Nino Haratischwili: Die Katze und der General, Frankfurter Verlagsanstalt

„Wenn sie nicht fortginge, wenn sie nicht diesen Bergen, diesem Fluss entkäme, dieser Natur, die so trügerisch schön war... würde auch sie eines Tages wie die alten Frauen auf dem Marktplatz enden, mit einem Wolltuch um den Kopf, mit auf dem Schoß zusammen gefalteten Händen, mit gelben, klebrigen Augen, und mit galligen Worten, die den Mund giftig machten..“. Statt dessen träumt das Mädchen Nura davon, berühmt zu werden wie ein Telenovela-Star, sie „will die Sonne ihres eigenen Planetensystems werden“. Nura ist 17, als 1994 im ersten Tschetschenien-Krieg eine russische Einheit in das einsame Tal im Kaukasus verlegt wird. Befehligt wird sie von dem ewig betrunkenen Oberst Schujew. Nuras Tragödie beginnt, als sie an einen russischen Soldaten Hühner und Eier verkauft.
Nino Haratischwili, gebürtige Georgierin mit Wohnsitz in Hamburg, erzählt in vielen Vor- und Rückblenden und aus wechselnden Perspektiven ihrer Figuren eine hochspannende, thrillerartige Geschichte von Gewalt, Krieg, Schuld und Sühne und der Sehnsucht nach Frieden und Erlösung. Es ist ein opulentes Buch, ein überbordendes Buch mit seinen 764 Seiten – aber man sollte sich darauf einlassen, auf den General, die Katze und die Krähe.
Alexander Orlow gehört zu denen, die Nuras Tod in dem tschetschenischen Dorf miterlebt haben. Damals war er ein weichherziger junger Mann, ein Schöngeist, vernarrt in Bücher. Nur auf Drängen seiner Mutter hat er sich auf eine Ausbildung an der Militärakademie eingelassen. Sein Vater war ein Kriegsheld, sein Erbe verpflichte, hat ihm diese strenge Frau eingehämmert.
Alexander hat nach dem Krieg ein neues Leben begonnen, stieg auf im Immobiliengeschäft, inzwischen ist er ein russischer Oligarch, von allen wird er „der General“ genannt. Doch die Erinnerungen an das grausame Erlebnis im Krieg lassen ihn nicht los. Als seine geliebte Tochter an ihm zweifelt, fasst er den Plan für ein tödliches Spiel: Er will die Männer von damals ausfindig machen und ein Urteil über sie fällen. Zitat: „Nun war er mächtig genug, brauchte keine Gerichte und keine Staatsanwälte, keine Richter und keine Zeugen mehr, er war jetzt sein eigenes Gericht. All das, was damals versäumt wurde, hatte er nun selbst in der Hand. Aus jetziger Sicht erschien es ihm nahezu kindlich naiv, dass er sich einmal an die Illusion von Gerechtigkeit geklammert hatte.“
Um seinen Plan durchzuführen und die Verbrecher von damals zu schocken, braucht der General „die Katze“, eine junge Frau, die dem Mädchen Nura verblüffend ähnlich sieht. Die Katze, so genannt, weil sie als Kind geschickt Wände hoch klettern konnte, ist vor dem Tschetschenien-Krieg mit ihrer Familie nach Deutschland gekommen. Inzwischen Schauspielerin, hofft die Katze auf die große Rolle. Sie zögert zuerst, das Angebot des „Generals“ anzunehmen, doch das Geld, das er ihr bietet, kann ihre Familie vor dem Ruin retten. Später dann macht Katze, die selbst vom Krieg in Georgien traumatisiert ist, den Racheplan zu ihrer eigenen Sache und nimmt dabei immer mehr die Identität der jungen Frau an, deren Rolle sie spielen soll. Zitat: „Nura würde wissen, was zu tun war. Es durften keine Falschen mehr sterben. Aber wer waren denn die Richtigen für den Tod?“
Die Krähe, der große, unheilbringende schwarze Vogel taucht schon in den Geschichten der alten Tschetschenen auf. Wohl deshalb ist „Krähe“ der Spitzname der dritten Hauptperson. Es ist der deutsche investigative Journalist Onno Bender. Er will die Geschichte des „Generals“ schreiben, bisher war er erfolglos, doch als er dessen Tochter Ada kennen lernt, nutzt er die neue Chance.
Soviel zu Schuld, Sühne und Racheplan. Interessiert hat die Autorin beim Schreiben vor allem eins: „Was passiert, wenn man Menschen in rechtsfreie Räume schickt? Was ist da möglich? Was sind das für Mechanismen? Sind alle Menschen gleich? Kann jeder potenziell zu einem Mörder werden? Kann jeder all das tun, was sie da in Tschetschenien getan haben? Darüber hinaus nimmt Nino Haratischwili uns mit in ein nahezu unbekanntes Land, und sie zeigt die große Orientierungslosigkeit nach dem Zerfall der Sowjetunion und benennt die schwierige Lebenswelt der Menschen. Die schildert sie mit allen Details, macht Entscheidungen nachvollziehbar, lässt uns eintauchen in den Alltag und die seelischen Befindlichkeiten. Sowohl in den tschetschenischen Bergen wie auch in Deutschland, wo viele postsowjetische Aussiedler ein neues Leben beginnen. Und auch das macht den Roman lesenswert.

