24. Feb, 2022

„Schicken Sie mir sofort 1200 Dollar. Ich möchte verreisen“... Mark Twains (1835 -1910) Telegramm an die Tageszeitung „The Daily Alta California“, San Francisco wurde prompt beantwortet. Der erfolgreiche Korrespondent und Schriftsteller erhielt sowohl das verlangte Reisegeld und außerdem einen Vertrag über fünfzig „Reisebriefe aus Europa und Palästina“. Fünf Monate einer abenteuerlichen Pilgerfahrt mit dem Luxusschiff „Quaker City“ unter der Schirmherrschaft der Plymouth Church, Brooklyn, lagen vor ihm, und Mark Twain freute sich auf eine vergnügliche Reise mit pensionierten Lehrerinnen, ehemaligen Offizieren, Geistlichen, Ärzten, Fabrikanten und Farmern, überwiegend waren es fromme Menschen, manche ein wenig selbstgefällig.

Twains Vorliebe für Whiskey, Zigarren, Kartenspiele, derbe Späße und lange Nächte machen ihn zwar für manchen strengen Mitreisenden zur „biblischen Plage“, für etliche andere, die „Nachtfalken“, wird Twains Kabine dagegen zum beliebten abendlichen Treffpunkt. Und durch seine „Reisebriefe“ werden auch die „arglosen“ Mitpassagiere bekannt – was natürlich nicht jedem gefiel. Twain schrieb fast täglich einen Artikel.

Sie sind legendär, Mark Twains Berichte zur Pilgerreise mit der „Quaker City“ 1876. Noch heute gelten sie als das berühmteste Reisebuch der amerikanischen Literatur. Die jetzt vorliegende neue Ausgabe des mare Verlages greift zurück auf die ungeglätteten und und ungeschönten Originaltexte Mark Twains. Für Herausgeber und Übersetzer Alexander Pechmann sind sie „authentischer, frischer und spontaner, aus gröberem Holz geschnitzt und auch sarkastischer. Da kommt der echte Mark Twain rüber, wohl auch, weil die Briefe spontan runtergeschrieben wurden. “

Am 7. Juni 1867, um drei Uhr am Nachmittag läuft die „Quaker City“ aus. Das Abenteuer beginnt: von New York über die Azoren durch Teile Europas bis ins Heilige Land. Mit dem Schiff, aber auch mit der Bahn oder auf dem Rücken eines Maultieres.

Am 30. Juni durchfährt man die Meerenge in Gibraltar; am 1. Juli geht die Gruppe in Tanger an Land, und Twain notiert: „Hier gibt es rein gar nichts, was wir je gesehen haben... Tanger ist so fremd, wie ein Land nur sein kann... Hier unter den stillen Sternen, scheinen die alten Straßen von den Geistern vergessener Zeitalter zu wimmeln. Ich bin froh, Tanger, die zweitälteste Stadt der Welt, gesehen zu haben.“ Nicht immer auf dieser langen Reise wird sein Urteil so freundlich sein.
Versailles und Paris, das die Pilger Mitte Juli 1867 besuchen, werden noch bestaunt: „Man schaut und starrt und versucht zu begreifen, dass es echt ist, dass es von dieser Erde stammt, dass es sich nicht um den Garten Eden handelt – man wird von der Schönheit ringsum überwältigt“ schreibt Twain über Versailles, und im Bois de Boulogne begegnet man seiner Kaiserlichen Majestät Napoleon III („er hat einen scharfen, schlauen, listigen Blick“). In Genua gar notiert er am 16. Juli: „Hier möchte ich mein Lager aufschlagen. Ich will nicht weiterreisen, Vielleicht gibt es woanders schönere Frauen, aber ich habe meine Zweifel...“ Ganz anders die Erfahrungen in Konstantinopel mit dem türkischen Bad, dem türkischen Kaffee, den tanzenden Derwischen. „Gott, steh uns bei...“
Im September 1867 wollen die Pilger, die „seit dem Betreten des heiligen Bodens von frommer Ekstase wild geworden sind„ , über den See Genezareth fahren. Ein Traum soll endlich wahr werden: „Sie wollen persönlich auf den Wassern segeln, auf denen einst die Schiffe der Apostel fuhren und auf denen Jesus wandelte. Der Plan scheitert, weil die geizigen Pilger den Bootsleuten die geforderten acht Dollar verweigern. Sie wollen nur einen Dollar geben. „Oh, welch ein schändliches, schändliches Ende...“ schreibt Twain in seinem Reisebrief.
In Jerusalem ist dann nach ein paar Tagen fortwährender und ermüdender Pflicht- Besichtigungen „Schluss mit den Sehenswürdigkeiten! Wir haben die Nase voll, wir haben uns durchgequält“.
Am 20. November 1867 macht die Quaker City wieder im Hafen von New York fest: „Die Pilger haben das Ende ihres Weges erreicht, und nun wissen sie mehr als Götter wissen dürfen...“

