19. Jul, 2019

Mechtild Borrmann: Grenzgänger, Droemer

„Wenn nicht ein Wunder geschieht, werden sie Henni verurteilen“, sagt Elsa, die mit Henni in dem kleinen Eifeldorf Velda an der deutsch-belgischen Grenze aufgewachsen ist. Elsa sitzt an jedem Verhandlungstag im Gerichtssaal in Aachen. Auch sie versteht nicht, warum Henni zu den Vorwürfen, die gegen sie erhoben sind, schweigt. Sie soll Schwester Angelika vor den Zug gestoßen und ihr Elternhaus angezündet haben. Ihr Vater ist im Haus verbrannt. Zweifacher Mord lautet die Anklage. ..

Mechtild Borrmann, vielfach ausgezeichnete Autorin, hat sich für ihren neuen Roman ein düsteres Kapitel deutscher Nachkriegsgeschichte ausgesucht.
Es geht um die Männer, die versehrt an Körper und Seele aus dem Krieg zurück gekommen sind und für ein normales Leben oder gar Zusammenleben mit der Familie nicht mehr taugen. So wie Hennis Vater, einst ein geschickter Uhrmachermeister und sorgender Familienvater. 1945 ist Herbert Schöning ein „Kriegszitterer“, kann nicht mehr arbeiten, ist unfähig, Verantwortung zu übernehmen. Er war immer schon gottesfürchtig, aber nun wird zu er zum religiösen Eiferer. Nur in der Kirche findet er Ruhe.
Als Hennis Mutter 1947 stirbt, sorgt die älteste Tochter für die drei jüngeren Geschwister, verhindert, dass der Vater Matthias, Fried und Johanna in ein katholisches Kinderheim gibt. Im Dorf wird in der Nachkriegszeit geschmuggelt. Kaffee aus Belgien. Henni schließt sich an, um die Familie durchzubringen. Sie kennt sich aus im Hohen Venn, einem gefährlichen Moorgebiet. Als sie in eine Patrouille gerät, geschieht ein Unglück, das alles verändert. Henni kommt in eine sogenannte Besserungsanstalt; die beiden Brüder in ein christliches Kinderheim.
Und damit wird ein weiteres düsteres, beklemmendes Kapitel aufgeschlagen. Es geht um die katastrophalen Zustände und Erziehungsmethoden in einigen (oder vielen? ) Kinderheimen nach Kriegsende. Die katholischen Schwestern in Borrmanns Roman kennen kein Erbarmen. Menschlichkeit, Nächstenliebe, Einfühlsamkeit, Zuwendung – keine Spur davon. Ihr Erziehungskonzept ist seelische Grausamkeit und körperliche Mißhandlung, um die angeblich „Verderbten“ auf Linie zu bringen. Hennis Bruder Matthias überlebt das Heim nicht.

Borrmann erzählt ihren bewegenden, eindringlichen Roman auf zwei Zeitebenen – ab 1945 und um 1970, zur Zeit der Prozesse – und sie verbindet drei Erzählstränge, ein dramaturgisch geschickter Wechsel. Und bei den beiden Prozessen, die sie schildert, geht es dann um ein weiteres empörendes Kapitel aus dieser Zeit. Um die Ignoranz und Arroganz von Richtern und Staatsanwälten.
Henni hatte es durchgesetzt, dass die Umstände, die zum Tode ihres Bruders Matthias im Heim führten, untersucht werden. Der Richter entscheidet, dass eine Klage gegen das Kinderheim nicht gerechtfertigt sei. Mit einer kirchlichen Einrichtung will man sich nicht anlegen.
Voller Verzweiflung und Zorn hatte Henni nach dem Urteil ihren Vater und Schwester Angelika, angeschrien: „ Glaubt nicht, dass ihr so leicht davon kommt. Ihr werdet eure gerechte Strafe bekommen.“ Unmittelbar danach sind beide tot. Henni wird sofort verdächtigt, nun steht sie vor dem Richter. Es sieht nicht gut aus für sie.
In diesem Schlusskapitel geht es um die Wahrheit, um Gerechtigkeit und um die Würde eines Menschen mit Namen Henriette, genannt Henni. Henni ist einem nach 280 Seiten sehr nahe gekommen – manchmal ist man versucht zu glauben, Henni habe es tatsächlich gegeben, doch Borrmanns Figuren sind Fiktion wie sie betont, auch das beschriebene Kinderheim. Nicht aber die Zustände, die es in damaligen Heimen gegeben hat. “ Sie beruhen auf Archivmaterial, Dokumentationen und Aussagen von Zeitzeugen.“