21. Aug, 2017

Otto Kadoke ist Psychiater in einem Krisenzentrum in Amsterdam, er hilft tagtäglich selbstmordgefährdeten Menschen – und nun muss er auch tagtäglich seiner alten gebrechlichen Mutter helfen, die in seinem Elternhaus allein nicht mehr klar kommt. Die Mutter hat etliche Konzentrationslager überlebt und beschimpft ihren Sohn ständig, um ihn härter zu machen. Der Sohn bewertet das als Mutters eigene Art von Zuneigung. Denn Otto, der noch nie erfahren hat, was Liebe eigentlich bedeuten kann, ordnet auch Abhängigkeit und Unterwerfung der Liebe zu. Am Anfang steht Otto Kadoke, im verdorrten Garten am Haus seiner Mutter und denkt:
"Jahrelang wurde hier alles mit Liebe gepflegt, jedenfalls mit einer Ausdauer und einem Verantwortungsbewusstsein, die von Liebe nicht zu unterscheiden sind. Beharrlichkeit ist auch Liebe - die Weigerung aufzugeben, der entschiedene Unwille zu verlieren, zu sterben: alles miteinander sind Formen der Liebe. Man sollte die Liebe nicht so verengen und sagen, nur die ganz große romantische Liebe verdient das Wort Liebe. Nein, es gibt auch andere Formen der Liebe, die genauso gültig sind und die genauso wichtig sind. Jeder Grund, um im Leben zu bleiben, ist ein guter Grund. Das kann auch Liebe zum Garten sein. Das brauchen wir gar nicht so lächerlich und traurig zu finden."
Arnon Grünberg, vielfach ausgezeichneter Autor von Romanen, Gedichten, Kolumnen und Reportagen, ist einer der bekanntesten niederländischen Autoren. Er hat von jeher ein Faible für Figuren, die unfähig sind, das eigene Leben voll zu ergreifen. Auch Otto weiß außerhalb seiner Arbeit nichts mit dem Leben anzufangen. So macht er sich unentbehrlich für Andere, damit er weiß, was er im Leben soll. Und so zieht er, nachdem er die nepalesische Pflegekraft Rosa durch eine Liebesattacke vertrieben hat, wieder zuhause ein - in sein ehemaliges Kinderzimmer mit Klappbett. Die Mutter unterdessen setzt ihre erzieherische Arbeit von früher fort. Das heißt : Sie beschimpft ihren Sohn, er sei nicht überlebensfähig, ein Muttersöhnchen, habe kein Rückgrat, lasse sich alles bieten Es werde sich niemand finden, der ihn lieben wolle, wenn sie, die Mutter, einmal tot sein werde.
Doch es findet sich jemand: Michette, eine junge Frau, seine Patientin. Kadoke hat sie ins Haus genommen, zu einer „alternativen Therapie“ überredet. Nun pflegt sie die Mutter und streichelt über Kadokes Muttermale auf dem Rücken. Gibt es eine Chance für Kadoke?
Ich habe dazu auch das gleichzeitig erschienene Buch der kürzlich verstorbenen Mutter von Arnon Grünberg gelesen: Hannelore Grünberg-Klein hat ein Erinnerungsbuch mit dem Titel "Ich denke oft an den Krieg, denn früher hatte ich keine Zeit dazu" geschrieben. In der Art einer Chronik, die nur Fakten sprechen lässt, beschreibt die gebürtige Berlinerin ihre Odyssee von der gescheiterten Flucht vor den Nazis auf dem Dampfer St. Louis, der nicht nur im Hafen von Havanna, abgewiesen wurde, sowie ihre Zeit in mehreren Konzentrationslagern . Sie hat als eine der Wenigen in ihrer Familie den Holocaust überlebt. Erst im Alter hat sie ihre Geschichte für die inzwischen erwachsenen Kinder aufgeschrieben – sich nur an die Fakten gehalten, sich keine Spur von Sentimentalität gestattet. Natürlich spielt das Trauma der Mutter auch im Leben des Sohnes eine große Rolle.
Grünbergs Protagonist sieht das so: Die Treue zum Trauma der Eltern ist für ihn auch eine Form der Liebe. Allerdings kennt er die Folgen: Angst vor Nähe, Einsamkeit, mindestens eine Schachtel Zigaretten am Tag. Als eine Patientin ihn fragt, wie er es denn mit seinen Gefühlen halte, antwortet Kadoke, er erlaube sich kaum welche, habe gelernt, sie zu ignorieren, und dabei wolle er es belassen.
Eine eher unfreiwillige Recherche für dieses Buch ergab sich für Grünbergauch aus der Notwendigkeit, die gebrechliche geliebte Mutter zu versorgen, für die er eine Zeit lang aus New York zurück in sein Elternhaus in Amsterdam zog. "Muttermale" enthält also auch  Elemente der Reportage und der Autobiografie.  Und   viele  Fragen über die Formen der Liebe bleiben unbeantwortet, der Leser hat eine Menge zum Nachdenken in diesem nicht einfachen aber sehr besonderen Buch.

