• Helga Schubert: Vom Aufstehen, dtv

    „Nun hat sich der Kreis geschlossen“, sagt Helga Schubert, als sie ihr neues Buch bei einer digitalen Lesung vorstellt. Für die Titel- Geschichte „Vom Aufstehen“ ist die 81jährige im vergangenen Jahr mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet worden. Das weckt natürlich die Erinnerung an eine Einladung, die sie vor 40 Jahren schon einmal zu diesem Wettbewerb bekommen hatte. Damals, 1980, durfte die Schriftstellerin allerdings nicht aus der DDR in den Westen nach Klagenfurt reisen, um an den renommierten Literaturtagen teilzunehmen. Auch diese Zurückweisung und Auseiandersetzung mit der Staatsmacht wird benannt und beschrieben in einer der 29 autobiographisch geprägten Erzählungen und Episoden, in denen Helga Schubert ihr Jahrhundertleben mosaikstückhaft und „emotional wahr“ literarisch verarbeitet hat.
    Helga Schubert, 1940 in Berlin geboren, ist ein Kriegskind, ein Flüchtlingskind, ein Kind der deutschen Teilung. Der Vater, im Krieg gefallen, die Mutter eine schwierige, gefühlskalte Person, unter der sie auch als erwachsene Frau noch leidet. Einen Sehnsuchtsort hat sie als Kind nur bei der Großmutter in Greifswald, wo sie im Sommer die Ferien verbringt, in der Hängematte zwischen Apfelbäumen liegt und warmen Streuselkuchen genießt. Zitat: „So konnte ich alle Kälte überleben. Jeden Tag. Bis heute.“
    Helga Schubert muss schon sehr früh das „Aufstehen“ zu ihrem Lebensprinzip erhoben haben, nachdem bereits die Kindheit von Aussagen wie diesen geprägt wurde. Helga Schuberts Mutter sprach von drei Heldentaten, die sie für ihre Tochter vollbracht habe.1. Sie habe sie nicht abgetrieben. 2. Sie habe sie im Zweiten Weltkrieg auf die Flucht mitgenommen. 3. Sie habe sie vor dem Einmarsch der Russen nicht erschossen.
    Auch der Tod des Vaters lässt Helga Schubert nicht los. Er ist 1941 im Krieg auf einem vereisten toten Arm der Wolga von einer Handgranate zerrissen worden und war sofort tot. Ein Jahr nach Helga Schuberts Geburt. „Es ist ein Trauma meines Lebens: Dieser zerrissene, mir doch unbekannte Mann, ich bin sein einziges Kind und kenne ihn nur aus Erzählungen seiner Mutter und den Erinnerungen seiner Witwe, meiner Mutter“...
    Man darf Helga Schuberts Kindheit wohl eine verlorene Kindheit nennen. Als Erwachsene, als Schriftstellerin und Psychotherapeutin, steht sie in der DDR anderthalb Jahrzehnte unter Beobachtung der Stasi. Sie erzählt, wie sie, eingestuft als „feindlich-negativ „ dennoch ab und zu aus dienstlichen Gründen in den Westen reisen durfte und beim ersten Besuch jenseits der Mauer in Berlin, am Potsdamer Platz die Holztreppen „wie einen Anstand zur Jagd“ bestieg und „ihre Mitbürger im Osten von außen betrachtete. Wie Eisbären im Zoo“. Sie beschreibt, wie sie ihre Lebensjahre in der DDR als „immer absurder empfand“– etliche Geschichten im Buch handeln davon – und wie sich ihr Widerstand gegen das Leben in der DDR äußerte und aufbaute. Sie war nicht bereit, „die Schöpfung nur in diesem engen, eingemauerten Umkreis zu bewundern: „Ich will mir mein Maß nicht vorschreiben und meine Sehnsucht nicht nehmen lassen.“ Innerhalb der DDR-Literatur gehörte sie zu keiner Gruppierung, war mit Sarah Kirsch und Christa Wolf befreundet, was im neuen Buch aber noch nicht einmal erwähnt wird. Jahrzehntelang lebt sie die zwei Seiten ihres Lebens :„Ich habe die Regeln des Ostens begriffen und beachtet, aber zu Hause lebte ich im Westen, mit Ironie, mit Jazz und den Schlagern der Woche erholte ich mich vom Pathos draußen.“
    Nach dem Fall der Mauer ist sie die Pressesprecherin des Zentralen Runden Tisches und gehört zu denen, die die ersten freien Wahlen in der DDR vorbereiten. Die neue Freiheit empfindet sie als beglückend, ebenso ihr ländliches Domizil im Hinterland der Ostsee, ein altes Bauernhaus in einem mecklenburgischen Dorf. Zu Alt-Meteln gehört auch die Künstlerkolonie Drispeth, Christa Wolf und Sarah Kirsch waren die Nachbarn von Helga Schubert und ihrem Mann Johannes Helm. Nach zahlreichen Büchern und Auszeichnungen hatte sich Helga Schubert eigentlich schon aus der literarischen Öffentlichkeit zurückgezogen, las ab und zu eine eigene Erzählung, wenn ihr Ehemann – in der DDR ein führender Psychotherapieforscher, privat ein Maler– in Neu Meteln zur Vernissage seiner neuen Bilder geladen hatte. Nun liegt das Lebens- Buch in 29 Geschichten vor – Geschichten, die Helga Schubert so verstanden wissen will. Zitat: „ Geschichten als Mikroskop. Geschichten als Spiegel. Die guten Geschichten sind wie das Leben tragikomisch, plötzlich reißt mich die Geschichte aus dem Mitleid in die Ironie, aus der Ironie in die Verachtung, aus der Verachtung ins Verständnis. Und alles in dem Moment, in dem ich mich auf eine Sicht eingelassen hatte.“
    Die berührendsten Texte sind die, in denen Helga Schubert viel Persönliches preisgibt. Wie in der letzten (preisgekrönten) Geschichte des Buches „Vom Aufstehen“. Der Aufbau ist einfach, aber sehr wirkungsvoll: Die Erzählerin liegt am Morgen wach unter ihrer weichen Bettdecke, hat noch etwas Zeit, bevor sie aufsteht und lässt die Gedanken fließen. Sie denkt daran, wie ihre Mutter sie morgens weckte, das Bettzeug mit energischem Griff wegzog und dabei sang. Sie denkt an ihren - inzwischen pflegebedürftigen - Mann, der 50 Jahre lang das Frühstück für sie beide gemacht hat. Sie konnte noch liegenbleiben, „mit immer noch geschlossenen Augen einen Traumrest festhalten.“ Bis er sie rief und es nach Kaffee und geröstetem Brot roch. Sie wird ihn gleich umarmen und vielleicht im Rollstuhl an den kleinen See im Dorf schieben, und sie werden gemeinsam die Stille und die Geborgenheit dieses Ortes genießen. Und sie denkt an das Gespräch mit der jungen Pastorin, das sie über das vierte Gebot führten. „Ich kann das vierte Gebot nicht erfüllen“, hatte Helga Schubert gesagt, „ich kann meine Mutter nicht lieben, so wie sie mich nicht lieben kann“. Die Pastorin hatte die überzeugte Christin Helga Schubert korrigiert. „Von lieben ist im Gebot nicht die Rede. Sie brauchen sie nur zu ehren. Liebe ist etwas Freiwilliges, ein Geschenk.“ Ein Gespräch, das die Tochter befreit. Sechs Tage vor dem Tod ihrer 101jährigen Mutter kann Helga Schubert sich versöhnen und ihrer Mutter am Krankenbett sagen: „Ich verdanke dir, dass ich lebe. Es ist alles gut.“




