• Horst Krüger: Das zerbrochene Haus, Schöffling& Co

    „Das zerbrochene Haus“ hat eine kleine bescheidene Siedlung im Grunewald zu einem beispielhaften Ort gemacht: „Eichkamp“ wurde in diesem Buch zu einem Begriff für deutsches Kleinbürgertum, das Hitlers Aufstieg möglich machte und das Hitlers Herrschaft ängstlich ertrug“... schreibt der Schriftsteller Martin Mosebach in seinem Nachwort zu Horst Krügers Buch, das jetzt neu herausgegeben wurde und das den Untertitel „Eine Jugend in Deutschland“ trägt. Ein Geschenk zum 100. Geburtstag des Essayisten und Literaturkritikers (1919-1999). Veröffentlicht wurde „Das zerbrochene Haus“ 1966, aber schon lange war es vergriffen. „Eine herausragende Idee, dieses Buch neu herauszugeben“, schreibt die FAZ. Es sei heute längst vergessen, obwohl der Schriftsteller und Journalist zu den prägenden Stimmen der Bundesrepublik zählte und „diese Lebenserinnerungen zu den berührendsten Büchern gehört, die das Genre zu bieten hat.“

    Wer die 215 Seiten für sich neu entdeckt, wird sie wie ein Vermächtnis lesen, wie den Versuch, etwas zu begreifen, das kaum zu fassen ist. Die Berliner Siedlung „Eichkamp“ wurde nach dem 1. Weltkrieg im Berliner Westen gebaut, Doppel- und Reihenhäuser gegen die Wohnungsnot. Krüger lebte dort mit seinen Eltern und der Schwester Ursula. Der Vater ist Beamter im preußischen Kultusministerium, die Mutter Hausfrau und überzeugte Katholikin. „Meine Eltern waren auf jene rührende Weise unpolitisch wie damals fast alle Eichkamper... Es waren lauter brave Bürgerfamilien, ein wenig beschränkt und borniert, Kleinbürger mit den Schrecken des Krieges und den Ängsten der Inflation im Rücken. Nun wollte man Ruhe...“

    Krüger ist 13 Jahre alt, als Hitler an die Macht kommt. „Ich bin ein typischer Sohn jener harmlosen Deutschen, die niemals Nazis waren und ohne die die Nazis doch niemals ihr Werk hätten tun können. Das eben ist es... Meine früheste Erinnerung an Hitler ist Jubel.“
    Krüger beschreibt, was er vor Jahrzehnten zur Nazi-Zeit in Eichkamp erlebte. Über ein opulentes Familienfest, über den Freitod seiner Schwester, über seinen anarchistischen Freund Wanja, über seine Verhaftung („Mein Kopf war voll Plato, mein Gaumen ganz voll von Erbsenbrei, da höre ich meinen Vater plötzlich einen unterdrückten Schrei ausstoßen...“) und über den Prozesstag, an dem der Student der Philosophie wegen Hochverrats vor Gericht steht. Er hat Kurierdienste ausgeführt und Flugblätter verteilt, er ist da so „reingerutscht„ in die anarcho-linke Widerstandsgruppe seines Freundes Wanja. Aber er kommt noch einmal davon, weil er „aus so anständigem Hause ist“. 20 Jahre später wird er den Freund wieder sehen. In Ost-Berlin. Wanja ist Auslandskorrepondent beim „Neuen Deutschland.“ Im „zerbrochenen Haus“ wechselt die Erzählperspektive immer wieder, Krüger pendelt zwischen Vor- und Rückgriffen, berichtet mal aus der Wahrnehmung des Kindes und heranwachsenden Jugendlichen Horst Krüger, mal analysiert er mit dem Wissen und dem Rückblick des Erwachsenen.

    Das Schlusskapitel des Buches schildert den 1. Auschwitz-Prozess im Frankfurter Römer (1963-1965) unter der Leitung von Generalstaatsanwalt Dr. Fritz Bauer. „Ich fahre zum Auschwitz-Prozess, um diesen Mythos in mir aufzuklären.“ Und weiter: „Die Bestialitäten, die hier verhandelt wurden, konnten mich nicht von der Frage abhalten: Und du? Wie hättest du dich verhalten?...Gibt es geborene Mörder? Was hättest du schweigend hingenommen? Wie schuldig wärst du geworden? Es ging also, rückblickend um einen Selbtprüfungsprozeß, auch gegen mich.“ Erst danach, schreibt er weiter, „im Herbst 1964 schob sich langsam der eigene Erinnerungsstoff hoch.“ Zehn Jahre später fügt er noch ein Nachwort hinzu. Sein Schlüsselsatz ganz am Ende: „Dieser Hitler, denke ich, der bleibt uns – lebenslänglich. Das zerbrochene Haus enthält authentische Nachrichten aus einem Reich, das, schon versunken, niemals vergessen werden darf.“