3. Apr, 2016

„Polacken" schimpft Ida Eckhoff, Bäuerin im Alten Land, als 1945 Flüchtlinge aus Ostpreußen auf ihrem Hof stehen. Die kleine Vera muss mit ihrer Mutter in die kalte Knechte-Kammer. Ihr Leben lang fühlt Vera sich fremd in diesem großen, abweisenden Bauernhaus und kann trotzdem nicht davon lassen. 60 Jahre später zieht ihre Nichte zu ihr auf den Hof. Beide – Vera, die eigenwillige Zahnärztin, und Anne, die verkrachte Musikerin – leiden am Leben. Fühlen sich nirgends zugehörig, kämpfen mit der Vergangenheit. Erst als sie beginnen, das Haus zu renovieren, geraten die Dinge in Bewegung... Ein vielschichtiger, einfühlsamer und bewegender Roman. Das alte Bauernhaus im Alten Land wird zur Heimat von Geflüchteten, wir erleben eine packende Nachkriegsgeschichte und die Geschichte unangepasster Frauen, eine Geschichte, die langsam in Bewegung gerät, nachdem die Frauen beginnen, miteinander über dass Geschehene zu reden und dabei das alte Haus renovieren.
Es braucht wohl Jahrzehnte, um die Vergangenheit zuzulassen und posttraumatische Störungen zu offenbaren. Die ZEIT beschrieb das so: Gemeinsam entwickeln die Frauen eine neue Kraft, die sie weiterträgt. Darin liegt die besondere Kunst der Autorin, sie schildert lädierte Seelen, die sich gegenseitig auf ihre Art helfen und ein Stück weit heilen.

2. Apr, 2016

Ein außergewöhnliches und aufregendes Buch – in der Form ein erzählendes Sachbuch. Die Autorin Helen McDonald beschreibt ihre Leidenschaft so:
„Der Habicht war all das, was ich sein wollte: ein Einzelgänger, selbstbeherrscht, frei von Trauer und taub gegenüber den Verletzungen des Lebens.“
Helen Macdonald beschloss schon als Kind Falknerin zu werden. Sie lernte Fachbegriffe und las die Klassiker der Falknerei-Literatur. Mit zwölf Jahren bekam sie ihren ersten Falken. Ihr Vater unterstützte sie in dieser ungewöhnlichen Leidenschaft, er lehrte sie Geduld und Selbstvertrauen. Als ihr Vater 2007 starb, beschloss MacDonald, ihren eigenen Habicht abzurichten – ihre ganz persönliche Form der Trauerbewältigung. Ihre Erlebnisse beim Abrichten des Vogels erzählt sie in ihrem Buch und zieht die Bilanz:
"Der Habicht hat mich verändert und mich in gewisser Weise mit dem Tod versöhnt".
Und der Leser staunt, wie faszinierend das Thema Habicht sein kann. Die Leidenschaft der Autorin ist tatsächlich ansteckend.
"Mein Habicht Mabel sieht Farben, die ich nicht wahrnehmen kann, bis ins ultraviolette Spektrum hinein. Sie kann auch Thermik sehen, warme Luft, die aufsteigt, Strudel bildet und in Wolken verschwindet“.
Die Kritik befand, hier ein Zitat aus dem Guardian:
"'H wie Habicht' ist eines der wunderbarsten Bücher der letzten Jahre - begeisternd geschrieben, spannend und informativ - was für ein Lesevergnügen!"