  • Steffen Kopetzky: Monschau, Rowohlt Berlin

    Deutschland 1962, Wirtschaftswunderland, gegen Ende der Kanzlerschaft von Konrad Adenauer: Die Nation ist mit Aufbruch und Wohlstandswachstum befasst und entspannt sich bei der Suche nach dem Halstuch-Mörder im Durbridge-Fernseh-Sechsteiler. Da bahnt sich in der Nordeifel, direkt an der belgischen Grenze in der idyllischen Fachwerkstadt Monschau ein echtes Drama an. „Variola“ heißt es, was eher harmlos klingt, doch dahinter verbirgt sich der wissenschaftliche Name des hochinfektiösen Pockenvirus, das in Deutschland 1962 ein letztes Mal ausbricht – in eben diesem Eifelstädtchen Monschau.

    Steffen Kopetzkys neuer Roman "Monschau" hat dieses wahre Geschehen aus Nachkriegsdeutschland aufgegriffen – mit dem Gespür für den richtigen Zeitpunkt, an dem uns Wörter wie Quarantäne und Ausgangssperre wieder geläufig sind. Doch die Spannung in seinem Roman baut sich nicht nur durch den Kampf gegen „Variola“ auf, auch die Kriegsgeschehnisse, die letzte Abwehrschlacht in der Eifel gegen die westlichen Allierten* und das Geschehen dort während der NS-Zeit werden benannt. Der größte Arbeitgeber in Monschau hat den Betrieb mit Zwangsarbeitern aufgebaut. Was wird sonst noch alles verdrängt, verschleiert, verharmlost? Diese abgründigen Verknüpfungen mit der Handlung und den wahren Ereignissen von 1962 in der Eifel machen das Besondere des Romans aus, sorgen für überraschende Einblicke, erinnern an fast vergessene Begebenheiten, fädeln neue Verbindungen ein und schüren so die Spannung.

