• Jenny Erpenbeck: Kairos, Penguin

    Kairos ist in der griechischen Mythologie der Gott des glücklichen Augenblicks. War es ein glücklicher Augenblick, als die 19jährige Katharina auf Hans trifft, 34 Jahre älter als sie, ein anerkannter Schriftsteller im sozialistischen Kulturbetrieb? Im überfüllten Ostberliner Bus war sie in die Mitte geschoben worden, suchte nach einem Haltegriff „und da sah sie ihn. Und er sah sie.“ Es ist der 11. Juni 1986. In einer Zeit, in der sich die DDR und ihr Sozialismus immer schneller ihrem Ende nähern, beginnt diese große, ungewöhnliche Liebe. Erpenbeck verknüpft die Thematik vom überschwänglichen Beginn einer Liebe und dem dämmernden Niedergang der DDR, aber erst gegen Ende des Romans begreift man ihre Botschaft in aller Klarheit und Schärfe.
    Katharina spürt es sofort: „Ohne Hans will sie nirgends mehr hingehen“, und sie fühlt sich plötzlich erwachsen: „Jetzt beginnt ihr Leben.“ Hans der Musikwissenschaftler und Schriftsteller, ist verheiratet. Seit langem eine Josefs-Ehe, betont er. Geliebte hatte er ständig an seiner Seite. Aber nun, mit Katharina, scheint es die absolute, große Liebe zu sein: zwei Menschen im Einssein, im völligen Gleichklang. Katharina denkt: „Wie auf einer Insel bin ich mit ihm“. Hans wird unruhig, wenn Katharina nicht bei ihm ist, er quält sich mit dem Gedanken „was tun, wenn sie nicht zu mir zurückkommt?“ Doch Katharina kommt immer zurück, träumt sogar von ständiger Zweisamkeit – in naher Zukunft. Hans hat ihr Leben verändert, ihr die Augen geöffnet, für das, was sie jetzt sieht, liest und hört. Ob es der Pergamon-Altar im Museum ist, eine Erzählung von Kafka, das Requiem von Mozart. Hans, der sich im Milieu der Intellektuellen und Künstler bewegt, schenkt Katharina eine neue Sicht auf die Welt. „Es existiert also doch, das Glück, denkt sie.“ Und auch Hans denkt: Es existiert also doch, das Glück.“
    Alles ändert sich, als Katharina Hans mit einem jüngeren Mann betrügt. Ein einziges Mal, ein schwacher Moment, eher ein Versehen. Hans erfährt davon, als er eine Notiz findet. Katharina hat aufgeschrieben, wie das war, als der andere ihre Brüste geküsst hat. Katharina schreibt alles auf, was ihr wichtig ist.
    „Wie konntest du uns so etwas antun? Unser Wunder hast du in den Dreck geschmissen“, sagt Hans und verlangt rückhaltlose Wahrheit. Sie soll ihre Tagebücher offenlegen, ihr Notizen, ihre Briefe, ihre Kalender – ihre Gedanken. Unerbittlich sind seine Schuldzuweisungen, sind seine Kontrollfragen. Er demütigt sie, Katharina erniedrigt sich, unterwirft sich seinem Willen – ihre Liebe vergiftet sich : „Wenn sie sich sehen, kippt alles immerfort, fällt alles durcheinander, das Lachen und die Verzweiflung, Begehren, Verachtung, Liebe, Mitleid, Hass, Trauer.“
    Was bleibt von dieser schwierigen, obsessiven Liebe? Sie stirbt, langsam aber unaufhaltsam, überlebt noch den Fall der Mauer und die Wiedervereinigung. Dann werden Katharina zwei Kartons mit Hans' vergilbten Notizen, Briefen, Schriften von der Familie ins Haus gebracht. Auch Hans ist tot. Verbleibt als schmerzliche Erinnerung inmitten einer neuen Zeit, die erst angenommen werden muss.