Adriana Altaras: Die jüdische Souffleuse, KIepenheuer& Witsch

„Hinter der Bühne herrscht die reinste Panik. Die Regieassistentin ist hellgrün im Gesicht. Man habe Susanne aus dem Souffleurkasten geholt, sie habe, als es besonders still war, zu schluchzen angefangen, immer lauter, schließlich habe sie gar nicht mehr souffliert, sondern nur noch geschluchzt... „
Adriana, die Regisseurin und Ich-Erzählerin, muss einspringen, sie ist die einzige (außer der Souffleuse), die die Mozart-Oper „Entführung aus dem Serail“ auswendig kennt, auch weil sie immer mitsingt. Adriana Altaras, die an Opern – und Schauspielhäusern inszeniert und mehrere Bücher geschrieben hat (2017: „Das Meer und ich waren im besten Alter“), gewährt einen Blick hinter die Kulissen eines Provinztheater und erzählt zugleich eine ergreifende Geschichte, die völlig absurd klingt. Adriana trifft bei der Inszenierung der Mozart-Oper auf Susanne, genannt Sissele. Das heißt, Sissele, eine Frau um die 60, mit blond-grauen Locken verfolgt sie, sie hat Adrianas Bücher gelesen und ist überzeugt davon, dass nur sie ihr helfen kann, ihre Verwandten aufzuspüren, die nach Krieg und Nazi-Verfolgung, irgendwo in der Welt verstreut , vielleicht noch leben. „Ich weiß, dass sie Jüdin sind, Sie werden mich verstehen“ sagt sie.
Adriana Altaras liebt es zu inszenieren. Sie schreibt von den Momenten des Glücks, den kurzen und unberschreiblichen. „Wenn man auf der Bühne etwas erschaffen hat, was es so noch nicht gegeben hat und „einen Abend zu fliegen glaubt, weil plötzlich alles stimmt.“ Aber sie erzählt auch von den Abgründen, die man erlebt, und den Opfern, die ihr abverlangt werden. „Wenn das Ensemble zerstritten ist, die Intendantin Alkoholikerin, der ehrgeizige Dirrigent nicht anwesend, der Diva zur Premiere die Stimme wegbricht, die Zusschauer einschlafen und der Kritiker die Premiere verreißt. Davon kann man sich wochenlang nicht erholen...“ Das alles schildert sie mit großem Witz und viel Wärme, und ihr mitreißendes Buch wird zu einer tragikomischen Opern-Inzenierung in mehreren Akten, niedergeschrieben auf 200 Seiten. Denn als die hartnäckige Sissele Adriana so weit hat, dass beide zu einer längeren Autofahrt aufbrechen und auf Spurensuche gehen, setzen sich die Absurditäten fort. „Sissele ist mit Abstand die erstaunlichste Person, die ich je getroffen habe und von ihrer Lebensgeschichte werde ich mich lange nicht erholen können“, begreift Adriana. Die beiden haben auf ihrer abenteuerlichen Reise keine neue Spur gefunden. Sissele hat fast aufgegeben, Adriana inszeniert inzwischen „Anna Karenina“. Sie telefoniert mit ihrem guten Freund Robbi, der in Israel lebt. Und plötzlich geschieht etwas Unglaubliches, eine Familienzusammenführung, die nach Dichtung klingt, aber Wahrheit ist. Eine unvergessliche, tröstliche Geschichte, Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart.

Celeste Ng: Kleine Feuer überall, dtv

Bereits ihr erster Roman „Was ich Euch nicht erzählte“ , das grandiose Psychogramm einer Familie, die an ihrer Sprachlosigkeit zugrunde geht, hat international begeistert. Und nun ein zweiter, ebenso eindringlicher, vielschichtiger Familienroman, in den USA längst ein Bestseller.

Wir befinden uns in Shaker Heights, dem Nobel-Vorort von Cleveland, Ohio. Hier ist alles wohltuend geregelt, alles wohltemperiert, nach außen hin hundertprozentig heile Welt. Elena Richardson und ihre Familie passen perfekt hierher. Elenas Mann ist Anwalt, sie schreibt Kolumnen für die Lokalzeitung, die halbwüchsigen Kinder scheinen wohlgeraten, sieht man von Isabel mal ab. Die Jüngste ist immer verquer, hitzig und wild, eckt ständig an.

Elenas kontrollierte Weltsicht gerät durcheinander, als Mia Warren und ihre Tochter Pearl in Shaker Heights auftauchen. Elena vermietet der alleinerziehenden Mutter eine Wohnung im früheren Haus ihrer Eltern, und sehr schnell werden Kontakte geknüpft. Pearl findet man fast täglich im luxuriösen Wohnzimmer der Richardsons, sie schwärmt von der Familie als handele es sich um eine Fernsehserie. Sohn Moody wird ihr bester Freund; zu Trip fühlt sie sich hingezogen.
Isabel dagegen blüht in Mia Warrens Gegenwart auf. Gleich nach der Schule taucht sie im kleinen Haus in der Winslow Road auf und weicht Mia nicht von der Seite. Eine geradezu magische Anziehung zwischen beiden Familien entsteht. Wohl auch, weil sie so grundverschieden sind. Bei den Richardsond alles geregelt, geplant und voraussehbar, bei Mia und Pearl alles spontan und mit ungewisser Zukunft.
Mia bringt sich und Pearl mit wechselnden Jobs durch. Keiner ahnt, dass sie eine hochkarätige Künstlerin ist, sie fotografiert– komponiert, collagiert, inszeniert eigenwillige Fotos – manchmal überlässt sie einer großen Galerie ein Foto zum Verkauf. Was ist ihr Lebensgeheimnis?

Als Elena Mias Vergangenheit ausgräbt und aus ihrer Recherche auch noch falsche Schlüsse zieht, löst sie dramatische Reaktionen aus. „Manchmal muss man alles abbrennen und von vorn anfangen. Nach dem Brand ist die Erde fruchtbarer, und Neues kann wachsen. Genauso ist das bei den Menschen...“ hat Mia Isabel erklärt. Und Elena hat immer gewusst, dass Leidenschaft so gefährlich ist wie Feuer. Nun steht sie im Bademantel und Tennisschuhen vor ihrem brennenden Haus...