    Mittelpunkt und Ausgangspunkt der Geschichte sind die Rither-Werke in Monschau, die Hochtemperaturöfen produziert und weltweit agiert. Ein Techniker ist nach längerem Indien-Aufenthalt in die Eifel zurückgekehrt, hat die Pocken mitgebracht und seine kleine Tochter angesteckt. Die zehnjährige Bärbel liegt im Krankenhaus in Monschau, als der Düsseldorfer Dermatologe Professor Stüttgen mit seinem
    griechischstämmigen Assistenten Nikos Spyridakis in einem alten VW-Käfer nach Monschau aufbricht. „Der schneereichste Januar seit Menschengedenken bescherte ihnen zwei Meter hohe Mauern an den Straßenrändern...Fast war es, als würden sie direkt in eine gigantische Schneekugel hineinfahren. Doch mitten in diesem Idyll lauerte das Ungeheuer, winzig, unsichtbar, aber tödlich.“

    Günter Stüttgen hat den offiziellen Auftrag, die Pocken-Epidemie einzudänmmen, zu besiegen. Sein Assistent wird zum Betriebsarzt der Rither-Werke, schützt sich täglich mit einem eigens für ihn entwickelten stählernen Anzug, um die Angestellten und Arbeiter mit Anfangssymptomen in ihren Firmenhäuschen aufzusuchen und zu isolieren. Er wohnt in der Ritherschen Villa, in der inzwischen auch Vera, die Erbin der Rither-Werke, die in Paris studiert, eingetroffen ist. Die beiden hören gemeinsam Jazz und verstehen sich immer besser. Eine romantische Liebe nimmt ihren Anfang, und das tut gut, bei allem Kampf – mit Pocken-Gegenwart und NS-Vergangenheit.

    Das tückische Virus wird besiegt. 1962 in der Realität und so auch im Buch. Die Experten verordnen immer wieder Hausquarantäne, richten, ob in Volksschule oder Schützenheim, große Quarantäne-Einrichtungen ein, pochen auf strikte Einhaltung der verfügten Anordnungen, erklären Politikern, was noch alles Schreckliches geschehen könnte, loben das medizinische Personal und stärken den Ärzten vor Ort den Rücken. Einsatz bis zur Schmerzgrenze, und dennoch bleibt Professor Stüttgen die bittere Erfahrung nicht erspart, „dass er zum Gesicht der Epidemie wird. Viele übersahen seine Ehrlichkeit, seine Ernsthaftigkeit, seine Entschlossenheit. Man sah nur: Wenn Stüttgen kam, kamen auch die Pocken“... Klingt doch sehr aktuell.

    Der Sieg über die Epidemie wäre nicht befriedigend, flögen nicht zeitgleich ein paar Schurkenstücke auf. So wird der machthungrige Direktor der Rither-Werke entlarvt und aus seiner palaisartigen Dienstvilla in die Flucht getrieben. Übrigens von einem Reporter der damals sehr auflagenstarken Zeitschrift „Quick“, in dem man unschwer den Bestsellerautoren Johannes Mario Simmel wiedererkennt.

    * 1944 fand bei Monschau die "Allerseelenschlacht" statt, die mehr als 30.000 Soldaten das Leben kostete

  • Joachim Meyerhoff: Hamster im hinteren Stromgebiet, KIepenheuer & Witsch

    Der Patient nimmt den Leser mit an sein Krankenbett: Der 51jährige hatte einen Schlaganfall. Er ist keine fiktive Romanfigur, der Mann erzählt aus seinem wirklichen Leben. Es ist Joachim Meyerhoff, Schauspieler (jahrelang Wiener Burgtherater, heute Berliner Schaubühne) und Schriftsteller (fünf preisgekrönte Bücher). In seinem Vorwort schreibt er: „Natürlich wusste ich, dass ein Lebensfaden jederzeit reißen kann. Dennoch möchte ich davon erzählen, wie es ist, wenn die Selbstverständlichkeit der Existenz von einem Moment zum anderen abhanden kommt.... Und nebenbei ist das Schreiben eine gute Übung für meine linke Hand, deren Finger noch zittrig sind.“

