23. Sep, 2020

Jan Costin Wagner: Sommer bei Nacht, Galiani

Auf der grisseligen, unscharfen Aufnahme der Überwachungskamera ist der kleine Jannis zu sehen, er trägt einen großen, weiß-grauen Teddybären. Neben ihm ein Mann, der nur als Schatten erkennbar ist.
Jannis, ein Fünfjähriger, ist in Wiesbaden verschwunden, entführt worden. Während eines Flohmarktes in der Grundschule. Die Mutter hatte den Jungen nur für wenige Momente aus den Augen gelassen. Einer der beiden ermittelnden Polizisten ist Neven, verheiratet, Vater einer Tochter – und ein Mann mit pädophilen Neigungen. Was für ein Thema! Ein Polizist mit pädophilen Neigungen, der einen kleinen Jungen vor einem Pädophilen retten soll...
Jannis Entführung lässt die Ermittler Ben und Christian einen weiteren ungeklärten Fall noch einmal aufrollen: Dawit, ein dunkelhäutiger Siebenjähriger, ein Flüchtlingskind, ist in Innsbruck bei einem Volksfest verschwunden. Gibt es eine Verbindung?
Jan Costin Wagner, Krimi-Preisträger, bekannt für emphatische, hochspannende, aktuell-brisante Themen und gerühmt für deren Umsetzung in LIteratur, fasziniert, weil er seelische Abgründe erforscht, weil er beschreibt, was Gewalt und Verbrechen mit den Menschen machen, was Menschen sich gegenseitig antun. Körperlich, seelisch. Die Wunden, der Schmerz, der Verlust, die Schuld sind Wagners Themen: "Was bedeutet es genau, wenn die Unschuld ermordet wird?" Eine Frage, die keiner beantworten kann.
In "Sommer bei Nacht“ wird die Handlung von den Figuren des Buches vorangetrieben, alle Beteiligten erheben immer wieder ihre Stimme, geben kapitelweise ihre Gedanken, ihre Befindlichkeit preis. Wagner ist ganz nah bei seinen Figuren, schaut genau hin, lotet finstere Abgründe und tiefe Verletzungen aus und macht deutlich: alle sind verbunden – von den Ermittlern bis zu den Verdächtigen. So sind die Täter dem Leser schon länger bekannt, den Ermittlern hilft nur der Zufall: eine Kinderzeichnung und der Hinweis einer alten Frau entscheiden die Aufklärung. Und die Rettung des kleinen Jannis in letzter Minute. Zitat: „Er geht ein paar Schritte, legt den Jungen auf der Wiese ab. Was für ein wunderbarer Ort, denkt Ben. Eine Wiese, die anders aussieht, als wären sie auf einem anderen Planeten gelandet. Neben dem Jungen....ist eine Grube... Es dauert einige Sekunden, bis sich der Zusammenhang herauskristallisiert, bis die Worte kommen, evident, überdeutlich, aber es sind nur Worte. Grube, Junge, Grab.“
Der kleine Jannis ist gerettet, seine Mutter sagt später nur ein Wort: “Danke“! Sie richtet es an den Mann, der durch den Fall Jannis auch zum Täter geworden ist. Anders, als man vielleicht vermutet.