Robert Seethaler: Das Feld, Hanser

„Auf der Bank unter der krummen Birke saß der Mann bis die Sonne hinter der Friedhofsmauer unterging. Er breitete die Arme aus, als wollte er den Flecken Erde vor sich abmessen, dann ließ er sie sinken. Er sog noch einmal die Luft ein. Sie roch nach feuchter Erde und Holunderblüten. Dann stand er auf und ging.“
Robert Seethalers neuer Roman schildert das Drama von Leben, Liebe, Sehnsucht, Enttäuschung und Tod in einer Kleinstadt. Paulstadt, heißt sie. 29 Bewohner von Paulstadt skizzieren post mortem ein Porträt dieser Stadt, erzählen nach ihrem Tod von ihrem Leben in Paulstadt, manchmal einen kuzen Abschnitt, manchmal eine spektakuläre Begebenheit, und machmal sprechen sie über das Ende, wie sie dem Tod begegnet sind. Sie alle liegen begraben auf dem „Feld“, dem alten Teil des Paulstädter Friedhofs, früher die Brache eines Viehbauern, übersät mit Steinen und Butterblumen.
Der alte Mann, der fast täglich auf der Bank unter der Birke sitzt, führt uns an diesen stillen Ort. Hier denkt er über die Toten nach, von denen er viele noch gekannt hat. Und er meint sie reden zu hören, so deutlich wie Vogelgezwitscher. Auch glaubt er zu wissen, worüber sie sprechen. Über ihr Leben. Er denkt, dass der Mensch vielleicht erst dann endgültig über sein Leben urteilen kann, wenn er es hinter sich gebracht hat. So wie die drei Menschen, die das Paulstädter Freizeitzentrum, ein ambitioniertes Vorhaben der Stadt, unter seinen Trümmern begräbt, als es zusammen kracht. So wie der Pfarrer, der den Brand in seiner Kirche selbst gelegt hat und der im Feuer umkommt. So wie Karl, ein Bauer, der sich an dem Sumpfland, „das nichts taugte“ abrackerte, nach dem Verkauf an die Stadt keinen Schlaf mehr findet und schließlich auseinander bricht wie „ein Klumpen trockener Erde.“
29 Monologe, Erinnerungen, Enttäuschungen, Bilanzen, Beichten – eine Frau beschreibt ihre offenbar bitteren Erfahrungen unter den Paulstädtern mit einem Wort: „Idioten“.
Die posthume Sicht auf eine Menschenexistenz, eingebettet in eine Friedhofs-Rahmenhandlung, beschrieben auf lakonische Weise, mal distanzierter, mal intimer, immer das Bedeutsame, das Essentielle herausarbeitend – so werden Seethalers Monologe der Toten zu Botschaften für die Lebenden.

 

 

Gabriel Tallent: Mein Ein und Alles, Penguin

Julia, 14, genannt Turtle, ist eine Heldin, die man so schnell nicht vergessen wird. Sie wächst weltabgeschieden in den nordkalifornischen Wäldern auf, streift durch die Natur, kennt sich aus mit Pflanzen und Tieren. Hier fühlt sie sich sicher und geborgen, Zuhause, das ist Gefängnis.

Turtle lebt nach dem Tod der Mutter mit dem Vater in einem herunter gekommenen Haus. Zum Frühstück gibt es rohe Eier, dann bringt der Vater sie zum Schulbus. Doch bevor Turtle richtig lesen kann, weiß sie, wie man schießt und eine Waffe reinigt. Das übt sie täglich.

Martin, ein Einzelgänger, philosophisch gebildet und belesen, zugleich brutal und psychisch schwer gestört, quält seine Tochter, schlägt und missbraucht sie, um ihr im nächsten Moment zu sagen, dass er sie über alles liebt. Turtle ist sein Besitz, mein „Ein und Alles“ wie er betont. Oder er nennt sie „Krümel“. Turtle kämpft ums Überleben, aber wehrt sich nie gegen den Vater. Sie ist so zerrissen, aber auch stark. Und trotz allem liebt sie ihren Vater.

„ So kann man kein Kind aufziehen“, sagt Grandpa, der im Wohnwagen auf dem Grundstück lebt. Er streitet mit dem Vater, kippt vom Stuhl, stirbt nach einem Schlaganfall. Er wird Turtle nicht mehr helfen können.

Dass es ein ganz anderes Leben für sie geben könnte, erfährt Turtle erst, als sie Jacob kennen lernt. Aber, wie soll sie sich von ihrem Vater, der sie zu zerstören droht, befreien?
Gabriel Tallents explosiver und hoch spannender Debutroman schockiert, wühlt auf. Inständig hofft man, dass Turtle diesen Wahnsinn überleben und eine neue Chance fürs Leben bekommen wird.
Zwei Zitate dazu: „Ein Buch wie ein Gewittersturm, so faszinierend wie gefährlich“, schrieb „The Minneapolis Star-Tribune“. Und Stephen King urteilte: „Der Begriff 'Meisterwerk' wird zu häufig benutzt, doch 'Mein Ein und Alles' ist ohne jeden Zweifel eines.“

 

