei hat dazu aufgerufen, die Häuser umgehend zu verlassen, Evakuierungscamps seien eingerichtet. Didriks Familie packt im schwedischen Dalarna in aller Eile: Ehefrau Carola, Tochter Vilja, Sohn Zacharias räumen das Sommerhaus. Didrik hält die Jüngste, Baby Becka. Schnell zurück nach Stockholm, doch dann startet das große Auto nicht mehr... Man muss zu Fuß in den nächsten Ort, 11,6 Kilometer. So beginnt ein Drama, das
    in wenigen Stunden das ganze Land auf den Kopf stellt. Nichts wird mehr so sein wie zuvor.
    Jens Liljestrand schreibt schon seit Jahren über den Klimawandel und seine verheerenden Folgen, mit diesem neuen 600-Seiten-Roman, der jetzt in mehr als 30 Ländern erschienen ist, sieht er eine Chance, sich von der "lähmenden Klima-Angst zu befreien" und endlich konsequent zu handeln. Vier persönlich erlebte Szenarien in einem schwedischen Feuer-Sommer sollen uns aufrütteln.

    Didrik, der Familienvater, ist einer der erzählenden und handelnden Personen. Didrik reflektiert und monologisiert ständig über die Dekadenz der Welt, über den Konsum-Irrsinn, über den Egoismus – und doch weiß er genau, dass er dazu gehört, dass er mitmacht, er verteilt Lippenbekenntnisse und spürt gelegentliche Scham. Er ist ein schwacher Mann, früher war er mal radikal und konsequent. Aber er fühlt sich in der Sache immer noch überlegen.

    Melissa war Didriks Geliebte. Eigentlich wollte Didrik die Familie wegen ihr verlassen. Melissa hat damals davon geträumt. Sie lebt als Influencerin und hat ihre follower auf Genuss und Selbstsucht eingeschworen: "Schäm dich nicht, ein Mensch zu sein..." Ein bedauernswertes Geschöpf, gefangen in ihrer Scheinwelt, in ihrer Selbstüberschätzung, abhängig von ihren Schmerztabletten. Wie erlebt sie die letzten August-Tage dieses beängstigenden Sommers, nachdem plötzlich ihr früherer Geliebter mit einem Baby im Arm vor ihrer Tür in Stockholm steht?

    André ist der Sohn einer Tennislegende, ein wütender Sohn. Schon als kleiner Junge fühlt er sich übers Ohr gehauen, regelrecht beklaut. "Ich war niemand, obwohl mein Vater, der Tennis-König , alles war..." Er wächst heran, im Gefühl, ein ewiger loser zu sein, eine pure Enttäuschung für den Vater. In ihm brodelt es, er will sich beweisen, damit er endlich glücklich sein kann, hier mit seinem Vater im Schärengarten auf dem Segelboot.

    Vilja, die Tochter von Didrik und Carola, die mit ihrer Mutter auf einem Evakuierungs-Campingplatz gestrandet ist, stellt sich der dramatischen Notlage. Ganz pragmatisch, ganz überlebenstauglich. Kinderbetreuung im Camp? Lebensmittel und Milch und Windeln für Babys organisieren? Vilja ist dabei, Vilja übernimmt. Gegen die "Scheißhandlungsohnmacht."
    Die Familie überlebt, kommt wieder zusammen.
    Ist ein Neuanfang nach diesem brandaktuellen Sommer überhaupt möglich? Endlich ein Umdenken? Eine neue Einstellung zum eigenen Leben und zu seinen Mitmenschen?

    Das Schreckliche wird vorstellbar durch dieses Buch, weil es die Dinge miteinander eng verknüpft: die Probleme, die Menschen mit sich selbst und ihren Nächsten im normalen Zusammenleben ohnehin schon haben und kaum lösen können - und die Auswirkungen der Klimakrise, die den Planeten zu zerstören drohen. Liljestrand: " Wir müssen klar machen, dass das Schlimmste nicht sein wird, was die Natur mit uns macht. Das Schlimmste wird sein, was wir einander antun." Nihilistisch? Dystopisch? Destruktiv? Ja schon, aber eben auch ein Buch der Stunde.