14. Okt, 2020

Kerstin Hensel: Regenbeins Farben, Luchterhand

Es fasziniere sie, wie unterschiedlich Liebe und Beziehungen gelebt werden, antwortete die Berliner Schriftstellerin, als sie im TV- Interview auf dem blauen Sofa saß und zum Thema ihres neuen Buches „Regenbeins Farben“ befragt wurde. „ Ich stelle mir Fragen, die ich an meinen Figuren abarbeite“ berichtet sie über Entstehen und Entwicklung ihrer Romane. „Ich schreibe, um Klarheit zu bekommen“. Vor allem in den Machtstrukturen der privaten Beziehungen spiegele sich die Gesellschaft, alles werde hier erkennbar, Herkunft, Haltung, Liebesfähigkeit, seelische Wunden.
In Kerstin Hensels neuem Roman geht es um eine Trauergemeinschaft, drei Witwen, ein Witwer, alle vier aus
der Kunstszene, treffen sich regelmässig auf einem Friedhof, über
den ständig die Flugzeuge des nahen Airports donnern und
rauschen. Zwischen Grabpflege und Begrüßungsritualen nehmen
herrlich-komische und tragische Verwicklungen ihren Lauf.
Die drei Frauen könnten unterschiedlicher kaum sein. Lore Müller-Kilian, Witwe eines Industriellen und Kunstmäzenin, hat ihre Berufstätigkeit – eine Halbtagsstelle als Bürokraft im Tennisverein – aufgegeben, als sie Gattin wurde. Nun, nach dem Tod des Partners, lebt sie einsam in ihrer Villa, am Familiengrab lässt sie manchmal Champagnerkorken ploppen.

„Man folgt ihren Sätzen mit Vergnügen“, schrieb die Presse (SZ) über Kerstin Hensels bisher vorgelegten klugen und virtuos geschriebenen Beziehungs-Geschichten. Durchdringend, ein wenig spöttisch, entlarvend und doch immer liebevoll und empathisch schildert sie ihre Figuren. Zum Beispiel Lore: „Auf hohen Schuhen schreitet die Witwe den Hauptweg entlang. Kurz vor dem Grab ihres Mannes tänzelt sie, als müsse sie der Verwesung, die sich unter ihr vollzieht, etwas entgegensetzen. All das Schöne, Graziöse unterstreicht Frau Müller-Kilians Zuversicht, den eigenen Alterungsprozess abwenden zu können.... Ich bestimme, wann ich siebzig werde, lässt sie wissen.“

Karline Regenbein dagegen trägt Cordhosen, Pullover und Parka. Zitat: „Die kleine Frau Regenbein ist ausgestattet mit spitzbübischer Intelligenz, und sie hat sich mit ihrer körperlichen Geringfügigkeit arrangiert.... niemals würde sie mit Make-up, Rouge oder Lippenstift etwas Falsches an sich hervorkehren. Dabei ist Frau Regenbein Kennerin der Farben und hat sich als Malerin in der Stadt einen Namen gemacht.“
Karline war verheiratet mit dem Fotografen Rüdiger Habich, eine Ehe, die sie immer mehr eingeengt hat, der schwierige Alltag mit einem eitlen Mann, der sich ganz groß wähnt. Schließlich bestimmt er sogar, was Karline malen soll. „Eine Ausstellung von Porträts, die ihn, den Ehemann der Künstlerin, präsentieren. In sämtlichen Stilrichtungen der Malerei...“ Karline hört noch auf dem Friedhof – während sie an Habichs Grab sinniert, ob nun Kriechmispel, Dickmännchen oder Gänsekresse der passende Bodendecker sein könnte – seine drohende Stimme: „Ich weiß, wo du bist...“

Die dritte trauernde Witwe ist die Kunstprofessorin Ziva Schlott, inzwischen 80. Mit ihrem Mann Hartwig hat sie eine Ehe auf Augenhöhe geführt, eine intensive, erfüllte Beziehung. Sie vermisst ihn sehr. Eduard Wettengel, der Galerist, der seine Frau Odila verloren hat, war einmal ihr Student.

Nun begegnet man sich auf dem Friedhof – täglich mit großen Erwartungen. Das Quartett treibt die Sehnsucht. Die Trauernden wollen den Verlust mit Leben füllen. Im Mittelpunkt steht vordergründig der Mann Eduard. Er lebte mit Odila eine nicht alltägliche Beziehung – eine weitere Facette im ewigen, rätselhaften Liebesspiel: Auf Kerstin Hensel warten noch mehr Fragen, die literarisch verarbeitet und geklärt werden wollen.