Dörte Hansen: Mittagsstunde, Penguin

„Er konnte tausendmal der Typ mit Einserexamen sein, mit summa cum in seiner Doktorarbeit, er fühlte sich noch immer wie der Schwindler mit der gefälschten vita, der nicht da war, wo er hingehörte. Ingwer Feddersen aus Brinkebüll, der sein geerbtes Leben ausgeschlagen hatte. Nein gesagt zu einem Gasthof auf der Geest, Nein zu den 15 Hektar Land, zu Haus und Hof... Nein zu Frau und Kindern. Aber wozu hatte er denn Ja gesagt? Wenn Brinkebüll verkehrt war und die Kieler Wohngemeinschaft auch, was war dann richtig? Er hatte sich ein Leben selbst gebaut... und jetzt merkte er, wie schief es war. Es passte nichts zusammen. Er musste noch mal ran.“
Dr. Ingwer Feddersen, Dozent für Archäologie an der Uni Kiel, ist die Hauptfigur in Dörte Hansens neuem Roman, der in dem fiktiven norddeutschen Dorf Brinkebüll spielt. Die Autorin erzählt von diesem Dorf und seinen Menschen mit großem Einfühlungsvermögen, mit Genauigkeit und Detailwissen, mit Wärme, Humor und Anschaulichkeit. Dörte Hansen ist in dieser Gegend aufgewachsen. Sie kennt sich aus mit dem Land, mit den Leuten. Sie weiß, dass die alte bäuerliche Welt verschwindet, dass ein Zeitalter zu Ende geht: „Das Dorf ist der Mikrokosmos, den ich unter meine Lupe nehme.“ Und die Menschen, die über Generationen ihre Traditionen gelebt haben und die nun erfahren, dass die Welt, ihre Welt, „ünner geiht“, sind ihr nahe, ihr Denken und Handeln vertraut. So wird auch viel Platt gesprochen in diesem besonderen, norddeutschen Heimatroman, der an den Erfolg von „Altes Land“ (2015 der meistverkaufte deutschsprachige Roman) anknüpft.
Ingwer ist der Sohn der leicht verrückten Gastwirtstochter Marret, die als 17 jährige von einem der Ingenieure, die in Brinkebüll die Flurbereinigung planen, geschwängert wird. Mit der Flurbereinigung kommt die neue Zeit nach Brinkebüll, Asphalt statt der Sandwege, große Flächen statt kleiner Äcker. Auch die alten Chausseebäume fallen, immerhin kann Dorflehrer Steensen (er unterrichtete neun Jahrgänge in einer Klasse) noch die Hünengräber retten. Ingwer wird von Sönke und Ella aufgezogen, die er Mudder und Vadder nennt. Er ist verwurzelt in diesem Dorf, hilft Sönke und Ella auch noch nach seiner Studienzeit, wenn am Wochenende ein Fest in dem verstaubten Gasthof gefeiert wird, nimmt schließlich sogar eine Aus-Zeit von der Uni, um die Alten zu pflegen. Ella ist dement, Sönke kann sich kaum noch bewegen. Eindringlich und mitfühlend sind die Alltagsszenen im Brinkebüller Gasthof beschrieben. Ingwer liebt die beiden, und er fühlt sich auch schuldig. Zitat: “ Er hatte Gasthof Feddersen auf dem Gewissen. Sönkes Lebenswerk, sein Erbe. Dass es hier jetzt so schäbig ausssah, hoffnungslos, der große Saal so abgetakelt, lag an ihm. Er wäre dran gewesen und war abgehauen.“
Seit 25 Jahren lebt Ingwer in Kiel in einer Dreier-WG, zusammen mit Ragnhild, Architektin aus reichem Hause und dem Lebenskünstler Claudius. Aber, er weiß ja inzwischen, dass das nicht das richtige Leben für ihn ist. Und das Dorf, das Land, das „zerschrammte Altmoränenland“ kommt auch ohne ihn zurecht, trotz allen Wandels. Die alte Ordnung in Brinkebüll ist längst nicht mehr angesagt. Früher sackte um die „Mittagsstunde“ das Dorf „wie ein betäubtes Tier zusammen“. Jetzt gibt es nur noch ein paar Sesshafte, und der alte Gasthof verwandelt sich in Bonanza.
“Zeitalter fingen an und endeten, so einfach war das. Für einen, der als Archäologe vom Fach war, hatte er erstaunlich lange gebraucht, das zu kapieren.“ Ingwer Feddersen muss noch mal ran – ans Leben.

Tom Rachman: Die Gesichter, dtv

„Ein Maler bist du nicht, und du wirst auch nie einer werden...“ Als der Sohn dem berühmten Vater seine ersten Arbeiten präsentiert, hört er dieses vernichtende, niederschmetternde Urteil. Es wird sein Leben für immer verändern. Von klein auf hat Pinch den Vater bewundert, hängt an seinen Lippen, bettelt um seine Gunst, will sein Wohlwollen, seine Anerkennung. Doch im Leben des großen Bear Bavinsky ist kein Platz für die Gefühle eines heranwachsenden Jungen. Neben ihm, dem von der Kunst-Welt umschmeichelten Maler-Genie, kann keiner bestehen. Keines seiner Kinder, keine seiner Frauen, kein anderer Maler. Pinchs Mutter nennt Bear die „arme, alte Natty“, nachdem er aus dem gemeinsamen Pariser Atelier ausgezogen ist. Picasso bezeichnet er gern als Dreckskerl und Renoir, zum Beispiel, spricht er jegliches Talent ab...
Der Mensch Bavinsky ist ein Kotzbrocken, arrogant, rücksichtslos, egozentrisch.

