14. Nov, 2017

Rebecca West: Die Rückkehr, dtv

Rebecca West (1892-1983), Autorin, Journalistin, Literaturkritikerin, Frauenrechtlerin – nun (endlich nach fast 100 Jahren!) liegt ihr Debütroman von1918 erstmals auf Deutsch vor: ein literarisches Kleinod.
Es ist der wahrscheinlich einzige zeitgenössische Roman einer Frau, der die Schrecken des Ersten Weltkrieges beschreibt, das Leid, den der Krieg den an Leib und Seele verletzten Soldaten und den Angehörigen Zuhause bereitet. Drei Frauen sorgen sich um Chris, der verwundet während des 1. Weltkrieges von der Front in Frankreich auf sein englisches Landgut zurückkehrt. Er leidet unter einem Granatenschock, einem schrecklichen Trauma, das ihn glauben lässt, wieder 20 Jahre alt zu sein. Damals liebte er Margaret, und nur ein Missverständnis zwischen den beiden hat ihr späteres Zusammensein verhindert.

Inzwischen – 15 Jahre später– ist Chris mit Kitty verheiratet, und Cousine Jenny lebt bei ihnen auf dem großzügigen, luxuriösen Landsitz. Sie war schon ihr ganzes Leben lang in ihren Cousin verliebt. Jenny ist es auch, die als Erzählerin fungiert: sie beobachtet und beschreibt, was geschieht, was sie denkt und empfindet.

Die Nachricht von Chris Verletzung kommt nicht etwa aus dem Kriegsministerium, sondern wird von einer fremden, ärmlich gekleideten Frau überbracht: Margaret. Chris hat im Lazarett Margarets Adresse angegeben. Ehefrau Kitty und Cousine Jenny reagieren gekränkt und gedemütigt. Und doch, als Chris zu Hause ist, Kitty nicht als seine Ehefrau akzeptiert und nach Margaret verlangt, bitten die beiden Frauen Margaret, sich um Chris zu kümmern. Der blüht wieder auf, wähnt sich noch in der romantischen Vergangenheit. Wunderbar, wie Rebecca West die gefühlskalte, unverständige Kittyy charakterisiert und ihr Verhalten schildert und die immer mehr verstehende, scharf beobachtende und hinhörende Jenny langsam an Margarets Seite rückt... „Die Verständnislosigkeit in Chris Augen ließ uns unmissverständlich wissen, wo wir standen. Er sah Kitty gar nicht oder nur als dekoratives Element in seinem Haus, und ich war die nicht beachtenswerte Spielkameradin...“

Doch wie lange soll diese Situation anhalten? Irgendwann muss Chris doch wieder in die Realität zurückfinden. Er schafft es, wieder mit Margarets Hilfe.

160 Seiten - berührend, bewegend, mit psychologischer Feinfühligkeit und dramaturgischer Raffinesse.