21. Apr, 2019

Gerhard Falkner: Gedichte en plein air, Berlin

 

 „Das Gedicht besitzt den letzten einzigartigen Zugriff auf die Welt, in dem der Zugreifende als Subjekt agiert und durch abgewandelte Sprache animierend in die sich verflüchtigende Welt eingreift“, heißt es in einem jüngst erschienenen Text Falkners. So komme Dichtung im besten Falle noch immer die Aufgabe zu, der Sprache das Sprechen beizubringen. Wie das funktioniert, zeigt der Lyriker und Meister der Zuspitzung nachhaltig mit dem Zyklus Schorfheide. Er führt den Leser unter freien Himmel in die urwüchsige Natur vor den Toren Berlins, um Hören und Sehen, das Betrachten, Beachten und Verknüpfen zu reaktivieren. Mit scharfem Blick und Verstand setzt er Zeichen gegen ein „vernützlichtes Denken“ und das „Komplexitätsverbot“ der Kunst. 

 

 

                 

Mir geht es ähnlich wie den Worten

sie liegen offen wie Steine, es wächst

einfach kein Gras drüber, sie überstehen

ihr Schweigen mit unmenschlicher Härte

Das Gras hebt sie wie Schulterpolster

wenn im Morgentau es quillt

doch drückt das Totgeschwiegene

von oben

sie in den dunklen Daseinsgrund

zurück

 

Ich habe morgens überhaupt keine Chance mehr

meine Socken wiederzufinden

so existenziell ist alles geworden

so bodenlos vieldeutig

so schwärmerisch vertieft