24. Nov, 2018

Johan Bargum: Nachsommer, mare

„Was ich Carl niemals verzeihen würde... war der eine kurze Moment, in dem mir das ganze Ausmaß meiner eigenen Unzulänglichkeit klar wurde. Meine halbherzigen Affären, mein abgebrochenes Studium, mein Phlegma, mein ganzes verpfuschtes Leben; den einen kurzen Moment, in dem ich obendrein einsah, dass alles mein eigener Fehler war....“ 
Sein ganzes Leben lang hat Olof im Schatten seines älteren selbstbewussten Bruders Carl gestanden. Carl war der Liebling der Mutter, die jetzt im Sommerhaus der Familie in den südfinnischen Schären gestorben ist. Carl, der Karriere-Mann, ist mit Ehefrau und den beiden Söhnen aus den USA angereist, die beiden ungleichen Brüder treffen aufeinander, die alten Rivalitäten brechen auf, der Frieden des Spätsommers ist brüchig.

Da geht es um viel mehr als um das Testament der Mutter, das mal wieder Carl bevorzugt, da schwelt auch noch ein alter Verdacht. Wer hat Olof und Klara, die Frau seines Bruders, damals verraten? Die beiden hatten ein Affäre, bevor die Familie in die USA ging. In der gemeinsam verbrachten Nacht waren beide glücklich. Warum hat Olof nicht den Mut gefunden, um Klara zu kämpfen, sich gegen den Bruder zu stellen, sich endlich aus seinem Schatten zu lösen? Und wer schrieb kurze Zeit danach Carl den anonymen Brief, der dieses Glück verriet? Ist Olof vielleicht sogar der Vater des kleinen Sam? Und ist es nicht Zeit, endlich die Abwehr gegen den Lebensgefährten der Mutter aufzugeben. Tom war ins Haus gekommen, nachdem der Vater der Jungen gestorben war. Ein gütiger, nachsichtiger Mann, der ein väterlicher Freund hätte werden können.

Gerade mal 144 Seiten braucht Johan Bargum – in seiner Heimat sehr prominent, in Deutschland nur mit zwei Büchern bekannt – um dieses feinfühlige Psychogramm um Olof und seine Familie in aller Dichte und Intensität aufzurollen. In seiner klaren, präzisen Sprache schreibt er über die großen Themen des Lebens, verpackt sie in ein intimes Kammerspiel und inszeniert dabei Auftritte, exzessiv und von großer Wucht. Das „Svesnka Dagbladet“ schrieb: „Liebe und Verrat gehören ebenso zu diesem Nachsommer wie die finnischen Schären“. Mehr noch, die Melancholie, die im Spätsommer über der einsamen und wunderschönen Schärenlandschaft liegt, bezeichnet auch die seelische Befindlichkeit von Bargums Figuren – der Leser fühlt sich zutiefst berührt.