Es ist höchst unterhaltsam und aufschlussreich, diese Reisebriefe zu lesen. Twains kritischer Blick und seine boshaften Kommentare machen vor nichts Halt. „Er nimmt sich davon selbst auch nicht aus“, wie sein Übersetzer vermerkt. Twain benennt schäbige Vorurteile, nutzt Begriffe, die damals gängig, heute aber als diskriminierend rassistisch verurteilt sind, beschreibt auch die Geringschätzung, mit der ungebildete Reisende in der Fremde zum Beispiel auf die „alten Meister“ in den großen europäischen Gemäldegalerien schauen, aber auch, wie jeder alte Stein oder jede geschichtsträchtige Säule vor Ort kommerzialisiert werden. Twain ist der respektlose Chronist erster touristischer Umtriebe, die Fahrt der „Quaker City“ war eine Premiere: Die erste Luxus-Kreuzfahrt zu Beginn der aufkommenden Bildungsreisen. Der Schriftsteller kommentierte das so: „Erst wenn er ins Ausland fährt, wird der geneigte Leser erfahren, zu welch ausgewachsenem Esel er werden kann.“
Übrigens, Mark Twains erfolgreichstes und bekanntestes Buch „Die Abenteuer des Huckleberry Finn“ erschien acht Jahre nach seiner „Fahrt mit den Arglosen“, zuerst in Großbritannien, 1885 in den USA.

16. Feb, 2021

Der Chauffeur heißt Paul Klee (nicht verwandt und nicht verschwägert, wie er immer wieder betonen muss) und
ohne Bezug zur Kunstszene. Seinen Eltern erschien der Vorname „Paul“ passend und harmonisch zum Nachnamen. Das wars. Paul Klee ist ein abgebrochener Jurastudent, Taxifahrer und dann aufgestiegen zum Chauffeur eines Industriellen, der seinen Wechsel in die Politik vorbereitet. Ein schwerer Auto-Unfall, bei dem drei Menschen sterben, verändert jäh Pauls Situation. Er hat zwar seinen Arbeitgeber gerettet, dafür aber einen kleinen Jungen geopfert. Eine Entscheidung, die er nie mehr vergessen wird.
Paul Klee wird entlassen aber üppig abgefunden. Eine neue Lebensgrundlage, um einen lang gehegten Traum umzusetzen: Paul will ein Haus kaufen und daraus ein Hotel, das „Hotel zur kleinen Nacht“ machen. In ruhiger, friedlicher, ländlicher Umgebung, fünf Gästezimmer, eine Riff-Bar mit Aquarium, edlem Whiskey und feinem Rum, und zum Frühstück werden raffinierte Eierspeisen serviert, wie es sie in keinem 5 Sterne-Haus gibt. Mit Hilfe der Maklerin Inoue findet Paul ein passendes Haus.