    All das beschreibt Erpenbeck in ihrer eigenwilligen Art, die richtigen Worte dafür zu finden: für das situative Geschehen, das, was ihre literarischen Figuren zueinander tatsächlich sagen, was sie eigentlich sagen wollen, was sie wünschen, was sie denken, was als Zwischentöne mitschwingt – alles wird offengelegt. Und es wird offenbar, dass nicht nur diese fordernde, absolute Liebe Liebende wie Hans und Katharina überfordert. Auch politische Systeme, die ihre Menschen auf Dauer überfordern, bleiben auf der Strecke. Beides hält sich – bis zum endgültigen Zusammenbruch – nur noch aufrecht durch Kontrolle, Bespitzelung, Verbote, Freiheitsentzug.
    Erpenbeck wagt eine interessante Verknüpfung, im Klappentext liest sich das so: „Der Lebenslauf einer Liebe vor dem Hintergrund der verschwindenen DDR“. Der Kreis schließt sich, als Katharina in den nachgelassenen Stasi-Akten liest, dass Hans unter dem Decknamen Galilei schon als junger Mann eine Verpflichtungserklärung als informeller Mitarbeiter geleistet hatte.




  • Yasmina Reza: Serge, Hanser

    „Das Pflegebett, dies Monster mitten in ihrem Schlafzimmer, katapultierte sie in den Tod.“ Marta Popper starb am selben Abend, nachdem ihre beiden Söhne Serge und Jean ihren vom Krebs verwüsteten Körper umgebettet hatten. Es war ein „irre anstrengender Aufbau“ gewesen, das Bett so aufzustellen, dass ihre Mutter sowohl auf den Fernseher wie aus dem Fenster hätte schauen können. Auf dem Pariser Friedhof Pére-Lachaise wird Marta Popper zu den Klängen von Brahms, Ungarische Tänze, beigesetzt. Sohn Jean, der Erzähler, empfindet die Trauerzeremonie so: “...dann fuhr der Sarg auf dem Rolltisch ins Nichts, und Marta Popper verschwand....“ Enkelin Margot verabschiedet ihre Großmutter mit dem Satz: „Omi, unsere Familie, diese Kuddelmuddelkiste, die hast du geschaukelt... “

    Zurück bleiben die drei inzwischen erwachsenen Popper-Kinder. Serge, der Älteste, „der Anführer, der Wagemutige, der mit seinem 'Kotz-Egoismus'“, Schwester Nana, das Hätschelkind, die „Wunderblume“ und Jean das mittlere Kind. „Tief drinnen bin ich immer noch das mittlere Kind, der Mitläufer“, sagt Jean.“ Schon in der Kindheit sei er seinem großen Bruder Serge auf Schritt und Tritt gefolgt.

    Noch auf der Trauerfeier ergreift Serges Tochter Joséphine das Wort und verkündet , das nächste Familientreffen, ein Ausflug, müsse in Auschwitz stattfinden. Man solle Marta Poppers ungarischer Familie gedenken. Eine Idee, auf die ihre Großmutter nie gekommen wäre. Nie hatte sie den Holocaust thematisiert. Sie wolle sich nicht als Opfer fühlen, nannte sie als Grund. Serge ist dermaßen empört vom Ansinnen seiner Tochter, dass er nur losschreien kann: „Gerade habe ich ihr für ein Wahnsinnsgeld eine Augenbrauen-Fortbildung bezahlt...und jetzt will sie nach Auschwitz, was hat das Mädchen bloß...?“ Joséphine ist Maskenbildnerin.

    Schriftstellerin Yasmina Reza stammt selber aus einer kosmopolitischen jüdischen Familie, die Popper-Kinder aber fühlen sich nicht jüdisch, sind von ihrer Mutter ohne Bewußtsein und Hintergrund ihrer Herkunft erzogen worden. Eine verwegene Idee, dieser Familienausflug nach Auschwitz?

    Yasmina Reza beschert uns mit ihrer großen Sprachkunst und dem scharfen Blick auf die Popper-Familie die große Lebensbühne, eine tragikomische Geschichte, getragen von einem melancholischen Grundton. Es geht um Lebensbejahung, Verlustangst und Todesahnung, es geht um Scheitern, um das Altern, um Krankheit, um Tod – das sind die Themen die Serge, Jean, Nana und Cousin Maurice durchs Leben treiben. Ihre Kinder suchen, so wie Joséphine, auch nach den Spuren der Vergangenheit, um die eigene Identität zu finden. Das alles geschieht und wird
    beschrieben in einer Mischung aus Leichtigkeit und Lebensweisheit. Kuriose Geschehnisse laufen im temporeichen Wechsel ab: erzählt in verrückt-verwirrenden Dialogen, hervorbrechenden, hochemotionalen Gedanken und irrationalen, absurden Überlegungen, die mal durchgeknallt, mal süffisant, mal respektlos daher kommen. Eine furiose Mischung.

