Schau auf das Blau des Himmels

21. Apr, 2019

 

 „Das Gedicht besitzt den letzten einzigartigen Zugriff auf die Welt, in dem der Zugreifende als Subjekt agiert und durch abgewandelte Sprache animierend in die sich verflüchtigende Welt eingreift“, heißt es in einem jüngst erschienenen Text Falkners. So komme Dichtung im besten Falle noch immer die Aufgabe zu, der Sprache das Sprechen beizubringen. Wie das funktioniert, zeigt der Lyriker und Meister der Zuspitzung nachhaltig mit dem Zyklus Schorfheide. Er führt den Leser unter freien Himmel in die urwüchsige Natur vor den Toren Berlins, um Hören und Sehen, das Betrachten, Beachten und Verknüpfen zu reaktivieren. Mit scharfem Blick und Verstand setzt er Zeichen gegen ein „vernützlichtes Denken“ und das „Komplexitätsverbot“ der Kunst. 

 

 

                 

Mir geht es ähnlich wie den Worten

sie liegen offen wie Steine, es wächst

einfach kein Gras drüber, sie überstehen

ihr Schweigen mit unmenschlicher Härte

Das Gras hebt sie wie Schulterpolster

wenn im Morgentau es quillt

doch drückt das Totgeschwiegene

von oben

sie in den dunklen Daseinsgrund

zurück

 

Ich habe morgens überhaupt keine Chance mehr

meine Socken wiederzufinden

so existenziell ist alles geworden

so bodenlos vieldeutig

so schwärmerisch vertieft

 

 

 

5. Feb, 2019

Von Annette von Droste-Hülshoff

 

An jenes Waldes Enden,

Wo still der Weiher liegt

Und längs den Fichtenwänden

Sich lind Gemurmel wiegt; 

 

Wo in der Sonnenhelle,

So matt und kalt sie ist,

Doch immerfort die Welle

Das Ufer flimmernd küsst:

 

Da weiß ich, schön zum Malen,

Noch eine schmale Schlucht,

Wo all die kleinen Strahlen

Sich fangen in der Bucht;

 

Ein trocken windstill Eckchen

Und so an Grüne reich,

Dass auf dem ganzen Fleckchen

Mich kränkt kein dürrer Zweig.

 

Will ich den Mantel dichte

Nun legen übers Moos,

Mich lehnen an die Fichte

Und dann auf meinen Schoß

 

Gezweig und Kräuter breiten,

So gut ich's finden mag: 

Wer will mir's übel deuten,

Spiel ich den Sommertag?

 

Will nicht die Grille hallen, 

So säuselt doch das Ried; 

Sind stumm die Nachtigallen, 

So sing' ich selbst ein Lied.

 

Und hat Natur zum Feste

Nur wenig dargebracht:

Die Lust ist stets die beste,

Die man sich selber macht.

 Aus: Die schönsten Gedichte, Insel Klassik

 

 

 

31. Okt, 2018

von Matthias Politycki

  Manchmal ist es

an einem Sonntag nachmittag

so still, dass der Tag

einen Riss bekommt. Dann

hebst du den Kopf

aus deinen Papieren und

kannst es mit einem Mal hören:

das Rauschen der Zeit

hinter dem Licht

und den Dingen. Doch

wie du den Kopf

leicht schräg legst

und die Hand hinters Ohr,

da schliesst sich der Riss

schon wieder.

  Aus:

Sämliche Gedichte

2017- 1987

Hoffmann und Campe

29. Mai, 2018

glücklich

die ihr betrunken sein könnt

vom blau des himmels!

 

möge

der rauschtrank

nie mangeln

und süffig ein leuchtvorrat

auch unter finstergewölk

aus schuh und angel

euch heben

 

trinkt blau

trinkt nicht kummer!

 

Aus: blaue gedichte, reclam

16. Nov, 2017

maulfaul hocken die häuser

in zugeknöpften kapuzen

vor ihrem eignen schatten, 

der violett zu abend geht.

auf unwirtlichen Flächen

wildert der frost,

schlägt sich ins holz, ins fleisch.

eingeschworen auf der weißnäher gleißendes weiß,

tagt der notorische krähenkongreß.

ein schneepflug kursiert,

sachlich schiebt er beiseite

des winters sentimentale schönfärberein.

Wulf Kirsten (aus: Der erste Frost kommt unverlangt, Aufbau)