Lächelnd öffnet sich das Wunder...

25. Dez, 2021

Noch einmal ein Weihnachtsfest,
Immer kleiner wird der Rest,
Aber nehm ich so die Summe,
Alles Grade, alles Krumme,
Alles Falsche, alles Rechte,
Alles Gute, alles Schlechte -
Rechnet sich aus all dem Braus
Doch ein richtig Leben heraus.
Und dies können ist das Beste
Wohl bei diesem Weihnachtsfeste.

 

27. Mrz, 2021

Graue Tage, wo die Sonne

sich wie eine blasse Nonne

hat gebärdet sind nun hin. 

 

Blauer Tag steht blau da oben,

eine Welt ist frei erhoben,

Sonn‘ und Sterne blitzen drin.

 

Alles das begab sich stille,

ohne Lärm, als großer Wille,

der nicht Federlesens macht.

 

Lächelnd öffnet sich das Wunder,

nicht Raketen und nicht Zunder

braucht’s dazu, nur klare Nacht.

Aus: Kleine Dichtungen, suhrkamp bibliothek, Erstveröffentlichung 1914, Kurt Wolff Verlag 

 
 
3. Mai, 2020

 

Eine Einladung,

der ich viel zu selten

gefolgt bin.

 

Auch das ist ein Versäumnis,

das schwerwiegt.

 

Ausgestreckt unter freiem Himmel,

den Augenblick

mit dem ganzern Körper berührend.

 

Und zufrieden

mit nichts

als einem Halm im Mund.

Rainer Malkowski (1939-2003),

aus „Die Gedichte“, Wallstein Verlag

2. Feb, 2020

Ein Fichtenbaum steht einsam

Im Norden auf kahler Höh'.

Ihn schläfert; mit weißer Decke

Umhüllen ihn Eis und Schnee.

 

Er träumt von einer Palme,

Die, fern im Morgenland,

Einsam und schweigend trauert

Auf brennernder Felsenwand. 

(Februar-Gedicht aus dem Gedichtekalender 2020 von C.H. Beck)

4. Okt, 2019

 

 

 

 

 

 

Vermintes Gelände

von Doris Runge

 

selbst der essplatz

in der küche

ist nicht

krisensicher

jedes wort

jedes lächeln

zündschnur

der kaffee ist

schwarz und bitter

sie köpft

das ei

 

Aus dem neuen Kalender für 2020. Der 36. Jahrgang des C. H. Beck Gedichtekalenders (Herausgeber: Dirk von Petersdorff; Pinsel-Vignetten von Chris Campe) enthält 24 Gedichte aus der deutschen Literatur vom 16. Jahrhundert bis heute. Kriterien für die Auswahl sind das literarische Niveau, und es muss eine Wirkung von dem Gedicht ausgehen. "Ein Gedicht mag zur hohen Literatur gehören oder zur Kleinkunst, zum Kabarett; es mag klassisch oder modern sein, bürgerlich comme-il-faut oder alternativ, ernst oder spielerisch, fromm oder unfromm, jedem Kind zugänglich oder einiger Geduld bedürftig – egal: es muss ein gutes Gedicht sein..." Und so versammeln sich hier Jandl, Rilke, Heine, Morgernstern, Keun, Maleko, Wondratschek, Lasker-Schüler, Kunze, Busch. Der schön aufbereitete poetische Jahresbegleiter soll der inneren Stärkung dienen.