5. Apr, 2018

Als Psychologin weiß sie, wie tief menschliche Verletzungen wurzeln und wie sie unser Verhalten prägen. Ayelet Gundar-Goshen hat bereits mit „Eine Nacht, Markowitz „ und „Löwen wecken“ in ihrem Erzählen die menschliche Seele bloß gelegt, nun gelingt ihr das wieder auf faszinierende Art mit ihrer neuen Hauptfigur: Nuphar, eine Schülerin im Abschlußjahr, die in den großen Ferien als Eisverkäuferin jobbt. Nuphar träumt davon, endlich etwas zu erleben, etwas, mit dem sie in der Schule glänzen kann. Sie will richtig dazu gehören, nicht länger die picklige-pummlige Außenseiterin in ihre Klasse sein. Sie leidet unter ihrer Bedeutungslosigkeit: „Bisher war ihr nie etwas zugestoßen. Kein Abenteuer. Keine Verwicklungen. Sie führte nun schon seit mehr als 17 Jahren eine harmlose Existenz auf dem Nebengleis.“
Das ändert sich, als der Sänger Avischai Milner die Eisdiele betritt. Nuphar korrigiert seine Grammatik, als er eine Bestellung aufgibt, daraufhin beginnt Milner, das Mädchen auf wüste Art zu beschimpfen. Nuphar ist gedemütigt, ihr wird bewusst, „dass dieser Mann ihr den Hals umgedreht und ihr Wesen getötet hatte.“ Sie lässt den Eisbecher fallen, stürzt hinaus in den Hinterhof und schreit … „In ihrem Schrei lag die Kränkung , die der Mann ihr zugefügt hatte. In ihrem Schrei lag die Kränkung, die sich selbst zugefügt hatte. In ihrem Schrei lag die Enttäuschung dieses Sommers und all der Sommer davor. Sie schrie und schrie und schrie und hörte nicht, dass die Martinshörner der alarmierten Polizeiwagen ihr antworteten...“
Und plötzlich ist eine Lüge in der Welt. Eine Lüge, die Nuphars Leben komplett verändert. Plötzlich passiert etwas mit ihr, sie steht im Scheinwerferlicht, blüht auf, entwickelt Schönheit und Selbstbewusstsein. Und mit Nuphars Veränderung wächst und gedeiht die Lüge. Auch in Nuphars Umfeld. Lavie, der Junge von oben aus dem vierten Stock über der Eisdiele, erschleicht sich mit einer Lüge Respekt und Zuwendung. Endlich nimmt sein Vater ihn wahr. Und die alte Raymonde gibt vor, Rivka zu sein und bekommt endlich die Aufmerksamkeit, die sie sich wünscht. „Manchmal erfindest du Dinge, nur um ein bisschen weniger allein zu sein...“, sagt sie zu Nuphar, als beide sich ihre Wahrheiten beichten. Was ist nun richtig? Wie kann es falsch sein, wenn manche Menschen erst durch eine Lüge schön und glücklich werden? Wo sind die Grenzen und wann muss man einfach die Wahrheit sagen? Ayelet Gundar-Goshen lotet die Untiefen auf, benennt die gefährlichen Strudel, die in die Abwärtsspirale ziehen und setzt den Schlussstrich: Wenn Liebe wachsen und gedeihen soll, muss die Lüge weichen...