Macdonald arbeitet an der Universität von Cambridge im Bereich Geschichte und Philosophie. Sie ist Autorin und auch Lyrikerin und Illustratorin.

2. Apr, 2016

Im Frühling sterben ist die Geschichte von Walter und Friedrich – »Fiete« – , zwei siebzehnjährigen Melkern aus Norddeutschland, die im Februar 1945 zwangsrekrutiert werden. Während man den einen als Fahrer in der Versorgungseinheit der Waffen-SS einsetzt, muss der andere,Fiete, an die Front. Er desertiert, wird gefasst und zum Tod verurteilt, und Walter, der bei dem Sturmbannführer für Fiete um Gnade bittet, wird stattdessen von diesem Zyniker in das Erschießungskommando befohlen und steht nun mit dem Karabiner im Anschlag vor seinem besten Freund ... Walter wird sein ganzes Leben nicht über dieses grausame Erlebnis hinwegkommen. Wie soll er der Verlobten von Fiete, noch in die Augen schauen? Im Frieden wird er nicht mehr heimisch. Noch auf dem Sterbebett stöhnt er: »Die kommen doch immer näher, Mensch! Wenn ich bloß einen Ort für uns wüsste ...«
»Selten wurden Barbarei und Grausamkeit des Krieges so radikal und bezwingend dargestellt wie in diesem Roman. Selten nutzte die Literatur ihre Mittel auf so meisterliche Weise, um die moralisch-psychische Verelendung von Soldaten zu durchdringen. Atemberaubend ist hier nicht nur Ralf Rothmanns poetische Brillanz, sondern auch die humane Empathie, die er für Walters Tragödie aufbringt …« befand Ursula März, Deutschlandradio Kultur

2. Apr, 2016

Ein sehr anrührendes Buch, unterhaltend, aber mit Tief-und Hintersinn über zwei Außenseiter in Paris. Es gibt sogar ein angedeutetes happy end.
Guylain liebt Bücher über alles, mehr noch als seinen Goldfisch, mit dem er sein kleines Apartment teilt. Es ist für ihn ein tägliches Grauen, dass er gezwungen ist, sich seinen Lebensunterhalt in einer Papierverwertungsfabrik zu verdienen. Sein größter Feind ist die Zerstör 500, eine monströse Schreddermaschine, die unter gewaltigen Getöse Lastwagenladungen von Büchern und Zeitungspapier zermalmt. Täglich „rettet“ Guylain einige Seiten – und die liest er jeden Morgen, wenn er mit dem 6-27-Regionalzug zur Arbeit fährt, den mitfahrenden Passagieren vor. 4 bis 5 einzelne Blätter, völlig unzusammenhängend, mal ist es ein Rezept, mal eine Liebesbotschaft. Die mitfahrenden Passagiere sind begeistert und scharen sich um seinen orangefarbenen Klappsitz.
Eines Tages findet Guylain dort einen roten USB-Stick. Zuhause druckt er ein Tagebuch aus, das eine Frau geschrieben hat, die Julie heißt und als Toilettenfrau in einem Einkaufszentrum irgendwo in Paris arbeitet. Er ist fasziniert, von dem, was Julie beschreibt, es sind ihre täglichen Erlebnisse in der Toilettenanlage, die sie heimlich vor Ort in ihr laptop tippt. Und von da an liest Guylan täglich im Zug aus Julies Tagebuch. Nun applaudieren die Fahrgäste sogar, und Guylain fühlt sich jeden Tag ein bisschen mehr zu Julie hingezogen. Sie ist ihm seeelenverwandt, und er beschließt, sie zu suchen...
Der Autor, Jahrgang 1962, lebt im Elsass, hat bisher Kurzgeschichten geschrieben, die preisgekrönt wurden. Sein Debütroman ist spontan angenommen worden, wurde innerhalb von vier Wochen in 26 Länder verkauft und einer der großen französichen Kinoproduzenten hat sich die Filmrechte gesichert.