    Jean betrachtet seinen Bruder, der zusammen gesunken auf der Bettkante sitzt. Serge hat ihn um Hilfe gebeten, nachdem ihn seine Ehefrau Valentina aus der gemeinsamen Wohnung geworfen hat. Seine Affaire mit einer gewissen Peggy ist aufgeflogen. „Jeans Schultern sind nach vorn gesackt, die Brust ist eingesunken. Die Position hat etwas Ergreifendes. Irgendwie fühle ich mich verantwortlich. Ich habe ihn an Stärke überholt...“ Jean war immer nur der gute Junge, Serge derjenige, der alle überraschte, auch wenn er mal wieder beruflich gescheitert war. Serge ist abergläubisch, auf die für ihn vermeintlich richtigen Farben und Zahlen fixiert – und er spricht mit einer Topfpflanze, die schützende Kräfte gegen böse Mächte haben soll.
    Cousin Maurice ist inzwischen 99, bettlägerig. Jean besucht ihn. „Ich betrachte seine Hände auf der Bettdecke. Die abgemagerten, geäderten, alten getreuen Hände, tatenlos auf dem Stoff. Ich ergreife sie. Sie sind kalt. Ich bewege seine Finger unter meinen. Sacht knete ich das samtige Skelett.“

    Die Popper-Familie liebt einander, ist verbunden, auch wenn man sich ständig streitet. Wenn Jean Nana, seine Schwester anschaut, sucht er nach dem Mädchen, das sie einmal war: „ich suche die Spuren von Anne Popper, der Wunderblume.“ Jeans Blick ist dabei voller Mitleid, Trauer und Empathie: “Ihr Körper ist zusammengerutscht, ihre Seele ist zusammengerutscht“.

    Die Familie fährt tatsächlich nach Auschwitz. Gleich frühmorgens im Gedränge der Absperrbänder am Eingang, streiten sie sich schon wieder, ergehen sich in kleinlich-kläglichen Anwürfen, fühlen sich genervt von den Begleiterscheinungen des Auschwitz-Tourismus. „Was haben wir hier zu suchen... ich hasse das alles“, sagt Serge. Nana kontert: „Ich hasse euch alle“, und Serge giftet sie an: „In deinem Leben kannn ich absolut nichts Gelungenes erkennen...“ Joséphine, stark geschminkt mit Ananas-Frisur, liest aus dem Auschwitz-Prospekt vor. Sie irren umher, erleben “eine Parzelle der Vorhölle, neu arrangiert für Zeitgenossen.“ Auch der verständige, um Ausgleich bemühte Jean „schwankt zwischen Kälte und dem Bemühen, etwas zu empfinden, womit man nur sein Wohlverhalten unter Beweis stellen will...“
    Immerhin, Joséphine will jetzt einen Kurs in Judentum belegen, und den Geschwistern dämmert die Erkenntnis: „Was machen wir? Wir vergeuden unsere Zeit, indem wir uns gegenseitig zerfetzen!“ Die Angst vor Vergänglichkeit und Bedeutungslosigkeit wirft einen großen Schatten.

    Wieder Zuhause, sitzen die drei Popper-Kinder im Untergeschoss eines Hospitals, in der nuklear medizinischen Abteilung. Jean und Nana begleiten Serge zu einer Pet-CT-Untersuchung. „Ich war unbesiegbar,“ klagt Serge, „ jetzt ist alles hinüber...“ Nana schmiegt sich an ihn, streichelt seinen Handrücken und sagt: „Zum letzten Mal waren wir in Auschwitz zusammen, und jetzt zum PET-CT im Hospital. Wir könnten uns wirklich mal was Lustigeres vornehmen.“

  • Tove Ditlevsen: Gesichter, Aufbau

    „Als sie wieder zu ihrem Bett ging, band sie ihren Gürtel fester um ihr rotkariertes Kleid, das viel zu groß war. Sie hatte das Gefühl, eine Bluttransfusion von einem unbekannten Spender erhalten zu haben. Das normale Leben mit all seinen Lasten und Freuden rann sanft durch ihre Adern... und dann sagte sie laut und klar: Ich heiße Lise Mundus. Und morgen werde ich nach Hause zurückkehren und anfangen, ein neues Buch zu schreiben.“

    Die dänische Schriftstellerin Tove Ditlevsen (1917-1976) hat ihrer Hauptfigur den Namen ihrer Mutter gegeben, und auch sonst gilt „Gesichter“ – trotz aller Fiktionalisierung – ebenso als autobiographischer Schlüsselroman wie Ditlevsens Kopenhagen-Trilogie, die erst jüngst als literarische Wiederentdeckung gefeiert wurde. Vieles, was Lise Mundus ausmacht, weise auf „Ditlevsens eigenes Werk, ihre Person und ihr Umfeld hin“, schreibt Ursel Allenstein in ihrem Nachwort. Sie hat die Neuausgabe übersetzt (Erstveröffentlichung 1968 in Kopenhagen).