19. Mrz, 2018

Endlich! Gwendolin ist 84, Witwe und Alleinerbin der Villa „Pirasol“, die ihr Ehemann Willem, ein despotischer, kaltherziger Papierfabrikant hinterlassen hat. Gwendolin, scheu, zurückhaltend, in ihrem bisherigen Leben mehr neben als in der Spur, hat sich nie gewehrt, nie gekämpft. Selbst nicht, als der gemeinsame Sohn vom Vater misshandelt und aus dem Haus getrieben wurde. Jahrzehnte später erst hat sie die Kraft, sich zu widersetzen, aktiv zu werden, die Schuld zu überwinden, die sie immer gespürt und die sie am Leben gehindert hat. Ihr Befreiungschlag: Sie fordert die 15 Jahre jüngere, dominante Thea auf „Pirasol“ zu verlassen. Thea hat sich mit Kuchengeschenken und „klar glasierter Freundlichkeit“ als Gwendolins Mitbewohnerin in „Pirasol“ eingeschlichen und immer mehr Gwendolins Leben bestimmt. „Theas Bemerkungen breiteten sich schon nach wenigen Tagen in der Villa aus, Feststellungen, Beschwerden und gute Ratschläge, alle mit eingecremten Lächeln vorgetragen.“
Es hat gedauert, bis Gwendolin endlich diesen Mut aufgebracht hat und zu ihrer Entscheidung steht. Bis „Thea eine welke Grünpflanze zum Transporter trägt, ohne Blick und gellenden Zorn...“ In den berührenden Kapiteln des Rückererinnerns, den Blick auf Gwendolins Leben erfährt man, warum sie so wurde, wie sie ist. Susan Kreller schildert Gwendolins Geschichte knapp, eindringlich, in Bildern die haften bleiben.
Gwendolins Kindheit in Berlin während des Nationalsozialismus. Ohne Hoffnung ist sie, als die Mutter nach einer Bombennacht nicht mehr zurück kommt. Ein wenig Hoffnung hat sie noch, wenn sie des Vaters Briefe aus dem KZ Sachsenhausen liest. Doch sie ist unendlich verzweifelt, verwirrt, ohne Orientierung. „Wenn die Stille in der Wohnung zu groß wurde, setzte sie sich ans schwarze Klavier und spielte all den Schumann, den die Mutter ihr beigebracht hatte. Gwendolin war 14 jetzt und lebte von harten Brotkanten und verdorbenem Ersatzkuchen aus Rüben und Kartoffeln“.
Der Vater kommt zurück „ eine Ansammlung von Knochen, ein schorfiges Gesicht aus Bart und Augenhöhlen“. Als er stirbt und der Leichenwagen ihn abholt, lässt Gwendolin auch das schwarze Klavier holen. „In diesem Moment setzte das Fühlen wieder ein. In diesem Moment setzte die Traurigkeit wieder ein. Sie würde nie mehr aufhören...“.
Erst Jahrzehnte später wird diese Traurigkeit von einem Hauch Zuversicht überlagert werden. Ein tröstliches Ende.
Für einen Auszug aus dem Manuskript „Pirasol“ bekam Susan Kreller bereits 2014 den GWK-Förderpreis Literatur (GWK= Gesellschaft zur Förderung der Westfälischen Kulturarbeit). In der Begründung der Jury heißt es „In kluger, spannender Szenenführung, in ganz eigen-sinniger Sprache entsteht eine einzigartige Romanwelt, die den Leser wie magisch in sich hineinzieht...“.

5. Dez, 2017

„Sie lag ausgestreckt auf dem Bett, nackt, von einem Paar sehr billiger Ohrringe, ihrem einzigen Paar abgesehen. Sie hatte nicht das Laken über sich gezogen. Sie hatte sogar die Hände hinter dem Kopf verschränkt, um ihn besser ansehen zu können. Und er konnte sie ansehen...“ Ein Märzsonntag, 1924. Paul, der Familienerbe und Jane, das Dienstmädchen des nachbarlichen Anwesens, haben schon länger ein Verhältnis, an diesem Sonntag wird sich alles ändern. Nie mehr wird es einen solchen Tag für sie beide geben. Nicht nur, weil Paul in ein paar Wochen standesgemäß Miss Hobday heiraten wird.

Für Jane beginnt eine neue Zeit, sie hat das Glück gehabt, die Bücher aus der Bibliothek von Beechwood lesen zu dürfen. Längst ist ihr Vokabular nicht mehr das eines Dienstmädchens. Später, als es ihr Beruf wird, sich mit Wörtern auseinanderzusetzen, später, als sie immer wieder danach gefragt wird, wie es denn angefangen hat mit ihrer Leidenschaft für die Schriftstellerei, antwortet Jane Fairschild: „Ich bin Waise, ich kenne weder Vater noch Mutter noch meinen richtigen Namen. Und das – ein leeres Blatt zu sein – erscheint mir die beste Voraussetzung für einen Schriftsteller – besonders für einen Geschichtenerzähler...“ Eine wunderbare Entfaltung und Entwicklung. Jane Fairchild wird über 90 und schreibt 19 Romane: „Es ging darum, dem, was das Leben ausmachte, treu zu sein.“ „Ein Festtag“ oder „Mothering Sunday, in 17 Sprachen übersetzt, gilt als herausragendes Werk des englischen Schriftstellers Graham Swift, es sind 142 mitreißende, schillernde Seiten über eine sehr besondere Frau. 