Im Anschluss wird es sehr turbulent in diesem Roman. Aber dafür liebt man ja den klugen, amüsanten Steinfest. Keiner schafft es wie er, das Buch-Geschehen mit überraschenden, oft irrwitzigen Wendungen und Windungen voran zu treiben. Sein literarisches Schaffen wurde vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Heimito-von-Doderer Literaturpreis und dem Bayrischen Buchpreis; zweimal war Steinfest für den Deutschen Buchpreis nominiert.
Für die weitere Handlung auf insgesamt 356 Seiten verknüpft und entwirrt Steinfest vier Erzähl-Fäden, die eine grandiose Mischung bergen – voller Magie, Phantasie aber auch bodenständiger Lebenswirklichkeit. Die Wirkung: wie ein Zaubertrank. Deshalb darf man auch nicht alles erzählen, nur ein paar „Zutaten“ zur Orientierung nennen. Wir haben es also mit dem exquisiten kleinen Hotel zu tun, außerdem mit einem elfjährigen Zwillingspärchen, das den „Zauberberg“ von Thomas Mann als Gute-Nacht-Geschichte vorgelesen bekommt und daraus seine prägende Entwicklung bezieht. Des weiteren mit einem Weltereignis, der Rückkehr einer Sputnik-Kapsel, die nach Jahrzehnten vom Himmel in einen Wiesenhang im Südwesten Deutschlands stürzt. Zudem agieren eine eiskalt mordenden 74jährige, eine Tänzerin, die den gefesselten Paul aus einem Keller rettet, eine Mathematikerin und Philosophin, mit der Paul so gerne glücklich geworden wäre, ein Kommissar im Ruhestand, der unbedingt einen ungelösten Fall abschließen will... und und und. Ein wahres Lese-Vergnügen!

14. Okt, 2020

Es fasziniere sie, wie unterschiedlich Liebe und Beziehungen gelebt werden, antwortete die Berliner Schriftstellerin, als sie im TV- Interview auf dem blauen Sofa saß und zum Thema ihres neuen Buches „Regenbeins Farben“ befragt wurde. „ Ich stelle mir Fragen, die ich an meinen Figuren abarbeite“ berichtet sie über Entstehen und Entwicklung ihrer Romane. „Ich schreibe, um Klarheit zu bekommen“. Vor allem in den Machtstrukturen der privaten Beziehungen spiegele sich die Gesellschaft, alles werde hier erkennbar, Herkunft, Haltung, Liebesfähigkeit, seelische Wunden.
In Kerstin Hensels neuem Roman geht es um eine Trauergemeinschaft, drei Witwen, ein Witwer, alle vier aus
der Kunstszene, treffen sich regelmässig auf einem Friedhof, über
den ständig die Flugzeuge des nahen Airports donnern und
rauschen. Zwischen Grabpflege und Begrüßungsritualen nehmen
herrlich-komische und tragische Verwicklungen ihren Lauf.
Die drei Frauen könnten unterschiedlicher kaum sein. Lore Müller-Kilian, Witwe eines Industriellen und Kunstmäzenin, hat ihre Berufstätigkeit – eine Halbtagsstelle als Bürokraft im Tennisverein – aufgegeben, als sie Gattin wurde. Nun, nach dem Tod des Partners, lebt sie einsam in ihrer Villa, am Familiengrab lässt sie manchmal Champagnerkorken ploppen.

„Man folgt ihren Sätzen mit Vergnügen“, schrieb die Presse (SZ) über Kerstin Hensels bisher vorgelegten klugen und virtuos geschriebenen Beziehungs-Geschichten. Durchdringend, ein wenig spöttisch, entlarvend und doch immer liebevoll und empathisch schildert sie ihre Figuren. Zum Beispiel Lore: „Auf hohen Schuhen schreitet die Witwe den Hauptweg entlang. Kurz vor dem Grab ihres Mannes tänzelt sie, als müsse sie der Verwesung, die sich unter ihr vollzieht, etwas entgegensetzen. All das Schöne, Graziöse unterstreicht Frau Müller-Kilians Zuversicht, den eigenen Alterungsprozess abwenden zu können.... Ich bestimme, wann ich siebzig werde, lässt sie wissen.“

Karline Regenbein dagegen trägt Cordhosen, Pullover und Parka. Zitat: „Die kleine Frau Regenbein ist ausgestattet mit spitzbübischer Intelligenz, und sie hat sich mit ihrer körperlichen Geringfügigkeit arrangiert.... niemals würde sie mit Make-up, Rouge oder Lippenstift etwas Falsches an sich hervorkehren. Dabei ist Frau Regenbein Kennerin der Farben und hat sich als Malerin in der Stadt einen Namen gemacht.“
Karline war verheiratet mit dem Fotografen Rüdiger Habich, eine Ehe, die sie immer mehr eingeengt hat, der schwierige Alltag mit einem eitlen Mann, der sich ganz groß wähnt. Schließlich bestimmt er sogar, was Karline malen soll. „Eine Ausstellung von Porträts, die ihn, den Ehemann der Künstlerin, präsentieren. In sämtlichen Stilrichtungen der Malerei...“ Karline hört noch auf dem Friedhof – während sie an Habichs Grab sinniert, ob nun Kriechmispel, Dickmännchen oder Gänsekresse der passende Bodendecker sein könnte – seine drohende Stimme: „Ich weiß, wo du bist...“