    Drei Wochen hat die Kinderbuchautorin Lise Mundus in der geschlossenen Abteilung einer Nervenklinik verbracht. Nach einem Suizidversuch, gequält von der Angst, nie wieder etwas schreiben zu können, hat sie Mann und Kinder verlassen und sich einweisen lassen. Lise hört Stimmen in der Wasserleitung und in den Heizungsrohren, sieht verzerrte Gesichter, und aus ihrem Kopfkissen spricht eine Mikrophonstimme zu ihr. Lise ist nicht sicher, ob dieser Wahnsinn etwas ist, was sie tatsächlich fürchten muss oder ob er auch eine Form der Freiheit für sie bereit hält. Jetzt will sie erst einmal Ruhe finden, abgeschottet sein. Sie besteht auf der geschlossenen Abteilung. Zitat: „Die Hölle umgab sie, und sie verbarg den Kopf in den Händen. Tränen liefen ihr die Wangen herab; es fühlte sich an, als würde ihr Gesicht schmelzen und zwischen den Fingern hindurchrinnen.“

    Dabei hat die hochsensible und hochtalentierte Lise eigentlich alles, was das Leben schön machen könnte. Gert, ihren Mann, die drei Kinder, eine Haushälterin – und Erfolg mit ihren Büchern. Doch Angst und Schmerz und Mißtrauen holen sie immer wieder ein. Vor allem neue Gesichter verfolgen sie. Sie will sich keine neuen aufbürden. Deshalb verlässt sie auch das Haus kaum noch. Die äußere Welt, der Alltag entgleitet ihr. Was ist wirklich? Was ist eigene Wahrnehmung? Die Unterscheidung gelingt ihr oft nicht mehr.

    Jetzt, nach dem Klinikaufenthalt, nachdem ihr Arzt sie auch aufforderte, gegen den Wahn anzuschreiben, ein Tagebuch zu führen, ist sie fast wieder sicher, dass sie bald ein neues Buch beginnen kann. Sie bekennt sich dazu, Schriftstellerin zu sein.
    Allerdings, als ihr Mann telefonisch ankündigt: “Ich komme morgen und hole dich ab...“ zweifelt sie bereits wieder. „Ich habe nie gut genug geschrieben,“ sagt sie ihm. Und schaut „auf seinen melancholischen Mund, der ihr „Herz wie eine Fingerspitze berührt“. Die Schriftstellerin Lise Mundus spürt, „dass diese Liebe nicht halten wird. Zitat: „Die Liebe hing zwischen ihnen, zerreißbar wie ein gespanntes Stück Gaze.“ Übersetzerin Allenstein nennt es eine „Rückkehr zu einem vergifteten Glück.“
    Man ahnt, dass auch der Seelenschmerz der Schriftstellerin Tove Ditlevsen nach der Niederschrift ihres angekündigten neuen Buches nicht gebannt ist. Sie bleibt eine Frau am Abgrund, und es wird ihr nicht gelingen, sich mit einem emanzipatorischen Befreiungsschlag zu retten. Acht Jahre nach Erscheinen von „Gesichter“
    stirbt Tove Ditlevsen durch Suizid. Lise Mundus konnte sich noch retten...

    Wie sehr Tove Ditlevsen Ängste, Schmerzen, Sehnsüchte und das Bewußtsein, nicht gut genug zu sein, zugesetzt haben, ihre Gedanken verwirrt, ihre Wahrnehmung getrübt und ihren Wahn genährt haben, kann man erahnen, nachdem sie uns durch ihre literarische Figur der Lise Mundus einen erschütternden Blick auch in ihre innere Welt und ihre Seelenqual gewährt hat. Es ist ein tiefer, ein scharfer, ein schonungsloser Blick auf eine furchterregende Welt jenseits der Wirklichkeit. Ein schmaler Band mit nur 160 Seiten – aber mit schwer lastendem Gewicht.