14. Nov, 2017

Rebecca West (1892-1983), Autorin, Journalistin, Literaturkritikerin, Frauenrechtlerin – nun (endlich nach fast 100 Jahren!) liegt ihr Debütroman von1918 erstmals auf Deutsch vor: ein literarisches Kleinod.
Es ist der wahrscheinlich einzige zeitgenössische Roman einer Frau, der die Schrecken des Ersten Weltkrieges beschreibt, das Leid, den der Krieg den an Leib und Seele verletzten Soldaten und den Angehörigen Zuhause bereitet. Drei Frauen sorgen sich um Chris, der verwundet während des 1. Weltkrieges von der Front in Frankreich auf sein englisches Landgut zurückkehrt. Er leidet unter einem Granatenschock, einem schrecklichen Trauma, das ihn glauben lässt, wieder 20 Jahre alt zu sein. Damals liebte er Margaret, und nur ein Missverständnis zwischen den beiden hat ihr späteres Zusammensein verhindert.

Inzwischen – 15 Jahre später– ist Chris mit Kitty verheiratet, und Cousine Jenny lebt bei ihnen auf dem großzügigen, luxuriösen Landsitz. Sie war schon ihr ganzes Leben lang in ihren Cousin verliebt. Jenny ist es auch, die als Erzählerin fungiert: sie beobachtet und beschreibt, was geschieht, was sie denkt und empfindet.

Die Nachricht von Chris Verletzung kommt nicht etwa aus dem Kriegsministerium, sondern wird von einer fremden, ärmlich gekleideten Frau überbracht: Margaret. Chris hat im Lazarett Margarets Adresse angegeben. Ehefrau Kitty und Cousine Jenny reagieren gekränkt und gedemütigt. Und doch, als Chris zu Hause ist, Kitty nicht als seine Ehefrau akzeptiert und nach Margaret verlangt, bitten die beiden Frauen Margaret, sich um Chris zu kümmern. Der blüht wieder auf, wähnt sich noch in der romantischen Vergangenheit. Wunderbar, wie Rebecca West die gefühlskalte, unverständige Kittyy charakterisiert und ihr Verhalten schildert und die immer mehr verstehende, scharf beobachtende und hinhörende Jenny langsam an Margarets Seite rückt... „Die Verständnislosigkeit in Chris Augen ließ uns unmissverständlich wissen, wo wir standen. Er sah Kitty gar nicht oder nur als dekoratives Element in seinem Haus, und ich war die nicht beachtenswerte Spielkameradin...“

Doch wie lange soll diese Situation anhalten? Irgendwann muss Chris doch wieder in die Realität zurückfinden. Er schafft es, wieder mit Margarets Hilfe.

160 Seiten - berührend, bewegend, mit psychologischer Feinfühligkeit und dramaturgischer Raffinesse.

4. Nov, 2017

Der klitzekleine Elefant ist rosarot und leuchtet in der Dunkelheit.
Geboren wurde er im Zirkus Pellegrini unter der Obhut des burmesischen Elefantenpflegers Kaung. Sabu heißt er, dieses kleine Geschöpf, dieses kleine Wunder, das aus einem wissenschaftlichen Experiment des Genforschers Roux entstanden ist. Ein skrupelloser Mensch, dieser Roux, der aus seiner Genmanipulation eine Weltsensation und ein Riesengeschäft machen will. Kaung will dieses Elefäntchen, das wie ein rosarotes Glühwürmchen leuchtet, beschützen. Er hat sich mit dem Tierarzt verbündet, gemeinsam retten sie den Winzling. Dann kommen noch zwei gute Menschen ins Spiel: Valerie, ebenfalls Tierärztin und Schoch, ein akademisch gebildeter Obdachloser. Das Sicherheitsnetz für Sabu ist geknüpft, und gut, dass Valerie ein großes Haus geerbt hat, in dem man sich fürs erste prima verstecken kann, hier lernt Sabu laufen und wird mit Apfelschnitzen und Kokosöl gefüttert. Ein happy End gibt es allerdings erst, als Sabu, getarnt als Zwergpudel, mit seinen Beschützern nach Burma aufbricht...
Klingt alles erst mal ziemlich konstruiert und verquer, doch Martin Suter hatte immer schon ein Gespür für große Zukunftsthemen, die bewegen. Hier ist es Genmanipulation, und der Spannungsbogen ist perfekt gehalten, der Wechsel zwischen den Welten – von der Obdachlosenszene bis zum chinesischen Gentechnik-Konzern – besonders reizvoll, und das kleine rosa Wunder lässt einen so schnell nicht los.