2. Apr, 2016

Die Sehnsucht des Vorlesers – von Jean Paul Didierlaurent, dtv

Ein sehr anrührendes Buch, unterhaltend, aber mit Tief-und Hintersinn über zwei Außenseiter in Paris. Es gibt sogar ein angedeutetes happy end.
Guylain liebt Bücher über alles, mehr noch als seinen Goldfisch, mit dem er sein kleines Apartment teilt. Es ist für ihn ein tägliches Grauen, dass er gezwungen ist, sich seinen Lebensunterhalt in einer Papierverwertungsfabrik zu verdienen. Sein größter Feind ist die Zerstör 500, eine monströse Schreddermaschine, die unter gewaltigen Getöse Lastwagenladungen von Büchern und Zeitungspapier zermalmt. Täglich „rettet“ Guylain einige Seiten – und die liest er jeden Morgen, wenn er mit dem 6-27-Regionalzug zur Arbeit fährt, den mitfahrenden Passagieren vor. 4 bis 5 einzelne Blätter, völlig unzusammenhängend, mal ist es ein Rezept, mal eine Liebesbotschaft. Die mitfahrenden Passagiere sind begeistert und scharen sich um seinen orangefarbenen Klappsitz.
Eines Tages findet Guylain dort einen roten USB-Stick. Zuhause druckt er ein Tagebuch aus, das eine Frau geschrieben hat, die Julie heißt und als Toilettenfrau in einem Einkaufszentrum irgendwo in Paris arbeitet. Er ist fasziniert, von dem, was Julie beschreibt, es sind ihre täglichen Erlebnisse in der Toilettenanlage, die sie heimlich vor Ort in ihr laptop tippt. Und von da an liest Guylan täglich im Zug aus Julies Tagebuch. Nun applaudieren die Fahrgäste sogar, und Guylain fühlt sich jeden Tag ein bisschen mehr zu Julie hingezogen. Sie ist ihm seeelenverwandt, und er beschließt, sie zu suchen...
Der Autor, Jahrgang 1962, lebt im Elsass, hat bisher Kurzgeschichten geschrieben, die preisgekrönt wurden. Sein Debütroman ist spontan angenommen worden, wurde innerhalb von vier Wochen in 26 Länder verkauft und einer der großen französichen Kinoproduzenten hat sich die Filmrechte gesichert.