4. Sep, 2018

Tom Saller: Wenn Martha tanzt, List

Martha wird 1900 in einem kleinen pommerschen Dorf geboren, ihre Eltern sind beide Musiker. Schon früh zeigt sich Marthas außergewöhnliche Begabung: Sie sieht Musiknoten in Formen und Farben vor sich. Dieses Talent führt sie in den Zwanzigern nach Weimar ans Bauhaus zu Walter Gropius, wo sie lernt, ihr musikalisches Empfinden in Ausdruckstanz umzuwandeln. “Ich möchte, dass Ihr Inneres mir zeigt, was es hört. Gestalten Sie den Klang mit Ihrem Körper“, sagt ihre Lehrerin Gertrud Grunow, eine Musikpädagogin, die sich mit dem Zusammenhang von Klang, Farbe und Berwegung beschäftigt. Bei Oskar Schlemmer arbeitet Martha in der Bühnenwerkstatt.

In ihrem Tagebuch, einer dicken schwarzen Kladde, hält die Studentin Martha Wetzlaff auf Notenblättern in kleiner, gedrängter Schrift alles fest, was sie in Weimar erlebt. Und immer wieder finden sich dazwischen Skizzen, Zeichnungen und Anmerkungen der damaligen Bauhaus-Künstler – von Klee, Kandinksky, Schlemmer, Feininger.... „Habe Sie beim Tanzen beobachtet...“ schreibt Paul Klee , seine Zeichnung zeigt die Gestalt eines Engels.

Als die Nationalsozialisten die missliebige Bauhaus-Kunstschule schliessen, kehrt Martha zu ihren Eltern zurück. Ein Babybringt sie mit und auch die dicke schwarze Kladde, in der sich Marthas Jahre des Aufbruchs widerspiegeln.

Jahrzehnte später wird ein junger Mann mit eben dieser schwarzen Kladde nach New York reisen. Das Notizbuch mit den unbekannten Zeichnungen weltberühmter Künstler soll bei Sotheby's millionenschwer versteigert werden, es gehörte seiner Urgroßmutter Martha, deren Spur sich am Ende des Zweiten Weltkrieges auf der Flucht verloren hat.
Gefunden hat der Germanistikstudent Thomas Wetzlaff das Tagebuch in einem verschlossenen, brüchigen Rucksack im Nachlass seiner Großmutter. Nach dem Sotheby-Abenteuer, das ihm und der Familie ein Vermögen beschert, bekommt Thomas eine Einladung zum Abendessen in die Luxussuite eines New Yorker Nobelhotels – ein Abend, der alles verändern wird.
„Wenn Martha tanzt" ist ein Debüt – der erste Roman von Tom Saller, der Medizin studiert hat und als Psychotherapeut arbeitet. Auf die Idee des Buches brachte ihn ein handgeschriebener Brief seiner Großmutter, in der sie ihre Flucht über die Ostsee 1945 auf der „Potsdam“ schildert. „Das Bauhaus kam mir erst später in den Sinn, als ich darüber nachgedacht habe, welche deutschen 'Sehnsuchtsorte' es zu Beginn des 20. Jahhrunderts für eine künstlerisch interessierte junge Frau gab, “erzählt der Autor.
So entand ein sehr besonderer, eigenwilliger Roman. „Er hat mich von der ersten Zeile an begeistert, schreibt Tom Sallers Lektorin. Zitat: “Hier hat jemand eine Geschichte zu erzählen, die einzigartig ist, von großartigen Frauenfiguren handelt und uns in eine Zeit entführt, die für uns fern und nah zugleich ist. Fern, weil 100 Jahre eine lange Zeit sind, nah, weil unsere Großeltern und Eltern diese Zeit erlebt haben. Nicht umsonst fragen wir uns seit einer Weile, wie diese Geschichten in uns fortwirken...“