Kent Haruf: Lied der Weite, Diogenes

„In dem alten Haus saßen die beiden Brüder und das schwangere Mädchen am Küchentisch. Es war still. Man hörte nur den Wind und das Geräusch der heiß werdenden Suppe. 'Wir haben uns Sorgen gemacht' , sagte Raymonde. Er saß neben ihr am Tisch und schaute sie an...“ Schauplatz dieses großartigen Romans ist die fiktive Kleinstadt Holt im USA-Bundesstaat Colorado – so wie in allen sechs Romanen des amerikanischen Autors Kent Haruf (1943 -2014).
Victoria, 17 und schwanger, ist von ihrer herzlosen Mutter vor die Tür gesetzt worden. Bei den McPherons, zwei alten Viehzüchtern, die auf einem einsamen Gehöft leben, findet sie Zuflucht. Die beiden sind ältere Junggesellen. Sie verstehen etwas von Färsen und Kälbern und Pferden. Aber nichts von jungen Mädchen und von schwangeren schon erst recht nicht. Zuerst sind alle drei ziemlich sprachlos, die kantigen Brüder verlegen, das Mädchen bedrückt. Die schüchterne Annäherung der drei gehört zu den anrührendsten Buchszenen.
Wir lernen weitere Bewohner aus Holt und der umgebenden Prairie kennen, die beiden kleinen Jungs Ike und Bobby, deren depressive Mutter die Familie verlassen will. Maggie, die Lehrerin, die sich um Victoria kümmert , eine einsame alte Frau – und ein paar gewalttätige, brutale Typen, die die häßliche Seite des Lebens verkörpern.
Wir erleben ihren Alltag, die ländliche Tristesse, die Herausforderungen, die ungelösten Probleme, die Fehlentscheidungen, stecken bald mitten drin in ihrem Leben, das so dahin geht zwischen Ereignislosigeit, Liebessehnsucht und Gewalt.
Haruf erzählt davon sehr präzise und lapidar – und zart zugleich, wenn in kleinen Gesten und mit wenigen Worten Menschlichkeit, Freundlichkeit und Zuwendung aufkommen. Das macht das Besondere dieses Buches aus: es nimmt einen emotional mit, es berührt, man duckt sich, wenn zugeschlagen wird, an anderer Stelle möchte man vor Freude weinen.
„Lied der Weite“, ein frühes Werk von Haruf, wurde 1999 in den USA ein Besteller, in Deutschland gilt es als Neuentdeckung. Berühmt wurde Haruf mit seinem letzten Roman, der erst 2015 – ein Jahr nach seinem Tod - veröffentlicht wurde. "Unsere Seelen bei Nacht" erzählt die wunderbare Geschichte einer späten Liebe. Sollte man ebenfalls lesen!
Schließen wir mit der schönen Einschätzung von Bernhard Schlink: »Das kleine Leben in einer kleinen Stadt in den Great Plains – Kent Haruf nimmt uns mit, wohin wir nie wollten, und bald wollen wir von dort nicht mehr weg. Er lässt uns im Kleinen dem Großen, im Flüchtigen dem Bleibenden und in den Schwächen der Menschen der Kraft der Liebe begegnen. Für mich ist er einer der großen amerikanischen Schriftsteller.«

Magriet de Moor: Von Vögeln und Menschen, Hanser

„Tätliche Auseinandersetzung. Raserei nach dem ersten Erkennensblick. In Sommerkleidung gehen die beiden aufeinander zu. Klazien in einer Bluse mit lila Blumen , die andere, die sie durch das Pressluftgehämmer hindurch mit hohen Kopftönen beschimpft und auch als erste zuschlägt, in Jeans und weißem T-Shirt...“ Ihr Leben lang hat Marie Lina eine tiefe Wut in sich gespürt, hat Rachegedanken im Herzen getragen. In diesem Augenblick steigt alles in ihr auf, entlädt sich. Schreiend beginnt die jüngere auf die ältere einzuschlagen, bis diese in die Baugrube vor dem Amsterdamer Hauptbahnhof stürzt und zu Tode kommt.
Marie Lina trieb die Wut über das Unrecht, das ihrer Mutter angetan wurde und das die Familie zerstörte. Sie war 9 Jahre alt, als ihre Mutter zu Hause abgeholt und von der Polizei abgeführt wurde. Nie hat sie verstanden, warum ihre Mutter gestanden hat, den alten Mijnher Mesdag erdrosselt zu haben. Sie war Altenpflegerin in dem Seniorenheim, versorgte den 90jährigen. Die beiden mochten sich. Abgesehen von den nachlässigen Ermittlungen der Polizei – wieso hat ihre Mutter einen Mord gestanden, ohne ihn begangen zu haben, warum verdrängte sie einen Hinweis, der auf die Spur der wahren Mörderin geführt hätte. Den Mord beging die Frau, die Marie Lina in die Baugrube gestürzt hat.
Der Kreis hat sich geschlossen: Eine Frau begeht einen Mord. Eine zweite gesteht ihn, ohne ihn begangen zu haben – und eine dritte ermordet aus Rache die wahre Mörderin.
Auch Marie Lina muss ins Gefängnis, kommt aber nach ein paar Jahren seelisch unbeschadet wieder zurück in ihren Alltag, zu ihrem Mann, zu ihrem Sohn. Sie ist glücklich verheiratet mit Rinus, einem Vogelvertreiber am Flughafen Schiphol. Marie Lina ist Rinus' große Liebe. „ Jetzt dauert es nicht mehr lange, meine kleine Frau, mein Vogelmädchen, bis du zurückkommst in das einzige Leben, das für Dich und mich zählt, das normale Leben. Je normaler, umso wunderbarer, je alltäglicher, umso prachtvoller...“ schreibt er ihr kurz vor ihrer Entlassung aus dem Gefängnis. Rinus, der Vogelvertreiber, ist zuständig für die riesigen Flächen neben den Start- und Landebahnen des Flughafens. Immer wieder kreuzen Lerchen, Bussarde, Stieglitze, Eulen, Gänse und Brachvögel, die Flugbahn, immer wieder geraten sie in die Triebwerke der Flugzeuge.