  • Luise Berg-Ehlers: Theodor Fontanes Traumorte, Elisabeth Sandmann

    „Der europäische Wanderer soll dem märkischen Wanderer hier ausdrücklich den Vortritt lassen, wobei zu zeigen sein wird, wie sehr im Leben wie im Werk Fontanes ein für die damalige Zeit beachtliches Verständnis für andere Länder und andere Nationen zu konstatieren ist...“ Luise Berg-Ehlers geht es, so schreibt sie in ihrem Vorwort, um Theodor Fontane (1819-1898) als „frühen Europäer“. Das sei gerade in der heutigen Zeit von besonderer Bedeutung. Und das ist für alle, denen „Effi Briest“ , „Der Stechlin“ und natürlich die „ Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ durchaus vertraut sind und die das Fontane-Jahr zum willkommenen Anlass nehmen, sich mit dem bedeutenden Schriftsteller aufs neue zu beschäftigen, ein spezieller und bisher eher unbekannter Aspekt. „Eine besondere Zeitreise von England über Dänemark und Frankreich nach Italien“ lautet der Untertitel dieses schön ausgestatteten und bebilderten Buches. Luise Berg-Ehlers ist Fontane-Kennerin, Leben und Werk des Schriftstellers ist Thema ihrer Promotion, und sie ist Gründungsmitglied der Thedor-Fontane-Gesellschaft Potsdam.

    Thedor Fontane, 1819 in der brandenburgischen Garnisonsstadt Neuruppin geboren, schrieb Balladen und Gedichte, 16 Romane, Theaterkritiken, Kriegsbücher, und er arbeitete immer wieder als Journalist, auch um seine zeitlebens desolate wirtschaftliche Situation zu verbessern. So reiste er 1852 und 1856 im Auftrag der preußischen Regierung als Korrespondent nach England. Luise Berg-Ehlers nennt das England-Schottland-Kapitel im Buch „Das Land zwischen Themse und Tweed: Fontanes lebenslange Liebe“. Ein Fazit: „Das Leben in der Millionenstadt London ändert Fontanes Blick auf die Welt nachhaltig und bewirkt, dass er märkischer Provinzialität entwächst“. Und Fontanes noch nicht so ausgereiftes Englisch wird flüssiger auch durch den großzügig fließenden Sherry bei den Einladungen seiner neuen englischen Bekannten. Besonders liebt er es, mit dem Bus, auf dem Oberdeck sitzend, durch die Straßen Londons zu fahren. „Man kann ihn als eine Art „Bus-Flaneur“ bezeichnen. Auch liebt Fontane das Theater, widmet sich den Aufführungen der Shakespeare-Dramen. Auf der Straße erregt er Aufsehen. Er trägt einen bemerkenswerten Pelz, gilt als „foreigner with the fur“, ansonsten beklagt er, dass er sich als „miserabel bezahlter Untertan des preussischen Staates“ nicht in angemessener teurer und feiner Kleidung in der englischen Gesellschaft bewegen kann. Fontanes Schottlandreise wird eine Wallfahrt zu dem verehrten Romancier Walter Scott und eine historische Wanderung auf den Spuren Maria Stuarts. Die Schottland-Reise sei eine der schönsten in seinem Leben gewesen, schreibt Fontane später, auf alle Fälle die poetischste.
    Fontane reist im September 1870 nach Frankreich, sein Verleger hat ihn beauftragt, ein Kriegsbuch zu schreiben. Er reist ohne militärischen Schutz, und er wird verhaftet. Man hält ihn für einen Spion. Das Abenteuer endet mit einer zwei Monate dauernden Reise der besonderen Art – in unterschiedlichen französischen Gefängnissen und mit außergewöhnlichen Begegnungen. „Denn statt polemisch die alte Erbfeindschaft zu bemühen und das Leid des Eingesperrten zu beklagen, zeichnet Fontane das Bild vom kultivierten, sympathischen Franzosen, die ihm als Wärter, Soldaten oder Bürger sein Schicksal erleichtern“, kommentiert Berg-Ehlers. Erst auf seiner zweiten Frankreich-Reise – auf der er den Auftrag seines Verlegers nach einem „Kriegsbuch“ erfüllt – kann der Schriftsteller, der gutes und reichliches Essen liebte, auch die „Verpflegungsfrage“ für sich aufs beste lösen. In Dieppe genießt er Austern und einen trockenen Chablis aus Burgund. An Fontanes „Kriegsbüchern“ , so Berg-Ehlers, lasse sich ablesen „ wie weit der Weg war vom Europa der Schlachtfelder zum Europa des friedlichen Miteinanders. Zugleich werde deutlich, wie sehr Fontane seine Schriften aus der Perspektive einer für seine Zeit bemerkenswerten Versöhnlichkeit verfasste, die ihn zu einem Autor europäischer Perspektive mache. „Er war seiner Zeit voraus, ein Europäer, als man noch kaum europäisch dachte“. Es gibt viel zu entdecken in diesem Buch, und es macht Lust auf weitere Spurensuche. Und da empfiehlt sich (bis zum 30. Dezember 2019) auch die Fontane-Ausstellung im Museum Neuruppin. In Fontanes „Schreibwerkstatt“ sind unter anderem die 67 noch erhaltenen Notizbücher Fontanes ausgestellt.