Großartig, wie der kanadische Autor Tom Rachman diese Vater-Sohn- Geschichte angelegt hat und dabei die Mechanismen der Kunst-Welt aufzeigt. Wie er den selbstgefälligen Vater porträtiert, wie er den Sohn beschreibt, der immer wieder schmerzliche Erfahrungen machen muss, um seine Rolle im Leben zu finden. Fortwährend bemüht sich Pinch um den Vater, arrangiert sich. Er ist der Lieblingssohn! Und wie er dann Pinch eine kühne Entscheidung treffen lässt! Zu einem Zeitpunkt – Pinch ist inzwischen Italienisch-Lehrer in London - als der schon fast vergessen hatte, dass auch er, der Sohn des legendären Bavinsky, einmal Großes schaffen wollte.
Der gealterte Bear hatte seinem Sohn das Verprechen abgenommen, seine Bilder nach seinem Tod nur an Museen zu verkaufen. Nur Pinch weiß, wo der Nachlass des Vaters lagert, nur er hat die Schlüssel. Pinch verwaltet des Erbe auf besondere Art. Zur posthumen Ausstellung 'Bear Bavinsky: Die Gesichter' hat Pinch seine 16 Halbgeschwister eingeladen. Zitat: „ … an den Wänden das sind sie. Keine Schenkel oder Hälse unbekannter Frauen, sonders Bears Familie, jedes Mitglied dargestellt in einem eigenen Porträt, die Gesichter voller Schmerz und Verwirrung, vor Jahren gemalt, schauen sie aus dem Bild, als sähen sie den Maler direkt an... Jedem vergrößerten Gesicht ist das Leid anzumerken, das Bear verschuldet hat. Diese Bildreihe ist eine späte Botschaft von ihrem Vater: Wider allen Anschein hat er sie nie vergessen; und er wusste, wie sehr er sie verletzt hatte. Diese Bilder sind sichtbar gewordenes Bedauern...“

Pinch hat endlich die Rolle seines Lebens gefunden, die Regie übernommen und entscheidende Korrekturen vorgenommen. Nie mehr wird er zum Vater aufblicken und auf Anweisung warten – wie er es seit seinem fünften Lebenjahr gemacht hat. Tom Rachman hat eine faszinierende Geschichte geschrieben: über eine exzentrische Vater-Sohn-Beziehung und über das Streben nach Anerkennung im Leben wie in der Kunst. Von der ersten Seite an liebt man seinen Helden Pinch, leidet mit ihm, möchte ihn aufbauen und trösten, und ist schließlich sehr stolz auf ihn...

Arno Camenisch: Der letzte Schnee, Engeler

Ein Winter in den Bündner Bergen. Was tun, wenn der Schnee ausbleibt – und mit ihm die Gäste. Der Paul und der Georg stehen an ihrem alten Skilift. Keine moderne Gondel, sondern ein ratternder «Schlepper», Baujahr 1971, der – von den beiden sorgsam gewartet - seinen Dienst zuverlässig verrichtet und Bügel für Bügel hinauf- und wieder hinunterschafft. Die meisten Bügel bleiben allerdings unbesetzt.

Eine Situation wie das „Warten auf Godot“, auf alpine Art eben. In dem Theaterstück von Beckett heißen die Protagonisten, die an einer Landstraße vergeblich auf einen Unbekannten mit Namen Godot warten, Estragon und Wladimir. Hier am Hüttli, am Schlepper sind es der Paul und der Georg, die vergeblich auf Kundschaft warten, mal ist Montag (sehr ungünstig), mal Nebel, mal ist die Vorsaison schuld, meist aber der Schnee, der ausbleibt.
Das Hüttli ist aufgesperrt, der Tee getrunken, die Billette sortiert (grüne für die Kinder, blaue für die Erwachsenen, rosarote für die Pensionäre), das «Schurnal» liegt aufgeschlagen, da werden die Gästezahlen notiert – immer wieder haben die alten Männer auf die Uhr geschaut und das Wetter betrachtet. «Wir sind am Nabel der Welt», bestätigen die beiden sich, und das stimmt, philosophisch betrachtet. Der Autor hat den alten Schlepplift als Metapher für den Gang der Welt gewählt. Für den Wandel der Zeit, das Ende, das Verschwinden, von einem Tal und Menschen, die übrig bleiben und abgehängt werden wie die alten Bügel vom Lift. Es sind 99 Seiten über eine Welt, die langsam verschwindet und die wir dann schmerzlich vermissen werden.

Arno Camenisch ist einer der bekanntesten zeitgenössischen Autoren der Schweiz. Seine Geschichten aus einem kleinen Bündner Dorf, in einer bildstarken Sprache, angereichert mit Wortschöpfungen in Bündnerdialekt und Rätoromanisch, schwanken zwischen Tragik und Komik. Zitat: „Der Georg wischt mit dem Ärmel seiner Skijacke über die Tafel vor dem Hüttli und richtet die Tafel auf. Ich habe fast weinen müssen heute morgen, sagt der Paul, als ich zum Fenster rausgeschaut habe. Copfertelli, ist das schön hier, wenn alles verschneit ist...“
Man könnte dem Georg und dem Paul stundenlang zuhören, denn während sie auf Skifahrer warten und das Hüttli und den Schlepper in Gang halten, erzählen sie sich wunderbare Geschichten aus dem Tal. Und mit diesen Erinnerungen halten sie ihren Alltag fest, bewahren ihn und trotzen der Veränderung. „Was einem bleibt, ist, zu erzählen, wie es mal war», sagt der Paul. Und so reden sie über das Glück und die Liebe im Leben, über das Unglück und den Tod, von den Vorfahren, von der Herkunft. Und von den komischen Situationen, die sie mit manchen Skigästen erlebt haben. Als könnte man so die in ihren Augen falsche Entwicklung der Welt aufhalten und die Zeit auf Stillstand stellen.
Wie lange noch wird das gut gehen? Gerade noch hat der Paul gesagt: „Der Godo kommt nicht“. Die beiden kennen sich schließlich aus. Auch mit Beckett. Doch dann wird der Strom abgestellt. Der „Schleppi“ rattert nicht mehr. Hat man sie vergessen? Zitat: „Die Wolken haben den Himmel eingedeckt. Sie stehen vor ihrem Hüttli und schauen in die Ferne, wie der Nebel das Tal erreicht und das Tal allmählich im Nebel verschwindet.“