Die niederländische Autorin Magriet de Moor – eine internationale Erfolgsschriftstellerin, die bisher mehr als ein Dutzend Romane und Erzählungen veröffentlicht hat –  ist eine raffinierte Erzählerin, die Spannung aufbauen und halten kann. Sie lässt uns teilhaben an den seelischen Befindlichkeiten dreier starker Frauen, schildert intensiv, liebevoll und menschenfreundlich die Folgen der Geschehnisse, die ihr Leben verändern. Mord und Totschlag wirken nicht monströs, eher wie Fehlhandlungen. Vor allem hinterfragt sie, warum man einen Mord gesteht, den man nicht begangen hat. Louise Bergmann, Marie Linas Mutter, wurde Tag und Nacht verhört, sie unterschreibt schließlich ein Geständnis, um endlich in Ruhe gelassen zu werden und schlafen zu können. Ihr Widerruf vor Gericht am nächsten Tag wird als nicht sachdienlich abgeschmettert.
Louise verbüßt ihre Strafe, kämpft um ihre Rehabilitierung. Nach Louise Tod nimmt ihre traumatisierte Tochter die Verfolgung der wahren Mörderin auf. Spürt ihren Wohnort auf und lässt sie nicht mehr aus den Augen... Bis sich die beiden zufällig vor der Baugrube am Amsterdamer Hauptbahnhof begegnen.
Magriet de Moor endet tröstlich und versöhnlich: mit einer Familienidylle im Garten der Schwiegereltern: Großeltern, Kinder, Schwiegertöchter und Enkel haben sich versammelt. Marie Lina ist wieder dabei, ebenso Schwägerin Hortense, eine karibische Schönheit. Sie wartet auf ihren Mann Willem, der nach langen Aussteiger-Jahren in Südamerika endlich zurück erwartet wird. Wenig später wird ein Taxi vorfahren.

Florian Huber: Hinter den Türen warten die Gespenster, Berlin Verlag

„Ich danke Ihnen, liebe Herr Huber, dass Sie diesem Thema ihr ganzes Augenmerk und unendlich viel Zeit geschenkt haben, um ein Gesamtbild dieser schlimmen und verworrenen Nachkriegszeit aus dem Dunkel ans Licht zu führen und auch den jüngeren Generationen dieses nahe zu bringen“ schrieb Leserin Gerborg Meyer, nachdem sie das „Psychogramm der traumatisierten deutschen Familie in der Nachkriegszeit“ (Der Spiegel) gelesen hatte. Wer zu den nachfolgenden Generationen gehört, kann Leserin Meyer nur beipflichten. Florian Huber erhellt und durchleuchtet so manches, was Betroffene in ihrer Kindheit in den 50er Jahren erlebten, aber nicht verstanden, was sie ängstigte oder verstörte.
Nach dem Zusammenbruch des »Dritten Reiches« gab es nur einen Ort, der Halt und Geborgenheit versprach: die Familie. Sie erwies sich als der einzige Wert, der den Nationalsozialismus weitgehend unversehrt überdauert hatte. Eines aber konnte die Familie nicht - sie konnte nicht jene Widersprüche und Konflikte aussperren, die im ersten Nachkriegsjahrzehnt die Gesellschaft begleiteten.
Historiker Florian Huber hat Tagebuchaufzeichnungen, Briefe und andere Zeitzeugnisse aus der Nachkriegszeit in Deutschland ausgewertet. Die Geschichten all dieser Wehrmachtssoldaten, Kriegerwitwen, Spätheimkehrer und Nachkriegskinder ergeben ein erschütterndes Gesamtbild der 50er Jahre und liefern den Schlüssel zum Verständnis einer Epoche. Huber in einem Interview: „In fast allen Familien herrschte das ungeschriebene Gesetz des Schweigens. Die Männer wollten nichts von ihren schrecklichen Erlebnissen oder ihrer Schuld preisgeben, die Frauen ließen alles, auch um ihrer eigenen Ruhe willen, auf sich beruhen. Die Kinder spürten zwar, dass da etwas im Verborgenen schwelte, aber sie trauten sich nicht, gegen die dicken Mauern anzurennen. So nahm das Ungesagte und Ungehörte seinen eigenen Weg: in Reizbarkeit, Strenge und Aufsässigkeit, in Andeutungen und Missverständnissen, in den berüchtigten Familiengeheimnissen. Vielfach hat das dazu geführt, dass man sich kaum gekannt hat, obwohl man jeden Tag am gleichen Tisch saß.“ Eindringliche Lese-Erlebnisse sind das – vom Schweigen, vom Hassen, vom Lieben, immer mit dramatischen Auswirkungen. Die Geschichte des Seemannes Wolfgang, der in einem englischen Kriegsgefangenenlager in der Wüste landet und von seiner Familie auf Norderney träumt. Von Berta, die auf die Rückkehr ihres verschollenen Gusti wartet und über ihr Nachkriegsleben mit dem kleinen Sohn, der seinen Vater nie gesehen hat, täglich berichtet. Für Gusti füllt sie ein immer dicker werdendes Heft. Von dem siebenjährigen wissbegierigen Theodor, der in Amberg die Welt um sich herum genau beobachtet und alles, was ihm wichtig erscheint, in Schönschrift in sein Schulheft notiert. Ihm entgeht nicht, wenn die Erwachsenen tuscheln und flüstern. Dann sperrte er seine Ohren besonders weit auf. Oder von Herrmann, der mit 37 als kranker Mann aus der Gefangenschaft heimkehrt und sich ein neues Lebensrezept gegen die Zumutungen des Alltags zurecht legt: Man muss sich selbst und allen anderen, auch der Familie, nur noch mit Härte begegnen... Die Botschaft der 320 Seiten: Die Enkel-Generationen sollten die „Gespenster“ ihrer Familien kennen und mit ihnen leben lernen. Florian Huber öffnet die Tür, weckt die Sinne. Danke!