  • John Ironmonger: Der Wal und das Ende der Welt, S. Fischer

    Joe ist Analyst und Banker. Er hat das Programm „Cassie“ entwickelt, das seiner Bank durch die Verknüpfung politisch-ökonomischer und hochkomplexer Vorgänge weltweit Entwicklungen voraussagt. „Cassie“, die neue Kassandra, bringt der Londnoner Bank beste Erträge. Bis das Programm eine tödliche asiatische Grippe ankündigt und nur noch rote Zahlenreihen liefert. Joe verlässt, von Panik getrieben, seinen hochdotierten Arbeitsplatz, steigt in sein Auto und fährt Richtung Cornwall, er landet in einem idyllischen 308-Einwohner-Dorf an der Küste.
    „Jede Gesellschaft ist nur drei volle Mahlzeiten von der Anarchie entfernt“, hat sein Chef immer wieder zitiert. Daran denkt Joe, als er am Strand seine Kleider ablegt und ins Meer geht. Ist sein Programm “Cassie“ schuld, dass nun bald das Ende der Zivilisation bevor steht?
    Bewohner des kleinen Fischerdorfes finden Joe später wie tot am Strand liegen. Ein mächtiger Finnwal schwimmt am Meereshorizont davon... So beginnt Joes Geschichte in St. Piran, er wird beim pensioniertenTierarzt versorgt und untergebracht. Seine erste gute Tat besteht darin, dass er den Wal, der mal wieder viel zu nah an der Küste herum schwimmt und in St. Piran strandet, mit hundertfacher Hilfe seiner neuen Nachbarn zurück ins offene Meer schleppt. Die zweite gute Tat sorgt für die Menschen in St. Piran. „Cassie“ hat das Krisenszenario vorgezeichnet: Millionen Grippetote, Versorgungsengpässe, Stromausfälle, Ölknappheit, Hungersnöte. Joe setzt seine Ersparnisse ein und kauft Vorräte. Tausende Kartons mit Bohnen, Reis, Nudeln... lagern in der alten Kirche. Die Straße, die in St. Piran endet, wird hinter einem Wall versteckt. Der Ort macht sich unsichtbar, und in St. Piran halten die Menschen zusammen. Ein großartiges Beispiel für Solidarität, Hilfsbereitschaft, Humanität. So ist die Welt noch lange nicht verloren. Und der Wal? Der englische Autor John Ironmonger macht den Wal, dem Joe dreimal begegnet, zum Symbol der Menschlichkeit und zum Sinnbild der Gemeinschaft. Auf dem Höhepuntk der Geschichte liefert sein Leichnam sogar das Fleisch für ein Festmahl.
    Das ist schon fast zuviel des Guten, wirkt ein wenig verkitscht. Ein paar Stunden später geht auch wieder das Licht an im Dorf, die Krise ist überwunden, viele Dorfbewohner weinen. Aber dennoch: Diese apokalyptische Geschichte ist so wohltuend, tröstlich und seelenvoll. Man mag es sich so gerne vorstellen, dass Menschen in Krisenzeiten zusammen halten und sich gegenseitig helfen. 464 stärkende Seiten und eine hoffnungsvolle Botschaft: voller Glauben an das Gute im Menschen.
    Zweifeln können wir immer noch. Später.