18. Mai, 2020

Mareike Fallwickl: Das Licht ist hier viel heller, Frankfurter Verlagsanstalt

Maximilian Wenger war mal ein Großer in der Buchbranche, einer, der Erfolg garantierte, einer, der seine Leser begeisterte. Inzwischen sind die Auflagen abgesackt,
seine Frau lebt mit einem jungen Fitnesstrainer zusammen, und Wenger hat sich in eine kleine Wohnung verkrochen, fühlt sich miserabel, vernachlässigt sich, vergleicht sich mit einem „gealterten Raubtier, mit kahlen Stellen im Pelz, das nicht mehr richtig fressen kann, weil ihm die Zähne ausgefallen sind, das vom Rudel verstoßen wurde, damit es sich bitte einen Platz zum Sterben sucht... „

Nur sein übergroßes Selbstmitleid hält ihn am Leben und die Briefe, die die Post bringt. Die sind zwar nicht für ihn bestimmt, sondern für den Vormieter Albert Trattner. Wenger liest sie dennoch, geradezu begierig: „Erinnerst du dich, dass Worte scharf sein können wie Messer?“..., lautet der erste Satz, zwei Seiten auf weißem Briefpapier sind mit gleichmäßiger Schrift, leicht nach rechts geneigt, beschrieben. Der letzte Satz lautet „Bis zu meinen Zähnen ist mein Mund angefüllt mit Wut“ . Keine Unterschrift.

Wenger ist elektrisiert von der Wut in diesen Zeilen. Er fühlt sich verwirrt, eine diffuse Angst kommt hoch, und er ist erregt. Er wartet täglich, er lauert auf den nächsten Brief.
Auch Wengers 18jährige Tochter Zoey wird diese verstörenden Briefe lesen, sie findet sich wieder in den wütenden Worten der Frau mit Namen Marlena, auch ihr ist etwas geschehen, das sie nicht verschmerzen kann. „Ich hätte dich gebraucht“, wirft sie irgendwann ihrem Vater vor,“ aber du hast meinen Hilferuf auf dem handy weggedrückt.“ Später, als sie sich ihrem Bruder offenbart, sagt sie wehmütig: „Wir wollten doch keine kaputten Menschen sein...“

Mareike Fallwickls Roman über all das, was „Männer und Frauen sich aneinander antun“ (Klappentext) ist klug konzipiert. Vater und Tochter wechseln sich als Ich-Erzähler ab, wobei die Tochter alle Symphatien auf ihrer Seite hat.
Man ahnt es schon, Wenger wird die Briefe nutzen, um einen neuen Roman zu schreiben, seine Tochter wird ihm vorwerfen, dass er alles, was die begeisterte Kritik als „Poesie des Schmerzes, die so noch nicht erklungen ist“, benennt, abgeschrieben hat. „Du bist ein Betrüger“ , schreit sie ihn an. Das Feuilleton spricht von d e m Roman des Jahres, Wenger ist wieder oben. Sein 15. Roman „Ruf“, der Fall einer Vergewaltigung, wird zur Punktlandung. Wengers Fazit: „Für einen wie ihn... hat das Leben doch immer irgendwo ein bisschen was, das glänzt".

Man kann diesen Wenger schlimm finden, sogar abscheulich in seiner Arroganz und Eitelkeit und seinem Macho-Gehabe, aber Mareike Fallwickls spannungsreiche Geschichte vom Niedergang einer Karriere und einer Familie, vom Scheitern der
Hoffnungen und der Sehnsucht nach Liebe, hat Sogwirkung.
Und ihre Figuren beschreibt Fallwickl mit großer Empathie, Marlena und Zoey berühren und gehen unter die Haut. Zudem zeigt sie ein feines Gespür für seelische Verletzlichkeiten und unterhält und amüsiert, wann immer sie die Blähungen des Literaturbetriebes, die Absurditäten digitaler Scheinwelten und sinnentleerte Lebensentwürfe in ihre Handlung einbezieht.