  

Janet Lewis: Die Frau, die liebte, dtv

Einer der berühmtesten Rechtsfälle Frankreichs, ein Stoff aus dem 16. Jahrhundert, eine Tragödie zwischen Mann und Frau, ist neu zu entdecken. Als deutsche Erstausgabe ist jetzt „Die Frau, die liebte“ erschienen. Die amerikanische Autorin Janet Lewis (1899-1998) hat in ihrem 134-Seiten-Buch einen historischen Justizfall aufgegriffen und dabei die Figur der Bertrande, Ehefrau des Martin Guerre, in den Mittelpunkt gestellt. Lewis Buch erschien 1941, ein fulminanter Auftakt zu ihrer Trilogie um strittige Rechtsfälle. Nun liegt es erstmals in deutsch vor, von der Berliner Autorin Judith Hermann im Nachwort als „wagemutiges, letztlich wildes Buch“ beschrieben. Janet Lewis habe ihrer „zarten, französischen Heldin aus dem 16. Jahrhundert ein hartes, ernsthaftes und tapferes Gemüt aus dem amerikanischen Mittleren Westen zugeschrieben...“

Janet Lewis schildert das Geschehen in dem kleinen Dorf in der Gascogne und das großbäuerliche Umfeld aus Bertrandes Sicht. Sie tut das mit klarer, kraftvoller Sprache, psychologischer Tiefe und detailreichen Schilderungen des Alltags, der menschlichen Beziehungen, der Landschaft.

Bertrande war mit Martin Guerre schon als Kind vermählt worden – als ein Zeichen der Verbundenheit, mit der eine Jahrzehnte lange Fehde zwischen zwei Großbauern endlich beendet worden war. Die Hochzeit fand 1539 im Dorf Artigues statt. Die erste Zeit auf dem Hof war glücklich gewesen, ein Sohn wurde geboren. Martin geht, als es Streit mit dem Vater gibt. Der älteste Guerre gilt, so lange er lebt, als uneingeschränktes Oberhaupt der Familie. Die Regeln des Patriarchen werden streng gehandhabt.
Bertrande ist 30, als Martin nach acht Jahren zurück auf den Hof kommt. Sie ist wie von Sinnen vor Glück, der Sohn weicht dem Vater nicht von der Seite, das Gut blüht auf, der Familienclan wieder vereint. Der jähzornige Martin von damals ist freundlich geworden, liebevoll, einfühlsam. Misstrauen schleicht sich ein, ist das wirklich ihr Mann? Oder ist ein Betrüger ins Haus gekommen, dem sie sich aus Sehnsucht und Begehren hingegeben hat. Haben ihre Gefühle sie blind gemacht, dass sie den falschen Mann liebt und schwanger von ihm ist? Als sie ihre ersten Zweifel äußert, wird Bertrande als krank, als verrückt angesehen. Doch sie kann nicht mehr zurück, zu groß sind Ungewissheit und Schuldgefühle. Bertrande entfesselt eine richterliche Untersuchung – und eine Tragödie. Vor dem Richtertisch hört sie Martin Guerre mit „äußerster Kälte„ zu ihr sprechen. „Trocknen Sie Ihre Tränen, Madame. Sie können und werden mich nicht zu Mitleid erweichen... denn Sie kannten mich besser als jeder andere Mensch. Der Irrtum, dem Sie sich ergeben haben, kann nur durch willentliche Blindheit entstanden sein...“

Mariana Leky: Was man von hier aus sehen kann, Dumont

„Erzähl es niemandem weiter“, sagte Selma leise zu mir, „aber ich fürchte, ich habe von einem Okapi geträumt... Selma und das Okapi standen im Traum auf der Uhlbeck, dem Eulenwald, ganz still. Das Okapi hatte den Kopf zum Wald hin gedreht, Selma stand einige Schritte abseits. Sie trug das Nachthemd, in dem sie in Wirklichkeit gerade schlief.“

Selma spricht zu ihrer zehnjährigen Enkelin Luise. Schon dreimal hat Selma, die eine große Ähnlichkeit mit Rudi Carrell hat, von einem Okapi, einer Waldgiraffe, die im Regenwald in Zentralafrika lebt und als stark gefährdet gilt, geträumt und dreimal ist danach innerhalb von 24 Stunden jemand aus ihrem Westerwälder Dorf gestorben. Wen es trifft, weiß niemand im voraus.

Die Dörfler wappnen sich auch diesmal, wollen den Tod von sich ablenken und huschen mit hochgeschlagenem Mantelkragen in Elsbeths Haus. Elsbeth weiß Mittel gegen Warzen, die Gicht, querliegende ungeborene Kälber und ausbleibende Liebe. Aber gegen den Tod?

Dieses besondere Porträt eines Dorfes und seiner Menschen, geprägt von Liebessehnsucht und Todesangst, erzählt von den Stunden, in dem sich die Dorfbewohner vor dem Tod fürchten, darüber, was sie dann plötzlich gestehen, was sie wagen. Auch in der Liebe, die hier immerzu Widerstände und Widrigkeiten zu überwinden hat. Alles hängt auf wundersame Weise zusammen.

Luise, inzwischen 22 und beim Buchhändler in der nahen Kreisstadt in der Lehre, hat Frederik getroffen. Ein buddhistischer Mönch bei einer Geh-Meditation auf der Uhlbek – wo sonst das Okapi zur Traumzeit grast. Frederik kommt aus Hessen, lebt aber inzwischen in einem Kloster in Japan. Luise will ihn fest halten. Kein guter Ausgangspunkt für eine Liebe...

