2. Apr, 2019

Hélene Gestern: Der Duft des Waldes, S. Fischer

  • Elisabeth fühlt sich zum ersten Mal herausgerissen aus der “entsetzlichen und nicht enden wollenden Benommenheit“, die sie nach dem Tod ihres Lebensgefährten erfasst hat. In einem kleinen Landgasthof kostet sie eine wunderbare Birnentarte. Ihr Gegenüber am Tisch ist ein junger Anwalt. Gleich in seiner Kanzlei wird er ihr eröffnen, dass sie Erbin geworden ist. Die 89jährige Alix hat ihr einen zauberhaften Landsitz und eine Postkarten- und Briefesammlung, geschrieben von der Front des Ersten Weltkrieges, vermacht. 
    Elisabeth ist Historikerin, spezialisiert auf historische Postkarten. Ein Verwandter der Verstorbenen, Alban de Willecot, pflegte eine umfassende und vertraute Korrespondenz zu seinem berühmten Freund: dem Dichter Anatole. Allerdings geben die Briefe Rätsel auf – und die Antworten Anatoles scheinen verschollen. 
    Elisabeth stürzt sich in die Recherche. „Der Große Krieg“ wird immer mehr zu ihrem Thema, die eindringlichen Briefe, die Postkarten, die Fotografien erweisen sich als erschütternde Dokumente. Elisabeths Spurensuche gilt dabei aber nicht nur den Frontberichten Albans, sondern auch den damit verbundenen Lebensgeschichten, den familiären und freundschaftlichen Beziehungen, die ein komplexes Geflecht ergeben. Eine eigenwillige junge Frau mit Namen Diane fesselt sie besonders. 
    So entsteht nach und nach ein großflächiges Mosaik, das mit jedem Teilchen eine neue Botschaft, eine neue Verknüpfung offenbart. Und Elisabeth überwindet mit dieser spektakulären neuen Aufgabe in ihrem Leben nach und nach ihre Trauer. Hochspannend und packend ist dieses Geschichts-Panorama, es braucht zwar 700 Seiten Durchhaltevermögen, aber das lohnt. Hélène Gestern, Literaturdozentin, hat mit „Der Duft des Waldes“ (Elisabeths Landsitz grenzt an einen naturbelassenen, geheimnisvollen Wald) ihren ersten Roman auf Deutsch geschrieben.