Zsuzsa Bánk: Schlafen werden wir später, S. Fischer

6. Mai: „Liebste Márta...“, 13. Mai: „Liebste Jo...“ Die beiden Freundinnen Márta und Johanna sind seit Kindertagen innig miteinander verbunden, vertraut mit den gegenseitigen Schwächen, Stärken, Sehnsüchten und Ängsten. Márta, die Schriftstellerin, die mit Mann und drei Kindern in der Großstadt lebt und täglich darum kämpfen muss, ihre schriftstellerische Arbeit zu verteidigen, ihr Raum in ihrem prall gefüllten Alltag zu geben. Johanna, die Lehrerin, die kinderlos im Schwarzwald lebt. Sie hat ihre schwere Krankheit noch nicht überwunden und auch nicht den Verlust ihres Mannes, der sie verlassen hat.
Die beiden Frauen schicken sich, manchmal täglich, lange E-mails, lassen uns teilhaben an ihren Gedanken und Gefühlen, ihrer augenblicklichen Befindlichkeit, ihren spontanen Empfindungen, ihren Gedanken, ihren Fragen. „Was fangen wir noch an mit diesem Leben, jetzt, nachdem wir die halbe Strecke schon gegangen sind?“ Was macht das Leben eigentlich mit uns? fragen sie sich immer wieder. In ihren E-Mails legen die beiden lebensklugen, emphatischen Frauen ihr Innerstes bloß, aufrichtig, authentisch, ungeschönt, schnörkellos. Eine große Tiefe, Offenheit und Emotionalität macht diesen Austausch so besonders und diese Freundschaft so wunderbar.
Zuszsa Bánk, im Interview gefragt, was sie an der E-Mail- Form ihres neuen Romans gereizt habe, antwortete: „ So konnte ich private und intime Stimmen entwickeln wie sonst nie. Ich habe zwar auch davor in der Ich-Perspektive geschrieben, aber nun hatte ich gleich zwei Ich-Perspektiven. Schon lange wollte ich solch einen Roman schreiben. Einen Roman, der zwei so intime Einblicke erlaubt. Das große Leben erzählt aus zwei kleinen Blickwinkeln – das geht nur im Tagebuch oder Brief. Alltag wollte ich beschreiben. Und viel Alltag wird beschrieben. ..
Für mich war es also ein Aufbruch, eine Befreiung hin zu einem gewagteren Schreiben, bei dem alles erlaubt war. Ich musste es Johanna und Márta nur sagen lassen. Sie dürfen fluchen, sie dürfen Lautmalerei benutzen, Peng! und Zisch!, auch Wörter wie »bekloppt« und »Kotze« und »Pisse«, das war in meinen anderen Romanen undenkbar. Das geht nur mit wörtlicher Rede, hier gegossen in Briefform. Es hat mir Freude gemacht einmal so zu schreiben, einmal das Korsett der Sprache ablegen zu dürfen, mich in der Sprache auszutoben, Wörter zu erfinden, Wort-Aneinanderreihungen, Mischungen und Wiederholungen, Verszeilen aus Mártas Gedichten, Lyrik-Einsprengsel. Einen Code zu entwickeln, der die Freundinnen wie ein Gesang, ein gemeinsamer Kanon verbindet, auf unauflösliche Weise“.
„Schlafen werden wir später“ ist ein Buch über den unschätzbaren Wert der Freundschaft und ein Bekenntnis zum Leben, es nimmt wie eine tröstliche Umarmung gefangen. Schließlich stellt sich für jeden von uns auch die Frage aller Fragen. Immer wieder. Was hat dieses Leben eigentlich mit mir vor?
21. Juni: „Liebste Marti, Sommeranfang - draußen klammert sich ein dicker Mond an den Nachthimmel. Die Tannenspitzen hatten ihn versteckt, soeben haben sie ihn freigelassen“... Wir kümmern uns darum, unser Leben nicht auseinanderfallen zu lassen. All die Jahre haben wir uns um nichts anderes gekümmert. Marti, sieh nur, wir halten seine Fäden zusammen. Es geht, es läuft. Wir surren und atmen. Mit dem Sterben haben wir nicht einmal begonnen. ..Ich werde weiter zur Schule gehen und am Morgen meinen Klassenraum öffnen. Auch, wenn ich vielleicht lieber aufgeben, lieber alles einreißen möchte. Du schälst weiter Äpfel, schmierst weiter Pausenbrote für Deine Kinder. Schaust durch Dein beschlagenes Küchenfenster in eine bessere Welt. Irgendwo da draußen wird sie doch liegen. Schlaf gut, meine Schönste. Aber erst später, nicht jetzt. Johanna

Charlotte Salomon: Es ist mein ganzes Leben – von Margret Greiner, Knaus

„Sie war nicht von dieser Welt“, erinnert sich ein Zeitgenosse, der
Charlotte im Haus seiner Tante in Villefranche an der Cote d'Azur kennen gelernt hat.
Charlotte Salomon (1917-1943) ist mit ihren Großeltern vor dem Nazi-Terror ins Exil nach Südfrankreich geflüchtet. Eine reiche Amerikanerin, Ottilie Moore, hat in Villefranche ihre Villa jüdischen Freunden geöffnet. Charlotte ist 21, wurde in Berlin als Jüdin diskriminiert und von der Kunsthochschule gedrängt.
Charlotte denkt über ihr Leben nach. Nur, wenn sie alle Verstörungen noch einmal erlebt, auch die verdrängten ihrer Kindheit, kann sie sich befreien. Charlottes Mutter hat ihr Leben mit einem Sprung aus dem Fenster beendet, sind die Selbstmorde in der Familie eine unentrinnbare Schicksalsserie...? Werde auch ich mir irgendwann das Leben nehmen oder soll ich etwas ganz Verrückt-Besonderes unternehmen, fragt sie sich?
Charlotte Salomon ist keine Romanfigur. Charlotte Salomon, eine begabte Malerin, hat gelebt und wurde in Auschwitz ermordet. Autorin Margret Greiner, die sich immer wieder mit außergewöhnlichen Frauenfiguren beschäftigt hat, schildert das kurze, tragische Leben dieser jungen Künstlerin als erzählte Biografie und entlang ihrer künstlerischen Werke, ihrer gelebten Bilder. Das war ihr verrückt-besonderer Befreiungsschlag und gleichzeitig ihr Vermächtnis. Charlotte, die den Tod ihrer Mutter träumt.
Charlotte, die von ihrem Kindermädchen, liebevoll „Hase“ genannt, die Freude am Zeichnen lernt. Charlotte, die fasziniert ist von ihrer Stiefmutter, einer berühmten Sängerin, die sie bei einem Bühnenauftritt malt.
Charlotte, die sich in den Gesangspädagogen Amadeus Daberlohn verliebt, eine unglückliche Liebe. Charlotte Salomon arbeitet wie besessen und schafft in 18 Monaten über 1300 biographische Bilder, davon 770, die sie unter dem Titel „Leben? Oder Theater?“ bündelt.
Als die deutschen Truppen die Mittelmeerküste besetzen, werden Charlotte und ihr Mann, Alexander Nagler, verhaftet und nach Auschwitz deportiert. Charlotte, im fünften Monat schwanger, wird im Gas ermordet, ihr Mann stirbt an den Folgen der Zwangsarbeit.
Margret Greiner schildert Charlottes Leben (im Gedenkjahr 2017/100. Geburtstag) nach den historischen Fakten, atmosphärisch dicht, lebendig, bewegend –und setzt ihr damit ein Denkmal wie zuvor der französische Bestsellerautor David Foenkinos, der mit einer emotionalen Mischung von Tatsachen und Fiktion „Charlotte“ (bei DVA erschienen) einem großen Publikum vorstellte. Wer sich einmal von Charlottes Leben berührt fühlte, wird auch Margret Greiners Buch lesen wollen – und möchte auch Charlottes Bilder sehen. Die Website des Jüdischen Museums Amsterdam gibt einen Einblick.