Ein hinreißendes Buch mit vielen Facetten: Witzig und amüsant, zartfühlend und innig, tiefsinnig und ein bisschen exotisch und verschroben – so wie man es in Wirklichkeit tatsächlich gern hätte.

 

Yasmina Reza: Babylon, Hanser

„Was für eine jämmerliche Bilanz...Ich bin wie der Tannenbaum in 'Andersens Märchen'. Der will unbedingt etwas Lebendigeres, Aufregenderes erleben...“ Das ist wohl der Grund, weshalb Elisabeth, eine 62jährige Pariser Patent-Ingenieurin, eine unamouröse Freundschaft mit dem Nachbarn von oben, dem Pensionär Jean-Lino, begonnen hat. „Dann und wann gingen wir gemeinsam spazieren oder tranken bei Gelegenheit einen Kaffee an der Ecke. Für mich war er der sanftmütigste Mensch der Welt.“ Um ihren Alltag ein bisschen aufzupeppen, entschließt sich Elisabeth dann auch spontan, ihre Freunde zu einer Frühlingsparty einzuladen. Elisabeths Ehe mit Pierre ist ziemlich langweilig, ihr Job ebenfalls spannungsarm. Zu der Party für ihre gutbürgerlichen Freunde – das Milieu, das die Autorin in all ihren Texten bevorzugt und das sie so brillant zu entlarven versteht – sind auch die Nachbarn von oben eingeladen. Jean-Lino und seine etwas schrille Ehefrau Lydie, eine New-Age-Therapeutin, die in der Freizeit gern als Sängerin in Nachtlokalen auftritt. Auf der Party kommt es zu einem grotesk-komischen Zwischenfall. Lydie beharrt darauf zu erfahren, ob die Hühnchen vom Büffet aus ökologischer Aufzucht sind, ob sie auf Wiesen scharren und in Bäumen sitzen durften, bevor sie hier aufgetischt wurden. Sie wird fast hysterisch, worauf ihr entnervter Mann sie mit seiner Darbietung eines gackernden und flatternden Huhnes ein bisschen lächerlich macht. Eine Albernheit, die dann Stunden später Reza-typisch in Lydies Schlafzimmer eskaliert: Jean-Lino erwürgt seine Frau. Und klingelt bei Elisabeth und Pierre. Von Elisabeth erhofft er Hilfe, um Lydie aus dem Haus zu schaffen. Er hat Fahrstuhl-Angst. Ob Elisabeth die Leiche im Koffer nach unten fahren könnte... Und Elisabeth, der damit endlich etwas Aufregendes im Leben widerfährt, hilft ihm. Elisabeth trägt Kunstpelz-Pantoffeln, einen karierten Schlafanzug und hat eine Nährmaske im Gesicht, als sie vor dem Fahrstuhl steht: „Ich fuhr hinunter, allein mit einer Leiche. Keinerlei Panik. Ich fand mich irrsinnig toll...“ Was danach passiert, ist im schnellen Wechsel sehr komisch, abgründig und tiefernst, teilt sich in glänzend-bizarren Dialogen mit. Wie cool die beiden reagieren, Jean-Lino hat seine Frau ermordet, aber er sorgt sich mehr um seinen kranken Kater. Moralische Bedenken? So gut wie keine. „Niemand seziert das zeitgenössische Bürgertum so gnadenlos wie Yasmina Reza. Niemand ist so brillant und auch routiniert darin, unter dem Leben all der Journalisten, Anwälte und Wissenschaftler ein Feuer zu legen, das ihre wohltemperierte Welt in die Luft jagt..." urteilte Ursula März (Deutschlandfunk).

 

Hans-Ulrich Treichel: Tagesanbruch – Suhrkamp

Ein kleines (87 Seiten) und dennoch großes Buch: Hans-Ulrich Treichel erzählt auf meisterliche Art, intensiv, behutsam und berührend von einer Mutter, die am Totenbett ihres an Krebs gestorbenen Sohnes ihr Lebensgeheimnis preisgibt. Endlich bricht sie – zumindest vor sich selbst – ihr Schweigen und berichtet in einem inneren Monolog von Schmerz, Scham und Verlust. Von diesem einschneidenden Erlebnis, das ihr und ihrem kriegsversehrten Ehemann damals auf der Flucht im Januar 1945 widerfahren ist. Das Wichtigste schreibt es auf, füllt ein paar Seiten in einem Spiralblock. Denn, „man muss nicht alles bereden. Schon gar nicht mit dem eigenen Kind, dessen Kopf auf meiner Brust liegt und dessen Stirn ich spüre. Es gibt Dinge, die verschweigt man sogar den Toten.“

Es ist ihre letzte gemeinsame Stunde mit dem Sohn, bevor es draußen hell wird, der Tag anbricht und die erste Drossel singt. Gleich wird sie den Arzt benachrichtigen. Doch vorher erzählt sie, zuerst von der Nachkriegszeit. „Nach dem Krieg haben wir uns keine Geschenke mehr gemacht, was hätten wir uns noch schenken sollen. Uns ist ja das Leben geschenkt worden...“ Dann von den harten Jahren des Wiederaufbaus, von dem Textilgeschäft, mit dem sie ihrem Mann geholfen hat, von ihrer Buchhaltung auf dem Tisch im ungeheizten Wohnzimmer. Von dem Klavier, das sie für Johannes angeschafft haben, überhaupt von ihren Hoffnungen in den Jungen, der als KInd schon Klavierspieler-Hände hatte und später ein Akademischer Rat wurde. Sie hat Johannes fast ein Jahr lang gepflegt. Und ganz zuletzt – draußen singt bereits der Zaunkönig – erzählt sie von dem Ereignis, das ihr Leben und das ihres Mann aus dem Gleichgewicht gebracht hat. Es hat sie zusammengeschweißt, und gleichzeitig sind sie sich auf schmerzliche Weise fremd geworden. „Wir haben es beide gespürt und nie darüber gesprochen. Weder damals noch später. Man kann nicht alles aussprechen“... Ein bewegender Monolog, Erinnerung und Bilanz zugleich. Im „Stern“ war darüber zu lesen: „Eine dichte Erzählung über all das, was in der Kriegsgeneration ungesagt blieb."

