16. Feb, 2021

Heinrich Steinfest: Der Chauffeur, Piper

Der Chauffeur heißt Paul Klee (nicht verwandt und nicht verschwägert, wie er immer wieder betonen muss) und
ohne Bezug zur Kunstszene. Seinen Eltern erschien der Vorname „Paul“ passend und harmonisch zum Nachnamen. Das wars. Paul Klee ist ein abgebrochener Jurastudent, Taxifahrer und dann aufgestiegen zum Chauffeur eines Industriellen, der seinen Wechsel in die Politik vorbereitet. Ein schwerer Auto-Unfall, bei dem drei Menschen sterben, verändert jäh Pauls Situation. Er hat zwar seinen Arbeitgeber gerettet, dafür aber einen kleinen Jungen geopfert. Eine Entscheidung, die er nie mehr vergessen wird.
Paul Klee wird entlassen aber üppig abgefunden. Eine neue Lebensgrundlage, um einen lang gehegten Traum umzusetzen: Paul will ein Haus kaufen und daraus ein Hotel, das „Hotel zur kleinen Nacht“ machen. In ruhiger, friedlicher, ländlicher Umgebung, fünf Gästezimmer, eine Riff-Bar mit Aquarium, edlem Whiskey und feinem Rum, und zum Frühstück werden raffinierte Eierspeisen serviert, wie es sie in keinem 5 Sterne-Haus gibt. Mit Hilfe der Maklerin Inoue findet Paul ein passendes Haus.

Im Anschluss wird es sehr turbulent in diesem Roman. Aber dafür liebt man ja den klugen, amüsanten Steinfest. Keiner schafft es wie er, das Buch-Geschehen mit überraschenden, oft irrwitzigen Wendungen und Windungen voran zu treiben. Sein literarisches Schaffen wurde vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Heimito-von-Doderer Literaturpreis und dem Bayrischen Buchpreis; zweimal war Steinfest für den Deutschen Buchpreis nominiert.
Für die weitere Handlung auf insgesamt 356 Seiten verknüpft und entwirrt Steinfest vier Erzähl-Fäden, die eine grandiose Mischung bergen – voller Magie, Phantasie aber auch bodenständiger Lebenswirklichkeit. Die Wirkung: wie ein Zaubertrank. Deshalb darf man auch nicht alles erzählen, nur ein paar „Zutaten“ zur Orientierung nennen. Wir haben es also mit dem exquisiten kleinen Hotel zu tun, außerdem mit einem elfjährigen Zwillingspärchen, das den „Zauberberg“ von Thomas Mann als Gute-Nacht-Geschichte vorgelesen bekommt und daraus seine prägende Entwicklung bezieht. Des weiteren mit einem Weltereignis, der Rückkehr einer Sputnik-Kapsel, die nach Jahrzehnten vom Himmel in einen Wiesenhang im Südwesten Deutschlands stürzt. Zudem agieren eine eiskalt mordenden 74jährige, eine Tänzerin, die den gefesselten Paul aus einem Keller rettet, eine Mathematikerin und Philosophin, mit der Paul so gerne glücklich geworden wäre, ein Kommissar im Ruhestand, der unbedingt einen ungelösten Fall abschließen will... und und und. Ein wahres Lese-Vergnügen!