Bodo Kirchhoff: Widerfahrnis – Frankfurter Verlagsanstalt

„Bodo Kirchhoff ist ein großer Erzähler. Ihm gelingt in diesem sprachlich virtuosen, menschlich berührenden Prosawerk die ganz unwahrscheinliche aber literarisch zwingende Verbindung einer melancholischen Liebesgeschichte mit der gar nicht romantischen europäischen Realität der Jetztzeit.“ So formulierte die Jury des Deutschen Buchpreises 2016, als Kirchhoff nominiert wurde.

Die melancholische Liebesgeschichte beginnt mit einem Klingeln an der Wohnungstür. Reither, der bis vor kurzem noch einen kleinen Verlag hatte, lebt nun in einem ruhigen Tal am Alpenrand. Es ist ein Abend im April, und als Reither öffnet, steht Leonie Palm vor ihm. Die Frau vom Lesekreis. Die beiden reden, trinken und rauchen und beschließen dann spontan, mit Leonies Cabrio Richtung der aufgehenden Sonne entgegen zu fahren. Die Widerfahrnis hat begonnen, der nächtliche Trip weitet sich aus, als sie den Po überqueren, halten sie sich bereits an den Händen, bevor sie auf die Fähre nach Sizilien übersetzen, hat sie das Glück erreicht. Beide hätten sich eine neue Liebe in diesem Leben nicht mehr vorstellen können. Weder die Frau, die früher mal ein Hutgeschäft hatte, noch der Verleger, der am Ende darunter litt, dass es so viele Schreibende, aber keine Leser mehr gab.

Aber dann, beim Abendessen auf die Piazza, widerfährt ihnen hautnah und erschreckend das, was in Europa zur Zeit Realität ist. Sie begegnen einem Flüchtlingsmädchen, kümmern sich, als es von der Polizei aufgegriffen werden soll. „Reither fuhr auf einem Abschnitt entlang am Meer... und im Innenspiegel sah er, wie das Mädchen die Apfelsine aß, Stück für Stück, bedächtig kauend, ein schönes Bild, und warum nicht auch künftig dieses Bild in der Nähe haben... Leonie, wir müssen uns Gedanken machen, was die Kleine will und wie das hier weiter geht, wo sind wir heute Abend, wo sind wir morgen“...

Es gibt kein happy End. So ist das wirkliche Leben nicht, und dann wäre das Buch auch nicht so grandios. („Ein literarisches Glanzstück“, schrieb das Hamburger Abendblatt). Doch als Reither die Rückfahrt nach Norden antritt, ist er dennoch nicht allein. Neben ihm sitzt Taylor, ein Fischer aus Nigeria, auf der Rückbank stillt eine junge Frau ihr Baby.

 

 

Diane Broeckhoven: Was ich noch weiß, C.H. Beck

In Diane Broeckhovens Roman geht es um Liebe, Verlust und Verrat in der Familie – und hier vor allem um die Verletzungen in einer komplizierten Mutter-Sohn Beziehung, auf die Mutter Manon und Sohn Peter kapitelweise abwechselnd zurückblicken. Durch diesen Wechsel offenbaren sich Verletzungen und Schmerz für den Leser auf beiden Seiten.
Der Vater hat die Familie damals verlassen, Manon, die beiden Schwestern Odette und Babette und den Sohn Peter. Peter war damals 14. Der Vater hat sich ein neues Leben aufgebaut mit seiner Geliebten, einer sehr viel jüngeren Frau, die ein Baby erwartet. Manon, damals 42, ist wie betäubt von diesem Schmerz. Sie sucht sich einen Job als Frühstücks-Bedienung in einem kleinen Hotel. Vom ersten Lohn kauft sie sich einen altmodischen Ohrensessel, mit rotem Stoff bezogen. Den liebt sie von allen Gegenständen in dem großen Familienhaus besonders.
Nach dem Tod ihrer Schwiegermutter gerät sie in eine kurzlebige Affäre mit ihrem Schwiegervater, der sie immer wieder bedrängt. Sohn Peter erfährt durch Zufall davon, verlässt Manon und zieht zu seinem Vater. Seitdem ist das Verhältnis zwischen Mutter und Sohn wie auf Eis gelegt. Am Tag von Peters Hochzeit, als er die Mutter zur Feier abholen will, findet er sie im Badezimmer, bewusstlos. Gehirnblutung. Peter sagt seinen Job, der ihn nach Japan führen sollte, ab und die Geschwister und auch der Vater, von dem sich die junge Geliebte längst getrennt hat, sorgen sich rührend. Manon kämpft sich, wieder versöhnt mit dem Sohn, langsam ins Leben zurück – und auch der Ohrensessel und anderes aus ihrem inzwischen aufgelösten Haushalt kehren zu ihr zurück, als sie wieder selbstständig in ihrer eigenen Wohnung leben kann. Der Sohn tritt – wenn auch verspätet – doch noch seinen Traumjob in Japan an.
Diane Broeckhoven ist ein warmherziger, einfühlsamer Familienroman gelungen, in dem die großen Lebensfragen gestellt und die Konflikte benannt werden.