 

Dmitrij Kapitelman: Das Lächeln meines unsichtbaren Vaters, Hanser Berlin

Leonid Kapitelman ist fast 60, hat den ersten Teil seines Lebens in Kiew zugebracht und den zweiten in seinem Laden in Leipzig, wo er Russische Spezialitäten, Krimsekt, Kaviar und Pelmeni verkauft. Sein Sohn Dmitrij 1986 in Kiew geboren, kam im Alter von acht Jahren als »Kontingentflüchtling« mit seiner Familie nach Berlin, heute ist er Journalist, Autor und auch Musiker. Seinen mal total griesgrämigen, mal überspannt euphorischen Vater hat er oft nicht verstanden – bis beide beschließen, zusammen nach Israel zu reisen, ihre jüdischen Wurzeln zu erkunden. Daraus ist ein wunderbarer, authentischer Text entstanden – auch als Liebeserklärung vom Sohn an den Vater zu sehen: intelligent, sehr witzig, manchmal schnoddrig. "Brillant wie politisch scharfsichtig formuliert" meinte die Süddeutsche Zeitung. Und die bekannte Schriftstellerin Lily Brett schrieb – das ist auf der Rückseite des Buches nachzulesen: „Dieses Buch handelt von dem schmerzlichen und unheimlich komischen Versuch, einen Vater zu verstehen, der nirgends richtig hingehört – und einen eigenen Platz in der Welt zu finden. Seine Geschichte von Liebe und Entwurzelung in all ihren Formen ist etwas, das jedem von uns im Herzen vertraut ist.“
Man kann dieses Buch lesen als Roman, als Reisegeschichte oder als literarische Reportage, auf jeden Fall ist es etwas ganz Eigenes – und sehr aufrichtig, Dmitrij Kapitelman schreibt nur über das, was sich tatsächlich ereignet hat.

So lange her, schon gar nicht mehr wahr – von Franziska Gerstenberg, Schöffling & Co

„Für die tief berührenden“ Erzählungen ihres neuen Buches hat Franziska Gerstenberg vor kurzem den Sächsischen Literaturpreis 2016 erhalten. Die Jury befand, die Autorin stelle mit sozialkritisch geschärftem Blick existenzielle Hauptfragen der Gesellschaft in einer ebenso dichten wie präzisen Sprache“... Dem kann man nur zustimmen, man liest die acht Erzählungen und spürt, wie sie unter die Haut gehen, wie sie nachhallen und wie sehr man sich wünscht, dass Mick zum Beispiel es schafft, ein neues Leben mit Inga aufzubauen. Aber er kriegt seine Wut, die immer wieder unkontrolliert aus ihm hervorbricht, nicht in den Griff, und seine Arbeit und seine Kollegen machen es ihm auch wirklich schwer. Auch Harald, der immer helfen will. Und Inga wünscht sich ein Sofa, für das er kein Geld hat. Gerstenberg packt den Leser so, dass der am liebsten eingreifen möchte: „Mick, lass das doch mit dem Sofa...“ Aber natürlich hält man den tragischen Lauf nicht auf. Mick scheitert, wie die meisten Figuren in Gerstenbergs Erzählungen. Was tun wir nicht alles, um Glück und Geborgenheit zu finden und fest zu halten?
Wie schön, dass man dann in der titelgebenden Geschichte auf Sonja trifft. Sonjas Ehe bröckelt, zerbricht dann, aber Sonja macht nun endlich ihren Führerschein. Ein Horrorrtrip, diese Fahrstunden, aber endlich steht das erste eigene Auto auf der Straße. Doch Sonja fährt nicht, sie hat schon Panik, wenn sie nur daran denkt, die Kupplung bedienen zu müssen. Bis sie sich endlich traut, zur Werkstatt zu fahren, um die Scheibenwischer austauschen zu lassen. Der junge Automechaniker hilft ihr mit dem Auto. Und aus Sonja bricht es plötzlich heraus: „Bitte kümmere dich um Ölstand und den TÜV, bitte heirate mich und sag mir, dass ich in Ordnung bin...“
Der junge Mann antwortet: „Heiraten ist ein prima Sache, aber wollen wir nicht erst mal eine Cola trinken gehen...“ Also, ein verblüffendes happy end – über das auch der Leser glücklich ist.

Vom Ende der Einsamkeit – von Benedict Wells, Diogenes

München, 1980. Eine fünfköpfige, ganz normale Familie mit französischen Wurzeln. Der Erzähler Jules ist zu dieser Zeit noch ein unbeschwerter Junge, sein Bruder Marty entwickelt sich bereits recht kauzig und Liz, die älteste, ist schon als Mädchen ein kleiner Star. Als ihre Eltern bei einem Autounfall sterben, kommen die drei in ein Internat, gehen dort aber ihre eigenen Wege und entfremden sich zusehends.