    Wie Meyerhoff davon erzählt, ist beeindruckend: über die Schreckensmomente, die wirren Gedanken, die kleinen Rettungsanker, die er wirft, indem er sich an schöne Momente aus der Vergangenheit erinnert. Es ist ein Drama, eine Tragödie, die ihm da widerfahren ist und die er mit allen Sinnen erspürt und durchlebt, die seinen Körper zum Fremdkörper macht und seine Emotionen immer wieder durchschüttelt. Dabei wird das Komische und das Entlarvende, das das dramtische Geschehen begleitet, pointiert eingesetzt. Die Meyerhoff'sche Tragikomik ist etwas ganz Besonderes.
    Das Drama beginnt vor anderthalb Jahren, als Meyerhoff mit seiner älteren Tochter am Küchentisch sitzt. Ihm wird plötzlich schwindling, die linke Körperseite erschlafft. Er kann sich nicht mehr auf dem Stuhl halten. Die 18jährige Tochter ruft den Rettungswagen, kümmert sich um alles. Berührend, wie couragiert die Tochter schnelle Hilfe einfordert, während ihr Vater im Rettungswagen zusammensinkt. „Ich habe mich ständig vergewissert, ob die Backe schon hängt“. Im Krankenhaus dann die Erklärung, wienerisch verbrämt: „A Schlagerl, das a bisserl bamstig (müde) macht“. Meyerhoff: „Schlaganfall. Mich hatte der Schlag getroffen... Ich hasste das Wort jetzt schon.“

    Während der Patient tagtäglich ein bisschen mehr stabilisiert wird, fliegen und fließen die Gedanken, die Erinnerungen: an Mutter, Bruder, die beiden älteren Töchter, Sophie, seine zweite Frau, den gemeinsamen kleinen Sohn. Schöne, tröstliche Erlebnisse, die Mut machen, aber auch düstere Zukunftsfragen drängen sich auf: Werde ich jemals wieder auf der Bühne stehen können? Trage ich auch Schuld, weil ich mich ständig verausgabt habe? Als ihn die elfjährige Tochter am Telefon fragt: „ Stirbst du, Papa?, muss er mit den Tränen kämpfen. Beim Lesen rutschen ihm die Wörter weg, die Sätze gleiten ins Abseits, das Sprechen ist mühsam. Als Sprechübung bastelt er sich einen Zungenbrecher: „Den zartbesaiteten Zampano zerlegt im Zenit eine Zäsur, zum Zeitvertreib zupft Zwangsotimismus Zukunftsmusik, Zielvorgabe: zeitlebens Zeitlupe und Zwiebelsuppe.“ Zwischendurch erfreut Meyerhoff den Leser mit der scharfen und ungeschönten Beobachtung der Menschen und des Geschehens um ihn herum. Das ältere „Panzerpaar“ mit „betonierter Weltanschauung“, das den kranken Sohn im Nachbarbett besucht und so drangsaliert, dass der Mann später in die Kissen weint. Oder die neuropychologischen Tests, die demütig machen: „Na, ja insgesamt war das jetzt nicht so optimal“, meint die Ärztin, „vielleicht sind es auch Dezfizite, die Sie ihr Leben lang mit sich herumschleppen und die jetzt durch den Schlag ins Bewusstsein rücken...“ Solche Sätze kann man nicht so einfach wegschieben.
    Doch unter keinen Umständen will Meyerhoff zulassen, dass der Schlaganfall „mich sprachlos macht“. Meine Gedanken und meine Sprache soll er nicht haben...“
    Hat er auch nicht, wie das neue Buch belegt. Nach zehn Tagen Krankenhaus wird Meyerhoff entlassen. Er geht mit der Erkenntnis, „dass ihm das Schicksalhafte des Schlaganfalls das Selbstverständnis geraubt hat, dass die Dinge gut ausgehen würden.“ Der Leser teilt seine Gedanken und nimmt sie sehr persönlich.
    Aufatmen, dass noch einmal alles gut gegangen ist! Und so sitzt nach der Entlassung aus dem Krankenhaus Meyerhoff draußen auf einem Mäuerchen und schreibt, noch mit einem Brummen im Kopf und mit ungelenken Fingern, bereits wieder in sein laptop: „,Es dauerte, aber dann war die Überschrift fertig: „Hamster im hinteren Stromgebiet“.

    Dazu, zu den titelgebenden Hamstern, muss natürlich noch etwas gesagt werden. Meyerhoff hatte sich zwischendurch unerlaubt aus dem Krankenhaus entfernt, war auf seinen gummierten Rutschesocken ausgebüxt, durch den Notausgang des Hospitals ins Freie gelangt, hatte freihändig die Straße gequert und war auf der naßkalten Wiese gestürzt. Um ihn herum krabbelten die wilden Hamster aus ihren Laubhaufen, mümmelten Gras und schauten ihn an. Neun Hamster hatte er gezählt und sich in einer anderen Welt gewähnt...