Bevor ich jetzt gehe – von Paul Kalanithi, Knaus

Ein Buch, das einen emotional fordert: man hofft, man trauert, man weint  und bleibt nach 190 Seiten bewegt und ergriffen zurück, so als habe man einen guten Freund verloren. Paul Kalanithi ist keine Romanfigur, er ist ein echter Mensch, der erfährt, dass er Krebs im  Endstadium hat. Zudem ist er ein erfolgreicher Arzt, Neurochirurg. Sein Vermächtnis, die mutige Schilderung der letzten Phase seines Lebens, verändert nicht nur die Sicht auf Leben und Tod des Betroffenen und seiner Familie, es stellt die existentiellen Fragen auch an uns.  Es ist ein außergewöhnliches Buch mit einer universellen Botschaft und zudem ein sehr persönliches und wahrhaftiges Buch, denn das Schreiben wird  Paul Kalanithi zum Mittel,  sich von seiner Familie und den Freunden zu verabschieden: Er starb während der Arbeit an seinem Buch mit 37 Jahren an Lungenkrebs. Sein Kindheitstraum war es einmal gewesen, Schriftsteller zu werden, doch dann entschied er sich für den Beruf eines Neurochirurgen. Vor seinem Medizinstudium hatte er Englische Literatur, Biologie, Wissenschaftsgeschichte und Philosophie studiert. Damals, als er sich um- entschied, überlegte er: „... ich hätte Gelegenheit, Antworten zu finden, die nicht in Büchern stehen. Ich könnte eine andere Art von wertvoller Zwischenmenschlichkeit erfahren, nämlich in der Beziehung zu Kranken, und ich könnte mich weiter mit der Frage beschäftigen, was das Leben sinnvoll macht, auch angesichts von Tod und Hinfälligkeit.“.  Seine Frau Lucy schreibt in ihrem Nachwort: „Einen Großteil seines Lebens hat Paul über den Tod nachgedacht und sich gefragt, oh er ihm aufrecht gegenübertreten könnte. Die Antwort war am Ende: Ja...“  Pauls Vermächtnis brach in den USA bei Erscheinen alle Rekorde, das Buch  wurde auf Anhieb ein Bestseller.

Antonia Baum: Tony Soprano stirbt nicht - Hoffmann und Campe

Die Autorin, Jahrgang 1985, arbeitet in Feuilleton der FAZ, 2015 erschien ihr Buch: ICH WUCHS AUF EINEM SCHROTTPLATZ AUF, WO ICH LERNTE, MICH VON RADKAPPEN UND STOSSSTANGEN ZU ERNÄHREN

In dem Buch ging es um schnelle Autos, Schutzgelderpressung, Schrottplätze - und die große Liebe dreier Kinder zu ihrem verrückten, risikoverliebten Vater, ein Arzt mit Oldtimer-Sammlung und einem schnellen Motorrad. Ständig fürchten die Kinder um sein Leben.

Zwei Wochen vor der Veröffentlichung des Romans verunglückte Antonia Baums eigener Vater, mit dem die Romanfigur viel gemeinsam hat, bei einem Motorradunfall schwer.

Auf einmal war es Realität, was die Literatur vorweg genommen hatte. Antonia Baum: "Mein Vater lag noch immer auf der Intensivstation, das Buch erschien, und ich wurde in Interviews gefragt, inwieweit es autobiografisch sei. Es war ein schlechter Witz, eine super-realistische Verarschungs-Party mit mir als taumelnder Gastgeberin." Die Autorin war verzweifelt. Hatte sie mit ihrem Roman über einen verantwortungslosen, abenteuerlustigen Vater das Schicksal herausgefordert?

Wie es sich anfühlt, wenn aus Fiktion Realität wird, und was in einem vorgeht, wenn plötzlich alles stillsteht, die Welt aber weitermacht, davon erzählt Antonia Baum nun in „Tony Soprano stirbt nicht“. Sie kann den Mann im Krankenbett partout nicht mit ihrem Vater in Verbindung bringen... Sie sieht einen fremdartigen, versehrten Körper vor sich, der von Maschinen am Leben gehalten wird. Und sie beruhigt sich:
„ Auch Tony Soprano, der Gangsterboss aus meiner Lieblingsserie, lag schon auf der Intensivstation und wurde wieder gesund. Sein dummer seniler Onkel hatte ihn in den Bauch geschossen. Seine Familie, sie alle waren sofort gekommen. Wie wir.«
Als wolle sie sich die Trauer erarbeiten, schreibt Antonia Baum deshalb in den Wochen nach dem Unfall jeden Tag. Über die Sprechweise der Ärzte, über ihre Geschwister, die Neonröhren an den Decken der Krankenhausflure und sie zitiert die Schriftstellerin amerikanische Schriftstellerin Joan Didion, die sowohl den Tod ihres Mann wie auch die Krankheit ihrer Tochter literarisch verarbeitete.

Schreibend tastet sich Antonia Baum an den Umstand heran, dass ihr Vater den Unfall womöglich nicht überleben wird.
Ich zitiere aus der ZEIT: "Sie bildet sorgsam so lange alles in ihrer Umgebung ab, bis nur noch über eines nicht gesprochen wurde: dass der Tod des Vaters die Erzählerin den Verstand kosten könnte. Das ist das Schwarze Loch dieser Erzählung, ihr gravitätisches Zentrum. Wie es über die gesamte Distanz den Ton prägt, ohne ein Mal ausgesprochen zu werden, das ist absolut gekonnt.“

