Schau auf das Blau des Himmels

4. Okt, 2019

 

 

 

 

 

 

Vermintes Gelände

von Doris Runge

 

selbst der essplatz

in der küche

ist nicht

krisensicher

jedes wort

jedes lächeln

zündschnur

der kaffee ist

schwarz und bitter

sie köpft

das ei

 

Aus dem neuen Kalender für 2020. Der 36. Jahrgang des C. H. Beck Gedichtekalenders (Herausgeber: Dirk von Petersdorff; Pinsel-Vignetten von Chris Campe) enthält 24 Gedichte aus der deutschen Literatur vom 16. Jahrhundert bis heute. Kriterien für die Auswahl sind das literarische Niveau, und es muss eine Wirkung von dem Gedicht ausgehen. "Ein Gedicht mag zur hohen Literatur gehören oder zur Kleinkunst, zum Kabarett; es mag klassisch oder modern sein, bürgerlich comme-il-faut oder alternativ, ernst oder spielerisch, fromm oder unfromm, jedem Kind zugänglich oder einiger Geduld bedürftig – egal: es muss ein gutes Gedicht sein..." Und so versammeln sich hier Jandl, Rilke, Heine, Morgernstern, Keun, Maleko, Wondratschek, Lasker-Schüler, Kunze, Busch. Der schön aufbereitete poetische Jahresbegleiter soll der inneren Stärkung dienen.

 

4. Okt, 2019
21. Apr, 2019

 

 „Das Gedicht besitzt den letzten einzigartigen Zugriff auf die Welt, in dem der Zugreifende als Subjekt agiert und durch abgewandelte Sprache animierend in die sich verflüchtigende Welt eingreift“, heißt es in einem jüngst erschienenen Text Falkners. So komme Dichtung im besten Falle noch immer die Aufgabe zu, der Sprache das Sprechen beizubringen. Wie das funktioniert, zeigt der Lyriker und Meister der Zuspitzung nachhaltig mit dem Zyklus Schorfheide. Er führt den Leser unter freien Himmel in die urwüchsige Natur vor den Toren Berlins, um Hören und Sehen, das Betrachten, Beachten und Verknüpfen zu reaktivieren. Mit scharfem Blick und Verstand setzt er Zeichen gegen ein „vernützlichtes Denken“ und das „Komplexitätsverbot“ der Kunst. 

 

 

                 

Mir geht es ähnlich wie den Worten

sie liegen offen wie Steine, es wächst

einfach kein Gras drüber, sie überstehen

ihr Schweigen mit unmenschlicher Härte

Das Gras hebt sie wie Schulterpolster

wenn im Morgentau es quillt

doch drückt das Totgeschwiegene

von oben

sie in den dunklen Daseinsgrund

zurück

 

Ich habe morgens überhaupt keine Chance mehr

meine Socken wiederzufinden

so existenziell ist alles geworden

so bodenlos vieldeutig

so schwärmerisch vertieft

 

 

 

5. Feb, 2019

Von Annette von Droste-Hülshoff

 

An jenes Waldes Enden,

Wo still der Weiher liegt

Und längs den Fichtenwänden

Sich lind Gemurmel wiegt; 

 

Wo in der Sonnenhelle,

So matt und kalt sie ist,

Doch immerfort die Welle

Das Ufer flimmernd küsst:

 

Da weiß ich, schön zum Malen,

Noch eine schmale Schlucht,

Wo all die kleinen Strahlen

Sich fangen in der Bucht;

 

Ein trocken windstill Eckchen

Und so an Grüne reich,

Dass auf dem ganzen Fleckchen

Mich kränkt kein dürrer Zweig.

 

Will ich den Mantel dichte

Nun legen übers Moos,

Mich lehnen an die Fichte

Und dann auf meinen Schoß

 

Gezweig und Kräuter breiten,

So gut ich's finden mag: 

Wer will mir's übel deuten,

Spiel ich den Sommertag?

 

Will nicht die Grille hallen, 

So säuselt doch das Ried; 

Sind stumm die Nachtigallen, 

So sing' ich selbst ein Lied.

 

Und hat Natur zum Feste

Nur wenig dargebracht:

Die Lust ist stets die beste,

Die man sich selber macht.

 Aus: Die schönsten Gedichte, Insel Klassik

 

 

 

31. Okt, 2018

von Matthias Politycki

  Manchmal ist es

an einem Sonntag nachmittag

so still, dass der Tag

einen Riss bekommt. Dann

hebst du den Kopf

aus deinen Papieren und

kannst es mit einem Mal hören:

das Rauschen der Zeit

hinter dem Licht

und den Dingen. Doch

wie du den Kopf

leicht schräg legst

und die Hand hinters Ohr,

da schliesst sich der Riss

schon wieder.

  Aus:

Sämliche Gedichte

2017- 1987

Hoffmann und Campe