1. Jul, 2018

Petra Morsbach: Justizpalast, Knaus

Für die Arbeit an „Justizpalast„ , diesen hoch spannenden und tiefe Einsichten gewährenden Blick hinter die Kulissen hat Petra Morsbach über neun Jahre recherchiert, so unter anderem mit fünfzig Juristen gesprochen, die von ihrer Arbeit berichteten. Mit manchen hat sie sich sogar über Jahre hinweg ausgetauscht. Morsbach definiert die Justiz wie folgt: „Ein Ehrfurcht gebietendes , schwindelerregendes Konstrukt aus Anspruch und Verblendung, Abstraktion und Herrschaftssicherung, Moral und Missbrauch, Redlichkeit und Routine, Zwanghaftigkeit und Zynismus.“ Und sie fügt an: „Nicht zu durchdringen“. „Aber genau das tut sie auf den 480 Seiten ihres Romans. „Petra Morsbach“, so Heribert Prantl in der Süddeutschen Zeitung (Anmerk.: Der Journalist hat im Justizplast München die mündliche Prüfung zum Zweiten Staatsexamen abgelegt) „ist eine wunderbare Beschreiberin – ich habe nie einen literarischen Text gelesen, in dem über die Justiz und ihren Alltag, über ihre Protagonisten, über ihr Wesen und Walten, über Sein und Schein, Anspruch und Wirklichkeit so kenntnisreich, so umfassend erfassend und so packend geschrieben wurde...“
Im Mittelpunkt dieses großen Romans über Gerechtigkeit und Rechtsprechung steht die junge Thirza Zorniger, Richterin in dieser Gerechtigkeitsmaschine, in der das ganze Spektrum des Lebens verarbeitet werden muss. Thirza wächst unter der Obhut ihres Großvaters, eines ehemaligen Strafrichters, und zweier sie umsorgender Tanten auf. Sie ist intelligent, fleißig und schafft es, Richterin im Münchner Justizpalast zu werden. Zitat: „Eigentlich durfte Thirza stolz sein. Nur die Hälfte der Jurastudenten schloss das Studium ab, nur die besten zehn Prozent der überlebenden Hälfte schaffte es ins Richteramt und von diesen nur ein kleiner Teil in den Justizpalast. Eine Spitzenauslese. Worin bestand sie? Man lernte: Tausende Gesetze, von denen ein Nichtjurist die meisten auch bei mehrfachem Lesen nicht begreift, auf hunderttausend alltägliche Verstrickungen anzuwenden...“. Und wie fühlt sich Thirza dabei? „Du fühlst dich trotz gelegentlichem Lampenfieber vor schweren Fällen beim Verhandeln wohl. Zu Recht? Du weißt es einfach nicht. Kein Kollege schaut dir beim Verhandeln zu, keiner korrigiert dich. Immerzu urteilst du über alle, doch keiner urteilt über dich. Kannst du da normal bleiben? Und außerdem: Wo bleibt das große, bunte Leben? Vielleicht musst du dir es selber holen? Aber wo? Und vor allem wann?“ Die wachsenden Aktenberge, die ungelösten Altfälle füllen Schreibtisch und Regale und stehlen immer mehr private Zeit.
Petra Morsbach erzählt in „Justizpalast“ ausgiebig von Thirzas Leben, ihren Jugendjahren, aber hauptsächlich von ihrer Zeit als aktive Juristin in verschiedensten Themengebieten. Familiengericht, Gnadenabteilung im Ministerium, Beschwerdekammer, Kartellrecht – durch all diese Bereiche arbeitet sich Thirza und was vielleicht langweilig klingt, ist unglaublich fesselnd, weil Petra Morsbach es so packend aufbereitet hat und weil Thirzas eigensinniger Charakter, ihre speziellen Sichtweisen und ihr Streben nach Gerechtigkeit sie so sympathisch machen. Man begleitet sie gern durch den Justizpalast. Voller Wohlwollen und mit dem größten Respekt.