Zwei Schwestern – von Dorothy Baker, dtv

Eine wunderbare Entdeckung, diese amerikanische Autorin, die 1963 "Zwei Schwestern" geschrieben hat. Auch in den USA wurde sie wiederentdeckt, und nun liegt das Buch als Deutsche Erstausgabe vor. Dorothy Baker (1907-1968) schrieb in den vierziger Jahren mit ihrem Mann Theaterstücke, später short stories und Romane. Im Nachwort von „Zwei Schwestern“ schreibt der Schriftstellerkollege David Cameron:"Was an Dorothy Bakers Buch zuallererst auf so wunderbare Weise aufwühlt, ist ihr brillanter Stil… Die Lektüre ihres Buches ist eine berauschende Erfahrung…"
Der Inhalt ist folgender: Cassandra Edwards macht sich auf zur Hochzeit ihrer Zwillingsschwester. Sie will die Vermählung Judiths mit einem jungen Arzt verhindern. Denn Judith und sie hatten ein ganz anderes Leben geplant – so ihre Sicht. Sie wollten ein Leben lang zusammen bleiben, in schwesterlicher Zweisamkeit. Schon als die Schwester vor ein paar Monaten aus dem gemeinsamen Apartment auszog und nach New York ging, erschien das Cassandra wie eine existentielle Bedrohung. Und nun? Cassandra fährt nach Hause zu ihrem Vater, einem trinkfesten Philosophie-Professor und ihrer geliebten Granny. Die Mutter ist schon vor Jahren an Krebs gestorben. Cassandra fährt schon einen Tag früher als vereinbart, sie muss Judith von dieser Wahnsinnsidee abbringen… Judith und Cassdandra sind eineiige Zwillinge und Cassandra hat erlebt, dass sie sich nur mit Judith gemeinsam vollständig fühlen kann, Judith hingegen versucht sich abzunabeln. Alles atemberaubend erzählt bis zur Katastrophe.

 

Machandel – von Regina Scheer, Knaus

Regina Scheer spannt in ihrem beeindruckenden Roman den Bogen von den 30erJahren über den Zweiten Weltkrieg bis zum Fall der Mauer und in die Gegenwart. Sie erzählt von den Anfängen der DDR, als die von Faschismus und Stalinismus geschwächten linken Kräfte hier das bessere Deutschland schaffen wollen, dann von Erstarrung und Enttäuschung und von dem hoffnungsvollen Aufbruch Ende der 80er Jahre. Ein vielstimmiger Roman, der Lebensträume und Lebenslügen beeindruckend aufblättert. Der Zufall hat die unterschiedlichsten Menschen nach den Wirren des Krieges in ein mecklenburgisches Dorf mit Namen Machandel verschlagen. In Machandel beginnt ihr Neuanfang, das Dorf wird zum Schicksalsort für die berührenden Romanfiguren Regina Scheers. Es ist ein Buch des Erinnerns...

Regina Scheer, Historikerin, Kulturwissenschaftlerin, freie Autorin aus Berlin, schrieb Essays, Reportagen und arbeitete an Ausstellungen, Filmen, Anthologien. Außerdem veröffentlichte sie mehrere Bücher zur deutsch-jüdischen Geschichte. Machandel ist ihr erster Roman. Sie wurde dafür mit dem mit 15.000 Euro dotierten »Mara-Cassens-Preis für den ersten Roman« des Literaturhauses Hamburg ausgezeichnet.

Charlotte – von David Foenkinos, DVA

Charlotte Salomon hat es wirklich gegeben. Sie war Malerin, ihre wenigen Bilder kann man in Amsterdam im Museum sehen, und da haben sie 2006 den französischen Schriftsteller David Foenkinos so beeindruckt und berührt, geradezu überwältigt, dass er jahrelang nachforschte und das Leben dieser jüdischen Malerin, einer schon als Kind einzelgängerischen, verträumten und oft unglücklichen Person, aufzeichnete. 
Charlotte wurde mit nur 26 Jahren, im vierten Monat schwanger mit ihrem ersten Kind, im KZ Auschwitz umgebracht. Ihr kurzes Leben war hochdramatisch und von Unglück überschattet. Nach dem Tod der Mutter lernt sie das Alleinsein, ihr Vater, ein angesehener Arzt, stürzt sich in die Arbeit. Nur das Malen rettet Charlotte. Dann kommen bessere Zeiten, der Vater heiratet eine berühmte Sängerin, es herrscht wieder Leben im Haus, aber Charlotte erlebt auch ihre erste unglückliche Liebe. Sie ist geradezu vernarrt in diesen Mann, der keinerlei Bindung will. Als die Zeiten im Nazideutschland gefährlich werden, schicken die Eltern sie nach Südfrankreich, wo die Großeltern inzwischen bei einer amerikanischen reichen Freundin in deren Villa untergekommen sind, Charlottes Eltern gehen später nach Amsterdam – und überleben. Charlotte erlebt noch ein kurze glückliche Zeit in Südfrankreich, eine neue Liebe. Doch dann wird sie denunziert und abgeholt. Kurz vorher hat sie einem Vertrauten einen Koffer mit ihren Bildern übergeben und gesagt: "Das ist mein ganzes Leben." 
Achtzehn Monate lang hatte Charlotte Salomon sich in Villefranche-sur-Mer in ein Zimmer zurückgezogen, um etwas Bleibendes zu hinterlassen. Die Furcht, im Exil verraten und an Deutschland ausgeliefert zu werden, trieb sie an. Dazu kam der Hass auf das Lügentheater der Eltern und Großeltern. Fünf nahe Verwandte - die eigene Mutter, die Tante, die Großmutter, deren Schwester und deren Sohn - hatten sich das Leben genommen. Der Heranwachsenden wurde die Wahrheit beharrlich verschwiegen. Als Charlotte Salomon 1940 erfuhr, wie und warum ihre Angehörigen aus dem Leben geschieden waren, wusste sie, dass sie "ihre Geschichte aufmalen" musste, um nicht verrückt zu werden. Foenkinos zitiert einen Satz, den die junge Künstlerin auf eine Gouache pinselte: "Ich muss tiefer in die Einsamkeit eindringen", und er setzt hinzu, was er in einer anderen Bildecke entdeckte: "Für eine Zeit von der menschlichen Oberfläche verschwinden".Der Autor – Charlotte ist inzwischen in Frankreich eine halbe Million mal verkauft worden – hat eine sehr ungewöhnliche stilistische Methode gefunden, dieses dramatische Leben zu erzählen: in ganz kurzen, schnörkellosen Sätzen – fast im staccato – jeder neue Satz steht in einer neuen Zeile. Das ist sehr klar, gerade und erschütternd schön.