Jules wird zu einem introvertierten und verträumten Einzelgänger, der sich in seinen Traumwelten, am wohlsten fühlt. Ava wird seine Freundin, er fühlt sich in ihrer Gegenwart geborgen, aber auch unsicher. Ein Missverständnis bringt die beiden nach der Schulzeit auseinander. Erst Jahre später kommen sie zusammen. Unter sehr besonderen Umständen. Ava hat einen Mann geheiratet, der das ist, wovon Jules immer geträumt hat: ein großer, bewunderter Schriftsteller. Die Geschichte der drei Geschwister beinhaltet t auch eine große wunderbare Liebesgeschichte. Vom Ende der Einsamkeit ist ein melancholisches, nachdenkliches Buch, vielschichtiges und tiefsinniges Buch. Es ist ein Buch wie ein guter Freund, voller Wärme und Verständnis. Ich zitiere den WDR, Christine Westermann: „Es ist ein Buch wie ein Kinofilm, voller Leben, Leiden, Hoffnung, Verzweiflung, Lachen, Weinen. Ein stilles Vergnügen. Voller Gefühl, aber nicht überladen, auch  fröhlich, aber nie laut. Traurig, aber mit einem Silberstreif am Horizont.“

Weit über das Land – von Peter Stamm, S. Fischer

Peter Stamm, der bekannte und sehr geschätzte Schweizer Autor, hat ein neues Buch vorgelegt: eine Geschichte des Verlassens und Verschwindens, die Geschichte vom Thomas und Astrid. Nach der Rückkehr aus dem Urlaub mit ihren beiden Kindern, sitzen sie auf der Gartenbank, trinken ein Glas Wein. Alles scheint in Ordnung. Als der kleine Konrad mit weinerlichen Stimme nach der Mutter ruft, verschwindet Astrid im oberen Stockwerk und Thomas verlässt das Haus, geht Richtung Wald. Er hat das alles nicht geplant, aber er geht und geht die ganze Nacht hindurch, umgeht die Dörfer, versteckt sich und wandert durch ein fast menschenleeres, schroffes Hinterland. Er beginnt ein neues nomadenhaftes Leben und wird erst 20 Jahre später wieder vor der Tür des Familienhauses stehen. Inzwischen ist er zum Großvater geworden, ohne es zu wissen. Er steigt die Außentreppe hoch – und "plötzlich war sich Astrid sicher: Wie sie hatte er gewartet auf diesen Moment, diesen kurzen Augenblick des Glücks, in dem er die Hand auf die Türklinke legen und sie herunterdrücken würde..."
Man bleibt ein wenig ratlos zurück, der Roman ist sprachlich hervorragend, glatt geschliffene detailgetreue Prosa, aber es bleiben auf allen Seiten so viele Fragen unbeantwortet. Warum dieses Verschwinden und Verstecken? Empfand Thomas die Normalität als Gefängnis, die Schrecken der Kleinfamilie mit ererbtem Haus und seinen sicheren Job als Buchhalter als so bedrückend, dass er aus seiner bürgerlichen Identität fliehen musste? Oder hat er nur einen Kindheitstraum literarisch verarbeitet? Es war nachzulesen, dass er als kleiner Junge schon spekuliert habe, was wäre, wenn ich jetzt einfach verschwinden würde.... Vielleicht verleiten uns die vielen offenen Fragen auch zu völlig neuen Gedanken...

Celeste Ng: Was ich euch nicht erzählte – dtv

Es ist der 3. Mai 1977, wir sind in einer Kleinstadt in Ohio. Als die 16jährige Lydia Lee morgens nicht zum Frühstück erscheint, ahnt man, dass etwas Furchtbares passiert ist. Wo ist sie? Lydia, das strebsame, intelligente Mädchen mit guten Schulnoten, das Lieblingskind ihrer Eltern, mit dem sie doch noch so viel vorhaben und um die sich ständig sorgen. Hat sie Freunde? Ist sie integriert? Ihr Vater fragt täglich nach ihren Kontakten, ihren Einladungen. So sehr bemühen sie sich um ihre Tochter, dass sie ihre beiden anderen Kinder Hannah und Nathan schon fast emotional vernachlässigen.

James Lee ist chinesischer Einwanderer der zweiten Generation, und seine eigenen Erinnerungen an Kindheit und Schulzeit sind immer noch übermächtig. James glaubte, endlich in der amerikanischen Gesellschaft angekommen zu sein, damals, als er als junger Wissenschaftler und Uni-Dozent, Marilyn heiratete, die amerikanische Medizinstudentin. Ein Irrglauben. Bereits an der Reaktion seiner Schwiegermutter auf dem Standesamt hätte er ableiten können, dass die größeren Konflikte noch bevor stehen. Und jetzt mit jeder Minute, die Lydia verschwunden bleibt, werden sie auch deutlich, werden nämlich nach und nach aus der Verdrängung ans Licht befördert.

Celeste Ng (Ing gesprochen), amerikanische Autorin mit chinesischen Wurzeln, macht das auf höchstspannende Art in einer klaren Sprache. Die Verheerungen, die Eltern ihren Kindern und einander antun können, werden Seite um Seite aufgeblättert, und die Verzweiflung und Sprachlosigkeit der Familie gehen unter die Haut. Wie bemüht der Vater ist, sich seiner Umgebung anzupassen und wie alle anderen zu sein. Wie sich die Mutter Marilyn von ihren Träumen verabschiedet und ihre unheilvolle Erwartungshaltung gegenüber ihrer Tochter aufbaut. Wie die Tochter versucht, ihren eigenen Weg zu finden, ohne dabei die Eltern zu verletzen.
Und alles was wirklich wichtig und ehrlich wäre, bleibt ungesagt. Das kann nur böse enden. Ein eindringliches Familienporträt, ein Debüt, für das die Autorin mehrere Preise bekam, das in 20 Sprachen übersetzt wurde (erscheint in Deutschland am 27. Mai) und das verfilmt werden wird.