Die dritte trauernde Witwe ist die Kunstprofessorin Ziva Schlott, inzwischen 80. Mit ihrem Mann Hartwig hat sie eine Ehe auf Augenhöhe geführt, eine intensive, erfüllte Beziehung. Sie vermisst ihn sehr. Eduard Wettengel, der Galerist, der seine Frau Odila verloren hat, war einmal ihr Student.

Nun begegnet man sich auf dem Friedhof – täglich mit großen Erwartungen. Das Quartett treibt die Sehnsucht. Die Trauernden wollen den Verlust mit Leben füllen. Im Mittelpunkt steht vordergründig der Mann Eduard. Er lebte mit Odila eine nicht alltägliche Beziehung – eine weitere Facette im ewigen, rätselhaften Liebesspiel: Auf Kerstin Hensel warten noch mehr Fragen, die literarisch verarbeitet und geklärt werden wollen.

23. Sep, 2020

Auf der grisseligen, unscharfen Aufnahme der Überwachungskamera ist der kleine Jannis zu sehen, er trägt einen großen, weiß-grauen Teddybären. Neben ihm ein Mann, der nur als Schatten erkennbar ist.
Jannis, ein Fünfjähriger, ist in Wiesbaden verschwunden, entführt worden. Während eines Flohmarktes in der Grundschule. Die Mutter hatte den Jungen nur für wenige Momente aus den Augen gelassen. Einer der beiden ermittelnden Polizisten ist Neven, verheiratet, Vater einer Tochter – und ein Mann mit pädophilen Neigungen. Was für ein Thema! Ein Polizist mit pädophilen Neigungen, der einen kleinen Jungen vor einem Pädophilen retten soll...
Jannis Entführung lässt die Ermittler Ben und Christian einen weiteren ungeklärten Fall noch einmal aufrollen: Dawit, ein dunkelhäutiger Siebenjähriger, ein Flüchtlingskind, ist in Innsbruck bei einem Volksfest verschwunden. Gibt es eine Verbindung?
Jan Costin Wagner, Krimi-Preisträger, bekannt für emphatische, hochspannende, aktuell-brisante Themen und gerühmt für deren Umsetzung in LIteratur, fasziniert, weil er seelische Abgründe erforscht, weil er beschreibt, was Gewalt und Verbrechen mit den Menschen machen, was Menschen sich gegenseitig antun. Körperlich, seelisch. Die Wunden, der Schmerz, der Verlust, die Schuld sind Wagners Themen: "Was bedeutet es genau, wenn die Unschuld ermordet wird?" Eine Frage, die keiner beantworten kann.
In "Sommer bei Nacht“ wird die Handlung von den Figuren des Buches vorangetrieben, alle Beteiligten erheben immer wieder ihre Stimme, geben kapitelweise ihre Gedanken, ihre Befindlichkeit preis. Wagner ist ganz nah bei seinen Figuren, schaut genau hin, lotet finstere Abgründe und tiefe Verletzungen aus und macht deutlich: alle sind verbunden – von den Ermittlern bis zu den Verdächtigen. So sind die Täter dem Leser schon länger bekannt, den Ermittlern hilft nur der Zufall: eine Kinderzeichnung und der Hinweis einer alten Frau entscheiden die Aufklärung. Und die Rettung des kleinen Jannis in letzter Minute. Zitat: „Er geht ein paar Schritte, legt den Jungen auf der Wiese ab. Was für ein wunderbarer Ort, denkt Ben. Eine Wiese, die anders aussieht, als wären sie auf einem anderen Planeten gelandet. Neben dem Jungen....ist eine Grube... Es dauert einige Sekunden, bis sich der Zusammenhang herauskristallisiert, bis die Worte kommen, evident, überdeutlich, aber es sind nur Worte. Grube, Junge, Grab.“
Der kleine Jannis ist gerettet, seine Mutter sagt später nur ein Wort: “Danke“! Sie richtet es an den Mann, der durch den Fall Jannis auch zum Täter geworden ist. Anders, als man vielleicht vermutet.

