19. Mrz, 2018

Susan Kreller: Pirasol, Berlin Verlag

Endlich! Gwendolin ist 84, Witwe und Alleinerbin der Villa „Pirasol“, die ihr Ehemann Willem, ein despotischer, kaltherziger Papierfabrikant hinterlassen hat. Gwendolin, scheu, zurückhaltend, in ihrem bisherigen Leben mehr neben als in der Spur, hat sich nie gewehrt, nie gekämpft. Selbst nicht, als der gemeinsame Sohn vom Vater misshandelt und aus dem Haus getrieben wurde. Jahrzehnte später erst hat sie die Kraft, sich zu widersetzen, aktiv zu werden, die Schuld zu überwinden, die sie immer gespürt und die sie am Leben gehindert hat. Ihr Befreiungschlag: Sie fordert die 15 Jahre jüngere, dominante Thea auf „Pirasol“ zu verlassen. Thea hat sich mit Kuchengeschenken und „klar glasierter Freundlichkeit“ als Gwendolins Mitbewohnerin in „Pirasol“ eingeschlichen und immer mehr Gwendolins Leben bestimmt. „Theas Bemerkungen breiteten sich schon nach wenigen Tagen in der Villa aus, Feststellungen, Beschwerden und gute Ratschläge, alle mit eingecremten Lächeln vorgetragen.“
Es hat gedauert, bis Gwendolin endlich diesen Mut aufgebracht hat und zu ihrer Entscheidung steht. Bis „Thea eine welke Grünpflanze zum Transporter trägt, ohne Blick und gellenden Zorn...“ In den berührenden Kapiteln des Rückererinnerns, den Blick auf Gwendolins Leben erfährt man, warum sie so wurde, wie sie ist. Susan Kreller schildert Gwendolins Geschichte knapp, eindringlich, in Bildern die haften bleiben.
Gwendolins Kindheit in Berlin während des Nationalsozialismus. Ohne Hoffnung ist sie, als die Mutter nach einer Bombennacht nicht mehr zurück kommt. Ein wenig Hoffnung hat sie noch, wenn sie des Vaters Briefe aus dem KZ Sachsenhausen liest. Doch sie ist unendlich verzweifelt, verwirrt, ohne Orientierung. „Wenn die Stille in der Wohnung zu groß wurde, setzte sie sich ans schwarze Klavier und spielte all den Schumann, den die Mutter ihr beigebracht hatte. Gwendolin war 14 jetzt und lebte von harten Brotkanten und verdorbenem Ersatzkuchen aus Rüben und Kartoffeln“.
Der Vater kommt zurück „ eine Ansammlung von Knochen, ein schorfiges Gesicht aus Bart und Augenhöhlen“. Als er stirbt und der Leichenwagen ihn abholt, lässt Gwendolin auch das schwarze Klavier holen. „In diesem Moment setzte das Fühlen wieder ein. In diesem Moment setzte die Traurigkeit wieder ein. Sie würde nie mehr aufhören...“.
Erst Jahrzehnte später wird diese Traurigkeit von einem Hauch Zuversicht überlagert werden. Ein tröstliches Ende.
Für einen Auszug aus dem Manuskript „Pirasol“ bekam Susan Kreller bereits 2014 den GWK-Förderpreis Literatur (GWK= Gesellschaft zur Förderung der Westfälischen Kulturarbeit). In der Begründung der Jury heißt es „In kluger, spannender Szenenführung, in ganz eigen-sinniger Sprache entsteht eine einzigartige Romanwelt, die den Leser wie magisch in sich hineinzieht...“.