Was aber ist wirklich mit Lydia geschehen? Warum schweigt der Junge, der sie vermutlich als letzter gesehen hat? Und vor allem: Was ging wirklich in Lydias Kopf vor? Der Leser erfährt es, es schmerzt ihn. Man könnte heulen. Am 4. Mai 1977 meldet die Polizei, dass Lydias Leiche im See gefunden wurde...

Der Mann, der das Glück bringt – von C. D. Florescu, C.H. Beck

Catalin Dorian Florescu kam als 15jähriger mit seinen Eltern als rumänischer Flüchtling in den Westen und lebt seitdem in Zürich. Als Schriftsteller ist er geprägt von einem brillanten Erzählfluss und von osteuropäischer Exotik.
Sein neues Buch öffnet die Türen zu zwei Welten, es führt zurück in das alte Rumänien, in ein winziges Dorf im Donaudelta, und es konfrontiert uns mit einem New York im Aufbruch, einer Stadt voller Armut und Elend. Denn wir befinden uns in beiden Welten immer im harten, entbehrungsreichen Leben der kleinen Leute, im Überlebenskampf. Über zwei Generationen hinweg laufen die Erzählstränge parallel, die Romanfiguren begegnen sich nie – das gelingt erst ihren Enkeln Ray und Elena in einer schicksalshaften Nacht in New York. Und das Erzählen, das der Autor zu virtuos beherrscht, wird so zum Zweck und Ziel: Es bringt die beiden zusammen,denn sie tauschen ihre Geschichten aus und die Geschichten ihrer Eltern und ihrer Großeltern. So entwirft Florescu ein Panorama zweier Welten, die gegensätzlicher nicht sein könnten und schickt uns dabei auf eine
100jährige Zeitreise.
Das Jahrhundert zwischen 1899 und 2001 wird uns durch die Romanfiguren aus drei Generationen so nahe gebracht, „dass die Erlebniswelten von Enkeln und Großeltern verschmelzen“.
Ray und Elena, die Enkel-Generation treffen in New York zufällig zusammen. Sie, die Fischerstochter aus dem Donaudelta besucht ein kleines Theater, er agiert auf der Kleinkunstbühne und ist „der Mann, der das Glück bringt“. Ein sehr fesselndes, kraftvolles Buch, mit dem man Zeit und Ort vergessen kann. Es hat wirklich Sogwirkung. Im Spiegel konnte man lesen:
„Gerührt, erschöpft und gebannt von den anmutigen und abenteuerlichen Erzählungen aus dem Schilfdschungel des Donaudeltas und den Straßenschluchten New Yorks legt man dieses Buch aus der Hand...“ Genau so ist es.

Löwen wecken – von Ayelet Gundar- Goshen, Kein und Aber

Es sei ein Roman wie ein Donnerhall - hieß es über Ayelet Gundar-Goshens ersten Roman "Eine Nacht, Markowitz". Das Debüt der jungen Israelin wird zurzeit von der BBC verfilmt. Inzwischen ist ihr zweiter Roman erschienen: "Löwen wecken" - eine hervorragende, gut geschriebene und aufregende Geschichte.

Der Neurochirurg Etan Grien ist von seiner Frau Liat mit sanfter Energie gezwungen worden, mit ihr in die rasch wachsende Wüstenstadt Be’er Scheva zu ziehen, wo an windigen Tagen buchstäblich alles von Wüstensand bedeckt ist. Sie ist eine enorm tüchtige Polizistin; die beiden haben zwei kleine Söhne. Liat hat ihm als Belohnung für den Umzug einen schönen, stabilen, deutschen Jeep versprochen, mit dem er nachts Rallyes in der Wüste fahren könnte. Über den Wüstenwind Chamsin, der in Israel weht, heißt es übrigens, er habe Auswirkungen auf die menschliche Seele, und es gebe Chancen auf Freispruch, wenn man während des Chamsin einen Mord begehe.

Eines Nachts, nach einem anstrengenden Kliniktag, fährt Etan tatsächlich in die Wüste, er spürt den Fahrtwind, sieht den Sternenhimmel und er ist glücklich. Doch dann überfährt er versehentlich einen Mann aus Eritrea, einen illegalen Einwanderer, der dort in der Dunkelheit am Rand der Straße auf irgendetwas oder irgendwen gewartet hat.
Dem Mann - das kann der Arzt beurteilen - ist nicht mehr zu helfen. Etan entscheidet, den Mann sterbend am Straßenrand liegen zu lassen. Am nächsten Tag steht eine schwarze Frau vor seiner Haustür, gibt ihm sein Portemonnaie zurück, das er beim Aussteigen verloren hat und stellt eine Forderung.
Eine unheilvolle Spannung macht sich breit. Man weiß als Leser, aus dieser Falle kommt Etan nicht mehr raus. Die Frau des getöteten Eritrears will, dass Etan in einer leerstehenden Tankstelle am Rande Wüste die ärztliche Versorgung der illegalen Einwanderer übernimmt. Etan hat keine Wahl. Er gerät unter höllischen Druck, denn seine ehrgeizige und kluge Ehefrau ermittelt in dem Fall des toten Mannes. Etan kann ihr nicht sagen, was er angerichtet hat, weil er fürchtet, dann alles zu verlieren, was er liebt. Weil er nicht der wunderbare Mann ist, für den sie ihn gehalten hat. Und so bangt und hofft man Seite für Seite, dass Etan es irgendwie schafft, man wird zum heimlichen Verbündeten. Und man erinnert sich an den Anfang des Buches, an Etans moralische Empörung, als er feststellen muss, dass sein hochverehrter Professor und Mentor sich ohne irgendwelche Skrupel korrumpieren lässt. Seine Frau hat ihm damals in Jerusalem abgeraten, den Professor anzuzeigen. Daraufhin ging die Familie nach Be'er Scheva.