 

18. Mai, 2020

Maximilian Wenger war mal ein Großer in der Buchbranche, einer, der Erfolg garantierte, einer, der seine Leser begeisterte. Inzwischen sind die Auflagen abgesackt,
seine Frau lebt mit einem jungen Fitnesstrainer zusammen, und Wenger hat sich in eine kleine Wohnung verkrochen, fühlt sich miserabel, vernachlässigt sich, vergleicht sich mit einem „gealterten Raubtier, mit kahlen Stellen im Pelz, das nicht mehr richtig fressen kann, weil ihm die Zähne ausgefallen sind, das vom Rudel verstoßen wurde, damit es sich bitte einen Platz zum Sterben sucht... „

Nur sein übergroßes Selbstmitleid hält ihn am Leben und die Briefe, die die Post bringt. Die sind zwar nicht für ihn bestimmt, sondern für den Vormieter Albert Trattner. Wenger liest sie dennoch, geradezu begierig: „Erinnerst du dich, dass Worte scharf sein können wie Messer?“..., lautet der erste Satz, zwei Seiten auf weißem Briefpapier sind mit gleichmäßiger Schrift, leicht nach rechts geneigt, beschrieben. Der letzte Satz lautet „Bis zu meinen Zähnen ist mein Mund angefüllt mit Wut“ . Keine Unterschrift.

Wenger ist elektrisiert von der Wut in diesen Zeilen. Er fühlt sich verwirrt, eine diffuse Angst kommt hoch, und er ist erregt. Er wartet täglich, er lauert auf den nächsten Brief.
Auch Wengers 18jährige Tochter Zoey wird diese verstörenden Briefe lesen, sie findet sich wieder in den wütenden Worten der Frau mit Namen Marlena, auch ihr ist etwas geschehen, das sie nicht verschmerzen kann. „Ich hätte dich gebraucht“, wirft sie irgendwann ihrem Vater vor,“ aber du hast meinen Hilferuf auf dem handy weggedrückt.“ Später, als sie sich ihrem Bruder offenbart, sagt sie wehmütig: „Wir wollten doch keine kaputten Menschen sein...“

Mareike Fallwickls Roman über all das, was „Männer und Frauen sich aneinander antun“ (Klappentext) ist klug konzipiert. Vater und Tochter wechseln sich als Ich-Erzähler ab, wobei die Tochter alle Symphatien auf ihrer Seite hat.
Man ahnt es schon, Wenger wird die Briefe nutzen, um einen neuen Roman zu schreiben, seine Tochter wird ihm vorwerfen, dass er alles, was die begeisterte Kritik als „Poesie des Schmerzes, die so noch nicht erklungen ist“, benennt, abgeschrieben hat. „Du bist ein Betrüger“ , schreit sie ihn an. Das Feuilleton spricht von d e m Roman des Jahres, Wenger ist wieder oben. Sein 15. Roman „Ruf“, der Fall einer Vergewaltigung, wird zur Punktlandung. Wengers Fazit: „Für einen wie ihn... hat das Leben doch immer irgendwo ein bisschen was, das glänzt".

Man kann diesen Wenger schlimm finden, sogar abscheulich in seiner Arroganz und Eitelkeit und seinem Macho-Gehabe, aber Mareike Fallwickls spannungsreiche Geschichte vom Niedergang einer Karriere und einer Familie, vom Scheitern der
Hoffnungen und der Sehnsucht nach Liebe, hat Sogwirkung.
Und ihre Figuren beschreibt Fallwickl mit großer Empathie, Marlena und Zoey berühren und gehen unter die Haut. Zudem zeigt sie ein feines Gespür für seelische Verletzlichkeiten und unterhält und amüsiert, wann immer sie die Blähungen des Literaturbetriebes, die Absurditäten digitaler Scheinwelten und sinnentleerte Lebensentwürfe in ihre Handlung einbezieht.